Happy Birthday, Himnusz!

Eine Hymne, gerade eine Nationalhymne, das ist eigentlich mehr als Musik. Sie ist zugleich auch immer ein Teil von Identität, ein Bekenntnis und eine Zugehörigkeit. Es gibt schmetternde, kämpferische, eher sanfte, nachdenkliche, mal schnell, mal langsam, aber immer wollen Hymen Bekenntnis ablegen, Bekenntnis zum König („God save the King“ oder „Gott erhalte Franz den Kaiser“) oder zur Heimatliebe, wie die Norwegische schon im Titel mit „Ja, vi elsker dette landet“ („Ja wir lieben dieses Land“) verkündet. Manche Hymnen künden vom eigenem Land als einem gesegneten. Die Ungarische erbittet erst den Segen Gottes: „Isten, áldd meg a magyart.“ („Herr, Segne reich den Ungarn“) Zwar wurde der Text des Liedes bereits am 23. Januar 1823 im Dorf Szatmárcseke von Ferenc Kölcsey vollendet, aber erstmals veröffentlicht wurde er in der Literaturzeitschrift Aurora des Dichters Károly Kisfaludy 1828, damals noch ohne den Untertitel „A magyar nép zivataros századaiból“ („Aus den stürmischen Jahrhunderten des Ungarischen Volkes“), der erst in einer Textsammlung des Autors aus dem Jahr 1832 auftaucht. Die Tatsache, dass der Untertitel zunächst fehlte, wurde auf die in der österreichischen Monarchie allgemein vorherrschenden Zensur zurückgeführt und der Verweis auf die Vergangenheit sollte den Zensoren als Ablenkung und Beschwichtigung dienen. Diese These kann jedoch dadurch widerlegt werden, dass der Text zunächst weder 1828, noch 1832 große allgemeine Beachtung fand.
Durchgängig anzuhören ist dem Text die Anrufung an den lieben Gott, der den Ungarn verzeihen möge, für die Sünden der Vergangenheit.

[…]
Őseinket felhozád
Kárpát szent bércére
Hajh, de bűneink miatt
Gyúlt harag kebledben,
S elsújtád villamidat
Dörgő fellegedben,

[…]
Szánd meg Isten a magyart
Kit vészek hányának,
Nyújts feléje védő kart
Tengerén kínjának.
Bal sors akit régen tép,
Hozz rá víg esztendőt,
Megbűnhődte már e nép
A múltat s jövendőt!

[…]
Du hast unsere Vorfahren
Zu dem heiligen Karpatengipfel gebracht
Doch wegen unserer Sünden
Sammelte sich Zorn in deiner Brust
Und deine Blitze trafen uns
Aus deinen donnernden Wolken,

[…]
Hab’ Mitleid, Herr, mit dem Ungarn,
Den die Gefahren schütteln,
Beschütze ihn mit deiner Hand,
Im Meer der Qualen.
Denen die schon lange vom Schicksal nicht
verschont,
Bring ihnen eine bessere Zeit.
Denn dies Volk hat schon gebüßt
Für Vergangenes und Kommendes.

Doch auch ein „Klassiker“ der Nationalhymnen taucht im Himnusz auf: Nämlich das Anpreisen der schönen Landschaft und die Markierung wichtiger geographischer Punkte, die als national bedeutend angesehen werden. In obiger zweiter Strophe war bereits von den Kapartengipfeln die Rede. Auch Getränke tauchen schließlich gelegentlich in Hymnen auf, wie z. B. der „deutsche Wein“ im „Lied der Deutschen“ Die Tokaj und ihr Wein dürfen da auf keinen Fall fehlen! Ihm wird in der dritten Strophe Ehre erwiesen:

Értünk Kunság mezein
Ért kalászt lengettél,
Tokaj szőlővesszein
Nektárt csepegtettél.

[…]

Für uns auf den Kunság-Feldern
Wiegt sich das reife Getreide,
Von den Tokajer Hängen
Lässt du Nektar tropfen.

[…]

Die bildliche Geschichte und der überzeitliche religiöse Bezug tragen mit dazu bei, die Hymne zu vielfältigen Gelegenheiten, egal ob Gottesdienst oder Silvester, singbar zu machen. Die Musik zum Text wurde von Ferenc Erkel 1844 komponiert. Dieser gilt als Schöpfer der ungarischen Nationaloper und dies obwohl er nicht ungarischer Muttersprachler war. Den Einfluss französischer Opernkomponisten und Wagners auf seinen Stil ist auch dem „Himnusz“ anzuhören. Die Hymne beansprucht immerhin einen Stimmumfang von anderthalb Oktaven und ist daher nicht
leicht zu singen. Genauso an eine Oper erinnert der Aufbau. In einfacher Dur-Melodie gehalten, steigert sie sich zum Mittelteil hin und verklingt in sanftem Pianissimo. Aufgeführt als Sieger eines Preisausschreibens zur Vertonung des Gedichts von Körcsely wurde das Stück erstmals am 2. Juli 1844. Erstmals angestimmt wurde der Gesang der Hymne zu dem ihm zugedachten Stück in den Zeiten der Revolution 1848. Dieses Lied hatte sich durchzusetzen gegen den Widerstand, sogar von höchster Stelle. Kaiser Franz Joseph I. verweigerte einem Gesetz, welches sie offiziell als Hymne Ungarns anerkennen sollte, im Jahre 1903 die Unterschrift.

Während in anderen Ländern mit wechselhafter Geschichte und wechselnden politischen Systemen die Nationalhymnen und die Texte munter getauscht wurden, widersetzte sich der Himnusz auch den Ersetzungsversuchen der kommunistischen Zeit. Damals beauftragte man in den 1950er-Jahren den Musikwissenschaftler und Komponisten Zoltán Kodály mit der Komposition einer neuen Hymne, da insbesondere der religiöse Kontext, der bereits in der ersten Zeile zum Ausdruck kommt, den damaligen kommunistischen Machthabern missfiel. Kodály soll den Auftrag aber mit den Worten „Wieso die alte ist doch gut?“ brüsk abgelehnt haben. So behielt Ungarn seine Hymne durchgehend bis heute. Anlässlich des 200. Geburtstages der Hymne wurde zahlreiches Originalmaterial und Wissenswertes rund um die Hymne neu zusammengetragen unter https://www.magyarhimnusz.hu/

Aus Anlass dieses Geburtstages wird seit 1989 alljährlich in Ungarn der Tag der Ungarischen Kultur begangen. „Dieser Tag soll uns daran erinnern, dass wir auf ein tausendjähriges Erbe zurückblicken können und dass wir auf vieles stolz sein können, da diese Nation der Kultur Europas und der Welt viel gegeben hat. Es handelt sich um ein Erbe, das erhalten und verwaltet werden kann und das auch zur Lösung der heutigen Probleme beitragen kann.“ schrieb Pianist Árpád Fasang im Jahr 1985, nachdem er den Gedenktag „Tag der Ungarischen Kultur“ initiiert hatte.

