Andrus Kivirähk – von Hunden, Riesen und Schlangen in der estnischen Literatur

Der wohl bekannteste und meistübersetzte estnische Schriftsteller der letzten Jahre heißt Andrus Kivirähk (*1970). Er studierte Journalismus an der Universität Tartu und schreibt wöchentliche Kolumnen für die Zeitung Eesti Päevaleht.

Kivirähk ist ein vielseitiger Schriftsteller, der in nahezu jedem Genre Zuhause ist. Er schreibt Romane und Kurzgeschichten, Dramen und Kinderbücher und erfreut sich nicht nur in Estland großer Beliebtheit. Zu seinen erfolgreichsten Romanen zählen Rehepapp ehk November (z. Dt. Der Scheunenvogt oder November, 2000), und Mees, kes teadis ussisõnu (Der Mann, der mit Schlangen sprach, 2007, auf Deutsch 2017). Bereits sein erster Roman, Ivan Orava mälestused (Die Memoiren des Ivan Orav, 1995), verkaufte sich in seinem Heimatland in großer Zahl.

Seine Karriere nahm schon zu Schulzeiten ihren Anfang, denn er schrieb bereits 1984 für die satirische Zeitung Pikker (Gewitter) und die Satire ist es auch, die sich in seinem Werk immer und immer wieder findet. Kivirähk spielt mit dem Patriotismus der Esten und mit nationalen Mythen, bedient sich in seinen Texten aber auch fantastischer Elemente und der Folklore oder lässt Gott und Teufel auftreten. Den Riesen Suur Tõll aus der estnischen Mythologie erweckt Kivirähk in einem von Jüri Arrak illustrierten Buch zum Leben.

Sein wohl bekanntester Charakter ist das Hundemädchen Lotte, das die Protagonistin der gleichnamigen Kinderbuchreihe ist. Lotte ist eine aufgeweckte Person, die neugierig und mit offenen Augen durch die Welt geht. Sie lebt in Leiutajateküla, dem Erfinderdorf, und die Abenteuer, die sie mit ihrer Familie und ihren Freunden erlebt, gibt es mittlerweile sogar als Animationsfilme.

Der Titel Der Mann, der mit Schlangen sprach ist Kivirähks aktueller Roman und er wurde bereits in eine Vielzahl an Sprachen übersetzt. Er erzählt die Geschichte des jungen Leemet, der als letzter die Sprache der Schlangen beherrscht. Leemet lebt im Wald und als dieser von den Dorfbewohnern bedroht wird, ist es an ihm, seine fantastische Welt mit der Hilfe eines Drachen zu retten.

Kõik ülejäänud olid leidnud huvitavamat tegevust, nemad elasid juba uues maailmas, kus Põhja Konn oli vaid tegelane iidsest muinasjutust, mida vanaemad õhtuti vokki tallates pajatasid.

Alle anderen hatten eine interessante Tätigkeit gefunden, sie lebten schon in der neuen Welt, in der der Nordlanddrache nur eine Figur aus einem uralten Märchen war, das die Großmütter abends beim Betätigen des Spinnrads erzählten.

Kivirähk, Andrus. 2007. Mees, kes teadis ussisõnu. Tallinn. Varrak. S. 379
Übersetzung: Cornelius Hasselblatt, in: Kivirähk, Andrus. 2017. Der Mann, der mit Schlangen sprach. Stuttgart. Klett-Cotta. S. 459

Quellen:
http://www.estlit.ee/elis/?cmd=writer&id=09854
https://www.klett-cotta.de/buch/Weitere_Autoren/Der_Mann_der_mit_Schlangen_sprach/79959
Hasselblatt, Cornelius. 2006. Geschichte der estnischen Literatur. Berlin/New York. Walter de Gruyter. 761-764.

Kivirähk, Andrus. 2006. Leiutajateküla Lotte. o. O. Eesti Päevaleht.
Kivirähk, Andrus. 2007. Mees, kes teadis ussisõnu. Tallinn. Varrak.
Kivirähk, Andrus. 2014. Suur Tõll. Tallinn. Varrak.
Kivirähk, Andrus. 2017. Der Mann, der mit Schlangen sprach. Stuttgart. Klett-Cotta.

