Meine WOL Lernreise

Ein Blogbeitrag von Gitta Windt

Kürzlich habe ich im Rahmen des Zertifikatsprogramms #DigitaleBildung an der Universität Göttingen An einem Working Out Loud Circle teilgenommen. Hier schildere ich einerseits meine Erfahrungen mit der Methode des „die-eigene-Arbeit-sichtbar-machens“, als auch meine persönlichen Einsichten, die ich während dessen gewonnen habe.

Ich heiße Gitta Windt und bin Lehramtsstudentin an der Uni Göttingen für die Fächer Geschichte und Latein. Ich liebe es (bei meiner Fächerauswahl ahnt man es schon), mich in der Bibliothek einzugraben – und den Austausch mit anderen Studenten fand ich abseits geselliger Runden, die nichts mit Uni zu tun hatten, immer sehr anstrengend. TEAM-Arbeit bedeutete für mich immer „Toll, ein anderer macht‘s. Und dieser „andere“ war dann meistens ich. So habe ich immer viel an mich gerissen, mich mit Arbeit eigentlich dauernd überladen und war schnell überfordert, wenn auch nur noch eine Kleinigkeit obendrauf kam. Bezüglich sozialer Medien war ich immer schon sehr skeptisch. Ich dachte immer, sie seien nur etwas für Narzissten und Selbstdarsteller und fürchtete sie als Datenräuber. Das tue ich auch jetzt noch. Insofern war es für mich ein großer Schritt, diese Lernreise zu wagen und soziale Netzwerke, besonders Twitter, als Arbeitswerkzeug zu sehen und als hilfreiches Austauschmedium, von dem man viel bekommt, ohne viel geben zu müssen.

Was ist Working Out Loud eigentlich?

Working Out Loud, kurz WOL (in Social Media auch unter verschiedenen Hashtags zu finden, etwa #WOL oder #wol) ist ursprünglich eine Methode, die von John Stepper entwickelt wurde, um Kollegien eines Unternehmens zu mehr Zusammenarbeit und dadurch zu mehr Potenzialentfaltung zu bringen. Mehr werde ich an dieser Stelle nicht dazu schreiben, weil es genügend Videos und anderes Erklärmaterial dazu gibt.

Wir haben diese Methode an der Uni Göttingen im Rahmen des Pilotprojektes „Basiskompetenzen Digitalisierung“ mit einer kleinen Abwandlung ausprobiert: Da in diesem Projekt Strukturen und Methoden getestet werden, wie man Lehramtsstudierende angesichts der angenommenen digitalen Transformation angemessen auf ihre spätere Lehrtätigkeit, die garantiert anders sein wird als sie es noch aus ihrer eigenen Schulzeit kennen, vorbereiten kann, heißt dieser Testdurchlauf auch #WOL4Education. Es bildet den Versuch ab, WOL nicht nur in der LehrerInnenbildung, sondern auch allgemein in den Hochschulen zu etablieren, die bekanntermaßen noch ähnlich hierarchisch organisiert sind wie Schulen, um auf lange Sicht zu einer Lern- und Lehrkultur zu gelangen, die auf einer Kultur des Teilens statt des Einzelkampfes beruht. WOL ist in zeitlich und personell begrenzten „Zirkeln“ („Circles“) organisiert, in denen man ausgehend von einem eigenen Ziel lernt, ein hilfreiches Beziehungsnetzwerk über persönliche Kontakte, aber vor allem über Social Media aufzubauen.

Wie lief es ab?

Unser Circle bestand aus 6 Personen: StudentInnen ganz unterschiedlicher Fachrichtungen, aber ausnahmslos mit Lehramtsprofil. Von drei „Zwischenstopps“, die von Daniella Cunha Teichert und Barbara Hilgert begleitet wurden, abgesehen, trafen wir uns in diesem kleinen, geschützten Personenkreis wöchentlich zu einer einstündigen (manchmal weniger) Webkonferenz, 12 Wochen lang. Am Ende einer jeden Woche erhielten wir von Daniella und Barbara (ja, duzen war Pflicht) eine Email mit den Leitfäden von John Stepper sowie einigen zusätzlichen Hinweisen zum Wocheninhalt (z. B. „eigene Beiträge formulieren“), Erfahrungsgeschichten von Leuten, die ebenfalls Lehrer waren oder werden wollten und WOL ausprobiert haben etc. In den Leitfäden drehte sich alles um Übungen, die einen Schritt für Schritt zu mehr Aktivitäten und regelrechter „Beziehungsarbeit“ in Social Media bewegen sollten. Um unseren Arbeitsaufwand so gering wie möglich zu halten, schauten wir sie uns außerhalb unserer wöchentlichen gemeinsamen Stunde nicht einmal an, sondern lasen und erledigten die Aufgaben erst und einzig innerhalb unserer Webkonferenz. Häufig kam es auch vor, dass wir eine Übung gar nicht machten.

