Aus Zwei mach Eins? Von Texten, Engelchen und der Problematik, Museumsarbeit und Promotion zu vereinen: Ein Tag im Home-Office einer Kunsthistorikerin

Ein Beitrag von Klara Wagner

Gestresst, genervt, ideenlos: Was schreiben, wie den beiden im Home-Office gerecht werden?

Wie jeden Morgen klingelt der Wecker um kurz vor 7:00. Ich gähne, tue erstmal so, als hätte ich den Wecker nicht gehört und schäle mich dann doch aus dem gemütlichen Haufen an Decken und Kissen. Etwas ist aber seit ein paar Wochen doch anders, denn immerhin klingelt der Wecker nicht mehr um 6:00. Seit der Schließung von öffentlichen Institutionen im Zusammenhang mit Corona muss ich nämlich nicht mehr eine Stunde mit dem Zug zur Arbeit fahren – mehr Zeit für mich, zum Duschen, fürs Frühstück. 

Vielleicht hätte ich nicht sagen sollen: „zur“ Arbeit, sondern besser: „zu einem meiner derzeitigen Arbeitsplätze“. Ich verbringe – eigentlich – momentan zwei Tage (meistens mehr…) in der Hamburger Kunsthalle und arbeite an einer Ausstellung mit dem Titel ‚Raffael in der Hamburger Kunsthalle‘ mit. Die restliche Zeit widme ich mal mehr und mal weniger intensiv der Recherche von Quellen und Literatur zu meinem Promotionsthema: ‚Romantik Ausstellen? Eine Verflechtungsgeschichte der Ausstellungen zu Caspar David Friedrich in den 1970er Jahren‘. Das zweite Arbeitsjahr an meiner Dissertation – also jetzt! – steht nämlich bei mir und meinen Kolleginnen im Zeichen der praktischen Museumsarbeit. Durch diese Hands-On-Erfahrungen wollen wir eine neue Perspektive auf die untersuchten, in meinem Falle historischen, Ausstellungen gewinnen. 

In Gedanken bei einem gerade gelesenen Aufsatz zur Raffaelrezeption im 20. Jahrhundert und meiner Dissertation (soll heißen: wie ich wohl irgendwann demnächst am besten das im Archiv kürzlich entdeckte Besucherbuch zu einer der von mir untersuchten Friedrich-Ausstellungen transkribieren soll), steige ich aus dem Bett. Tagesplanung? Tagesplanung. Nicht-KunsthistorikerInnen denken vielleicht, dass die Themen ‚Raffaelrezeption‘ und ‚Friedrich-Ausstellungen‘ eigentlich doch gar nicht so weit auseinander liegen, immerhin sind ja beides mehr oder weniger berühmte Künstler. Für mich ist es oft aber ziemlich anstrengend, mich von einem mühsam erarbeiteten Themenkomplex auf den nächsten langwierig angelesenen einzustellen, und in einer Woche mit nur fünf Tagen keinen zu kurz kommen zu lassen.

Als ich durch die Tür ins Wohnzimmer trete, das jetzt auch mein Arbeitszimmer ist, begrüßen mich meine beiden Sorgenkinder schon lautstark und beschweren sich, dass ich nicht gleich mit ihnen spielen will – durch die Corona-Präventationsmaßnahmen sind sie natürlich ebenfalls dauerhaft zuhause. Dabei sehen sie so niedlich und harmlos aus: zwei zugegeben heute etwas genervt blickende kleine Engelchen. Raffael quietscht mir ins Ohr, dass heute wirklich dringend noch zwei Katalogtexte für ‚seine‘ Ausstellung fertig werden müssen und springt dabei aufgeregt auf der Tastatur herum (er hat beim Schreiben gern das letzte Wort). Währenddessen zieht Caspar-David-Friedrich, von mir und anderen liebevoll CDF genannt, an meinen Haaren und will mich in Richtung ungelesene-Bücher-Stapel manövrieren. Schnell rette ich mich in die Küche und drücke auf den Knopf der Kaffeemaschine für doppelten Espresso. Das ohrenbetäubende Mahlen der Bohnen bringt meine Problem-Seraphen zumindest für zwei Minuten zum Schweigen, und nebenbei sicherlich alle Nachbarn, die noch geschlafen haben, in eine aufrechte Sitzposition. Als ich mit dem Kaffee in Richtung Wohnzimmer zurücksteuere, legen die beiden sofort wieder los. Ein gereiztes „Es REICHT!“ meinerseits sorgt dafür, dass sich beide ein bisschen kleinlaut mit mir vor dem Laptop niederlassen. Wir alle drei starren, schon bevor der Arbeitstag begonnen hat, irgendwie gestresst und ein wenig ratlos abwechselnd auf den Bildschirm und in die Luft.

