Albert Rasin – der Wissenschaftler, der für seine Sprache starb

Aus Sorge um seine Muttersprache zündete sich der udmurtische Wissenschaftler Albert Rasin im September 2019 in Ischewsk vor dem Gebäude des udmurtischen Parlaments an. Er protestierte gegen das neue Sprachgesetz Russlands, das die Position der Minderheitensprachen schwächt.

Am 10. September versammelten sich Abgeordnete und Mitglieder der Regierung zur nächsten Sitzung des udmurtischen Parlaments. Vor dem Gebäude saß ein älterer Mann. Seine Anwesenheit war nichts Aussergewöhnliches, denn viele Menschen, die den Behörden etwas mitteilen wollen, kommen vor der Sitzung hierher, weil sie hier alle wichtigen Persönlichkeiten der Politik treffen können: Abgeordnete, Minister, die Stadt- und Bezirksleitung.

Albert Rasin hielt zwei Plakate. Auf einem stand: Habe ich noch eine Heimat? Auf dem zweiten – ein Zitat des Dichters Rassul Gamsatow: Wenn meine Sprache morgen verschwindet, bin ich bereit, heute zu sterben. Rasins Begleiter verteilte ein Schreiben über die Lage der udmurtischen Sprache. Dann schaltete er seine Videokamera ein und bat Rasin, über die Aktion zu erzählen. Auf dem Video wirft Rasin der Politik vor, nichts für die Aufrechterhaltung der udmurtischen Sprache und Kultur zu tun.

Nach einiger Zeit verließ Rasin seinen Posten, fuhr nach Hause, zog sich um und kehrte dann zurück. Er nahm ein Feuerzeug und zündete sich an. Sein Begleiter versuchte, das Feuer zu löschen, aber dem Wissenschaftler kam jede Hilfe zu spät: er erlitt schwere Verbrennungen am ganzen Körper und starb wenige Stunden später im Krankenhaus.
 
Mit seiner Selbsttötung protestierte Rasin gegen das neue Sprachengesetz Russlands, das, wie er fand, die udmurtische Sprache als Sprache zweiten Ranges behandelt. Wie viele Vertreter anderer Minderheitensprachen der Russisschen Föderation fragte er sich auch, warum Kinder in der Schule Fremdsprachen lernen müssen, die eigene Muttersprache jedoch nicht. In seinem Schreiben schlug er Maßnahmen vor, die seiner Meinung nach für das Überleben der udmurtischen Sprache und des udmurtischen Volkes notwendig sind. Er plädierte dafür, das Bildungsgesetz zu ändern und die udmurtische Sprache in den Schulen verpflichtend zu unterrichten. Er hat auch gefordert, dass in Udmurtien zweisprachige Ortstafeln und Straßenschilder angebracht werden. Die Aufrechterhaltung der udmurtischen Kultur in den Dörfern war für ihn ebenfalls eine Herzensangelegenheit.

Die Meinungen zu Albert Rasins Selbsttötung sind geteilt. Einige Politiker sprechen von geplanter Provokation und sind der Meinung, Rasin habe keinen Grund für die Tat gehabt. Es gäbe doch genug Bemühungen, die Sprache zu erhalten, Rasin habe sich aber mit modernen Lösungen und Methoden nicht identifizieren können.

Zur Stellung des Udmurtischen in der Udmurtien

Eingang des Ministeriums für Sport und Tourismus der Republik Udmurtien
© Tina Fricke

Die Republik Udmurtien hat ca. 1,5 Millionen Einwohner. Die Udmurten machen 30 % der Bevölkerung aus, 60 % der Bevölkerung sind Russen. Udmurtisch wird  hauptsächlich in den Dörfern gesprochen. Die gößeren Städte – Ischewsk, Wotkinsk und Glasow – sind russischsprachig. Schülerinnen und Schüler, die die obligatorische Zentralabiturprüfung in Russisch, die auch als Aufnahmeprüfung für die Hochschulen dient, nicht ablegen, weil sie in der Schule Udmurtisch belegten, können nicht studieren. Das ist ein Grund, warum Rasins Anliegen selbst von Gleichgesinnten nicht bedingungslos unterstützt wird. Die Bildung einer nationalen Intelligenz – egal, in welcher Sprache – ist für viele wichtiger als der Erhalt der udmurtischen Sprache und Traditionen. Viele finden, dass die Vorstellung Rasins, zu den Wurzeln der udmurtischen Kultur zurückzukehren, nicht realisierbar und nicht mehr zeitgemäß ist.

