Beitrag der Gruppe ,,Alltag“ zur Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Leningrader Blockade (1941-1944)

von Maximilian Steffen und Thomas Vangehle

Knapp 900 Tage – so lange dauerte die Einschließung der Stadt Leningrad durch deutsche Heerestruppen. Eine lange Zeit von fast 3 Jahren also – vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 – in der die Bevölkerung Hunger, Kälte und Bombenangriffen ausgesetzt war. Die Leningrader Blockade zählt zu den größten, wenngleich auch eher unbekannten Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkriegs. Am 8. September 1941 wurde die Stadt endgültig eingeschlossen, mit diesem Tag begann der Kampf der Bevölkerung um das Überleben, der deutsche Befehl lautete nämlich, die Stadt solle ausgehungert, nicht eingenommen werden. Die Lebensmittel wurden knapper und knapper, auch die Versorgung mit Feuerholz oder Heizöl wurde schlechter, was bei Temperaturen von bis zu -40°C ebenfalls zu einem großen Problem wurde.

Das Radio Leningrad – Symbol für Widerstand und Alltag in einer belagerten Stadt

Im Folgenden wird aus der Perspektive der Themengruppe Alltag über die Begehung des 75. Jahrestages der Leningrader Blockade im Rahmen einer Ausstellung vom 28.01.2019 in der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen berichtet. Nach einer Einführung in Erinnerung an dieses historische Ereignis wird das museumspädagogische Angebot der Themengruppe resümiert. Im Zentrum standen hierbei die Rolle und Bedeutung des Leningrader Radios für die eingeschlossene Zivilbevölkerung.

Zum 75. Jahrestag der Blockade Leningrads     
Am 28.01.2019 jährte sich die Befreiung der sowjetischen Stadt Leningrad (heute Sankt Petersburg) von der 900-tägigen Belagerung durch Truppen der deutschen Wehrmacht und finnischen Armee zum 75. Mal. Anlässlich dieses Jahrestages hatten die SchülerInnen der Klassenstufe 10 der Geschwister-Scholl-Gesamtschule Göttingen die Möglichkeit, die Ausstellung ”Niemand ist vergessen und nichts ist vergessen! Никто не забыт и ничто не забыто!” von Überlebenden der Blockade im Foyer der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen zu besichtigen. Wir, Studierende der Fachrichtung Geschichte, haben uns mit verschiedenen Teilaspekten der Belagerung Leningrads auseinandergesetzt und diese für die SchülerInnen pädagogisch aufbereitet. Im Folgenden wollen wir als Expertengruppe Alltag vorstellen, was wir gemeinsam mit den Schülergruppen zum Thema Blockadealltag erarbeitet haben.

Die Themengruppe Alltag  
Im Kontext der Alltagsgeschichte gibt es verschiedene Möglichkeiten, um die Lebenswelt der historischen Akteure auf einer Mikroebene zu untersuchen. Wir haben uns innerhalb der Gruppe dafür entschieden, uns mit der Rolle des Radio Leningrad für die Zivilbevölkerung auseinanderzusetzen. Das Radio hatte im Gegensatz zu anderen öffentlichen Institutionen und sowohl unter dem stetigen Artilleriebeschuss der Wehrmacht als auch den verheerenden Folgen der prekären Versorgungslage über den gesamten Zeitraum der Blockade Bestand. Im weiteren Kriegsverlauf wurden seine Sendungsinhalte sogar landesweit ausgestrahlt.      
Die Zeitzeugin Lia Sorina – Überlebende der Blockade und Mitverantwortliche für die Ausstellung – berichtete uns vom sogenannten Leningrader Metronom. Dieses begann jeden Tag um Punkt 6 Uhr morgens zu ticken und mittels großer Lautsprecher wurde so die ganze Stadt beschallt. Das Leningrader Metronom wurde schnell zu einem Symbol für das Überleben und Fortbestehen der belagerten Stadt. Abgesehen davon erfüllte das Radio noch andere überlebenswichtige Funktionen, über die wir ebenfalls im Folgenden berichten wollen.

Das Leningrader Metronom          
Nach einem Rundgang durch die Ausstellung empfingen wir die erste Schülergruppe im Kulturwissenschaftlichen Zentrum (KWZ) der Universität. Nachdem sich alle im Raum zurechtgefunden hatten und der Lautstärkepegel zunehmend herunterfuhr, haben wir die Möglichkeit genutzt, um die Aufmerksamkeit der SchülerInnen auf ein Video zu lenken. Dieses bestand aus diversen Bildern, die während der Blockadezeit aufgenommen wurden und zahlreiche unterschiedliche Situationen aus dem Alltag der Stadt visuell dokumentierten. Akustisch untermalt wurden diese Bilder vom monotonen Ticken des Leningrader Metronoms. Die SchülerInnen standen nun vor der Aufgabe, das tickende Geräusch zu interpretieren. Beispielhafte Antworten waren „Das hört sich an wie ein Hämmern“ oder „wie jemand, der auf etwas draufschlägt“, doch kamen die Befragten schnell zu der Erkenntnis, dass es sich um ein Metronom handle. In der Folge haben wir im Plenum die symbolische Bedeutung des Metronoms für die Bevölkerung erörtert. So wurde das Ticken etwa mit einem pulsierenden Herzen verglichen und wegen seiner Beständigkeit auf den Durchhaltewillen der eingeschlossenen Menschen hingewiesen.       
Nach dem Einstieg und der Diskussion haben wir Kopien des folgenden Zitates von Frau Sorina über das Leningrader Radio verteilt und gemeinsam gelesen.

