Beitrag der Gruppe ,,Kinder und Jugendliche“ zur Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Leningrader Blockade (1941-1944)

von Theresa Maischak und Judith Windel

Knapp 900 Tage – so lange dauerte die Einschließung der Stadt Leningrad durch deutsche Heerestruppen. Eine lange Zeit von fast 3 Jahren also – vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 – in der die Bevölkerung Hunger, Kälte und Bombenangriffen ausgesetzt war. Die Leningrader Blockade zählt zu den größten, wenngleich auch eher unbekannten Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs. Am 8. September 1941 wurde die Stadt endgültig eingeschlossen, mit diesem Tag begann der Kampf der Bevölkerung um das Überleben, der deutsche Befehl lautete nämlich, die Stadt solle ausgehungert, nicht eingenommen werden. Die Lebensmittel wurden knapper und knapper, auch die Versorgung mit Feuerholz oder Heizöl wurde schlechter, was bei Temperaturen von bis zu -40°C ebenfalls zu einem großen Problem wurde.

,,Ich will neue Gesichter, neue Bekanntschaften, etwas Neues. Irgendwas. Aber es gibt nichts Neues“

Muchina, Lena, Lenas Tagebuch. Leningrad 1941-1942, herausgegeben, übersetzt und editiert von Lena Gorelik und Gero Fedtke, Berlin 2014, S. 29.

schrieb Lena Muchina am 23. Mai 1941 in ihr Tagebuch. Fünf Tage später notierte sie darin ferner, im Hinterkopf denke sie bereits an die bevorstehenden Ferien:

,,Morgen ist die Algebraprüfung. Bald, bald bin ich frei. Ich habe viele Pläne.“

Ebd., S. 30.

Zu dem Zeitpunkt als Lena diese Einträge verfasste, war sie noch ein gewöhnliches, 17jähriges Mädchen. Zwar ist ihr Tagebuch bereits 78 Jahre alt, trotzdem behandelt es Sujets, Probleme und Empfindungen, die auch noch heutzutage Jugendliche prägen und innerlich umtreiben: Lernstress wegen der Schule, die erste Liebe und die hoffnungsvolle Sicht auf die Zukunft als Erwachsener. Doch ab dem 8. September, als sich der Belagerungsring der deutschen Wehrmacht und der finnischen Armee endgültig um Leningrad schloss und die 872 Tage lange Hunger-Blockade in der Stadt begann, änderte sich Lenas Leben völlig, ebenso der Inhalt und Stil ihres Tagebuchs. Ihre Pläne für den Sommer ließen sich nicht mehr verwirklichen, von nun an bestimmten Mangel und Verlust ihren Alltag. Lena hungerte, entwickelte Psychosen über die fehlenden Nahrungsmittel. Die Dystrophie, wie diese Hungerkrankheit genannt wurde, vereinnahmte ihre Gedanken, sorgte für Feindseligkeit und vergrößerte immens die emotionale Distanz zwischen ihr und ihrem sozialen Umfeld. Der Tod ihrer Mutter und Tante ließ sie endgültig emotional vereinsamen. Trotz einiger Passagen, die noch Äußerungen von Wut und Trauer erahnen lassen, wurde Lenas Ausdruck in ihren Einträgen zunehmend gefühlsärmer, beinahe atonisch,

,,sie hat alles Kindliche, Naive verloren“

Gorelik, Lena, Vorwort ,,Die Blockade war immer da“, in: ders./Fedtke, Gero (Hrsg.), Lenas
Tagebuch. Leningrad 1941-1942, übersetzt und editiert von dens., Berlin 2014, S. 11.

wie Lena Gorelik im Vorwort zur deutschen Ausgabe von Lenas Tagebuch feststellte. So wie Lena erging es vielen Kindern und Jugendlichen in Leningrad während der Blockade. Ihr Tagebuch als ungefilterte, individuell-intime Quelle aus dieser Zeit ist ein eindrucksvolles Beispiel ihrer psychischen wie physischen Isolation sowie ihrem Leid. Diesen spezifischen Gesichtspunkt, also ,,Kinder und Jugendliche der Blockade“, vertieften wir als Gruppe im Seminar thematisch als Aspekt der Kindergeschichte. Aus diesem Grund hatten wir für die Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Befreiung Leningrads am 28. Januar 2019 ein Vertiefungsangebot für die Schüler und Schülerinnen, die die Ausstellung ,,Niemand ist vergessen und nichts ist vergessen“ in der Zentralbibliothek der Universität Göttingen besuchten, konzipiert. 

Lernziele:

Unsere Lernziele bestanden zum einen darin, den Jugendlichen eine andere Perspektive auf die Blockade zu ermöglichen, keine politik- oder ereignisgeschichtliche, wie sie hauptsächlich in der Schule angewandt wird, sondern einen individuellen Blick aus der Perspektive der Opfer. Die Fragen, die sich die Schüler und Schülerinnen beantworten sollten, waren: Was hat sich für die Kinder während der Blockade geändert? Welche Probleme gab es, welche Verpflichtungen ergaben sich für sie? Wie versuchten sie diesen Ausnahmezustand physisch und psychisch zu bewältigen, wie wirkten sich die gewandelten Lebensbedingungen auf sie aus?  

