Andrus Kivirähk – von Hunden, Riesen und Schlangen in der estnischen Literatur

Der wohl bekannteste und meistübersetzte estnische Schriftsteller der letzten Jahre heißt Andrus Kivirähk (*1970). Er studierte Journalismus an der Universität Tartu und schreibt wöchentliche Kolumnen für die Zeitung Eesti Päevaleht.

Kivirähk ist ein vielseitiger Schriftsteller, der in nahezu jedem Genre Zuhause ist. Er schreibt Romane und Kurzgeschichten, Dramen und Kinderbücher und erfreut sich nicht nur in Estland großer Beliebtheit. Zu seinen erfolgreichsten Romanen zählen Rehepapp ehk November (z. Dt. Der Scheunenvogt oder November, 2000), und Mees, kes teadis ussisõnu (Der Mann, der mit Schlangen sprach, 2007, auf Deutsch 2017). Bereits sein erster Roman, Ivan Orava mälestused (Die Memoiren des Ivan Orav, 1995), verkaufte sich in seinem Heimatland in großer Zahl.

Seine Karriere nahm schon zu Schulzeiten ihren Anfang, denn er schrieb bereits 1984 für die satirische Zeitung Pikker (Gewitter) und die Satire ist es auch, die sich in seinem Werk immer und immer wieder findet. Kivirähk spielt mit dem Patriotismus der Esten und mit nationalen Mythen, bedient sich in seinen Texten aber auch fantastischer Elemente und der Folklore oder lässt Gott und Teufel auftreten. Den Riesen Suur Tõll aus der estnischen Mythologie erweckt Kivirähk in einem von Jüri Arrak illustrierten Buch zum Leben.

Sein wohl bekanntester Charakter ist das Hundemädchen Lotte, das die Protagonistin der gleichnamigen Kinderbuchreihe ist. Lotte ist eine aufgeweckte Person, die neugierig und mit offenen Augen durch die Welt geht. Sie lebt in Leiutajateküla, dem Erfinderdorf, und die Abenteuer, die sie mit ihrer Familie und ihren Freunden erlebt, gibt es mittlerweile sogar als Animationsfilme.

Der Titel Der Mann, der mit Schlangen sprach ist Kivirähks aktueller Roman und er wurde bereits in eine Vielzahl an Sprachen übersetzt. Er erzählt die Geschichte des jungen Leemet, der als letzter die Sprache der Schlangen beherrscht. Leemet lebt im Wald und als dieser von den Dorfbewohnern bedroht wird, ist es an ihm, seine fantastische Welt mit der Hilfe eines Drachen zu retten.

Kõik ülejäänud olid leidnud huvitavamat tegevust, nemad elasid juba uues maailmas, kus Põhja Konn oli vaid tegelane iidsest muinasjutust, mida vanaemad õhtuti vokki tallates pajatasid.

Alle anderen hatten eine interessante Tätigkeit gefunden, sie lebten schon in der neuen Welt, in der der Nordlanddrache nur eine Figur aus einem uralten Märchen war, das die Großmütter abends beim Betätigen des Spinnrads erzählten.

Kivirähk, Andrus. 2007. Mees, kes teadis ussisõnu. Tallinn. Varrak. S. 379
Übersetzung: Cornelius Hasselblatt, in: Kivirähk, Andrus. 2017. Der Mann, der mit Schlangen sprach. Stuttgart. Klett-Cotta. S. 459

Quellen:
http://www.estlit.ee/elis/?cmd=writer&id=09854
https://www.klett-cotta.de/buch/Weitere_Autoren/Der_Mann_der_mit_Schlangen_sprach/79959
Hasselblatt, Cornelius. 2006. Geschichte der estnischen Literatur. Berlin/New York. Walter de Gruyter. 761-764.

Kivirähk, Andrus. 2006. Leiutajateküla Lotte. o. O. Eesti Päevaleht.
Kivirähk, Andrus. 2007. Mees, kes teadis ussisõnu. Tallinn. Varrak.
Kivirähk, Andrus. 2014. Suur Tõll. Tallinn. Varrak.
Kivirähk, Andrus. 2017. Der Mann, der mit Schlangen sprach. Stuttgart. Klett-Cotta.

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Jaan Kross

Jaan Kross gilt als einer der wichtigsten estnischen Autoren seiner Zeit. Er wurde am 19. Februar 1920 in Tallinn geboren und studierte 1938-1944 an der Universität Tartu Jura. Während der Besatzung Estlands durch die Deutschen 1944, wurde Kross für einige Monate gefangen genommen, kam aber wieder frei. 1946-1951 war er politischer Gefangener der Sowjets und wurde in ein Lager in der Komi ASSR deportiert, wo er in einer Steinkohlegrube arbeitete. 1951-1954 verbrachte er als Verbannter im Gebiet Krasnojarsk.