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Von unglücklichen Männern, Typenhäusern und davon, wie “Der Pate” nach Finnland kam

All diese Dinge finden sich in Kari Hotakainens Werken. Der Schriftsteller wurde 1957 in Pori geboren und ist einer der erfolgreichsten finnischen Autoren auf dem Gebiet der Männerliteratur. Neben Romanen schreibt er Kinder- und Jugendliteratur, Biographien, Gedichte und Theaterstücke. Seine Werke wurden mitunter sogar verfilmt. Hotakainens bisher größte Erfolge waren wohl der Finlandia-Preis im Jahr 2002 und der Literaturpreis des Nordischen Rates im Jahr 2004, die er beide für den Roman Aus dem Leben eines unglücklichen Mannes (Original: Juoksuhaudantie, z. Dt. Schützengrabenstraße) bekam.

In Helsinki, wo Hotakainen seit 1986 lebt, studierte er finnische Literatur. Die Hauptstadt ist zudem meist der Spielort seiner Romane, kommen seine Figuren doch immer aus dem städtischen Millieu. Hotakainens Protagonisten sind meist männlich, ihr Leben verändert sich nach einem schicksalhaften Wendepunkt stark. Sie sind gescheiterte Existenzen, die ihren Platz in der Welt suchen, aber dabei häufig an ihre Grenzen stoßen.

In Hotakainens wohl erfolgreichstem Roman Juoksuhaudantie wird der Hauptcharakter Matti Virtanen nach einem Ausraster von seiner Frau verlassen. Er setzt sich in den Kopf, sie und die gemeinsame Tochter zurückzugewinnen, indem er ihr das Haus besorgt, das sie sich immer gewünscht hat: ein Typenhaus.* Die Suche nach dem perfekten Heim wird jedoch zur Besessenheit und Matti selbst merkt nicht, wie sehr er sich immer mehr von der Wirklichkeit und dem richtigen Leben entfremdet. Für ihn zählt nur noch das perfekte Haus, weil es ein Symbol für die heile Welt ist, in der die Familie wieder zusammenkommt.

Etwa 20 Jahre früher spielt Hotakainens Roman Sydänkohtauksia, eli, Kuinka tehtiin kummisetä (Lieblingsszenen) von 1999. Dieser Roman erzählt die Geschichte des arbeitslosen Familienvaters Raimo, einem begeisternten Fernsehzuschauer mit einer Vorliebe für Filme, in denen Waffengewalt an der Tagesordnung ist und nicht viel geredet wird. Er will die Gelegenheit am Schopf packen, den großen Filmgrößen ganz nah zu kommen, als der Film Der Pate plötzlich in Finnland gedreht wird. Raimo ernennt sich selbst ungefragt zum Berater der Filmcrew und stürzt damit nicht nur das Set, sondern auch sein eigenes Lebens ins Chaos.

Finden Hotakainens Romane ein versöhnliches Ende und die Protagonisten ihr Glück? Diese Beurteilung bleibt dem Leser selbst überlassen. Nur so viel sei gesagt: Der Pate wird gedreht und Matti findet das perfekte Haus. Aber zu welchem Preis?

*Typenhäuser (fi. tyyppitalo) sind Häuser, die gleich aussehen und nach einem bestimmten Muster gebaut sind. Im konkreten Fall des Charakters Matti geht es dabei um das sog. Rintamamiestalo – ein Frontkämpferhaus. Die Baupläne für diese Häuser wurden Kriegveteranen nach dem 2. Weltkrieg geschenkt. Sie waren für eine Familie ausgelegt.

Quellen:
https://www.kirjasampo.fi/fi/kulsa/kauno%253Aperson_123175927844363
https://fi.wikipedia.org/wiki/Tyyppitalo#Rintamamiestalo
https://www.kirjasampo.fi/fi/kulsa/kauno%253Aateos_29882
https://www.perlentaucher.de/buch/kari-hotakainen/lieblingsszenen.html

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István Örkény – von der Front auf das Papier

István Örkény gilt im Ausland als einer der wohl bekanntesten und bedeutendsten ungarischen Dramatiker. Der Schriftsteller wurde 1912 in Budapest geboren und studierte Chemie und Pharmazie, ehe er 1942 zum Arbeitsdienst an der russischen Front eingezogen wurde. Nachdem das ungarische Armeekorps geschlagen wurde, kam er in Kriegsgefangenschaft, wo er auch begann, Erlebnisse und Begegnungen mit Mitgefangenen aufzuschreiben. Sie erschienen ab 1947 als Fortsetzungsroman in der Zeitung Neues Ungarn, im gleichen Jahr auch als Buch.
Örkénys schriftstellerisches Debüt war die Erzählung Ringelreihen (1938), sein erster Roman, Eheleute, erschien 1953. Nur drei Jahre später erlegte man ihm ein mehrjähriges Publikationsverbot auf, weil er sich an einer Bewegung kritischer Intelektueller beteiligt hatte. Große Bekanntheit erlangte der Autor erst in den 1960ern als Dramatiker. Örkény starb 1979 in Budapest.

