Beitrag der Gruppe ,,Evakuierung“ zur Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Leningrader Blockade (1941-1944)

von Carolin Bleumer und Kai Erik Wilzki

Knapp 900 Tage – so lange dauerte die Einschließung der Stadt Leningrad durch deutsche Heerestruppen. Eine lange Zeit von fast 3 Jahren also – vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 – in der die Bevölkerung Hunger, Kälte und Bombenangriffen ausgesetzt war. Die Leningrader Blockade zählt zu den größten, wenngleich auch eher unbekannten Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs. Am 8. September 1941 wurde die Stadt endgültig eingeschlossen, mit diesem Tag begann der Kampf der Bevölkerung um das Überleben, der deutsche Befehl lautete nämlich, die Stadt solle ausgehungert, nicht eingenommen werden. Die Lebensmittel wurden knapper und knapper, auch die Versorgung mit Feuerholz oder Heizöl wurde schlechter, was bei Temperaturen von bis zu -40°C ebenfalls zu einem großen Problem wurde.

Wer wurde evakuiert?

Ein Weg der Leningrader Regierung, zumindest einen Teil der Bevölkerung zu retten, war die Evakuierung aus der eingeschlossenen Stadt über den Ladoga-See, über die „Straße des Lebens“. 1,3 bis 1,75 Mio. Menschen rettete diese Reise das Leben. Aber nicht nur Menschen wurden aus Leningrad heraus transportiert. Bereits am 11. Juni 1941, noch vor der Blockade, wurde der Befehl gegeben, Teile der Industrie, die von staatlicher Bedeutung waren, aus der Stadt hinauszubringen. Schon hier ließ sich erkennen, dass die Evakuierung von Chaos und Hektik geprägt war: Die verantwortlichen Stellen verfolgten bei ihren Evakuierungsplänen teilweise unterschiedliche Interessen. Einige wollten, dass so lange wie möglich in Leningrad produziert würde, wohingegen andere möglichst viele Betriebe bald aus der Stadt in den Osten abtransportieren wollten.

Die Evakuierung der Bevölkerung verlief ähnlich chaotisch: Schon die Auswahl der zu evakuierenden Personen folgte keinen strikten Regeln. Ein primäres Interesse bei der Evakuierung galt der Industrie und den Fachkräften, die für die Produktion notwendig waren. Aber auch Frauen und Kinder, verletzte Soldaten oder alte, schwache Menschen hatten gewisse Priorität. Oft war es wichtig die richtigen Kontakte zu den Auswahlgremien zu besitzen, wenn man einen der Plätze auf den Evakuierungslisten belegen wollte. Die Einstellung der Bevölkerung zur Evakuierung war gespalten: Einige sahen diese als feige Flucht an, andere als einzigen Ausweg, da sie in der Stadt den Hungertod befürchteten und vor allem Jüd*innen bei der befürchteten Einnahme durch die Wehrmacht mit der Ermordung rechnen mussten. Andererseits gab es auch Menschen, die ihren Wohnort nicht verlassen wollten, auch wenn dies ihren sicheren Tod bedeutete. Für die Stadt Leningrad bedeutete die Evakuierung, dass es weniger Einwohner in der Stadt gab, die man mit Lebensmitteln versorgen musste.

