Szabó Magda – zwischen Unterdrückung, Unverständnis und Unachtsamkeit

Ein Beitrag von Kristina Dabernig

Mit ihrem Roman Az ajtó (Hinter der Tür) erlangte die bekannte ungarische Autorin Szabó Magda im deutschsprachigen Raum Berühmtheit. Bereits mit 10 Jahren verfasste sie ihren ersten Roman. In diesem spielten die Motive des Todes und der Trauer bereits eine entscheidende Rolle. Szabós Werke sind von echten Lebensgeschichten geprägt, so auch das Werk Az ajtó. Die zwei Protagonistinnen, die Schriftstellerin Magda Sza-bó und deren Haushälterin Szeredás Emerenc, basieren auf Szabó selbst und ihrer Haushälterin Juliska. Mit ihrem Roman Az ajtó schildert Szabó nicht nur autobiografisch ihr Leben, sondern schafft den „selbstklagenden Frauentypus“ in der Literatur. Männer spielen für die Handlung nur eine untergeordnete Rolle.

So wie die Schriftstellerin im Roman, schreibt auch Szabó selbst „sehr viel für die Schublade“. Szabó promovierte mit 22 Jahren, war viele Jahre als Lehrerin tätig und kurze Zeit arbeitete sie im Ministerium für Religion und Bildung. Sie vertrat nicht den politischen Kurs in Ungarn und so wurde sie aus dem Ministerium entlassen. Wegen ihrer Einstellung dem politischen Regime gegenüber erhielt sie bis einschließlich 1958 Publikationsverbot, sodass ihre Texte vorerst in der Schublade blieben. Diese Tatsache hielt Szabó allerdings nicht davon ab zu schreiben. Sie schrieb, um ihre Erfahrungen zu verarbeiten. In Az ajtó könnte man sogar von einer Rechtfertigung und Verteidigung ihrer Entscheidungen sprechen. Darin beschreibt Szabó das Verhältnis zwischen der beiden Frauen Emerenc und Magda als einfühlsam und mitfühlend, aber gleichzeitig als zurückweisend. Es entsteht ein Mutter-Tochter-Verhältnis, das seinen Höhepunkt erreicht, als Emerenc Magda Magduska nennt. Emerenc versucht, Magda ihre Liebe und Zuneigung so gut wie möglich zu zeigen, doch Magda interpretiert die Gesten falsch. Der Roman endet mit dem Verrat Magdas an Emerenc, als Magda die Tür zu Emerenc Wohnung aufbrechen lässt. Diese Tat kann durch Worte nicht gut gemacht werden, weil es im Leben auf Taten ankommt und nicht auf Worte. Erst nach dem Tod Emerenc‘ erkennt Magda, wie sehr Emerenc sie geliebt hat.

Wie bereits der Titel sagt, ist die Tür ein wichtiges Motiv des Romans. Niemand außer Magda darf durch die Tür in Emerenc‘ Wohnung eindringen. Die Tür wird zur symbolischen Grenze der persönlichen Selbstbestimmung. Die Türschwelle ist das Bindeglied. Indem man die Tür öffnet, dringt man in Emerenc‘ Welt ein. Emerenc‘ höchster Wunsch ist es, ihre Welt zu schützen. Szabó stellt die Verletzlichkeit der Gefühle Emerenc‘ bzw. des Menschen dar, wenn die Tür, die den Eingang zu unseren Erinnerungen und Erlebnissen symbolisiert, unerlaubt aufgestoßen und in den nur uns gehörenden Raum eingedrungen wird.

Kölcsönös kötődésünk olyan, majdnem meghatározhatatlan eredők eredménye volt, mint a szerelem, holott rengeteg engedményt kellett vállalnunk ahhoz, hogy elfogadjuk egymást. Emerenc szemében minden nem kézzel, testi erővel végzett munka naplopás volt, majdnem szemfényvesztés, én mindig elismertem a test teljesítményét, de nem éreztem a szelleminél rangosabbnak, erről a személyi kultusz esztendei akkor is leszoktattak volna, ha életem folyamán bármikor is túl nagy hatással lett volna rám a gionói sugárzás. Világom talapzatát könyvek alkották, az én mértékegységem a betű volt, de nem éreztem egyedül üdvözítőnek, mint az öregasszony a maga mércéjét[1]

Quellen

Primärliteratur:

Szabó, Magda (2016) Az ajtó. Jaffa Kiadó. (eKönyv)

Szabó, Magda (20195) Hinter der Tür. Aus dem Ungarischen von Hans-Henning Paetzke. Frankfurt am Main und Leipzig: Suhrkamp.