Sein wohl erfolgreichstes Werk sind die Minutennovellen (ung. Egyperces novellák), die 2002 in Übersetzung von Terézia Mora auch auf Deutsch erschienen. Mit diesem Werk schuf er sich eine eigene, neue literarische Gattung – kurze Geschichten, deren Lektüre nicht mehr als eine Minute dauern sollte. Oft wirken diese kleinen Episoden unfertig oder nicht abgeschlossen, aber genau das war Örkénys Intention. Er wollte ein Schlaglicht auf einen Augenblick, einen kurzen Moment werfen und den Leser dazu anregen, die Novelle weiterzudenken, auch wenn er es ihm nicht immer einfach macht: Besonders hervorzuheben ist an den Arbeiten Örkénys, dass er das Absurde liebt und seine Leser mit der grotesken Sichtweise auf das, was er in seinen Texten beschreibt, fordert. Dieses Merkmal zeichnet insbesondere seine Minutennovellen aus, in denen er die Groteske perfektioniert hat.

Aki valamit nem ért, olvassa el újra a kérdéses írást. Ha így sem érti, akkor a novellában a hiba.
Nincsenek buta emberek, csak rossz Egypercesek!

Wenn Sie etwas nicht verstehen, lesen Sie den betreffenden Text erneut. Wenn Sie ihn dann immer noch nicht verstehen, liegt der Fehler in der Novelle.
Es gibt keine dummen Menschen, nur schlechte Minutennovellen.

Használati utasítás (részlet) – In: Válogatott egyperces novellák, Budapest, Palatinus, 2004.

Quellen:
Örkény, István. 2010. Das Lagervolk. Berlin.
Schlosser, Christine. 2009. Zwei Jahrzehnte ungarische Literatur in deutscher Übersetzung. Budapest.
https://www.deutschlandfunk.de/minutennovellen.700.de.html?dram:article_id=80688
http://www.literatur.ungarisches-institut.de/?p=1910
http://orkenyistvan.hu/bekoszono
http://www.mek.oszk.hu/06300/06345/06345.htm#1

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Jaan Kross

Jaan Kross gilt als einer der wichtigsten estnischen Autoren seiner Zeit. Er wurde am 19. Februar 1920 in Tallinn geboren und studierte 1938-1944 an der Universität Tartu Jura. Während der Besatzung Estlands durch die Deutschen 1944, wurde Kross für einige Monate gefangen genommen, kam aber wieder frei. 1946-1951 war er politischer Gefangener der Sowjets und wurde in ein Lager in der Komi ASSR deportiert, wo er in einer Steinkohlegrube arbeitete. 1951-1954 verbrachte er als Verbannter im Gebiet Krasnojarsk.

1954 kehrte Kross nach seiner Kriegsgefangenschaft und Verbannung nach Tallinn zurück und war als freier Schriftsteller tätig. Er schrieb Gedichte und Romane mit historischen Themen sowie Novellen. In der Zeitschrift Looming veröffentlichte der Autor bereits ab 1955 einige Gedichte. Sein eigentliches Debüt machte er schließlich 1958 mit der Gedichtsammlung Söerikastja (z.Dt. Kohleanreicherer), dessen Titel auf seine Lagerarbeit anspielt. Kross’ erster Roman mit historischem Stoff, Kolme katku vahel (dt. Das Leben des Balthasar Rüssow) erschien in Estland zwischen 1970 und 1980 in mehreren Bänden. Es ist eines der umfangreichsten Prosawerke der estnischen Literaturgeschichte. Die Schauplätze in Kross’ Romanen sind zumeist in Estland, haben aber auch außerhalb davon immer einen deutlichen Bezug zum estnischen Gebiet. Seine Werke wurden in viele Sprachen übersetzt, viele davon auch ins Deutsche.

