Rede, Buch, Ausstellung und Bühne. Wenn (und wie) sich Wissenschaftler*innen selbst darstellen

von Daniela Döring

Abb 1.: Buchpräsentation Gesichter der Wissenschaft am 12.3.2020, die Schauspielerin Katharina Müller vom Deutschen Theater inszeniert Porträts von Gelehrten in der Gipsabgußsammlung, Foto © Martin Liebetruth

Der Wissenschaftler durchquert in lockerem Schritt den Raum, tritt an das Pult, stützt die Hände auf und wird größer, gewichtiger. Er räuspert sich. Sein Blick schweift über das zahlreich erschienene Publikum, das zu ihm aufsieht. Mit sicherer Stimme hebt er an zu sprechen, er begrüßt seine Zuhörenden und nach einer kleinen, bedeutungsschwangeren Pause, beginnt seinen Vortrag mit einem Zitat eines allseits bekannten Wissenschaftlers.

Dieses Szenarium ist im Wissenschaftsbetrieb nur allzu bekannt. Wenngleich es in ganz unterschiedlichen Formen auftritt – etwa in Abhängigkeit von Herkunft oder Geschlecht –, gilt es für alle Statusgruppen, diesen traditionell männlich und bildungsbürgerlich konnotierten Habitus einzuüben, um die eigene wissenschaftliche Expertise, Autorität und Souveränität – im wahrsten Sinne des Wortes – zu verkörpern. Unzählige Male konnten wir diesem Schauspiel im universitären Alltag bereits beiwohnen, freilich ohne es genau zu sehen. Denn erst durch die Unsichtbarmachung entfaltet es seine volle Wirksamkeit. 

Die Präsentation des Buches Gesichter der Wissenschaft. Repräsentanz und Performanz von Gelehrten im Porträt, die am 12.3.2020 in den Räumen der Historischen Abgußsammlung der Universität Göttingen stattfand, beginnt mit genau dieser Szene und macht sie prominent sichtbar. Schon während sich Christian Vogel, der gemeinsam mit Sonja Nökel den Band herausgegeben hat, auf den Weg zum Pult macht, um den Eröffnungsvortrag zu halten, beschreibt die Schauspielerin Katharina Müller vom Deutschen Theater Göttingen jede seiner Gesten. Ihr Metakommentar macht aufs unterhaltsamste deutlich, wovon das Buch handelt: der performativen Herstellung von Wissenschaftler*innen im Porträt in seinen historischen wie gegenwärtigen Formen. 

Von Gelehrten im Talar, arrangiert als Ahnengalerie, über Kupferstiche, Gemälde, Scherenschnitte, Cartes des Visites und Karikaturen bis hin zu aktuellen Plakaten und Social Media Kanälen reicht das Spektrum, das in der Ausstellung „Face the fact. Wissenschaftlichkeit im Porträt“ aufgefächert wurde. Die Ausstellung, die vom 27.9.2018 bis 3.3.2019 in der Kunstsammlung der Universität Göttingen zu sehen war (zur Rezension der Autorin) stellt die Vorarbeit zu diesem Band dar. Sie wurde von einer Vortragsreihe flankiert, die ihrerseits wiederum – zusammen mit zahlreichen weiteren Essays – Eingang in die Publikation fanden.  

Weil der wissenschaftliche Auftritt eine enge Nähe zur Bühne aufweist, wurde das Veranstaltungsformat in Kooperation mit dem Deutschen Theater entwickelt und umgesetzt. Für die szenische Einrichtung zeichnete sich Johanna Schwung verantwortlich, die dafür verschiedene Elemente auf inspirierenden Weise zusammenbrachte. Bereits beim Betreten der Veranstaltungsräume ist die Schauspielerin Katharina Müller auf einem Sockel inmitten der Sammlung zu sehen. Wie eine lebende Gipsfigur setzt sie zu einer Audio-Collage aus Zitaten aus einzelnen Beiträgen des Buches und der Projektion von Porträts auf die weißen Körper der Gipsfiguren einzelne Gesten in Szene. Nach der Begrüßung erfolgt die Einführung in den Band, die an mehreren Stellen von derselben Schauspielerin unterbrochen wird. Wie eine Souffleuse in umgekehrter Richtung verrät sie uns die typischen akademischen Verhaltens- und Sprechweisen und macht damit den Herstellungsapparat sichtbar. Wenn an manchen Stellen sogar offen bleibt, ob der Redner dem Kommentar folgt oder umgekehrt, ist die Irritation perfekt. 

