Andrus Kivirähk – von Hunden, Riesen und Schlangen in der estnischen Literatur

Der wohl bekannteste und meistübersetzte estnische Schriftsteller der letzten Jahre heißt Andrus Kivirähk (*1970). Er studierte Journalismus an der Universität Tartu und schreibt wöchentliche Kolumnen für die Zeitung Eesti Päevaleht.

Kivirähk ist ein vielseitiger Schriftsteller, der in nahezu jedem Genre Zuhause ist. Er schreibt Romane und Kurzgeschichten, Dramen und Kinderbücher und erfreut sich nicht nur in Estland großer Beliebtheit. Zu seinen erfolgreichsten Romanen zählen Rehepapp ehk November (z. Dt. Der Scheunenvogt oder November, 2000), und Mees, kes teadis ussisõnu (Der Mann, der mit Schlangen sprach, 2007, auf Deutsch 2017). Bereits sein erster Roman, Ivan Orava mälestused (Die Memoiren des Ivan Orav, 1995), verkaufte sich in seinem Heimatland in großer Zahl.

Seine Karriere nahm schon zu Schulzeiten ihren Anfang, denn er schrieb bereits 1984 für die satirische Zeitung Pikker (Gewitter) und die Satire ist es auch, die sich in seinem Werk immer und immer wieder findet. Kivirähk spielt mit dem Patriotismus der Esten und mit nationalen Mythen, bedient sich in seinen Texten aber auch fantastischer Elemente und der Folklore oder lässt Gott und Teufel auftreten. Den Riesen Suur Tõll aus der estnischen Mythologie erweckt Kivirähk in einem von Jüri Arrak illustrierten Buch zum Leben.

Sein wohl bekanntester Charakter ist das Hundemädchen Lotte, das die Protagonistin der gleichnamigen Kinderbuchreihe ist. Lotte ist eine aufgeweckte Person, die neugierig und mit offenen Augen durch die Welt geht. Sie lebt in Leiutajateküla, dem Erfinderdorf, und die Abenteuer, die sie mit ihrer Familie und ihren Freunden erlebt, gibt es mittlerweile sogar als Animationsfilme.

Der Titel Der Mann, der mit Schlangen sprach ist Kivirähks aktueller Roman und er wurde bereits in eine Vielzahl an Sprachen übersetzt. Er erzählt die Geschichte des jungen Leemet, der als letzter die Sprache der Schlangen beherrscht. Leemet lebt im Wald und als dieser von den Dorfbewohnern bedroht wird, ist es an ihm, seine fantastische Welt mit der Hilfe eines Drachen zu retten.

Kõik ülejäänud olid leidnud huvitavamat tegevust, nemad elasid juba uues maailmas, kus Põhja Konn oli vaid tegelane iidsest muinasjutust, mida vanaemad õhtuti vokki tallates pajatasid.

Alle anderen hatten eine interessante Tätigkeit gefunden, sie lebten schon in der neuen Welt, in der der Nordlanddrache nur eine Figur aus einem uralten Märchen war, das die Großmütter abends beim Betätigen des Spinnrads erzählten.

Kivirähk, Andrus. 2007. Mees, kes teadis ussisõnu. Tallinn. Varrak. S. 379
Übersetzung: Cornelius Hasselblatt, in: Kivirähk, Andrus. 2017. Der Mann, der mit Schlangen sprach. Stuttgart. Klett-Cotta. S. 459

Quellen:
http://www.estlit.ee/elis/?cmd=writer&id=09854
https://www.klett-cotta.de/buch/Weitere_Autoren/Der_Mann_der_mit_Schlangen_sprach/79959
Hasselblatt, Cornelius. 2006. Geschichte der estnischen Literatur. Berlin/New York. Walter de Gruyter. 761-764.

Kivirähk, Andrus. 2006. Leiutajateküla Lotte. o. O. Eesti Päevaleht.
Kivirähk, Andrus. 2007. Mees, kes teadis ussisõnu. Tallinn. Varrak.
Kivirähk, Andrus. 2014. Suur Tõll. Tallinn. Varrak.
Kivirähk, Andrus. 2017. Der Mann, der mit Schlangen sprach. Stuttgart. Klett-Cotta.

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Schrill, bunt, auffällig – Rosa Liksom

Die finnische Künstlerin Rosa Liksom wurde am 07.01.1958 in Ylitornio im Norden Finnlands unter dem Namen Anni Ylävaara geboren. Sie ist nicht nur als Autorin tätig, sondern auch als Regisseurin, Malerin oder Fotografin. Liksoms Repertoire ist vielseitig – genauso wie ihre Literatur: Sie schreibt Kurzgeschichten und Dramen, Kinderbücher, Comics und Romane. 1985 debütierte sie mit Kurzgeschichten. Ihr erster Roman, Crazeland (Original: Kreisland), erschien in Finnland 1996, auf Deutsch nur drei Jahre später. Ihre Werke sind in eine Vielzahl von Sprachen übersetzt worden und werden in ihrem Heimatland regelmäßig zu Bestsellern. Für ihren Roman Abteil Nr. 6 (Original: Hytti nro 6) wurde sie 2011 mit Finnlands wichtigstem Buchpreis ausgezeichnet – dem Finlandia-Preis.

Liksom studierte unter anderem Anthropologie in Helsinki, Kopenhagen und Moskau, lebte auch in Amerika. Ihre Texte schreibt sie auf Finnisch und Meänkieli und die Themen variieren. Mal schreibt sie über das Leben in der Stadt oder die Einsamkeit auf dem Land, mal über die Suche nach sich selbst. So auch in ihrem Roman Abteil Nr. 6, in dem eine junge finnische Frau eine Reise mit dem Zug durch ganz Russland bis in die Mongolei unternimmt und hofft, dort Abstand von ihrem jetzigen Leben zu gewinnen. Dabei lernt sie nicht nur ihren Reisegefährten, einen russischen Mann mittleren Alters, kennen, sondern erfährt auch, wie vielschichtig die russische Seele ist.

In der Rede zur Preisverleihung des Finlandie-Preises heißt es:

Hytti nro 6 on äärettömin tiivis, runollinen ja monikerroksinen kuvaus junamatkasta läpi Venäjän. […] Tytön sisäinen kaaos rinnastuu hajoavaan maisemaan, hajoavaan kulttuuriin, hajoavaan Neuvostoliittoon.

Abteil Nr. 6 ist eine grenzenlos dichte, lyrische und vielschichtige Beschreibung einer Zugreise durch Russland. […] Das innere Chaos des Mädchens wird gleichgesetzt mit der sich auflösenden Landschaft, der zerbrechenden Kultur, der zerfallenden Sowjetunion.

Pekka Milonoff, Theaterregisseur
https://kirjasaatio.fi/files/output/5965/kaunokirjallisuuden-finlandia-vanhat-puheet-ja-perustelut.pdf

Im Februar 2020 gewann Liksom den Nordic Prize der Schwedischen Akademie. Liksoms aktueller Roman, Die Frau des Obersts (Original: Everstinna) von 2017, thematisiert Liebe und Ideologie zur Zeit des zweiten Weltkriegs in Nordfinnland.

Quellen:
https://www.kirjasampo.fi/fi/kulsa/kauno%253Aperson_123272667043852
http://www.rosaliksom.com/
https://www.svenskaakademien.se/en/press/the-swedish-academys-nordic-prize-for-2020
https://finnland-institut.de/events/rosa-liksom-felleshus
Liksom, Rosa. 2013. Abteil Nr. 6. München. Deutsche Verlags-Anstalt.

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