1989 bekam Kross die Ehrendoktorwürde der Universität Tartu, 1990 die der Universität Helsinki. 1992-1993 war er sogar Abgeordneter des estnischen Parlaments.
Kross war insgesamt dreimal verheiratet, seit 1958 mit der Schriftstellerin Ellen Niit. Aus seinen Ehen gingen insgesamt vier Kinder hervor. Der Autor starb am 27. Dezember 2007 im Alter von 87 Jahren in Tallinn.

Quellen:
Hassleblatt, Cornelius. 2006. Geschichte der estnischen Literatur. Berlin/New York.
Tonts, Ü. 1995. Jaan Kross. In: Kruus, Oskar. 1995. Eesti Kirjarava Leksikon. Estnisches Schriftstellerlexikon. Tallinn. 228-230.
https://www.perlentaucher.de/buch/jaan-kross/wikmans-zoeglinge.html
http://www.ra.ee/apps/andmed/index.php/matrikkel/view?id=16957
https://et.wikipedia.org/wiki/Jaan_Kross

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Schrill, bunt, auffällig – Rosa Liksom

Die finnische Künstlerin Rosa Liksom wurde am 07.01.1958 in Ylitornio im Norden Finnlands unter dem Namen Anni Ylävaara geboren. Sie ist nicht nur als Autorin tätig, sondern auch als Regisseurin, Malerin oder Fotografin. Liksoms Repertoire ist vielseitig – genauso wie ihre Literatur: Sie schreibt Kurzgeschichten und Dramen, Kinderbücher, Comics und Romane. 1985 debütierte sie mit Kurzgeschichten. Ihr erster Roman, Crazeland (Original: Kreisland), erschien in Finnland 1996, auf Deutsch nur drei Jahre später. Ihre Werke sind in eine Vielzahl von Sprachen übersetzt worden und werden in ihrem Heimatland regelmäßig zu Bestsellern. Für ihren Roman Abteil Nr. 6 (Original: Hytti nro 6) wurde sie 2011 mit Finnlands wichtigstem Buchpreis ausgezeichnet – dem Finlandia-Preis.

Liksom studierte unter anderem Anthropologie in Helsinki, Kopenhagen und Moskau, lebte auch in Amerika. Ihre Texte schreibt sie auf Finnisch und Meänkieli und die Themen variieren. Mal schreibt sie über das Leben in der Stadt oder die Einsamkeit auf dem Land, mal über die Suche nach sich selbst. So auch in ihrem Roman Abteil Nr. 6, in dem eine junge finnische Frau eine Reise mit dem Zug durch ganz Russland bis in die Mongolei unternimmt und hofft, dort Abstand von ihrem jetzigen Leben zu gewinnen. Dabei lernt sie nicht nur ihren Reisegefährten, einen russischen Mann mittleren Alters, kennen, sondern erfährt auch, wie vielschichtig die russische Seele ist.

In der Rede zur Preisverleihung des Finlandie-Preises heißt es:

Hytti nro 6 on äärettömin tiivis, runollinen ja monikerroksinen kuvaus junamatkasta läpi Venäjän. […] Tytön sisäinen kaaos rinnastuu hajoavaan maisemaan, hajoavaan kulttuuriin, hajoavaan Neuvostoliittoon.

Abteil Nr. 6 ist eine grenzenlos dichte, lyrische und vielschichtige Beschreibung einer Zugreise durch Russland. […] Das innere Chaos des Mädchens wird gleichgesetzt mit der sich auflösenden Landschaft, der zerbrechenden Kultur, der zerfallenden Sowjetunion.

Pekka Milonoff, Theaterregisseur
https://kirjasaatio.fi/files/output/5965/kaunokirjallisuuden-finlandia-vanhat-puheet-ja-perustelut.pdf

Im Februar 2020 gewann Liksom den Nordic Prize der Schwedischen Akademie. Liksoms aktueller Roman, Die Frau des Obersts (Original: Everstinna) von 2017, thematisiert Liebe und Ideologie zur Zeit des zweiten Weltkriegs in Nordfinnland.

Quellen:
https://www.kirjasampo.fi/fi/kulsa/kauno%253Aperson_123272667043852
http://www.rosaliksom.com/
https://www.svenskaakademien.se/en/press/the-swedish-academys-nordic-prize-for-2020
https://finnland-institut.de/events/rosa-liksom-felleshus
Liksom, Rosa. 2013. Abteil Nr. 6. München. Deutsche Verlags-Anstalt.