Sekundärliteratur:

Istvanits, Kerstin (2010) Titel der Diplomarbeit: „Die Jugendromane von Szabó Magda – Álarcosbál (Maskenball) & Abigél (Abigail)“. Wien: Universität Wien.

Leibermann, Doris (2017) Vor 100 Jahren geboren – Die ungarische Schriftstellerin Magda Szabó. Köln und Berlin: Deutschlandrundfunk. (Zugegriffen am 20.05.2020: https://www.deutschlandfunk.de/vor-100-jahren-geboren-die-ungarische-schriftstellerin.871.de.html?dram:article_id=397399.)

Bildquelle: Pixabay und Kristina Dabernig


[1] Unsere wechselseitige Zuneigung war fast so etwas wie Liebe, obwohl wir enorm viele Zugeständnisse machen mußten, um uns gegenseitig zu akzeptieren. Jede Arbeit, die nicht mit den Händen und dem Einsatz körperlicher Kraft verbunden war, kam Emerenc wie Nichtstun vor, ja sogar wie ein Schwindel. Ich meinerseits habe die Leistung körperlicher Arbeit immer anerkannt, konnte sie aber gegenüber geistiger Tätigkeit nie als höherwertig begreifen. Selbst wenn ich im Verlauf meines Lebens gar zu sehr unter den Einfluß vorhandener Rotlichtbestrahlung geraten wäre, hätten mich die Jahre des Personenkults eines Besseren belehrt. Bücher waren das Fundament meiner Welt, Buchstaben waren meine Maßeinheit, doch empfand ich sie keineswegs als alleinseligmachend, wie für die alte Frau die eigene Vorstellung vom Leben das Maß aller Dinge war. (S. 125)

Andrus Kivirähk – von Hunden, Riesen und Schlangen in der estnischen Literatur

Der wohl bekannteste und meistübersetzte estnische Schriftsteller der letzten Jahre heißt Andrus Kivirähk (*1970). Er studierte Journalismus an der Universität Tartu und schreibt wöchentliche Kolumnen für die Zeitung Eesti Päevaleht.

Kivirähk ist ein vielseitiger Schriftsteller, der in nahezu jedem Genre Zuhause ist. Er schreibt Romane und Kurzgeschichten, Dramen und Kinderbücher und erfreut sich nicht nur in Estland großer Beliebtheit. Zu seinen erfolgreichsten Romanen zählen Rehepapp ehk November (z. Dt. Der Scheunenvogt oder November, 2000), und Mees, kes teadis ussisõnu (Der Mann, der mit Schlangen sprach, 2007, auf Deutsch 2017). Bereits sein erster Roman, Ivan Orava mälestused (Die Memoiren des Ivan Orav, 1995), verkaufte sich in seinem Heimatland in großer Zahl.

Seine Karriere nahm schon zu Schulzeiten ihren Anfang, denn er schrieb bereits 1984 für die satirische Zeitung Pikker (Gewitter) und die Satire ist es auch, die sich in seinem Werk immer und immer wieder findet. Kivirähk spielt mit dem Patriotismus der Esten und mit nationalen Mythen, bedient sich in seinen Texten aber auch fantastischer Elemente und der Folklore oder lässt Gott und Teufel auftreten. Den Riesen Suur Tõll aus der estnischen Mythologie erweckt Kivirähk in einem von Jüri Arrak illustrierten Buch zum Leben.

Sein wohl bekanntester Charakter ist das Hundemädchen Lotte, das die Protagonistin der gleichnamigen Kinderbuchreihe ist. Lotte ist eine aufgeweckte Person, die neugierig und mit offenen Augen durch die Welt geht. Sie lebt in Leiutajateküla, dem Erfinderdorf, und die Abenteuer, die sie mit ihrer Familie und ihren Freunden erlebt, gibt es mittlerweile sogar als Animationsfilme.

Der Titel Der Mann, der mit Schlangen sprach ist Kivirähks aktueller Roman und er wurde bereits in eine Vielzahl an Sprachen übersetzt. Er erzählt die Geschichte des jungen Leemet, der als letzter die Sprache der Schlangen beherrscht. Leemet lebt im Wald und als dieser von den Dorfbewohnern bedroht wird, ist es an ihm, seine fantastische Welt mit der Hilfe eines Drachen zu retten.

Kõik ülejäänud olid leidnud huvitavamat tegevust, nemad elasid juba uues maailmas, kus Põhja Konn oli vaid tegelane iidsest muinasjutust, mida vanaemad õhtuti vokki tallates pajatasid.

Alle anderen hatten eine interessante Tätigkeit gefunden, sie lebten schon in der neuen Welt, in der der Nordlanddrache nur eine Figur aus einem uralten Märchen war, das die Großmütter abends beim Betätigen des Spinnrads erzählten.