Auch die Finnougristik in Göttingen gratuliert herzlich! Happy Birthday Himnusz!

Text: Alexander Paul Freyer

Titelbild: https://de.wikipedia.org/wiki/Himnusz#/media/Datei:Himnusz.jpg, gemeinfrei

Quellen:
Ulrich Ragozat: Die Nationalhymnen der Welt. Ein kulturgeschichtliches Lexikon., Herder-Verlag, Freiburg, 1982 (S.251-254)
János, Kenyeres: “Manifestations of Hungarian Identity in Literature.”, in: Hungarian Cultural Studies. e-Journal of the American Hungarian Educators Association, Volume 12, 2019
Daniel Vargha: Tag der Ungarischen Kultur: „Die fast 200 Jahre alte Hymne, die erst vor 33 Jahren offiziell wurde“, abgerufen unter: https://ungarnheute.hu/news/tag-der-ungarischen-kultur-die-fast-200-jahre-alte-hymne-die-erst-vor-33-jahren-offiziell-wurde-76435/
https://www.magyarhimnusz.hu/

Geister in Helsinki

Finnlands Hauptstadt Helsinki hat eine lange und vielseitige Geschichte, die Einige in den Bootstouren und Stadtführungen, die besonders in der sommerlichen Touristensaison zahlreich angeboten werden, vielleicht schon kennengelernt haben. In der dunklen Hälfte des Jahres zeigt sich die Stadt aber von einer anderen Seite: bei dem „Kummituskävely“ erfährt man von den Gespenstern, die in den historischen Gebäuden und Plätzen Helsinkis ihr Unwesen treiben. Diese Führungen sind trotz der kalten Herbstnächte sehr beliebt, weshalb es nicht einfach ist, einen Platz zu bekommen. Wer aber mutig genug ist, kann sich mit dem Stadtführer Helsingin henget. Opas aaveiden pääkaupunkiin selbstständig auf Geisterjagd begeben. Darin finden sich Ortsbeschreibungen und historisches Hintergrundwissen, aber auch die Geistergeschichten selbst.

Im Piperin puisto auf der Festungsinsel Suomenlinna zum Beispiel gibt es einen Teich, der auch „Lemmenlampi“ genannt wird, also „Teich der Liebe“. Der romantische Klang trügt: Ende der 1700er versuchte ein Pärchen, das aufgrund von Standesunterschieden nicht zusammenbleiben durfte, sich darin zu ertränken. Der weite Rock der Frau allerdings schwamm auf der Teichoberfläche und alarmierte einen Spaziergänger, der die Frau daran aus dem Teich zog – sie überlebte allein. Aus Schuldgefühlen soll sie noch immer um den Teich wandern, und in der Dämmerung schimmert ihr Fußknöchel über der Wasseroberfläche.

Mysteriöser ist die Gestalt der weißen Dame, die hin und wieder beim Verlassen des 1952 gegründeten Restaurants Walhalla – ebenfalls auf Suomenlinna – gesichtet wird. Sie schwebt zur Vorderseite hinaus und löst sich in Luft auf. Man vermutet, dass sie etwas sucht, doch ihre Identität und Geschichte kennt niemand.

Auch im beliebten Café Kappeli in den Esplanaden nahe dem Markt soll es spuken, allerdings mit weniger Mysterium: der Besitzer und Gastwirt Josef Wolontis hat sich nach seinem Tod nicht von seinem ehemaligen Betrieb trennen können, und sorgt seit 1980 regelmäßig für seltsame Begebenheiten. Mal verschwindet nach Schließzeiten ein Stuhl und taucht am nächsten Tag aus dem Nichts wieder auf, mal fallen im Keller Gegenstände aus den Regalen. Wer, um ihn zu treffen, als Gast dort regelmäßig einkehren möchte, sollte allerdings im Vorhinein etwas Geld sparen: es ist dort sehr teuer.

Interessanter sind die Geschichten, die sich um die „Grauen Frauen“ ranken, weibliche Geisterscheinungen, die meist aus dem viktorianischen Zeitalter stammen. Oft handelt es sich dabei um Frauen, die mit den gesellschaftlichen Erwartungen ihrer Zeit in Konflikt gerieten und auch nach ihrem Tod noch nach ihrem eigentlichen Platz suchen. Eine von ihnen, kopflos, soll im Rathaus gesichtet worden sein – dort bewegen sich seitdem die Fahrstühle immer mal von selbst, ohne dass jemand ein- oder ausgestiegen wäre.

Text: Eva Kraushaar

Quellen:
Kairulahti, Vanessa und Karolina Kouvola. Helsingin Henget. Opas aaveiden pääkaupunkiin. Suomalaisen Kirjallisuuden Seura 2018
Kruununhaan kummitustarinat -kummituskävely | Event | City of Helsinki
Titelbild: Joakim Honkasalo auf Unsplash

Samische Geschichte – Ein Überblick

Ca. 98 v. Chr. – Erste Erwähnung der Sámi als sog. Fenni in Tacitus’ Germania

14. Jahrhundert – Die Birkarlar, Händler aus Norr- und Västerbotten in Schweden, bekommen die Erlaubnis durch die Krone, mit den Sámi zu handeln und Steuern einzutreiben. Die samischen Gebiete werden unterteilt und als Lappmark bezeichnet.

1553 – Der schwedische König Gustav Vasa beschließt, dass die Krone selbst die Steuern von den Sámi eintreiben sollte und setzte dazu die sog. Lappfogdar ein.

1557 – Erste samische Wörter werden vom Seefahrer Stephen Borrough auf der Kolahalbinsel zusammengestellt und in einer tersamischen Wortliste mit 95 Wörtern notiert.

17. Jahrhundert – Bau von Kirchen und der Beginn der Missionierung von Sápmi.

1619 – Ein erstes Buch auf Samisch wird publiziert: ABC bok på lapskt tungomål (z.Dt. ABC-Buch auf samischem Dialekt). Die Sprachkenntnisse des Verfassers, Nicolaus Andreae, gelten als derart schlecht, dass der Dialekt des Samischen nicht genauer definiert werden kann.

1635 – Bau einer Silbererzgrube im Nasafjäll nahe Arjeplog. Die Sámi werden in schlechte Arbeitsverhältnisse gezwungen und mussten das Erz zur Küste transportieren.

1673 – Schefferus’ Lapponia wird veröffentlicht.