Abb. 2: Karsten Heck beim Lesen seines Beitrages. Foto: Nina Knohl

Solcherart sensibilisiert – so möchte man meinen – haben es die folgenden Autor*innen, die nun vier essayistische Beiträge aus dem Band lesen, schwer. Doch weit gefehlt. Mit schauspielerischer Qualität und souveräner Betonung werden die Lesungen zu einem besonderen Vergnügen. Zwischen jeder Präsentation werden vom Theater produzierte kurze Videoclips gezeigt, in denen Wissenschaftscoach Susanne Maier-Hofer dem Publikum nicht ganz ernst gemeinte Tipps zur Selbstvermarktung gibt. Angesichts der Tatsache, dass diese Formen der Selbstdarstellung für eine erfolgreiche Karriere unabdingbar und für so manche(n) harte und aufwendige Arbeit sind, kommt der Aufruf erfrischend daher. Zumal sich der Appell der Schauspielerin selbst nicht an die Regeln der Kunst hält, sondern vielmehr die – normalerweise entfernten – Versprecher, Ausrutscher und deplatzierten Gesten exponiert. Das Lachen darüber macht gewissermaßen den Weg frei. Wenn nun die Autor*innen ihre Beiträge verlesen, haben sie die gesamte Aufmerksamkeit. 

Zu hören ist Spannendes, beispielsweise von Ruth Finckh über das 1780 entstandene Porträt der gelehrten Dichterin Philippine Gatterer, in dem die zur damaligen Zeit geltenden Grenzen für das weibliche Geschlecht im Gemälde zunächst überschritten, um im darauffolgenden Stich – welcher aufgrund seiner medialen Eigenschaften weitaus größere Verbreitung erlangte – sorgsam wieder zurückgeholt zu werden. Oder von Daniel Graepler über das Porträt von Karl Otfried Müller, das 1830 entstand und Müller mit den entsprechenden Anleihen und Requisiten kunstvoll als Archäologe inszeniert. Wir erfahren vom Witz in einer Karikatur auf Carl Friedrich Gauß, der sich erst durch die ungemein schlaue wissenschaftliche Rekonstruktion und wortgewandte Lesung seines Autors Karsten Heck erschließt. Und schließlich liest Sonja Nökel – stellvertretend für Mario Schulze – seinen Essay über die Inszenierung des Windkanalingenieurs Carl Wieselsberger, der im Selbstversuch und Kampf gegen den Wind seine Professionalität und Männlichkeit unter Beweis und herstellt.

Die Beiträge machen große Lust auf mehr und der im Wallstein Verlag erschienene Band ist aufs Wärmste zu empfehlen. Besonders aber hat der Abend dazu angeregt, das gängige Vortrags- und Präsentationsformat im akademischen Betrieb zu hinterfragen und vielleicht sogar zu verändern. Denn solch mutige Versuche mit offenem Ende müssen letztlich auch ein Stück Kontrolle sowohl über die Formen der Darstellung, als auch über die Inhalte an andere Akteure abgegeben. Das in diesem Fall Inhalt und Form zusammenfielen, war nicht nur eine glückliche Fügung, sondern auch eine überaus gelungene Inszenierung.

Angaben zum Buch:

Vogel, Christian / Nökel, Sonja (Hg.): Gesichter der Wissenschaft. Repräsentanz und Performanz von Gelehrten, 284 S., 111 z. T. farb. Abb., brosch., 18,5 x 27,0, ISBN 978-3-8353-3553-0, 24,90 €, Göttingen: Wallstein Verlag 2019

Zur virtuellen Ausstellung „Face the Fact“ in 360°-Ansichten: facethefact.gbv.de

Zur Ausstellungsrezension: Döring, Daniela: Aufbruch aus der Repräsentation? Rezension der Ausstellung „Face the Fact. Wissenschaftlichkeit im Portrait“ an der Universität Göttingen, 2019, Forum Wissen Blog https://blog.forum-wissen.de/aufbruch-aus-der-repraesentation/  

Der Beitrag wurde redaktionell von Klara Wagner betreut.

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