Kivirähk, Andrus. 2007. Mees, kes teadis ussisõnu. Tallinn. Varrak. S. 379
Übersetzung: Cornelius Hasselblatt, in: Kivirähk, Andrus. 2017. Der Mann, der mit Schlangen sprach. Stuttgart. Klett-Cotta. S. 459

Quellen:
http://www.estlit.ee/elis/?cmd=writer&id=09854
https://www.klett-cotta.de/buch/Weitere_Autoren/Der_Mann_der_mit_Schlangen_sprach/79959
Hasselblatt, Cornelius. 2006. Geschichte der estnischen Literatur. Berlin/New York. Walter de Gruyter. 761-764.

Kivirähk, Andrus. 2006. Leiutajateküla Lotte. o. O. Eesti Päevaleht.
Kivirähk, Andrus. 2007. Mees, kes teadis ussisõnu. Tallinn. Varrak.
Kivirähk, Andrus. 2014. Suur Tõll. Tallinn. Varrak.
Kivirähk, Andrus. 2017. Der Mann, der mit Schlangen sprach. Stuttgart. Klett-Cotta.

Bildquelle: Photo by Timothy Dykes on Unsplash

Schrill, bunt, auffällig – Rosa Liksom

Die finnische Künstlerin Rosa Liksom wurde am 07.01.1958 in Ylitornio im Norden Finnlands unter dem Namen Anni Ylävaara geboren. Sie ist nicht nur als Autorin tätig, sondern auch als Regisseurin, Malerin oder Fotografin. Liksoms Repertoire ist vielseitig – genauso wie ihre Literatur: Sie schreibt Kurzgeschichten und Dramen, Kinderbücher, Comics und Romane. 1985 debütierte sie mit Kurzgeschichten. Ihr erster Roman, Crazeland (Original: Kreisland), erschien in Finnland 1996, auf Deutsch nur drei Jahre später. Ihre Werke sind in eine Vielzahl von Sprachen übersetzt worden und werden in ihrem Heimatland regelmäßig zu Bestsellern. Für ihren Roman Abteil Nr. 6 (Original: Hytti nro 6) wurde sie 2011 mit Finnlands wichtigstem Buchpreis ausgezeichnet – dem Finlandia-Preis.

Liksom studierte unter anderem Anthropologie in Helsinki, Kopenhagen und Moskau, lebte auch in Amerika. Ihre Texte schreibt sie auf Finnisch und Meänkieli und die Themen variieren. Mal schreibt sie über das Leben in der Stadt oder die Einsamkeit auf dem Land, mal über die Suche nach sich selbst. So auch in ihrem Roman Abteil Nr. 6, in dem eine junge finnische Frau eine Reise mit dem Zug durch ganz Russland bis in die Mongolei unternimmt und hofft, dort Abstand von ihrem jetzigen Leben zu gewinnen. Dabei lernt sie nicht nur ihren Reisegefährten, einen russischen Mann mittleren Alters, kennen, sondern erfährt auch, wie vielschichtig die russische Seele ist.

In der Rede zur Preisverleihung des Finlandie-Preises heißt es:

Hytti nro 6 on äärettömin tiivis, runollinen ja monikerroksinen kuvaus junamatkasta läpi Venäjän. […] Tytön sisäinen kaaos rinnastuu hajoavaan maisemaan, hajoavaan kulttuuriin, hajoavaan Neuvostoliittoon.

Abteil Nr. 6 ist eine grenzenlos dichte, lyrische und vielschichtige Beschreibung einer Zugreise durch Russland. […] Das innere Chaos des Mädchens wird gleichgesetzt mit der sich auflösenden Landschaft, der zerbrechenden Kultur, der zerfallenden Sowjetunion.

Pekka Milonoff, Theaterregisseur
https://kirjasaatio.fi/files/output/5965/kaunokirjallisuuden-finlandia-vanhat-puheet-ja-perustelut.pdf

Im Februar 2020 gewann Liksom den Nordic Prize der Schwedischen Akademie. Liksoms aktueller Roman, Die Frau des Obersts (Original: Everstinna) von 2017, thematisiert Liebe und Ideologie zur Zeit des zweiten Weltkriegs in Nordfinnland.

Quellen:
https://www.kirjasampo.fi/fi/kulsa/kauno%253Aperson_123272667043852
http://www.rosaliksom.com/
https://www.svenskaakademien.se/en/press/the-swedish-academys-nordic-prize-for-2020
https://finnland-institut.de/events/rosa-liksom-felleshus
Liksom, Rosa. 2013. Abteil Nr. 6. München. Deutsche Verlags-Anstalt.

Bildquelle: Photo by Alexander Popov on Unsplash