1673 – Lappmarksplakatet, eine Bekanntmachung zur Förderung der Besiedlung Lapplands, die Neusiedler in das samische Gebiet locken soll und bis zu 30 Jahre Steuerfreiheit und die Befreiung vom Militärdienst verspricht.

1751 – Festlegung der Grenze von Schweden und Dänemark-Norwegen. Als Konsequenz wird die Lappkodicille geschrieben, welche regelt, dass die Sámi sich zur Rentierzucht über die Landesgrenzen hinwegbewegen dürfen.

1852 – Kautokeino-Aufstand, in dem eine Gruppe von Sámi gegen die nicht-samische Bevölkerung Kautokeinos rebellierte. Der Aufstand endete blutig.

1886 – Einführung des ersten Rentierweidegesetzes in Schweden, in dessen Folge die Rentierzucht kollektiviert wird.

20. Jahrhundert – Politische Einstellung, dass „ein Lappe ein Lappe bleiben“ solle, d.h. dass die Sámi als rentierzüchtende Nomad:innen leben müssen.

1904 – Elsa Laula gründet die erste samische politische Organisation, Lapska centralförbundet (Lappischer Zentralverbund), und schreibt ein Pamflet Inför lif eller död? Sanningsord i de lappska förhålladena (Leben oder Tod? Wahre Worte über die lappischen Verhältnisse).

1910 – Das erste Buch eines samischen Autors wird herausgegeben: Johan Turis Erzählungen vom Leben der Lappen.

1917 – Elsa Laula beruft das erste samische Landestreffen in Trondheim, Norwegen, ein.

1919 – Die erste Rentierweidekonvention wird geschlossen. Sie reguliert die Sommerweidung der Rentiere der schwedischen Sámi in Norwegen. Die Folge sind Zwangsumsiedlungen.

1921 – Gründung des staatlichen Instituts für Rassenbiologie in Schweden.

1928 – Einführung des neuen Rentierweidegesetzes in Schweden, das die Sámi in Rentierzüchter und Neusiedler teilt.

1956 – Gründung des Sámiráđđi (Sámi-Rat), der für die Zusammenarbeit der Sámi in Finnland, Norwegen, Russland und Schweden in kulturellen und politischen Fragen zuständig ist.

1968-1982 – Die norwegische Regierung plant einen Ausbau von Wasserkraft im Altaelva mit verheerenden Folgen für die Sámi. Nach großem Widerstand wird der Ausbau in geringerem Maße durchgeführt.

1973 – In Finnland entsteht eine Delegation für samische Fragen, die 1996 zum Sámi-Parlament umgewandelt wird.

1986 – Kirste Paltto wird für den wichtigsten finnischen Buchpreis, den Finlandia-Preis, nominiert.

1987 – Der erste gänzlich samischsprachige Kinofilm Ofelaš (dt. Titel Pathfinder) kommt in die Kinos und wird ein Jahr später für den Oscar in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film nominiert.

1989 – Gründung des norwegischen Sametings nach Veränderungen in der norwegischen Politik.

1991 – Nils-Aslak Valkeapää erhält den Literaturpreis des Nordischen Rates.

1993 – Gründung des schwedischen Sametings; Jagd auf Kleinwild wird freigegeben und somit kommunal verwaltet, was zu einem schwindenden Einfluss der Samebyar führt.

2000er – Die Ausbeutung Sápmis wird fortgesetzt: Durchführung von Untersuchungen für neue Gruben, Bau von Windparks und neuen Tourismusanlagen ungeachtet der Rentierweideplätze.

2000 – In Schweden tritt das erste samische Sprachgesetz in Kraft.

2010 – Das Sprachgesetz in Schweden wird ausgeweitet: Sámi haben nun die Möglichkeit, u.a. auch Behördengänge auf Samisch zu erledigen.

2010er – Ein größeres Interesse an samischer Kunst und Kultur entwickelt sich.

2016 – Der Film Sameblod kommt in die Kinos und gewinnt eine Vielzahl an Preisen.

2018 & 2020 – Linnéa Axelsson und Elin Anna Labba gewinnen den wichtigsten schwedischen Buchpreis, Augustpriset.

2020 – Der oberste Gerichtshof in Schweden fällt das Urteil, dass die Gemeinde Girjas die Jagd- und Fischereirechte ihrer Gebiete fortan selbst verwalten darf.

2013 bis heute –Beowulf Mining will eine Eisenerz-Grube errichten und Probebohrungen in Gállok, Schweden durchführen. Der Widerstand aus der samischen Bevölkerung und von Naturschützern ist groß. Die schwedische Regierung stimmt dem Vorhaben im März 2022 zu. Naturschützer klagen im Juni 2022 gegen das Urteil.

Quellen:
Bartens, Raija und Hans-Hermann. 1994. Lappische Anthologien – Lappisches in Anthologien. In: Gulya, J. & Lossau, N. 1994. Anthologie und interkulturelle Rezeption. Opuscula Fenno-Ugrica Gottingensia VI. 41-65.
Fjellgren, Patricia & Nord, Malin. 2021. Två tusen år av kulturmöten, undanträngning, motstånd och organisering. In: Fjellgren, Patricia & Nord, Malin. 2021. Inifrån Sápmi. Stockholm. 21-34.
Gaski, Harald. 1998. Die samische Literatur. In: Jens, Walter (Hrsg.). 1998. Kindlers Neues Literaturlexikon. Band 20. Essays & Register. München. 348-351.
Hirvonen, Vuokko. 2006. Saamische Literatur. In: Glauser, Jürg (Hrsg.). 2006. Skandinavische Literaturgeschichte. Stuttgart/Weimar.
Larsson, Lars-Gunnar. 2021. Johan Öhrling und das Lexicon Lapponicum. In: Bartens, Hans-Hermann; Larsson, Lars-Gunnar; Mattsson, Katja; Molnár, Judit; Savolainen, Tiina. 2021 [2020]. Kīel joug om šīld. Festschrift zum 65. Geburtstag von Eberhard Winkler. Wiesbaden. 209-228.
Winkler E., Haarmann H. 2002: Samisch. Okuka M. (Hg.): Lexikon der Sprachen des europäischen Ostens. Klagenfurt, 693–707. https://eeo.aau.at/wwwg.uni-klu.ac.at/eeo/Samisch.pdf
https://www.naturskyddsforeningen.se/artiklar/gallok-gruvan-kritiken-och-konsekvenserna-for-naturen/
http://www.laits.utexas.edu/sami/dieda/hist/kautokeino.htm
https://www.saamicouncil.net/se/hem/
https://de.wikipedia.org/wiki/Pathfinder_(Film)
https://www.augustpriset.se
https://fi.wikipedia.org/wiki/Finlandia-palkinto



