Critical Zones III: Dazwischen – Gedanken zum Streaming-Festival und den „Cricketical Zones“

Ein Beitrag von Ramona Bechauf

Aufgrund der Corona-Pandemie konnte das Zentrum für Kultur und Medien (ZKM) seine neue Ausstellung Critical Zones – Horizonte einer neuen Erdpolitik nicht wie geplant eröffnen. Die Ausstellung war nicht fertig, ohnehin hätte mitten im  Lockdown niemand oder kaum jemand kommen dürfen. Das ZKM hat aus der Not eine Tugend gemacht und stattdessen ein dreitätiges Hybrid-Spektakel aus Online-Podien, virtuellen Führungen, Film-Streamings und Gesprächen veranstaltet. Vom 22. bis 24. Mai fand diese Virtuelle Eröffnung und Streamingfestival: Critical Zones statt, kuratiert von einer Gruppe um Bruno Latour und Peter Weibel. Wir, Ramona Bechauf und Johanna Lessing, haben mitgemacht und sind nachhaltig beeindruckt. In einer kleinen Artikelserie gehen wir Beobachtungen und Anregungen aus dem Festival nach.

Die Covid-19-Pandemie hat so einiges verändert. Nicht nur unseren Alltag, unsere Reisegewohnheiten, unser Arbeiten, sondern auch das Kulturleben und unsere Kommunikation. Polen hatte zu Beginn der Pandemie hart durchgegriffen, einen nationalen rigorosen Lockdown verhängt, der mehrere Wochen andauerte, eine umfassende Maskenpflicht eingeführt und seine Grenzen sogar für die Post geschlossen. Die räumliche Isolation führte dazu, dass ich neue Kommunikationswege ausprobieren musste, persönliche Grenzen neu definieren und meinen Arbeitsalltag umdenken musste: Wissenschaft ist ein Teamsport. Aber was tut man, wenn der Sportplatz gesperrt ist?

Also habe ich mir neue virtuelle (Trainings-)Räume erobert. Nicht nur im Kolleg und in unserem „Büro“-Alltag: Meine Kollegin Johanna L. und ich haben das virtuelle Co-Working über Skype für uns entdeckt. Die jeweils andere ist dabei in einem kleinen Skype-Fensterchen immer da und ansprechbar, für Fragen, Anmerkungen, Kommentare, Witze und Anregungen. Wissenschaft in Zeiten vor Covid-19 passierte schließlich zu einem großen Teil informell im „Dazwischen“: Orte jenseits des Schreibtisches oder des Meetingraums wie dem Flur, der Kaffee-Küche, auf dem Weg in die Mensa, beim Mittagessen, in den Pausen zwischen Konferenzbeiträgen.Bei der virtuellen Eröffnung der Critical Zones-Ausstellung haben Johanna und ich unser „Dazwischen“ in die Vernissage integriert und gemerkt, dass sich dort, im virtuellen Raum dieser Ausstellungseröffnung verschiedene (Zwischen-)Räume und ergaben: 

Johanna, ihre Mitbewohnerin und ich hatten beschlossen, dem virtuellen Geschehen mit jeweils zwei Laptops bei- (und damit gewissermaßen auch zwischen sie) zu treten. Mit je einem verbanden wir Ingolstadt und Warschau über Skype, so dass wir in den Pausen sprechen, die Reaktionen der anderen sehen und während der Sessions nonverbal das Geschehen am anderen Bildschirm kommentieren konnten. Der jeweils zweite Bildschirm war mit Hilfe des YouTube-Links nach Karlsruhe bzw. auf den virtuellen Raum der Critical Community gerichtet. Die MuseumsmacherInnen, das Podium und die ModeratorInnen waren mit den ZuschauernInnen außerdem über einen Telegram-Chat verbunden, Johanna und ich darüber hinaus noch einmal privat in einem separaten. So ergaben sich Netzwerke auf verschiedenen Ebenen. Der YouTube-Link bildete die offizielle bzw. die Hauptebene, auf der das geschah, was für das Plenum gedacht war. Diese Ebene existierte ihrerseits wiederum parallel – bzw. manchmal etwas zeitverzögert – in zwei Sprachen, Deutsch und Englisch. Auf einer zweiten, eher inoffiziellen Ebene, fand die Diskussion in der Telegram-Gruppe, mehrsprachig statt. Der Chat selbst konstituierte einen Zwischenraum zwischen den Teilnehmenden und der Hauptebene des Streams und diente unter anderem zur Kommunikation mit dem gerade aktuellen Panel und den ModeratorInnen. Der Telegram-Zwischenraum transferierte Fragen und Kommentare von der einen zur anderen Ebene und schuf so einen vitalen (wechselseitigen) Übergang. Zusätzlich dazu ergaben sich durch unser beschriebenes Vorgehen diverse weitere private Kommunikationsräume, beispielsweise einen non-verbalen über unseren stumm geschalteten Skype-Video-Anruf, in dem wir das Geschehen mimisch und durch Gesten kommentierten oder gespannt die Reaktion der anderen Seite beobachteten. In unserem privaten Telegram-Chat wurde diese non-verbale Kommunikation dann konkretisiert und mit Kommentaren, Bildern oder Stickern untermauert. Damit ergab sich eine Metaebene mit Raum für eigene Kommentare jenseits des ‚offiziellen‘ Geschehens.