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Minna Canth

Minna Canth ist die wichtigste Autorin des finnischen Realismus. Sie wurde am 19. März 1844 in Tampere unter dem Namen Ulrika Wilhelmina Johnsson geboren. Sie war eine finnische Schriftstellerin und Frauenrechtlerin und setze sich stets für die Rechte der Frau und gegen die sozialen Ungleichheiten ein. Aufgrund ihres sozialen Engagements wird ihr zu Ehren jedes Jahr an ihrem Geburtstag in ganz Finnland die finnische Flagge gehisst und somit war sie die erste Frau in Finnland mit einem eigenen Flaggentag.

Minna Canth kam aus einem einfachen Elternhaus. Sowohl ihr Vater Gustav William, als auch ihre Mutter Lovisa Ulrika Johnsson waren Finnlandschweden. Sie sprach also Finnisch und Schwedisch und lernte auch Französisch.

Minna Canth hatte das Glück, eine gute schulische Ausbildung genießen zu können und besuchte ab dem Jahre 1863 das Lehrerseminar in Jyväskylä. Selbstverständlich war dieses Studium nicht, denn das Seminar war das erste, welches auch Frauen zum Studium zuließ.

Ihr Studium gab Canth ein paar Jahre später auf, da sie eine Familie mit ihrem acht Jahre älteren Naturkundelehrer Johan Ferdinand Canth gründete. Das Paar bekam sieben Kinder.

Sie war eine von wenigen Frauen, welche Selbstvertrauen entwickelten und ihre Meinung frei äußerten und vertraten. Ihr Mann war bei der Zeitung Keski-Suomi angestellt und konnte dort die Artikel seiner Frau veröffentlichen, welche zu Beginn vor allem Alkoholmissbrauch thematisierten.

So wurde sie die erste finnische Journalistin, die immer mehr Kurzgeschichten verfasste und Artikel in verschiedenen Zeitungen veröffentlichte.

Nicht nur der Journalismus und das Verfassen von Geschichten und Artikeln lagen ihr, sondern auch das Schreiben von Theaterstücken. Auch in diesem Bereich hatte sie viel Erfolg und wurde 1882 für ihr erstes Stück Murtovarkaus (Der Einbruch, 1878) mit dem Preis der Finnischen Literaturgesellschaft (Suomalainen Kirjallisuuden Seura) belohnt. Im Stück Työmiehen vaimo (Die Frau des Arbeiters, 1885) schildert sie, wie eine Frau ihr gesamtes Vermögen verliert, weil der alkoholabhängige Ehemann es binnen kurzem vertrinkt.

Mehrere ihrer Werke waren zeitweise verboten. Mit der Kritik der Gesellschaft lernte sie aber umzugehen und vertrat weiterhin ihre Meinung und setzte sich weiterhin für die Frauenrechte ein. Ihren Werken ist es zu verdanken, dass Finnland im Jahre 1907 als erstes europäisches Land das Frauenwahlrecht einführte.

Quellen:

https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/minna-canth/

Laitinen, Kai 1991: Suomen kirjallisuuden historia. Otava, Helsinki. 218-222.

Bild: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7826155

Text: Caroline Sophie Heimrich, OHG Göttingen, Praktikantin

Busójárás in Mohács – Karneval in Südungarn

Wie ist denn Karneval so in Ungarn? Das durfte ich letztes Wochenende endlich mal am eigenen Leib erfahren. Und diese Erfahrung möchte ich natürlich mit euch teilen. Busójárás heißt der Karneval in der knapp 20.000-Seelen-Stadt Mohács nahe der kroatischen Grenze. Zu den Einwohnern kamen noch etwa 30.000 Gäste (inkl. uns etwa 100 Erasmus-Studenten aus Szeged), die die Straßen der kleinen Stadt an der Donau füllten. Busójárás dauert insgesamt sechs Tage und endet am Tag vor Aschermittwoch. Am letzten Tag wird das große Karnevalsfeuer angezündet. Der große Holzhaufen für das Feuer steht aber schon während der Feierlichkeiten davor. Busójárás steht auf der Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO.