Das leise ‚Ping‘ meines Handys reißt mich aus den Gedanken. Eine Freundin fragt, wie es mir geht und schickt mir einen Link. In der Erwartung, dass es vermutlich wieder eine interaktive Karte mit sich in Echtzeit verändernden Corona-Fallzahlen ist, öffne ich den Link und mache mich auf einen weiteren Ablenkungsfaktor gefasst. Aber zu meiner Überraschung lächelt mir eine sympathische Frau von ihrem perfekt aufgeräumten Schreibtisch entgegen. Sie wirkt entspannt und organisiert im Home-Office. Es wäre super, wenn sie mir ihren Trick verraten könnte… Moment mal: genau das tut sie, und zwar mit einem weiteren Link, betitelt mit „Daily Schedule Planner“. Begeistert öffne ich die Datei und schaue fasziniert auf das ansprechend gelayoutete Blatt auf dem Bildschirm vor mir, wo sich Rubriken wie ‚To Do List‘, ‚Most Important Tasks‘ und ‚Mealplan‘ auffächern. Letzterer Punkt zieht auch die Aufmerksamkeit meiner beiden Engelchen auf sich. Da beide nun in einem kulinarischen Wettstreit ausgefallener Gerichte aus Renaissance und Romantik versuchen, sich gegenseitig zu übertrumpfen und abgelenkt sind, klicke ich schnell auf ‚“Drucken“ und hole einen Stift. „Raffael! CDF! Ich glaube, ich habe hier die Lösung!“ 

Ein paar Stunden später sitzen meine Engelchen und ich nach einer intensiven, aber produktiven Diskussion ein bisschen benommen am Schreibtisch und mustern das Ergebnis: Ein säuberlich ausgefüllter Tagesplan mit To Do List, Markierungen für die wichtigsten Aufgaben und der Aussicht auf einen Avocado-Lachs-Salat am Abend. Das Beste daran ist, dass Raffael und CDF nicht nur beide eigene Aufgaben und Punkte auf den Plan setzen konnten und sich jetzt nicht mehr ungleich behandelt oder vernachlässigt fühlen: Beim gemeinsamen Ausfüllen haben wir festgestellt, dass es sogar ein paar Punkte gibt, bei denen beide gleichzeitig an die Reihe kommen. Denn als wir uns erst einmal auf eine gemeinsame Diskussion eingelassen haben, wurde uns schnell klar: selbst wenn sie auf den ersten Blick aus zwei ziemlich verschiedenen Gebieten stammen, gibt es doch ein paar Aspekte, die beide Engelchen interessieren und bei denen sie viel voneinander lernen können. An diesem Abend gehe ich zufrieden schlafen. Mit einer guten Struktur und vor allem damit, Raffael und CDF immer wieder mit mir und (ab und zu) auch miteinander ins Gespräch zu bringen, kann ich genügend Zeit für beide in meiner Arbeitswoche unterbringen – obwohl ich mich schon darauf freue, in unbestimmter Zeit nach den Corona-Maßnahmen auch mal wieder Raffael in der Hamburger Kunsthalle oder CDF in der Bibliothek zu lassen. Manchmal ist die räumliche Trennung von zwei viel Aufmerksamkeit fordernden Engelchen während der Arbeitszeit nämlich trotzdem sehr heilsam und fördert die Konzentration ungemein…

Eintracht am Ende des Tages: Die Lösung, mit der ich auch im Home Office Zeit für beide finde

(Eine Anmerkung der Autorin: Bei den Engelchen handelt es sich um die wohl meist-reproduzierten Engel der Kunstgeschichte. Sie sitzen auf einer Wolke im von Raffael gemalten Gemälde ‚Sixtinische Madonna‘, welches sich in Dresden befindet. Ein Fall von Raffaelreproduktion at its best, der mich zu einem kleinen Schreibexperiment verleitet hat, um anderen zu zeigen, dass die Arbeit als Kunsthistorikerin zwar oft fordernd ist, aber auch viel Spaß bringt …)

Der Beitrag wurde redaktionell von Franziska Lichtenstein betreut.

Fotos © Klara Wagner


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