Auch inhaltlich befanden sich die einzelnen Ebenen in einem „Dazwischen“. Die Hauptebene verband die analoge Ausstellung, die virtuelle Ausstellung, die Moderation in Karlsruhe, die PanelistInnen in ihren privaten Räumen, den Telegram-Chat sowie die auf dem YouTube-Stream eingespielten Filme und Latours Theaterstück miteinander. Die Kommunikation innerhalb der Telegram-Gruppe bildete ihr eigenes „Dazwischen“. Hier wurden nicht nur Zusatzinformationen gesammelt, Denkanstöße gegeben und neudeutsch „genetzwerkt“. Hier wurden außerdem in die Welt hinaus gegrüßt, gelästert, nachgefragt – auf der organisatorischen, der technischen und inhaltlichen Ebene –, es wurden Sticker verschickt und Wortwitze kreiert. Zu einem geflügelten Wort wurden die „cricketical zones“ und das „cricketical collective“, nachdem einige Grillen (engl. crickets) als Hintergrundgeräusche aus dem Bildschirm Bruno Latours erklungen waren, der sich in seinem Landhaus in Frankreich befand. 

Johanna, ihre Mitbewohnerin und ich befanden uns, wie oben bereits angesprochen, zwischen vier Laptops, aber auch zwischen den Ebenen und in unserer eigenen privaten Skype und Telegram-Blase. Und natürlich war auch unsere Kommunikation vom „Dazwischen“ geprägt und spielte sich zwischen beruflich und privat und im Wechseln zwischen den verschiedenen Kommunikationsebenen ab. Am Ende des ersten Abends stellten wir bereits fest, wie dicht bespielt und kommuniziert dieser Abend war und wie erschöpft wir nach sechs Stunden im multiplen „Dazwischen“ waren. Was hatte diesen Abend, dieses ganze Festival zu etwas Besonderem gemacht? Was machte dieses „Dazwischen“ so spezifisch und: Ist es etwas Neues? Was passiert durch das Digitale, genauer: Was passiert durch die Verbindung der verschiedenen Kommunikationsebenen? Welchen Einfluss hat diese spezifische Form der Gleichzeitigkeit digitaler Räume, die im analogen Raum so nicht möglich wäre, auf das Ereignis?