Titelbild: Photo by Maria Vojtovicova on Unsplash

Die Sámi in Russland

Die indigene Bevölkerung Nordeuropas, die Sámi waren bereits im 7. Jahrhundert n. Chr. über die ganze Kola-Halbinsel verstreut und lebten als Rentiernomaden und Fischer im Rhythmus der arktischen Natur. Sie mussten erst den Kareliern, dann dem Nowgorod, den Norwegern und Moskowitern Tribut leisten. Die erste russische Kolonisierung erfolgte durch christlich orthodoxe Missionare. Die Bevölkerung wurde getauft und Kloster wurden gegründet mit dem Ziel, neues Territorium zu erobern. Ab dem 18. Jahrhundert wurden die Sámi zusätzlich zu der Kirche noch vom Staat ausgebeutet, der sich u.a. für Pelze, Fisch, Robben, Walrosse, Lebertran und Stoßzähne interessierte. Nach der Abschaffung der Leibeigenschaft Mitte des 19. Jahrhunderts brauchten die Sámi, die bisher nur Tauschhandel kannten, Geld für die Steuern. Sie wurden häufig von Händlern betrogen und vor allem mit Hilfe von Alkohol zu schlechten Geschäften überredet. Zur selben Zeit wollte die russische Regierung die Halbinsel mit anderen Bevölkerungsgruppen besiedeln, mit Finnen, die damals zu Russland gehörten, und Russen aber auch mit Komi. Die Weideländer der Rentiere wurden als Ackerland benutzt und die traditionelle halbnomadische Lebensweise begann zu verschwinden. 

In der Sowjetzeit wurden viele Sámi in Kolchosen gezwungen und das Land wurde zu großen Teilen für Industrie, Bergbau und Militär genutzt. Um die Sámi im Sinne der neuen Ideologie zu erziehen, wurden Schulen und Internate gegründet, in denen der Kontakt zu den Eltern und somit zu der Lebensart und den Traditionen unterbunden wurde. Als Folge dieser Politik bildeten die Sámi am Ende der Sowjetzeit die unterste Schicht der Bevölkerung, über ihnen waren die Komi und ganz oben die Russen. Die absolute Anzahl der Sámi war seit dem 19. Jahrhundert ungefähr gleichgeblieben und betrug 1890 Personen, prozentuell bildeten sie jetzt aber nur 0,2% der Bevölkerung. Sie waren zwangsurbanisiert, ohne Verbindung zur Natur und Rentierzucht, häufig arbeitslos und alkoholsüchtig, weitgehend vom Staat abhängig. Die samische Sprache wurde von ihnen selbst als lästig und schädlich betrachtet, ein Drittel der Sámi war ausschließlich russischsprachig.

Schadstoffe aus der Industrie gefährdeten das Leben auf der Halbinsel, sie verursachten sauren Regen und verschmutzten die Tundra mit Schwermetallen. In den 1980ern wurde ein provisorisches Atommülllager eingerichtet, in dem bis heute ausgebrannte Brennstäbe von Reaktoren sowjetischer U-Boote in baufälligen Hallen lagern. Mehr als 30 Reaktoren stehen in einem weiteren Lager.

1989 wurde die Organisation der Kola-Sámi in Murmansk gegründet, zehn Jahre später eine zweite in Lowosero, wo heute die meisten Sámi wohnen. Beide Organisationen haben einige hundert Mitglieder und die Aufgabe, die Interessen der Sámi zu vertreten. Aus dem Westen erhalten sie humanitäre Hilfe, mit der sie die hilfsbedürftigsten samischen Familien unterstützen. Im Jahr 2001 wurde in Murmansk ein lokales Gesetz erlassen, das die Sámi als indigene Bevölkerung nennt und ihre traditionelle Lebensweise wenigstens theoretisch schützt. Von der Gründung eines Sámi-Parlaments war schon die Rede, es ist aber noch lange nicht in Sicht, denn es fehlt sowohl das Geld auch als die Zustimmung der russischen Autoritäten. Einige Sámi glauben aber noch an eine bessere Zukunft, andere haben die Hoffnung wegen Korruption und Willkür der Behörden längst aufgegeben.

Quellen:

Die Eisenbahn zum Nordpolarmeer

Schon seit über 150 Jahren träumen die Finn:innen von einer Bahnverbindung zum Nordpolarmeer, meistens aus wirtschaftlichen Gründen. Die Bahn sollte den Bergbau, die Forstwirtschaft und den Tourismus fördern und den Zugang zum Atlantik versichern. Mehrere Male wurde der Bau der Nordpolarmeerbahn im Parlament verabschiedet und immer wieder als nicht rentabel zu den Akten gelegt. Während des zweiten Weltkriegs sollte die Bahn auf Anweisung von Adolf Hitler von 10 000–12 000 Kriegsgefangenen gebaut werden, um Mannschaften und Kriegsmaschinerie zu befördern. In den 1960er, 1970er, 1980er und 1990er Jahren brachten finnische Politiker:innen mehrfach Gesetzesanträge ein, um die Bahn entlang verschiedener Trassen zum Eismeer zu bauen. Alle geplanten Trassen durchquerten das Land der Sámi, die Meinung der Sámi wurde bei diesen Vorhaben aber nie eingeholt.

2017 hat die finnische Ministerin für Verkehr und Kommunikation Anne Berner den Bau einer Eisenbahnstrecke zum Nordpolarmeer initiiert. Auch diesmal sind die Beweggründe wirtschaftliche. Mit der Eisenbahnverbindung zum Polarmeer würde Finnland zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt für Europa werden, wenn durch den Klimawandel die Nordostpassage immer häufiger auch im Winter befahrbar bleibt und so der wesentlich kürzere Seeweg nach China benutzt werden kann. Wieder wurden die Sámi nicht gefragt, obwohl der §9 des finnischen Gesetzes zum Sámi-Parlament dazu verpflichtet, von Anfang an mit den Vertretern der Sámi zu verhandelt, wenn es um Projekte geht, die das Land der Sámi betreffen. 2019 stellte das finnische Ministerium fest, dass das Bahnprojekt wegen Unrentabilität vorerst nicht vorangetrieben wird.

Kurze Zeit später stellte der finnische Angry-Birds-Millionär Peter Vesterbacka sein Vorhaben vor, einen Eisenbahntunnel von Tallinn nach Helsinki sowie die Eismeerbahn von Rovaniemi zum nördlichen Polarmeer mit ausländischer Finanzierung zu bauen, und begründete dies mit wachsendem Tourismus, der Zunahme der Fischzucht in Norwegen und der Benutzung der Nordostpassage nach China. Die gesetzmäßigen Verhandlungen mit den Sámi hat es nicht gegeben.