Obwohl es innerhalb des Circles darum geht, einander zu unterstützen und sich auszutauschen – womit auch eine nicht zu vernachlässigende soziale Kontrolle mit ins Spiel kommt, denn jede Woche musste man einander erzählen, was man unternommen hatte – verfolgte doch jeder ein individuelles Ziel. Working Out Loud ist also nicht einfach nur „Teamarbeit“, sondern eher „Peer-Coaching zur Arbeit“

Mein Ziel No. 1

Um mein Ziel (das ich im Laufe meiner Lernreise noch einmal änderte) zu schildern, muss ich ein wenig ausholen. Kurz bevor die „Lernreise“ losging, hatte ich wieder eine leidlich bekannte Prüfungserfahrung machen müssen, die mit meiner Arbeitsweise zusammenhängt: Immer, wenn ich am PC sitze, bin ich furchtbar abgelenkt und just in dem Augenblick, wo ein Gedanke kompliziert zuende gedacht werden müsste, fällt meinem Gehirn ein, dass es doch noch einmal meine Emails prüfen könnte … Und flugs fallen mir wieder hundert Dinge ein, die eigentlich viel weniger dringend sind als das, woran ich gerade gearbeitet habe, aber die viel weniger Konzentration erfordern. Ich leide also unter der unter Studenten wohlbekannten „Aufschieberitis“.

Also habe ich mir als Ziel überlegt, mir eine neue Arbeitsweise anzugewöhnen: Mit digitalen Hilfsmitteln effizienter zu arbeiten.

Ich nahm also die ersten Schritte in Angriff, wie im Leitfaden vorgegeben, und erstellte mir eine sogenannte „Beziehungsliste“ mit Leuten, von denen ich wusste, dass sie viel oder hauptsächlich digital arbeiteten – auch um Hinweise meiner Circle-Mitglieder ergänzt.

Eine geschlagene Woche lang habe ich versucht, rein digital zu arbeiten. Der Toner meines Druckers war gerade leer, also hielt ich es für einen guten Zeitpunkt, nicht gleich alles wie gewohnt auszudrucken, sondern mir die Dateien in meinem PC und sogar bei OneNote zu speichern, in das ich mich allmählich hineinfuchste.

Im Zug las ich die Texte am Rechner, markierte sie dort mit der Maus und annotierte mittels Cursors und Tastatur.

Kurz vor dem Seminar, zu dem ich den Text gelesen haben musste, trat ein, was ich befürchtet hatte: Ich wusste nichts mehr aus dem Text, schon gar nicht, was ich in welcher Reihenfolge gelesen hatte. Und bei den Webkonferenzen hatte ich das betreffende Dokument nicht im Blick, sondern musste hin- und herklicken und verlor immer wieder den Faden.

Papierlos arbeiten ist demnach nichts für mich. Und was ich nicht mit der Hand schreibe, kommt in meinem Hirn nicht an.

Kurz dachte ich darüber nach, mir zur Lösung meines Problems ein Tablet-PC mit Stifteingabe zuzulegen, also an meiner technischen Ausstattung zu „schrauben“. Nach reiflicher Überlegung (und viel Überwindung, schließlich ist neues technisches Spielzeug manchmal einfach chic) verwarf ich diesen Gedanken jedoch wieder. Erstens konnte ich es mir nicht leisten, andererseits wurden mir von den Übungen im weiteren Verlauf des WOL-Circles die Augen gewissermaßen nach „innen“ geöffnet, sodass ich eine Richtungsänderung in meinem Ziel vornahm, die besser zu mir passte.

Highlights

Hier komme ich auch gleich kurz auf die – zumindest meine persönlichen – Highlights der WOL-Lernreise zu sprechen. Auch wenn es auf den ersten Blick wie Pseudoesoterik zur neoliberalen Selbstoptimierung wirkt, lohnt es sich, sich auf die Übungen einzulassen, die sich auf die eigenen Vorlieben, Interessen und Wünsche für die Zukunft beziehen. So etwa die „50 Fakten über mich“ (Woche 5) oder den „Brief an mich selbst“ (Woche 7). Sie halfen einem nicht nur, viel zu lachen und sich mit den Leuten im Circle anzufreunden, sondern auch, den eigenen Fokus wiederzufinden. Mir haben sie geholfen, festzustellen, dass ich mich eigentlich nur mit dem Stift in der Hand wirklich voll und ganz auf das konzentrieren kann, woran ich gerade arbeite, und dass ein Bildschirm in der Nähe mir zu viel Disziplin abverlangt, ihn nicht als willkommene Ablenkung zu nutzen, wenn’s mal komplexere Gedankengänge braucht.