Die nationale Intelligenz bemüht sich, die udmurtische Sprache im modernen städtischen Leben zu etablieren. Viele erinnern sich noch an die Gesangsgruppe Buranowskije Babuschki, die Russland beim Eurovision Song Contest 2012 in Baku vertreten und dort den zweiten Platz belegt hat. Die Gruppe singt auch udmurtischsprachige Lieder und dient als Vorbild für Rock- und Popbands, die ebenfalls auf Udmurtisch singen. Es gibt udmurtische Bücher, Filme, Webseiten und Blogs, Designer entwerfen Kleidung nach alten udmurtischen Mustern. All diese Bemühungen konnten Albert Rasin nicht überzeugen.

Änderungen im Sprachengesetz der Russischen Föderation

Seit dem Sommer 2018 lernen Schulkinder in den Nationalrepubliken Russlands nicht mehr verpflichtend die Sprache der dortigen Titularnation. Sie, bzw. ihre Eltern müssen sich vor dem Eintritt in die erste, bzw. fünfte Klasse für eine „Muttersprache“ entscheiden. Das kann auch Russisch sein, welches ohnehin ein Pflichtfach ist. Alternativ kann eine nichtrussische Muttersprache erlernt werden. Bei einer Entscheidung für Russisch wird die Stundenzahl im Fach Russisch erhöht. Was die Sprachen der Titularnationen betrifft, ist zu befürchten, dass ethnisch russische Schülerinnen und Schüler diese viel weniger lernen werden als bisher. Weil das Prestige des Russischen unvergleichbar höher ist als das der Minderheitensprachen, besteht die Gefahr, dass sich Verterterinnen und Vertreter dieser Minderheiten ebenfalls für das Russische entscheiden werden.

Quellen:
https://www.bbc.com/russian/features-49745671
http://duma.gov.ru/news/27720
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https://udmpravda.ru/tag/albert-razin/ 

Bilderrechte: © Tina Fricke



Wissenschaftler stirbt für die Muttersprache

Am 10. September 2019 zündete sich der 79 Jahre alte udmurtische Wissenschaftler Albert Rasin vor dem Gebäude des Udmurtischen Parlaments in Ischewsk an, um so gegen die Sprachpolitik der Russischen Föderation zu protestieren. Er hielt zwei Plakate mit den Worten Wenn morgen meine Sprache verschwindet, bin ich bereit, heute zu sterben und Habe ich noch eine Heimat? in der Hand. Neben ihm standen ein weiterer Aktivist und ein Fotograf, die das Geschehen fotografieren und in den sozialen Netzwerken verbreiten sollten. Zuvor drückten sie den Volksvertretern Flugblätter mit folgender Überschrift in die Hand: Das udmurtische Volk verschwindet. Es ist Ihre Pflicht, es zu retten. Die Sitzung wurde unterbrochen. Albert Rasin starb wenige Stunden später im Krankenhaus.

Rasin war Aktivist der udmurtischen Nationalbewegung Udmurt Keneš und gehörte zu den vierzehn Unterzeichnern des offenen Briefes vom 14. Juni 2018, in dem der Präsident und die Abgeordneten des Udmurtischen Parlaments aufgefordert wurden, das neue Sprachgesetz der Russischen Föderation nicht zu unterstützen.

Das neue Sprachgesetz schwächt deutlich den Status der Minderheitensprachen im polyethnischen Russland: früher war der Unterricht der Minoritätssprachen in den Schulen der Titularrepubliken – d.h. in den Teilrepubliken mit einer kulturell eigenständigen einheimischen Bevölkerung – Pflicht. Nun sollen sie auf freiwilliger Basis unterrichtet werden und sind nicht mehr Teil des Lehrplans. Dies ist ein weiterer Schritt auf dem Weg der Russifizierung der Minderheiten.

Warum müssen Minderheitensprachen wie das Udmurtische in den Schulen unterrichtet werden? Reicht es nicht, wenn die Kinder zu Hause mit ihren Eltern udmurtisch sprechen? Nein. Über bestimmte Themen spricht man zu Hause gar nicht. Fehlt der breite Wortschatz zu allen Themenbereichen des Lebens, müssen die Sprecher immer wieder die Sprache wechseln, bis nur noch russisch gesprochen wird.

Die eigene Sprache ist wichtig für die nationale Identifikation ethnischer Gemeinschaften und einzelner Personen. Wem seine Muttersprache genommen wird, verliert auch einen Teil seiner Identität.

Udmurtien und die Udmurten

Die Republik Udmurtien liegt im europäischen Teil Russlands, westlich des Uralgebirges. Die Hauptstadt der Republik ist Ischewsk. Die Udmurten sind ein finnisch-ugrisches Volk, das aber in seiner Heimatrepublik nur noch eine Minderheit ist. Die Amtsprachen der Republik Udmurtien sind Udmurtisch und Russisch.

2019 – Jahr der indigenen Sprachen

Um auf die Gefährdung indigener Sprachen aufmerksam zu machen, haben die Vereinten Nationen 2019 zum »Internationalen Jahr der indigenen Sprachen« erklärt. Das Jahr soll zeigen, wie wichtig der Schutz, die Wiederbelebung und Förderung dieser Sprachen für eine nachhaltige Entwicklung sind.

Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen e.V.

Quellen:

https://dgvn.de/meldung/2019-internationales-jahr-der-indigenen-sprachen/
https://www.hs.fi/ulkomaat/art-2000006233904.html?fbclid=IwAR1iwNzRJUTRfbNDAUmpAPGX5bkpSvjqWc2roHDRqu1KWIie-AIs-lcoNq8
https://www.idelreal.org/a/30156700.html?fbclid=IwAR069IX1qKx-YhmWVlbUYgptouuSfa07qmQ0TWO3ZMdR_9w24CtqmPobfYg
https://www.idelreal.org/a/30156215.html?fbclid=IwAR1F1Zme8TYGQdoWTeAlzwwQQNfAgqxpT0TJ4O4HbsjyU_wMrEpE
http://izhlife.ru/incidents/89625-svidetel-sobytiy-u-gossoveta-udmurtii-v-slovah-razina-chuvstvovalos-volnenie.html
https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%A0%D0%B0%D0%B7%D0%B8%D0%BD,_%D0%90%D0%BB%D1%8C%D0%B1%D0%B5%D1%80%D1%82_%D0%90%D0%BB%D0%B5%D0%BA%D1%81%D0%B5%D0%B5%D0%B2%D0%B8%D1%87

Die finnische Minderheit in Schweden

Vielen ist bekannt, dass das Schwedische in Finnland die zweite Amtssprache ist. Dass es jedoch in Schweden eine finnische Minorität gibt, wissen außerhalb von Schweden und Finnland die wenigsten Menschen.

Das Finnische hat seit dem Jahr 2000 den Status einer offiziell anerkannten Minderheitensprache in Schweden, auch wenn sich die Statistiken im Hinblick darauf unterscheiden, wie viele Menschen dieser Minderheit wirklich angehören. Die Zahlen variieren zwischen 70 000 und 450 000 Menschen, je nachdem wie eng die Kriterien gefasst werden. Geschätzt wird, dass es in ganz Schweden etwa 200 000 Menschen gibt, deren Muttersprache Finnisch ist. Auch hier variieren die Annahmen.

Im Laufe der Zeit gab es verschiedene Einwanderungswellen von Finnland nach Schweden. Bereits zu Zeiten Gustav Vasas wurden finnische Arbeitskräfte in Schweden gebraucht; es gab die Kriegskinder, die von ihren Eltern während des zweiten Weltkriegs nach Schweden geschickt wurden, aber auch die Einwanderungswelle, die in den 1960ern begann und lange Zeit nicht abriss. Schätzungsweise rund 40 000 Menschen wanderten Ende der 1960er und Anfang der 1970er jährlich aus Finnland nach Schweden aus, um dort Arbeit zu finden und nur ein Teil kehrte irgendwann wieder in seine Heimat zurück. Für die in Schweden gebliebenen Finnen war das Leben nicht immer leicht. Repression und Diskriminierung waren an der Tagesordnung, die Frage nach der eigenen Identität nur schwer zu beantworten. Dies galt für die Elterngeneration wie die Generation ihrer Kinder gleichermaßen.

Die Situation hat sich in der heutigen Zeit gebessert: es gibt besonders geförderte Unterrichtsstunden für Kinder in ihrer Muttersprache, die Diskriminierung hat nachgelassen und Autoren, Musiker und Filmschaffende beschäftigen sich intensiver mit der Frage nach der schwedenfinnischen Identität. Doch wie sieht die Situation für die Finnen in Schweden heute wirklich aus? Welche Erfahrungen machen Angehörige dieser Minderheit und wie gehen sie damit um? Antworten auf diese und viele weitere Fragen sollen im Rahmen der Lesung mit Kristian Borg am kommenden Donnerstag, den 16.11.2017, um 18.15 Uhr im Kulturwissenschaftlichen Zentrum, Raum 1.601, gegeben werden. Borg wird aus der Artikelsammlung Finnjävlar ‘Scheißfinnen’ lesen und über seine persönlichen Erfahrungen als Schwedenfinne sprechen. Borg ist Chefredakteur der Zeitung Stockholms fria Tidning und Verleger beim Verbal förlag. Er lebt in Stockholm, wo er 1975 geboren ist. Seine Eltern haben sich auf der Finnlandfähre getroffen und haben u. a. in der Reinigungs- und Restaurantbranche gearbeitet.

Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.
Tervetuloa & välkomna!

Quellen:
Borg, Kristian (Hrsg.). 2016. Finnjävlar. Verbal förlaget. Stockholm.
Parkvall, Mikael. 2009. Sveriges språk – vem talar vad och var? Rapporter från Institutionen för lingvistik vid Stockholms Universitet. Stockholm.
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