Die Sámi sind gegen das Eismeerbahnprojekt, und nicht nur, weil ihr Recht, über das eigene Land zu bestimmen, verletzt worden ist, sondern weil ihr traditioneller Erwerb, die Rentierzucht, dadurch gefährdet wäre. Die Weidegebiete der Rentiere würden durch die Gleise durchschnitten und Kollisionen mit der Bahn würden Rentiere töten. Besonders im Sommer suchen Rentiere offene Plätze, Straßen und Bahngleise, um sich vor der Mückenplage zu schützen. 2021 wurden fast 500 Rentiere von der Bahn überfahren, wobei es momentan nur im südlicheren Rentierzuchtgebiet Bahngleise und sehr wenig Verkehr gibt. Die Bahn als Transportmöglichkeit würde die Abholzung der Wälder verstärken, die den Rentieren Flechten als ihre wichtigste Winternahrung anbieten. Durch die Gefährdung der Lebensgrundlage und der Natur wäre die gesamte samische Kultur bedroht.

2021 wurde die Eismeerbahn aus dem Regionalplan Nord-Finnlands gestrichen, was im Land der Sámi erst einmal auf Erleichterung stößt. Aber wie überall sind Regionalpläne auch in Finnland nicht in Stein gemeißelt.

Quellen:
Kukka Ranta / Jaana Kanninen (2019): Vastatuuleen. Saamen kansan pakkosuomalaistamisesta. Helsinki, S & S. S. 224–239.
https://www.greenpeace.org/finland/tiedotteet/1558/saamelaispaliskunnat-vastustavat-jaameren-rataa/ Stand: 08.09.2022
https://yle.fi/uutiset/3-11934660 Stand: 08.09.2022
https://www.finlex.fi/fi/laki/ajantasa/1995/19950974 Stand: 09.09.2022
https://yle.fi/uutiset/3-6747210
https://www.lapinkansa.fi/suurpedot-tappoivat-2020-ennatysmaaran-poroja-mika/4618496

Titelbild: Tauralbus auf Flickr (CC BY 2.0)
Bildquellen:
Lapin ratahankkeet: RicHard-59 (CC BY-SA 3.0)
Nordostseepassage: Collin Knopp-Schwyn and Turkish Flame (CC BY 4.0)

Die Deutsche Bibliothek in Helsinki

Kennt ihr schon die Deutsche Bibliothek in Helsinki? Sie wurde 1881 gegründet und beherbergt eine große Sammlung deutschsprachiger Literatur. Aber auch für Studierende der Finnougristik und Fennistik ist die Bibliothek mit dem gemütlichen Lesesaal ein perfekter Lektüreort.

Der Lesesaal in der Deutschen Bibliothek

Dieser Lesesaal nämlich befindet sich im Bereich der Fennica-Sammlung. Die wurde in den 1920ern gegründet, mit dem Ziel, alle deutschen Übersetzungen finnischer und finnlandschwedischer Literatur und deutschsprachige Sachbücher über Finnland zusammenzustellen. Zwar ist die Sammlung mit ca. 4000 Titeln bis heute nicht ganz vollständig, der Anspruch auf Lückenlosigkeit wird aber weiterhin verfolgt. Zudem werden alte Übersetzungen nicht ausgesondert, wenn eine Modernere hinzukommt. Dadurch könnt ihr hier beispielsweise alle deutschprachigen Versionen des Kalevala, von Alexis Kivis Die Sieben Brüder, und Väinö Linnas Kreuze in Karelien/Der unbekannte Soldat ausleihen.

Historische Bücher in der Deutschen Bibliothek

Auch für Interessierte an finnougristischer Forschungsgeschichte gibt es ein paar Schätze. In der Glasvitrine finden sich einige alte Titel aus dem 17. sowie dem mittleren 18. Jahrhundert, bei denen es sich um frühe Beschreibungen Lapplands und saamischer Sprachen und Kulturen handelt. Zum Beispiel Johannes Schefferus‘ Lappland. Neue und wahrhafftige Beschreibung von Lappland und dessen Einwohnern. (Heute selbstverständlich inhaltlich veraltet).[1]

Wer sich lieber mit Themen aus Neuzeit und Gegenwart auseinandersetzt, kann auf das Jahrbuch für finnisch-deutsche Literaturbeziehungen zurückgreifen, das von der Deutschen Bibliothek herausgegeben wird. Das erschien zunächst als Rundschreiben unter dem Titel Mitteilungen aus der Deutschen Bibliothek; mit der Zeit kamen deutschsprachige Übersetzungen und literaturwissenschaftliche Texte hinzu.

Heutzutage wählt das Redaktionsteam ein jährliches Schwerpunkthema aus, zu dem dann Textausschnitte aus der finnischen Literatur sowie kultur- und literaturwissenschaftliche Beiträge zusammengestellt werden. Außerdem werden Neuerscheinungen rezensiert, sowohl deutschsprachige Übersetzungen finnischer, finnlandschwedischer und saamischer Literatur als auch deutschsprachige Belletristik und Sachbücher mit Finnlandbezug.

Das Jahrbuch für finnisch-deutsche Literaturbeziehungen hat einige Abonnenten und ihr findet es auch im Bestand der Göttinger SUB – reinschauen lohnt sich!

Mit großem herzlichen Dank an Gabriele Schrey-Vasara und Robert Seitovirta für die ausführlichen Auskünfte!

Text & Bilder: Franziska Kraushaar

Quellen:
Schriftliches Interview mit Gabriele Schrey-Vasara vom 01.06.2022
Schriftliches Interview mit Robert Seitovirta vom 14.06.2022
Website der Deutschen Bibliothek: https://www.deutsche-bibliothek.org/fi/kirjasto.html
Artikel über Schefferus: Die Nordlichroute – Johannes Schefferus (uit.no)


[1] Obwohl Schefferus Ansinnen zu seiner Zeit eine sachliche Darstellung der saamischen Bevölkerung war, setzen sich die Kapitel aus Berichten schwedischer Pfarrer in saamischen Gebieten zusammen und sind dementsprechend von einer christlicher Perspektive des 17. Jahrhunderts gefärbt; dazu kommt eine Rezeptionsgeschichte, die den ursprünglichen Inhalt des Buches in verschiedenen Ausgaben und Übersetzungen weiter veränderte und ein mystifizierendes, verfälschendes Bild der Saamen schuf. Siehe: Die Nordlichroute – Johannes Schefferus (uit.no)

Das Licht in deinen Augen

Turku ist eine Stadt voller Kultur und Literatur, und auch der Schriftsteller und Lehrer Tommi Kinnunen wohnt hier. Zwei seiner vier erschienen Werke wurden bereits ins Deutsche übersetzt. Während der Debutroman Wege, die sich kreuzen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielt, folgt der zweite Roman der begonnenen Familiengeschichte weiter bis in die späten 80er, frühen 90er Jahre, und kann auch alleinstehend gelesen werden.