Auf den Feierlichkeiten sind etwa 1000 Busós unterwegs, das sind mit volkstümlichen Masken und Fellkostümen gekleidete Männer. Oft haben sie ein Schokatz*-Mädchen an der Hand; ansonsten begegnet man immer wieder einem Jankele**. In der Stadt sind überall Stände aufgestellt, an denen Essen, Getränke oder Souvenirs verkauft werden und es gibt mehrere Bühnen, auf denen Volksmusik- oder –tanzgruppen ihre Künste präsentieren. Durch die Straßen ziehen Szekér (Wagen) mit Busóleuten drauf, die Lärm machen. Auch die Busós sind darauf aus, möglichst viel Lärm zu machen, zum Beispiel mit Kuhglocken an ihren Kostümen. Mit ihren Masken und dem Lärm wollen sie den Winter vertreiben, um Platz für den Frühling zu machen.

Die Busós sind immer auf der Suche nach Mädchen, die sie umarmen oder jagen können. Das Fest hat eine nicht so schöne Komponente, die man als Frau besonders spürt. Von den verkleideten Frauen bekommt man mit der Fliegenklatsche eins auf den Hintern und von den Männern mit dem Stock zwischen die Beine. Ab und zu bekommt man auch eine Hand voll Mehl oder Federn ab.

Als wir vormittags in Mohács ankamen, war noch nicht so viel los. Doch ab Mittag kamen immer mehr Leute, immer mehr Busós und immer mehr Bühnenprogramm. Die Stimmung war heiter, was vor allem an der ungarischen und kroatischen Volksmusik lag. Und am Alkohol, der hier und dort mal für umsonst ausgeschenkt wurde. Das Essen, das angeboten wurde, waren vor allem Fleischgerichte oder Backwaren, unter anderem der für die Festlichkeiten typische Kürtőskalács (ein aus Hefeteig über offenem Feuer gebackenes, rundes längliches Gebäck) in allen Variationen. Der Spaziergang zur Donau wurde jedes Mal zum Abenteuer, wenn ein Szekér vorbeifuhr oder eine Gruppe Hexen die Menge aufmischte. Überall wurden Fotos und Videos gemacht, denn der Samstag war der Tag, an dem die meisten Touristen kamen. Am Nachmittag konnte man auf dem Széchenyi-Platz noch ein bisschen ungarischen Volkstanz lernen: den Csárdás mit etwa 100 Leuten im Kreis zu tanzen ist schon beeindruckend.

Insgesamt war dieser Samstag ein aufregender Tag und alle, die zum ersten Mal beim Busójárás waren, schwärmen heute noch davon.

*Die Schokatzen (ung. sokácok, kroatisch šokci) sind eine kroatische Bevölkerungsgruppe, die in Kroatien, Serbien, Rumänien und im Süden Ungarns beheimatet ist.

**Die Jankele sind ebenfalls maskierte, in Lumpen gekleidete Menschen, deren Aufgabe es ist, Spaziergänger – insbesondere Kinder – von den Busós fernzuhalten. Sie haben einen Sack voller Lumpen, Mehl, Sägemehl, Asche oder Ruß dabei, womit sie auf Menschen – früher bevorzugt auf die eigenen Feinde – einprügeln.

Text: Karin Fichtner

Bild von Benjamin Sz-J. auf Pixabay

Tag der Muttersprache

Am 21. Februar 2020 wird jetzt offiziell zum 20. Mal der Internationale Tag der Muttersprache gefeiert. Aber dieser Gedenktag hat nicht nur die Funktion, seine Muttersprache zu feiern, er dient vielmehr der „Förderung sprachlicher und kultureller Vielfalt und Mehrsprachigkeit“.

Genau deswegen ist dieser Tag ein wichtiger Tag unter anderem für die finnisch-ugrischen Völker. Denn außer Finnisch, Ungarisch und Estnisch gehören zu dieser Sprachfamilie auch noch viele weitere kleine Sprachen. Für solche kleinen Sprachen ist die Pflege der Sprache sehr wichtig, da aufgrund der unterschiedliche Hauptsprachen in den jeweiligen Ländern diese oft vernachlässigt werden. Das führt dann dazu, dass diese Minderheitensprachen schnell gefährdet sind. Und da mittlerweile gut die Hälfte aller rund 6700 Sprachen auf der Welt vom Aussterben bedroht ist, wurde von der UNESCO dieser Tag ausgerufen, um die Sprachen und die Sprachpflege zu fördern. Denn mit jeder aussterbenden Sprache geht auch immer ein Stück Kultur verloren.  