Die Evakuierungsroute

Die Leningrader*innen, welche einen Platz auf den Evakuierungslisten hatten, mussten sich zu Fuß oder mit dem Auto auf den Weg zum Finnländischen Bahnhof machen. Das war der einzige Bahnhof in Leningrad, der aus der Stadt herausführte. Von dort aus ging die Reise für die meisten Menschen anschließend mit dem Zug weiter zu einem der Evakuierungspunkte (z.B. Ladožskoe ozero oder Borisova Griva) am Ladoga-See. Um diese Strecke von ca. 30 km zurückzulegen, brauchten die Leningrader teilweise – besonders im Winter – bis zu 30 Stunden. An den Evakuierungspunkten herrschte Chaos, es gab wenig Schutz vor der Kälte und kaum Verpflegung. Hier wurden die Menschen nach meist langer Wartezeit in LKWs an das andere Seeufer gebracht. In Zeiten, in denen der See nicht zugefroren war, wurden Schiffe benutzt. Das kurze Stück über das Eis (ebenfalls 30km) war nicht ungefährlich, denn hier boten die LKWs ein einfaches Angriffsziel für die deutschen Bombardierungen. Aus diesem Grund brachen auch um die 40 LKWs im Eis ein und die Strecke wurde immer wieder umgeleitet, falls das Eis beschädigt worden war. Über 1500 LKWs waren in den drei Jahren insgesamt unterwegs und die Strecke wurde regelmäßig von Streckenposten kontrolliert. Um die Anzahl der Fahrer und Fahrten noch zu steigern, wurden Wettbewerbe veranstaltet, sodass es sogar Zwei- und Dreifachfahrer gab, die bis zu 40 Stunden am Stück arbeiteten, denn der Weg über den See nahm seine Zeit in Anspruch.

War das andere Seeufer erreicht (z B. die Orte Kobona oder Lavrova), warteten dort ähnliche Probleme auf die Ankömmlinge. Leichen und Lebensmittelknappheit sowie der für die zahlreichen Evakuierten äußerst begrenzte Platz, um sich vor der Kälte zu schützen, prägten das Bild. Zwischen den beiden Uferseiten herrschte ein Kommunikationsproblem, sodass am östlichen Ufer täglich mehr Menschen ankamen, als weitergeschickt werden konnten. Die Leute mussten tagelang auf ihre Weiterfahrt warten, auch geschah es, dass die Gepäckstücke nicht zur gleichen Zeit das andere Ufer erreichten. Schließlich wurden sie auf Zügen, die teilweise nicht einmal eine Plane besaßen, zu einem der Zielorte (zu denen gehörten u. a. Vologda und Jaroslavl´) im östlichen, von der Front weiter entfernten Teil Russlands gebracht. Diese Fahrt dauerte noch einmal um die sieben Tage. Am Ziel angekommen war die Versorgungslage meist immer noch prekär. In vielen Regionen herrschte im Zuge der deutschen Invasion ein genereller Nahrungsmangel, den die Ankommenden oft verschärften. Zudem wurde ihre Integration in soziale und Arbeitsverhältnisse oft nicht oder nur mangelhaft betrieben.

Die Projektarbeit

Anlässlich des 75. Jahrestags des Endes der Leningrader Blockade haben wir im Rahmen einer Ausstellung zur Erinnerung an die Opfer in Leningrad („Niemand ist vergessen, niemand wird vergessen“) gemeinsam in einem Seminar ein museumspädagogisches Angebot für Schüler*innen der GSG Göttingen veranstaltet. Bei dieser Projektarbeit lag der Fokus auf der Evakuierung der Bevölkerung. Wir haben uns zunächst näher mit der Evakuierungsroute auseinandergesetzt: Die Schüler*innen sollten den Verlauf der Route nachvollziehen, indem sie ihn selbst in einer Karte von Leningrad und seinem Umland einzeichnen. Parallel dazu wurde die Route außerdem mit Hilfe einer PowerPointPräsentation verdeutlicht. Unser Fokus lag hier besonders auf der zurückgelegten Entfernung. Vologda und auch Jaroslavl´ befanden sich deutlich weiter entfernt, als die Schüler*innen zunächst vermutet haben. Um die Entfernung für die Jugendlichen nahbarer zu machen, haben wir den Vergleich der Reisedauer, die für die knapp 700km lange Strecke aufgewendet werden mussten, mit der heutigen Fahrtdauer etwa von Hamburg nach München genutzt. Dies sollte auch die Strapazen, Probleme und Gefahren, mit denen die Menschen auf der Strecke der Evakuierung zu kämpfen hatten, verdeutlichen, auf die auch im Folgenden noch eingegangen wurde. Mit gezielten Fragen haben wir die Schüler*innen dazu gebracht, sich mit der Thematik der Evakuierung noch einmal intensiver auseinanderzusetzen und sich so Gedanken darüber zu machen, welche Personengruppen möglicherweise zuerst evakuiert wurden, welche Gefahren und Schwierigkeiten es für die Evakuierten gab und wie die Einstellung der Bevölkerung zur Evakuierung war. Vor Allem dies erwies sich als eine besonders interessante Frage, da hier die Meinung der Schüler*innen gefragt war: Wie hätten sie in einer solchen Situation empfunden. Sie sollten sich vorstellen, sie wären mit ihrer Familie in der Position, dass sie aus einer belagerten Stadt evakuiert werden sollten. Die Einschätzungen der Jugendlichen gingen hier deutlich auseinander: Einige meinten, sie würde nicht weggehen wollen, da sie ihre Freunde und ihre gewohnte Umgebung nicht zurücklassen wollten, wohingegen andere doch der Ansicht waren, dass sie, wenn es um ihr Überleben ginge, bestimmt die Evakuierung auf sich genommen hätten. Hier war interessant zu sehen, wie die Schüler*innen ihr persönliches psychisches Glück durch Familie, Freunde und Heimat nicht unbedingt für physische Gesundheit aufgeben wollten.