Das Licht in deinen Augen (finnisch Lopotti) erzählt die Geschichte zweier Menschen, denen ein Leben im gesellschaftlichen Abseits vorherbestimmt scheint: Helena wächst in den vierziger Jahren heran. Als Säugling erblindet, muss sie als Kind ihre Familie in Nordfinnland verlassen, um in Helsinki auf eine spezielle Schule zu gehen. Dort erkämpft sie sich ein eigenständiges Leben. Fast vierzig Jahre später lässt ihr Neffe Tuomas das gleiche Dorf zurück, in dem er sich ebenfalls nicht willkommen fühlt, denn er ist homosexuell. Episodenhaft werden Kindheit, Erwachsenwerden und Leben der beiden Figuren miteinander verwoben, ihre Perspektiven aufeinander, auf ihre Familie und die Welt zu einem komplexen Gefüge zusammengesetzt, in dem es keine einfachen Antworten gibt.

Beeindruckend ist die sanfte, poetische Sprache, mit der Kinnunen vom Schmerz seiner Figuren erzählt. Die neunjährige Helena lässt sich von ihrem Drachen in einen Sturm fortziehen, als ihr Vater ihr sagt, dass sie auf die Blindenschule fortgeschickt wird, fast 800 Kilometer in den Süden: „Der Wind riecht nach Tannennadeln und Moor. Unten streckt die Kälte ihre Fangarme aus und versucht, mich zu packen, schafft es aber nicht. Ich bin so hoch oben, dass der Winter mich nicht erreicht. (…) Der Sturm zieht mich nicht mehr höher, sondern trägt mich nach Norden, wo die Zeit stillsteht und der Frühling nie kommt und keiner jemals weggehen muss.“ (S. 106) Der jugendliche Tuomas wiederum kann sich zumindest auf den bevorstehenden Abschied vorbereiten, als er in Alles, was Sie schon immer über Sex wissen wollten über Homosexualität liest, sie sei „ein Makel, den man durchs Leben tragen muss“ (S. 107): „Es scheint noch kälter zu werden. Tuomas wickelt sich den Schal vor den Mund und versucht, durch ihn hindurch zu atmen. Er hat vor, alle Wege und Wohngebiete des Dorfes zu durchstreifen. Sich die Routen und jedes Gebäude einzuprägen, die hohen, gebogenen Kiefern in den Wäldern und die unter dem Schnee begrabenen Büsche. Er nimmt schon jetzt Abschied von diesen Orten, obwohl er noch nicht wegzieht. Doch dieser Moment rückt mit jedem Tag näher.“ (S. 113)

„Jeder Mensch muss entscheiden, ob er sich vor der Welt fürchten will oder nicht.“ (S. 45) Das ist der Leitsatz von Helenas Mutter, Tuomas‘ Oma, die wenig Verständnis aufbringt für Andere. Die nicht zugeben will, dass ihre Familie aus „Lopotti“ stammt, dem Dorf der verrufenen Frauen. Deren schlimmstes Urteil ist: „Er ist anders als die anderen.“ Die damit die Einsamkeit, in der sie selbst gefangen ist (denn sie ist das uneheliche Kind der verrufenen Frau aus Lopotti), an ihre Nachkommen weitergibt.

So bewahrt die Erzählung die Balance im Aufzeigen der äußeren und inneren Faktoren, die besonders die beiden Hauptfiguren zu Beginn ihres Lebens zum Außenseitertum bestimmen. Überschattet wird alles vom Selbstmord des Vaters/Großvaters, dessen Homosexualität noch gesetzlich kriminalisiert wurde. Trotzdem finden Helena und Tuomas nach und nach den Mut, ihr Leben so selbstbestimmt und mutig zu gestalten, wie es eben geht. Helena lässt ihren Vater und damit auch seine Haltung des Sich-Aufgebens zurück. Als Tuomas sich ihr schließlich als erste in der Familie offenbart, gibt sie ihm den unausgesprochenen Rat, der wohl der Kern des Buches ist: „Du hast deine schwache Stelle freigelegt wie ein Hund seine Kehle und hast Angst, dass ich meine Zähne hineinschlage. (…) Verwandle dich nie, weil ein anderer es will. Man muss nur sich selbst genügen, nicht den anderen. Und auch wenn nicht alle Geschichten Liebesgeschichten sind, sind sie nicht misslungen, vergiss das nicht.“ (S. 275 ff.)

Das alte Tolstoi‘sche Zitat kehrt sich im Verlauf ihrer beider Leben um – zwar sind alle auf ihre eigene Art unglücklich, aber in ihrem Unglück treten ihre Unterschiede in den Hintergrund. „In meinem Leben gibt es nichts, was nur einer verstehen könnte, der anders ist als die anderen“, resümiert Helena vor Tuomas, „In deinem wohl auch nicht.“ (S. 277) Während sich Tuomas und sein Partner nach einem Kind sehnen, treibt Helena immer wieder ab, aus Angst, der Mutterrolle nicht gerecht zu werden. „Du begreifst doch sicher, dass der Raum in dieser Wohnung, der das Kinderzimmer werden sollte, immer noch hallig und leer ist? Ich habe ihn mit meinen eigenen Entscheidungen möbliert und fühle mich dort wohl. Es geht im Leben nicht darum, glücklich zu sein.“ (S. 291f.) Aber auch ihr „normaler“ Exmann, der sich den Vaterwunsch schließlich mit einer anderen, sehenden Frau erfüllt, findet keine goldene Erfüllung darin: „Du erzählst den anderen, du wärst endlich ein richtiger Mann. Sie nicken und trinken bereitwillig das Bier, das du ihnen ausgibst. Du bist die Hilfsbedürftige los und bist nun ein ernst zu nehmender Vater, bildest eine neue Kernfamilie in der Gesellschaft. Vermehrst dich und füllst die Erde. Wenn du nach Hause gehst, kotzt du alles in den Rinnstein, alles außer deiner Verbitterung.“ (S. 290)

Das ist es vielleicht, was diesen Roman so besonders macht – es gibt kein Happy End, keine einfachen Lösungen oder endgültig zufriedenstellende Antworten. Gesellschaftliche Umstände wie gesetzliche und soziale Diskriminierung sind gut recherchiert und werden nicht beschönigt, dienen aber nicht zur Dramatisierung. Sie sind nur Teil des Hintergrunds der Figuren, deren Lebensgeschichten immer weiter gehen, immer wieder zeigen, dass die Wirklichkeit in ihren fröhlichen und grausamen Momenten doch nicht so trüb bleibt wie die Befürchtungen der Menschen, die ihr ausgesetzt sind. Die aus ihrer Einsamkeit nie ganz herausfinden und sich doch immer wieder begegnen können, im Dialog, in Gedanken oder nicht zuletzt in der Geschichte vom Gutshof Pieselfall.