 „When languages fade, so does the world’s rich tapestry of cultural diversity.“

Quelle: https://www.un.org/en/observances/mother-language-day

Der historische Grund für den Ausruf dieses Tages findet sich am 21. Februar 1952. An diesem Tag wurde gegen die Einführung von Urdu als Amtssprache in der pakistanischen Provinz Bengalen protestiert. Denn dafür sollte Bengali zurückgedrängt werden, obwohl es in der Bevölkerung viel mehr vertreten war als Urdu.

Heutzutage wird man sich immer bewusster darüber, dass die Pflege der Sprachen eine große Rolle in der Kultur spielt, zum Beispiel für stärkere Kooperation und auch qualitativ hochwertige Bildung.

Quellen:

https://www.un.org/en/observances/mother-language-day

https://www.unesco.de/kultur-und-natur/kulturelle-vielfalt/21-februar-ist-internationaler-tag-der-muttersprache

Bildquelle:

https://pixabay.com/de/illustrations/fahnen-l%C3%A4nder-staaten-flaggen-welt-69190/

Chiara Stephan, HG Göttingen, Praktikantin

Sind die Ungarn eigentlich religiös?

Im Rahmen meines Praktikums habe ich die Aufgabe bekommen, mich mit den verschiedenen Religionen Ungarns auseinanderzusetzen. Ich habe die Informationen so zusammengetragen, dass man aus diesen Folien erstellen kann und dass sie anschließend für den Unterricht genutzt werden können.

Aufgrund der zahlreichen Informationen ist mir der Gedanke gekommen, dass dieses Thema dem Blog nicht vorenthalten bleiben soll, weswegen ich mich letztlich dazu entschieden habe, einige meiner Ergebnisse hier zu veröffentlichen.

Im Rahmen der Volkszählungen 2001 und 2011 wurde auch nach der Religionszugehörigkeit gefragt. Sowohl im Jahr 2001 als auch 2011 war der Anteil der Katholiken am größten. Die Reformierten (Kalvinisten) bilden die zweitgrößte Religionsgemeinschaft des Landes. Doch während die Mitgliederzahlen der beiden größten Religionsgemeinschaften in innerhalb von zehn Jahren deutlich abgenommen haben, steigt die Anzahl der Konfessionslosen und der Befragten, welche die Frage nach ihrer Religionszugehörigkeit unbeantwortet ließen. Auch die Zahl der Anhänger der evangelisch-lutherischen Kirche ist gesunken die Zahl der Mitglieder kleinerer christlicher Kirchen und anderer Weltreligionen, die in Ungarn vertreten sind, stieg dagegen leicht an.

Religion: 2001 (%): 2011 (%):
Katholiken 54,5 39
Reformierte
(Kalvinisten)
15,9 11,6
Lutheraner 3 2,2
Kleinere
christliche
Kirchen
1 1,5
Andere
Weltreligionen
0,3 0,5
Konfessionslos 14,5 18,2
Keine Antwort 10,8 27,2

Quelle: Máté Olga: Egyházak, vallásosság Magyarországon – Képviselői Információs Szolgálat, 2019/3. Infotabló.

Allgemein lässt sich feststellen, dass die Zahl der Mitglieder der großen Religionsgemeinschaften rückläufig ist, während an kleineren Religionen immer mehr Interesse gezeigt wird. Sowohl Einwanderung, als auch Auswanderung spielen dabei eine große Rolle, genauso wie Übertritte von einer Religion zu einer anderen.

Prognose bis 2050: Anzahl der Mitglieder von Glaubensgemeinschaften sinkt

Laut Prognosen werden christliche Glaubensgemeinschaften weiter Mitglieder verlieren, während die Zahl der Konfessionslosen wächst und das Interesse an Kirche und Religion deutlich abnimmt.

2010 20302050
Christliche
Glaubensge-
meinschaften
8 090 0007 250 000 6 500 000
Konfessionslos 1 860 0002 040 0001 990 000

Quelle: https://de.statista.com

Kirchenfinanzierung durch Mandatssteuer Was ist das?

In Ungarn gibt es statt einer Kirchensteuer eine Mandatssteuer. Die Mandatssteuer dient sozialen, kulturellen und humanitären Zwecken und wird von allen Steuerzahlern gezahlt. Der Steuerzahler kann selbst entscheiden, wer seinen Steuerbeitrag erhalten soll: so geht 1% der Einkommenssteuer an eine vom Steuerzahler selbst gewählte Organisation oder Institution. Die Mandatssteuer ist auch eine gute Alternative zur Kirchensteuer und kommt vielen kirchlichen und religiösen Einrichtungen zugute.