Wie verlief die Arbeit mit den Schüler*innen?

Die Vorbereitungen zu unserer Projektarbeit stellten uns vor das Problem, dass man den Vorgang einer Evakuierung nicht direkt erlebbar machen kann. Bei dieser Thematik bot sich aus unseren Augen wenig Möglichkeit für ein richtig spannendes museumspädagogisches Angebot. Dennoch konnte schließlich durch die Arbeit mit Hilfe der Landkarte, wo die Schüler*innen tatsächlich konkret etwas erarbeiten sollten, und durch die anschließenden Gespräche einiges Wissen über die Evakuierung vermittelt werden. Einige der Karten mit denen die Jugendlichen arbeiteten, sind auch dem Blog angefügt. Bei der Arbeit herrschte eine angenehme Atmosphäre und durch unsere gezielten Fragen und Arbeitsanweisung verliefen die zwei Arbeitsschritte nach unserer Vorstellung. Wie oben schon zu lesen, entwickelte sich in der ersten Gruppe eine fruchtbare Diskussion darüber, wie man selbst sich in dieser Situation fühlen würde. Aber auch auf die Fragen nach dem ‚Wer‘ und ‚Wie‘ wurde von den Schüler*innen Vermutungen angestellt, die großenteils zutreffend waren. Insgesamt war die Projektarbeit mit den Jugendlichen sehr fruchtbar und die Schüler*innen haben sicherlich etwas mitgenommen.

Literaturhinweise

Ganzenmüller, Jörg (2005): Das belagerte Leningrad 1941 – 1944. Die Stadt in den Strategien von Angreifern und Verteidigern. Paderborn u.a. Zur Evakuierung besonders Kap. III, S. 123-165.

Ganzenmüller, Jörg (2005): Nebenkriegsschauplatz der Erinnerung. Die Blockade Leningrads im Gedächtnis der Deutschen. In: OSTEUROPA 55 (4 -6/2005), S. 135–147.

Ganzenmüller, Jörg (2014): Hungerpolitik als Problemlösestrategie. Der Entscheidungsprozess zur Blockade Leningrads und zur Vernichtung seiner Zivilbevölkerung. In: Babette Quinkert und Jörg Morré (Hg.): Deutsche Besatzung in der Sowjetunion 1941 – 1944. Vernichtungskrieg – Reaktionen – Erinnerung, S. 34–53.

Jäniche, Güner u.a. (1992): Blockade Leningrad 1941 – 1944. Dokumente und Essays von Russen und Deutschen. Reinbek bei Hamburg.

https://www.deutschlandfunk.de/zweiter-weltkrieg-als-die-blockade-von-leningrad-begann.724.de.html?dram:article_id=365371