Text: Franziska Kraushaar

Kinnunen, Tommi. Das Licht in deinen Augen. Penguin Verlag 2019, übersetzt von Gabriele Schrey-Vasara
Kinnunen, Tommi. Lopotti. WSOY 2016
Tommi Kinnunen – WSOY: https://www.wsoy.fi/kirjailija/tommi-kinnunen
Hakutulos – Suomen kirjallisuuden käännökset – SKS (finlit.fi): http://dbgw.finlit.fi/kaannokset/lista.php?order=author&asc=1&lang=FIN

Titelbild: Frans Leivo auf Unsplash

Das Kind im besetzten Land: die Sowjetzeit in der estnischen Literatur

Die Esten haben ein kompliziertes Verhältnis zu Russland. Noch heute ist man irgendwo zwischen Sowjetnostalgie und Angst vor einem neuen russischen Einmarsch. Jahrhundertelang war Estland von Russland besetzt und erst 1991 konnte sich die kleine Nation endgültig befreien. So wundert es nicht, dass Romane, die sich mit der Zeit der Besetzung auseinandersetzen, immer noch sehr beliebt sind, und auch noch geschrieben werden.
Wiederkehrende Motive: die Unterdrückung und die Bespitzelung, das ständige Misstrauen (s. auch Blogartikel zu Jaan Kross), die Anzahl der deportierten Menschen…

Wer die Zeit als Kind erlebt hat, hat zum Teil ganz andere Eindrücke. „In den Achtzigern hatten alle Arbeit und eine Wohnung. Jetzt gab es plötzlich neues Geld und fast alle waren arm“, sagt Riho Meister, der die Wiedererlangung der Unabhängigkeit als Sechsjähriger erlebte. Andere erinnern sich mehr an bunte Plastiktüten, seltsame Zeichentrickfilme wie von dem Igel, der sich im Nebel verläuft (siil udus), oder dem hüpfenden Ei mit Händen und Füßen (klaabu) und Kaugummipapier-Sammlungen, als an die Grausamkeiten der Sowjetzeit. Selbst der häufig genutzte Begriff „nõukogude aeg“ klingt irgendwie gar nicht so schlimm.

In Film und Literatur ist der kindliche Blickwinkel ein gern genutztes Mittel, um die Bedrücktheit ein Stück weit zu nehmen, andererseits die Brutalität noch deutlicher zu machen.
Ein Beispiel ist der Film Vehkleja (Der Fechter, 2015), der die Beziehung eines in den Fünfzigern verfolgten Lehrers zu seinen Schülern zeigt – er ist eine Vaterfigur für die Kinder, von denen die meisten bereits ihre Väter verloren haben, sei es durch den Krieg oder durch Stalins Deportationen.

Ein anderes Beispiel ist die Verfilmung von Leelo Tungals Autobiographie Seltsimees Laps (Die kleine Genossin, 2018), in der auch die Kamera so geführt wird, dass der Zuschauer alles aus Sicht eines Kindes erlebt. Die Mutter der sechsjährigen Leelo wurde nach Sibirien gebracht und nun beobachtet der Staat auch noch Leelos Vater. Eine der einprägsamsten Stellen des Films: Als Leelos Tante ruft, jetzt kämen sie noch alle ins Gefängnis, erwidert Leelo: „Wein doch nicht, in Sibirien triffst du Onkel Eino wieder!“

In der Literatur ist Ilmar Taskas Pobeda 1946 das wahrscheinlich eindrücklichste Beispiel. Der Roman erzählt die Geschichte eines namenlosen Jungen, dessen (ebenso namenloser) Vater zu Beginn aus dem Versteck im Hinterzimmer heraus verhaftet wird. Ist der Junge Schuld dran? Es geschah schließlich kurz nachdem er dem netten Onkel mit dem Pobeda von seinem Vater erzählt hat. Er vertraut dem Mann mit dem Auto, spielt Detektiv mit ihm und stellt ihn seiner Mutter vor. Dann verschwindet auch sie, und der Junge „darf“ nach Russland, ganz alleine mit dem Zug, um dort unter anderem Marschlieder zu lernen. Für ihn ist alles aufregend, und die Hoffnung, seine Eltern wiederzusehen, verschwindet nie. Zur Not sucht er sie eben selbst in Russland.

Die Namenlosigkeit vieler Charaktere zeigt die Austauschbarkeit ihrer Schicksale. Der Vater, der sich im Hinterzimmer versteckt, die Mutter, die versucht, das Kind zum Stillsein zu überreden, die deportierten Eltern – das kennt fast jede estnische Familie. Doch man darf nicht vergessen, dass auch zahlreiche Kinder deportiert wurden – nicht, weil sie „Volksfeinde“ waren, sondern damit sie es gar nicht erst würden.

Das Kind ist naiv, vorurteilsfrei. Es hat keine Angst, etwas Falsches zu sagen, hat keine Angst vor dem russischen Auto. Es sieht auch nicht, in welche Gefahr er hineinläuft, als es in das Auto des fremden Mannes, den es einfach nur Onkel nennt, einsteigt.
Doch das Urvertrauen des Kindes wird zwangsläufig irgendwann ruiniert. Ist der Pobeda-Onkel etwa gar kein guter Mensch?

Und während für den Jungen alles weniger bedrückend, eher aufregend ist, wird das Leseerlebnis umso bedrückender. Denn die Leserin weiß, in welche Gefahr das Kind sich begibt, was der Mann im Pobeda und das Verschwinden der Eltern bedeutet. Und auch, dass der Roman das Schicksal unzähliger Kinder in einem besetzten Land schildert.

Quellen
Literatur:
Martinez, Francisco. 2008. Remains of the Soviet Past in Estonia. London.
Taska, Ilmar. 2017. Pobeda 1946. Kommode Verlag. Zürich.
Film:
Klaabu (1978, Avo Paistik)
Seltsimees Laps (2018, Amrion; Regie: Moonika Siimets)
Siil udus (1975, Juri Borissowitsch Norstein (Original: Joschik w tumane))
Vehkleja (2015, Allfilm OÜ, Regie: Klaus Härö)

Sowie Gespräche mit Riho Meister (ERM) und Madis Hindre (ERR Vikerraadio).

Text & Bilder: Marina Loch

Die Bilder entstanden auf dem Sängerfest und am Maarjamäe kommunismiohvrite mälestusmärk, der Gedenkstätte für die Opfer des Kommunismus in Maarjamäe.

Andrus Kivirähk – von Hunden, Riesen und Schlangen in der estnischen Literatur

Der wohl bekannteste und meistübersetzte estnische Schriftsteller der letzten Jahre heißt Andrus Kivirähk (*1970). Er studierte Journalismus an der Universität Tartu und schreibt wöchentliche Kolumnen für die Zeitung Eesti Päevaleht.