Vielleicht liegt ein Teil der Faszination dieses Streaming-Festivals darin, dass solche Formate in den Geistes-, Sozial- und Museumswissenschaften vor der Covid-19-Pandemie trotz der technischen Möglichkeiten und internationalen Forschungsnetzwerke nicht genutzt worden waren. Bislang setzte man auf die klassischen Konferenzen, Symposien und Vernissagen. Durch die mit der Pandemie ausgelösten Notwendigkeit, auf den virtuellen Raum auszuweichen, ergab sich die Chance, aus der einfachen Ausstellungseröffnung etwas größeres zu machen. Etwas zwischen Ausstellungsführung – die analoge Ausstellung war zum Zeitpunkt der virtuellen Eröffnung noch nicht fertig gestellt –, internationaler und interdisziplinärer Fachkonferenz und Filmvorführung. Die Idee, so viele hochkarätige, internationale Gäste zur physischen Veranstaltung vor Ort in Karlsruhe einzuladen, wäre wahrscheinlich wegen des für die Vernissage verfügbaren Budgets sofort verworfen worden; virtuell musste man dagegen nicht auf anfallende Reisekosten, sondern allenfalls auf die Zeitzonen achten. Im analogen Raum hätte man sicher weder mit den 8.000 Gästen gerechnet, die virtuell am Ende des ersten Tages gezählt worden waren, noch diese gleichzeitig in den Räumlichkeiten unterbringen können. Weder wäre meine Kollegin aus Ingolstadt angereist, noch ich aus Warschau – ganz zu schweigen von den Gästen aus Amerika oder Israel. Die Verlegung in den Virtuellen Raum stellt somit keine grundlegende Neuerung innerhalb der kulturwissenschaftlichen Formate dar: Weder das Internationale noch die informelle Kommunikation des „Dazwischens“, die auf Tagungen und auch im ganz normalen Universitätsbetrieb oder Museumsalltag auf dem Flur, in der Mittagspause oder beim Feierabendbier stattfinden, ist etwas Neues. Auch nicht das Kombinieren von Konferenzen mit Ausstellungsbesuchen/-eröffnungen oder Filmen bzw. Ausstellungseröffnungen mit Konferenzen/Vortragsreihen oder Filmpräsentationen. Das Neue scheint zum einen die Quantität, das heißt die Ausgeprägtheit und Vielfalt aller drei Aspekte zu sein: Hier war eine Ausstellungseröffnung mit Begehung, virtueller Führung und Beiträgen zu kuratorischen Aspekten mit einer „ausgewachsene Konferenz“ mit internationalen, interdisziplinären Panels verknüpft, mit einem abwechslungsreichen Begleitprogramm von Filmen, Theaterstücken, Geländeführungen (nämlich ein kommentierter Spaziergang über die Streuobstwiese) und partizipativen Elementen gespickt und schließlich barrierefrei für eine unbegrenzte Anzahl von internationalen Teilnehmenden geöffnet worden. Neu scheint zudem die Gleichzeitigkeit bzw. implizierte (und sich vor allem durch die spontan entstehenden (Zwischen-)Räume tatsächlich auch ergebende) Einmaligkeit des Ereignisses gewesen zu sein. Zwar wurde zu Beginn des Festivals bereits angekündigt, dass alle Beiträge bis auf die Filme und das Theaterstück später auf YouTube zu sehen sein würden, doch gerade die Gleichzeitigkeit der Ebenen YouTube-Stream und Telegram-Chat, bei den ein- oder anderen möglicherweise mit einem (virtuellen) Zusammenkommen mit KollegInnen kombiniert – wie bei uns – machte den Eventcharakter des Wochenendes aus: Sich „allein“ also ohne „cricketical community“ drei mal sechs Stunden – minus Filmmaterial – vor den Computer zu setzen, scheint mir nicht einmal halb so verlockend zu sein.

Das Streaming-Festival in seiner Gesamtheit hat nachhaltig gewirkt. Wie bereits Moderatorin Barbara Kiolbassa erklärte, sei der Telegram-Chat zu einer „tentacular holobiont Telegram community“ geworden, die lange nach dem eigentlichen Festival noch immer aktiv ist und noch immer neue TeilnehmerInnen anzieht. Mit dem Festival habe man, so Peter Weibel, die Zukunft des Museums erfunden. Mit dem immer wieder thematisierten „Terrestrischen“ im Hinterkopf könnte man argumentieren, dass COVID-19 ein neues Format und einen neuen, nicht-materiellen/digitalen Raum gefordert und letztlich (aus der neuartigen Kombination bereits bekannter technischer und konzeptueller Möglichkeiten) hervorgebracht hat, der sich zwischen virtueller und analoger Ausstellung, Museumsforum, Konferenz und Film- bzw. Kulturfestival befindet und seinerseits immer wieder neue Zwischenräume eröffnet.

Fotos © Ramona Bechauf

Der Beitrag wurde redaktionell von Klara Wagner betreut.


Ramona Bechauf ist Doktorandin am Kolleg “Wissen | Ausstellen”. In ihrer Dissertation untersucht sie die Musealisierung europäischer Holocaust-Erinnerung insbesondere unter der Fragestellung, inwiefern die den Holocaust abbildenden Ausstellungen in den Ländern Frankreich, Polen und Deutschland auf nationale und internationale Besuchergruppen hin konzipiert sind.

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