Die Tagebuchtexte der Lena Muchina sind besonders geeignet, um diese Fragen zu beantworten. Nicht nur, weil die Autorin sich in demselben Lebensabschnitt wie die Schüler und Schülerinnen befand und sich deswegen eines alterstypischen Erzählstils bediente, sondern auch, weil anders als bei anderen Tagebuch-Schreibenden der Blockade, zudem Einträge aus der Zeit vor der Blockade von ihr erhalten sind. So ist der Unterschied zwischen vor und während der Blockade deutlich zu erkennen. Als Erzählerin ihrer eigenen Lebensgeschichte, die unmittelbar ihre Perspektive auf das Geschehen wiedergibt, können die Schülerinnen und Schüler ihren Wandlungsprozess während der Blockadezeit verfolgen. Der persönliche Zugang durch die Tagebucheinträge ermöglicht es den Schülerinnen und Schülern sich mit der gleichaltrigen Lena Muchina zu identifizieren. So kann die Mangel- und Kriegssituation in Leningrad während des zweiten Weltkriegs sowie aus Lenas Perspektive erfahren werden. 

Dokumentation:

Die erste Gruppe, die an unserem Konzept teilnahm, erhielt zunächst eine kleine Einführung in die Ausstellung, verbunden mit dem Arbeitsauftrag, gezielt nach Tagebucheinträgen zu suchen und uns später darüber zu erzählen. Das sollte zur Orientierung dienen und einen ersten Zugang zu einem gemeinsamen Gespräch ermöglichen. Nach 10 Minuten in der Ausstellung nahmen wir die Gruppe mit in einen Seminarraum, in dem unsere praktische Arbeit begann. Die Schüler*Innen hatten keinerlei

Probleme, zu erzählen, was sie gesehen hatten und was für sie auffällig war, zum Beispiel, dass Kinder während der Blockade in Fabriken Munition und Waffen herstellten. Einige hatten sogar mehrere Informationen über unser Thema in der Ausstellung wiederentdeckt. Besonders das Tagebuch der Tanja Savičeva konnte somit in den Vergleich mit Lena integriert werden und schaffte einen guten Anknüpfungspunkt. Damit konnten wir bei vielen Schüler*Innen bereits ein erstes Interesse wecken. Es folgte dann die Einteilung in zwei Gruppen, wobei jede Gruppe einen unterschiedlichen Ausschnitt des Tagebuchs erhielt. Wir hatten für die Bearbeitung drei Leitfragen entwickelt, die eine Orientierung bieten sollten und die zusammen mit dem gesamten Material am Anhang dieses Textes einzusehen sind. Sie erwiesen sich als hilfreich, denn so fiel es den Schüler*Innen leicht, das Gespräch mit uns zu beginnen. Nach der Gruppenarbeit waren die Schüler*Innen dazu angehalten, der anderen Gruppe ihren Textausschnitt vorzulesen, damit auch sie die Möglichkeit hatten, den Gedankengängen zu folgen oder möglicherweise etwas zu ergänzen. Rasch entwickelte sich ein Dialog, den wir mit Fragen gezielt leiten oder unterstützen konnten. Unser Ziel, die rapide psychische Veränderung einer jugendlichen Leningraderin während der Blockade gegenüber den Schülern und Schülerinnen sichtbar zu machen, wurde erreicht. Nach 20 Minuten entließen wir die Gruppe in den letzten Teil ihrer Führung, der für sie mit dem Zeitzeugengespräch mit Frau Sorina endete. 

Während der gesamten Führung haben wir versucht, das Interesse und die Mitarbeit der Schüler*Innen mit speziellen Fragen, wie ,,Ist das Schreiben von Tagebüchern noch aktuell?”, oder ,,Würdet ihr eure Sommerferien auch so planen?” aufrechtzuerhalten. Zudem wurden die Tagebucheinträge so ausgewählt, dass sie in ihren Darstellungen nicht schockieren oder überfordern sollten, weswegen auch angemessen kurze Textpassagen bearbeitet wurden.

Darüber hinaus wurden die Materialien mit zwei Abbildungen von der 17-jährigen Lena Muchina sowie einem Originalausschnitt des Tagebuchs ergänzt, um Lena als Person vorstellbar zu machen. Ziel der Arbeit mit dem Text war es, Empathie bei den Schülerinnen und Schülern zu wecken und mit ungezwungener Beteiligung der Schüler*Innen eine ausgeglichene Arbeitsatmosphäre zu schaffen, bei der sich alle ,,trauen“ etwas beizutragen. Am Ende unseres Vertiefungsangebots hatten die Schüler*Innen die Möglichkeit, ihre ausgefüllten Arbeitsblätter zu behalten, damit das Gelernte auch materiell in den Alltag mitgenommen werden konnte. 

Mit dem Tagebuch haben wir eine für die Schüler schwer vorstellbare Zeit zugänglicher gemacht. Es war uns wichtig, mit den Schülern und Schülerinnen ins Gespräch zu kommen und zusammen zu ergründen, welche Informationen das Tagebuch erschließen lässt (und welche nicht?). Wir haben das Wissen, das die Schülerinnen und Schüler in der Ausstellung und in dem Gespräch mit der Zeitzeugin erlangt haben, mehrmals wieder aufgegriffen und auf diese Weise vertieft. Uns ist es gelungen, trotz des zeitlichen Unterschiedes, von den 1940er Jahren bis heute, einige Parallelen im Leben der Schüler*Innen und Lena Muchinas zu finden und diese auszuwerten. Auch Lenas psychische Veränderung in den beiden Tagebucheinträgen wurde selbstständig erkannt und sowohl intern, als auch im Plenum ausführlich diskutiert. 


Literatur

  • Muchina, Lena, Lenas Tagebuch. Leningrad 1941-1942, herausgegeben, übersetzt und editiert von Lena Gorelik und Gero Fedtke, Berlin 2014.
  • Barber, John/Dzeniskevich, Andrei (Hrsg.), Life and Death in besieged Leningrad 1941-1944, Hampshire u. a. 2005.
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