Zunächst wurden über das Radio Bombenangriffe angesagt… und das Ende vom Luftalarm. Zweitens, übermittelte das Radio verschiedene Sendungen, Musik, man las Gedichte – unsere Poeten – und sie luden dorthin verschiedene Leute ein – von der Front. Das alles wurde über das Radio weitergegeben.

Wir hatten so einen… so einen… das nannte sich “schwarzer Teller”, so ein großer. Das war ein Lautsprecher… [lange Pause] den schalteten sie an, er begann um sechs Uhr morgens zu laufen… und es lief das sogenannte Leningrader Metronom, [Stimmwechsel, leise, bedächtig] es schlug im Sekundentakt… [lange Pause] Das heißt, solange das Metronom schlägt, gibt es auch Leben.


Zeitzeugin Sorina über das Radio Leningrad 

Die nächste Aufgabe war folglich, anhand der Aussagen von Frau Sorina festzustellen, welche weiteren überlebenswichtigen Funktionen das Radio innehatte. An dieser Stelle haben wir ebenfalls die Ideen und Antworten der SchülerInnen im Plenum gesammelt und diskutiert. Hierbei konnten wir uns über eine sehr aktive Teilnahme der SchülerInnen freuen und gemeinsam diverse Punkte ausarbeiten. So wurden weitere Aspekte wie der Bombenalarm, die Musik und Poesie sowie die Vernetzung zwischen den Menschen über das Radio thematisiert. Die SchülerInnen erkannten, dass sich das Radio in dieser Ausnahmesituation vor allem darin auszeichnete, dass es mittels seiner Beständigkeit und Sendungsinhalte einen vorkriegsähnlichen Alltag für die Menschen simulierte.

Tauschhandel im belagerten Leningrad  
Zum Abschluss unserer Präsentation wollten wir das Augenmerk auf ein weiteres Element des Blockadealltags richten: den florierenden Tauschhandel auf dem Schwarzmarkt. Diesbezüglich arbeiteten wir ein weiteres Mal mit einer historischen Quelle; es wurde den SchülerInnen die Tauschannonce der Frau Gladkova präsentiert.

Ich tausche für Essen:

1. Goldene Armringe

2. Material für einen Rock (dunkelblaue Wolle)

3. Herrenschuhe, gelb. […]

4. Kessel. Kohlebefeuerter Samowar

5. FED-Kamera

6. Handbohrer

Des Weiteren sind zu verkaufen:

Eine Feinstich-Nähmaschine (Singer Modell 72), ein Barometer und ein Schaukelstuhl.

Zu erwerben bei:

Gladkova,

Dzerzhinsky Straße 17, Appartment 91.

Von 11 bis 16 Uhr.  


[1] BIDLACK, Richard u. LOMAGIN, Nikita, The Leningrad Blockade 1941-44. A New Documentary History from the Soviet Archives, New Haven u. London 2012, S. 303.

Im Zuge der Auseinandersetzung mit den Gegenständen, die Frau Gladkova für Essen bereit gewesen war einzutauschen, sollte den SchülerInnen erneut ins Gedächtnis gerufen werden, wie prekär die alltägliche Lebensmittelversorgung während der Blockade tatsächlich gewesen sein muss.        

Evaluation
Wir als Studierende haben uns sehr über die Chance und Herausforderung gefreut, unser gesammeltes Wissen innovativ und pädagogisch im Rahmen dieses Gedenktages an die jungen SchülerInnen weiterzugeben. Vor allem für die Lehramtsstudierenden unter uns war dies ein willkommenes Praxiselement im Studienalltag. Die SchülerInnen zeigten sich sehr interessiert am Blockadealltag und konnten ihre eigene Meinung in den Diskussionen miteinbringen. Sie haben zudem erkannt, dass die Geschichte der Leningrader nicht zwingend als ein Opfernarrativ erzählt werden muss. Vielmehr haben die SchülerInnen die Leningrader als aktive historische Akteure wahrgenommen. Wir hoffen, dass sich der eine oder die andere SchülerIn möglicherweise näher mit dem Thema der Leningrader Blockade beschäftigen möchte oder aber zumindest alle TeilnehmerInnen einen Einblick in die Themen des Blockadealltags gewonnen haben.