Kivirähk ist ein vielseitiger Schriftsteller, der in nahezu jedem Genre Zuhause ist. Er schreibt Romane und Kurzgeschichten, Dramen und Kinderbücher und erfreut sich nicht nur in Estland großer Beliebtheit. Zu seinen erfolgreichsten Romanen zählen Rehepapp ehk November (z. Dt. Der Scheunenvogt oder November, 2000), und Mees, kes teadis ussisõnu (Der Mann, der mit Schlangen sprach, 2007, auf Deutsch 2017). Bereits sein erster Roman, Ivan Orava mälestused (Die Memoiren des Ivan Orav, 1995), verkaufte sich in seinem Heimatland in großer Zahl.

Seine Karriere nahm schon zu Schulzeiten ihren Anfang, denn er schrieb bereits 1984 für die satirische Zeitung Pikker (Gewitter) und die Satire ist es auch, die sich in seinem Werk immer und immer wieder findet. Kivirähk spielt mit dem Patriotismus der Esten und mit nationalen Mythen, bedient sich in seinen Texten aber auch fantastischer Elemente und der Folklore oder lässt Gott und Teufel auftreten. Den Riesen Suur Tõll aus der estnischen Mythologie erweckt Kivirähk in einem von Jüri Arrak illustrierten Buch zum Leben.

Sein wohl bekanntester Charakter ist das Hundemädchen Lotte, das die Protagonistin der gleichnamigen Kinderbuchreihe ist. Lotte ist eine aufgeweckte Person, die neugierig und mit offenen Augen durch die Welt geht. Sie lebt in Leiutajateküla, dem Erfinderdorf, und die Abenteuer, die sie mit ihrer Familie und ihren Freunden erlebt, gibt es mittlerweile sogar als Animationsfilme.

Der Titel Der Mann, der mit Schlangen sprach ist Kivirähks aktueller Roman und er wurde bereits in eine Vielzahl an Sprachen übersetzt. Er erzählt die Geschichte des jungen Leemet, der als letzter die Sprache der Schlangen beherrscht. Leemet lebt im Wald und als dieser von den Dorfbewohnern bedroht wird, ist es an ihm, seine fantastische Welt mit der Hilfe eines Drachen zu retten.

Kõik ülejäänud olid leidnud huvitavamat tegevust, nemad elasid juba uues maailmas, kus Põhja Konn oli vaid tegelane iidsest muinasjutust, mida vanaemad õhtuti vokki tallates pajatasid.

Alle anderen hatten eine interessante Tätigkeit gefunden, sie lebten schon in der neuen Welt, in der der Nordlanddrache nur eine Figur aus einem uralten Märchen war, das die Großmütter abends beim Betätigen des Spinnrads erzählten.

Kivirähk, Andrus. 2007. Mees, kes teadis ussisõnu. Tallinn. Varrak. S. 379
Übersetzung: Cornelius Hasselblatt, in: Kivirähk, Andrus. 2017. Der Mann, der mit Schlangen sprach. Stuttgart. Klett-Cotta. S. 459

Quellen:
http://www.estlit.ee/elis/?cmd=writer&id=09854
https://www.klett-cotta.de/buch/Weitere_Autoren/Der_Mann_der_mit_Schlangen_sprach/79959
Hasselblatt, Cornelius. 2006. Geschichte der estnischen Literatur. Berlin/New York. Walter de Gruyter. 761-764.

Kivirähk, Andrus. 2006. Leiutajateküla Lotte. o. O. Eesti Päevaleht.
Kivirähk, Andrus. 2007. Mees, kes teadis ussisõnu. Tallinn. Varrak.
Kivirähk, Andrus. 2014. Suur Tõll. Tallinn. Varrak.
Kivirähk, Andrus. 2017. Der Mann, der mit Schlangen sprach. Stuttgart. Klett-Cotta.

Bildquelle: Photo by Timothy Dykes on Unsplash

Jaan Kross

Jaan Kross gilt als einer der wichtigsten estnischen Autoren seiner Zeit. Er wurde am 19. Februar 1920 in Tallinn geboren und studierte 1938-1944 an der Universität Tartu Jura. Während der Besatzung Estlands durch die Deutschen 1944, wurde Kross für einige Monate gefangen genommen, kam aber wieder frei. 1946-1951 war er politischer Gefangener der Sowjets und wurde in ein Lager in der Komi ASSR deportiert, wo er in einer Steinkohlegrube arbeitete. 1951-1954 verbrachte er als Verbannter im Gebiet Krasnojarsk.

1954 kehrte Kross nach seiner Kriegsgefangenschaft und Verbannung nach Tallinn zurück und war als freier Schriftsteller tätig. Er schrieb Gedichte und Romane mit historischen Themen sowie Novellen. In der Zeitschrift Looming veröffentlichte der Autor bereits ab 1955 einige Gedichte. Sein eigentliches Debüt machte er schließlich 1958 mit der Gedichtsammlung Söerikastja (z.Dt. Kohleanreicherer), dessen Titel auf seine Lagerarbeit anspielt. Kross’ erster Roman mit historischem Stoff, Kolme katku vahel (dt. Das Leben des Balthasar Rüssow) erschien in Estland zwischen 1970 und 1980 in mehreren Bänden. Es ist eines der umfangreichsten Prosawerke der estnischen Literaturgeschichte. Die Schauplätze in Kross’ Romanen sind zumeist in Estland, haben aber auch außerhalb davon immer einen deutlichen Bezug zum estnischen Gebiet. Seine Werke wurden in viele Sprachen übersetzt, viele davon auch ins Deutsche.

1989 bekam Kross die Ehrendoktorwürde der Universität Tartu, 1990 die der Universität Helsinki. 1992-1993 war er sogar Abgeordneter des estnischen Parlaments.
Kross war insgesamt dreimal verheiratet, seit 1958 mit der Schriftstellerin Ellen Niit. Aus seinen Ehen gingen insgesamt vier Kinder hervor. Der Autor starb am 27. Dezember 2007 im Alter von 87 Jahren in Tallinn.

Quellen:
Hassleblatt, Cornelius. 2006. Geschichte der estnischen Literatur. Berlin/New York.
Tonts, Ü. 1995. Jaan Kross. In: Kruus, Oskar. 1995. Eesti Kirjarava Leksikon. Estnisches Schriftstellerlexikon. Tallinn. 228-230.
https://www.perlentaucher.de/buch/jaan-kross/wikmans-zoeglinge.html
http://www.ra.ee/apps/andmed/index.php/matrikkel/view?id=16957
https://et.wikipedia.org/wiki/Jaan_Kross

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