Die katholische und die reformierte Kirche profitieren am meisten von den Mandatssteuern, da diese auch die größten Religionsgemeinschaften Ungarns sind. Die evangelisch-lutherische Kirche, die Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein, sowie die Baptistenkirche folgen mit erheblichem Abstand, da diese Religionen auch deutlich weniger Mitglieder haben. Ein kleiner Anteil geht an andere Kirchen, das sind meist die kleineren christliche Kirchen oder Einrichtungen anderer Glaubensgemeinschaften.

Kirchliche Bildungseinrichtungen

In Ungarn waren 2019 insgesamt 10,6 % der Bildungseinrichtungen, wie zum Beispiel Schulen oder Kindergärten, in kirchlicher Trägerschaft. Die Kirche spielt in diesen Einrichtungen eine sehr große Rolle, indem sie beispielsweise vorgibt, wie die Lehrer unterrichten und welche Themenbereiche sie behandeln sollen.

Allerdings werden 89,4 % der Bildungseinrichtungen nicht von der Kirche finanziert und stehen dementsprechend nicht in einer engen Verbindung mit einer Religion.

Im Gegensatz zu Ungarn, gibt es in Deutschland deutlich mehr Bildungseinrichtungen in kirchlicher Trägerschaft. Es gibt alleine 904 katholische Schulen in Deutschland (Stand 2016), welche von Kirchensteuereinnahmen finanziert werden.

Quellen:

https://fowid.de/meldung/konfessionsfreie-ungarn

Máté Olga: Egyházak, vallásosság Magyarországon – Képviselői Információs Szolgálat, 2019/3. Infotabló.

https://religion.orf.at

https://de.statista.com

https://de.wikipedia.org/wiki/Mandatssteuer

Bild: Daniel Olah on Unsplash

Text: Caroline Sophie Heimrich, OHG Göttingen, Praktikantin

Runebergs Törtchen

J. L. Runeberg (5.2.1804 – 6.5.1877) ist der Nationaldichter Finnlands. Berühmt ist er vor allem für den Text der finnischen Nationalhymne, aber auch für seine Vorliebe für Süßes. Hier das Rezept der Törtchen, die man bis heute zu Feier seines Geburtstags am 5. Februar in ganz Finnland isst:

Für den Teig:

  • 100 g     Butter
  • 100 g     Zucker (zur Hälfte braun)
  • 1            Ei
  • 100 g     Weizenmehl
  • 40 g       Mandeln gemahlen
  • 30 g       Pfefferkuchen oder Lebkuchen gebröselt, notfalls auch Semmelbrösel
  • 1 TL      Backpulver
  • ¼ TL     Kardamom
  • 75 g       Schlagsahne
  • (1 Tropfen Bittermandelaroma)

In die Mitte:

Himbeerkonfitüre

Zum Befeuchten:

  • 2 EL        heißes Wasser
  • 1 EL        Zucker
  • 2 EL        Punsch, Brandy, Rum oder Mandellikör

Zur Deko:

  • Himbeerkonfitüre
  • Zuckerguss (80 g Puderzucker + 2 TL Wasser oder Zitronensaft)

Zucker und Butter schaumig schlagen. Das zimmerwarme Ei unter Rühren hinzufügen. Alle trockenen Zutaten zusammenmischen und in den Teig unterrühren. Die Sahne (und das Bittermandelaroma) hinzufügen.

Sechs hohe, runde Formen (notfalls uneingefettete Papierkaffeebecher nehmen) zur Hälfte füllen, einen halben Teelöffel Himbeerkonfitüre in die Mitte hinzufügen und die Formen mit dem Teig zu ¾ füllen.

Bei 175 Grad etwa 20 Minuten backen. Etwas abkühlen lassen.

Das heiße Wasser, den Zucker und den Punsch zusammenmischen und die Törtchen mit Hilfe eines Pinsels gut befeuchten. Mehrere Stunden, am besten über Nacht durchziehen lassen.

Die Törtchen aus den Formen nehmen. Mit einem Klecks Himbeerkonfitüre oben drauf dekorieren und einen Ring aus Zuckerguss um die Konfitüre herum spritzen.

Quelle: https://www.valio.fi/reseptit/runebergin-torttu-2/

Bildquelle: Bengt Oberger, Runebergstårtor, CC BY-SA 4.0