Mein Ziel No. 2

So habe ich mir endlich eingestanden, dass meine Suche nach Geräten oder Apps, die mir helfen sollten, schneller zu arbeiten, eigentlich nur ein Alibi war auf der Suche nach etwas, was mir die Arbeit vollständig abnimmt. Mein eigentliches Problem ist aber, dass ich lernen muss, fokussierter zu arbeiten und mein Zeitmanagement in den Griff zu bekommen.

Über mein (nur sehr) allmählich aufgebautes Lernnetzwerk und vor allem über Twitter, das ich erst jetzt zu nutzen begann, bin ich auf die BulletJournal-Methode von Ryder Carrol gestoßen. In ihrem Original (und nicht dem, was bei YouTube häufig gezeigt wird und was mehr zur Auslebung der künstlerischen Ader des jeweiligen Nutzers vorgeschoben wird) ist sie genau das, was ich gesucht habe: Mit einer analogen (Stift & Notizbuch) Systematik Herr seiner Aufgaben, Ziele und Termine zu werden.

Dies auszuprobieren und mir anzueignen, war mein neues Ziel für die kommenden Wochen.

Der Sinn des WOL-Circles ließ sich hiermit auch recht gut verbinden, weil es schon eine relativ große Community zu diesem Thema in Social Media existiert. Ich konnte mich da einfach anschließen. Mit dem neu gewonnenen Fokus konnte ich mich darauf konzentrieren, mich für verschiedene Zwecke entsprechend zu vernetzen, was ja das eigentliche Ziel des Ganzen war.

Erfahrungen

Was die Anleitung zu mehr Vernetzung betrifft, war die WOL-„Lernreise“ bei mir tatsächlich fruchtbar, denn ich bin von meiner Meinung, Social Media sei nur etwas für Narzissten, abgerückt. Mir ist zwar immer noch wichtig, berufliches von Privatem zu trennen, deshalb bleibt meine private Nutzung sozialer Netzwerke sehr beschränkt. Daran konnte auch WOL nichts ändern. Ich habe kein LinkedIn-Konto angelegt, auch wenn im Leitfaden immer wieder davon die Rede war, auch diese Plattform zu nutzen, um die eigene Sichtbarkeit zu verbessern.

Ich habe aber erfahren, wie nützlich Twitter sein kann, und mich im Laufe des Circles dafür entschieden, es als hauptsächliches Netzwerk für meine („beruflichen“) Zwecke zu nutzen. Es kostet zwar etwas Einarbeitung, bis man mit den Leuten „verbunden“ ist, deren Tweets einen interessieren, aber es hat sich schon mehrmals gelohnt. Ich hoffe, ich kann irgendwann auch einmal etwas zurückgeben an die fleißigen Zwitscherer, z. b. vom @twitterlehrerzimmer.

Auch wenn uns an den Übungen oft gestört hat, dass sie weniger mit der Arbeit an den Zielen selbst zu tun hatten, sondern sich, so schien es uns manchmal, um „Networking“ und „Socializing“ als Selbstzweck drehten, waren sie uns immer Anlass, uns auszutauschen. Dieser Austausch im geschützten Bereich des kleinen Circles war eigentlich das Schönste – gerade im digitalen Semester. Trotz der vielfach aufgekommenen Skepsis über die Sinnhaftigkeit mancher Übung im Kontext des noch-Student-in-Ausbildung-Seins hatte jeder von uns einen kleinen Aha-Moment. Es kam, denke ich, sehr darauf an, ob man ein recht konkretes Ziel für sich verfolgt hat. Manchmal verlor man es nämlich bei der Vielzahl der Übungen aus den Augen. Als Circle hätten wir uns da vielleicht vom Leitfaden lösen und über unsere persönlichen Ziele und nächsten Schritte mehr sprechen müssen. Auch ich hätte vielleicht an mancher Stelle offener und freimütiger über mein Ziel sprechen sollen. Manchmal habe ich doch mehr mit mir selbst ausgemacht, als es vielleicht gedacht war.

Fazit

Grundsätzlich halte ich Working Out Loud für einen guten „Anschubser“ zu einer neuen Lern- und Lehrkultur. Denn wenn man das individuelle Lernen durch einen ständigen wertschätzenden Austausch auf Augenhöhe unterstützt, kann das ungeheuer motivieren, aber auch erleichtern, weil man eben nicht allein mit seinen Problemen und Hemmungen dasitzt. Gleichzeitig ist es hilfreich, einer fast-beruflichen „Peer-Group“, die dennoch sehr nachsichtig und verständnisvoll ist, regelmäßig Rechenschaft über das zuletzt Unternommene leisten zu müssen. Selbstdisziplin ist zwar gut, aber etwas soziale Kontrolle ist besser.

Weiterführende Quellen

Dieser Text steht unter folgender Lizenz: CC BY 4.0

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