1954 kehrte Kross nach seiner Kriegsgefangenschaft und Verbannung nach Tallinn zurück und war als freier Schriftsteller tätig. Er schrieb Gedichte und Romane mit historischen Themen sowie Novellen. In der Zeitschrift Looming veröffentlichte der Autor bereits ab 1955 einige Gedichte. Sein eigentliches Debüt machte er schließlich 1958 mit der Gedichtsammlung Söerikastja (z.Dt. Kohleanreicherer), dessen Titel auf seine Lagerarbeit anspielt. Kross’ erster Roman mit historischem Stoff, Kolme katku vahel (dt. Das Leben des Balthasar Rüssow) erschien in Estland zwischen 1970 und 1980 in mehreren Bänden. Es ist eines der umfangreichsten Prosawerke der estnischen Literaturgeschichte. Die Schauplätze in Kross’ Romanen sind zumeist in Estland, haben aber auch außerhalb davon immer einen deutlichen Bezug zum estnischen Gebiet. Seine Werke wurden in viele Sprachen übersetzt, viele davon auch ins Deutsche.

1989 bekam Kross die Ehrendoktorwürde der Universität Tartu, 1990 die der Universität Helsinki. 1992-1993 war er sogar Abgeordneter des estnischen Parlaments.
Kross war insgesamt dreimal verheiratet, seit 1958 mit der Schriftstellerin Ellen Niit. Aus seinen Ehen gingen insgesamt vier Kinder hervor. Der Autor starb am 27. Dezember 2007 im Alter von 87 Jahren in Tallinn.

Quellen:
Hassleblatt, Cornelius. 2006. Geschichte der estnischen Literatur. Berlin/New York.
Tonts, Ü. 1995. Jaan Kross. In: Kruus, Oskar. 1995. Eesti Kirjarava Leksikon. Estnisches Schriftstellerlexikon. Tallinn. 228-230.
https://www.perlentaucher.de/buch/jaan-kross/wikmans-zoeglinge.html
http://www.ra.ee/apps/andmed/index.php/matrikkel/view?id=16957
https://et.wikipedia.org/wiki/Jaan_Kross

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Minna Canth

Minna Canth ist die wichtigste Autorin des finnischen Realismus. Sie wurde am 19. März 1844 in Tampere unter dem Namen Ulrika Wilhelmina Johnsson geboren. Sie war eine finnische Schriftstellerin und Frauenrechtlerin und setze sich stets für die Rechte der Frau und gegen die sozialen Ungleichheiten ein. Aufgrund ihres sozialen Engagements wird ihr zu Ehren jedes Jahr an ihrem Geburtstag in ganz Finnland die finnische Flagge gehisst und somit war sie die erste Frau in Finnland mit einem eigenen Flaggentag.

Minna Canth kam aus einem einfachen Elternhaus. Sowohl ihr Vater Gustav William, als auch ihre Mutter Lovisa Ulrika Johnsson waren Finnlandschweden. Sie sprach also Finnisch und Schwedisch und lernte auch Französisch.

Minna Canth hatte das Glück, eine gute schulische Ausbildung genießen zu können und besuchte ab dem Jahre 1863 das Lehrerseminar in Jyväskylä. Selbstverständlich war dieses Studium nicht, denn das Seminar war das erste, welches auch Frauen zum Studium zuließ.

Ihr Studium gab Canth ein paar Jahre später auf, da sie eine Familie mit ihrem acht Jahre älteren Naturkundelehrer Johan Ferdinand Canth gründete. Das Paar bekam sieben Kinder.

Sie war eine von wenigen Frauen, welche Selbstvertrauen entwickelten und ihre Meinung frei äußerten und vertraten. Ihr Mann war bei der Zeitung Keski-Suomi angestellt und konnte dort die Artikel seiner Frau veröffentlichen, welche zu Beginn vor allem Alkoholmissbrauch thematisierten.

So wurde sie die erste finnische Journalistin, die immer mehr Kurzgeschichten verfasste und Artikel in verschiedenen Zeitungen veröffentlichte.

Nicht nur der Journalismus und das Verfassen von Geschichten und Artikeln lagen ihr, sondern auch das Schreiben von Theaterstücken. Auch in diesem Bereich hatte sie viel Erfolg und wurde 1882 für ihr erstes Stück Murtovarkaus (Der Einbruch, 1878) mit dem Preis der Finnischen Literaturgesellschaft (Suomalainen Kirjallisuuden Seura) belohnt. Im Stück Työmiehen vaimo (Die Frau des Arbeiters, 1885) schildert sie, wie eine Frau ihr gesamtes Vermögen verliert, weil der alkoholabhängige Ehemann es binnen kurzem vertrinkt.

Mehrere ihrer Werke waren zeitweise verboten. Mit der Kritik der Gesellschaft lernte sie aber umzugehen und vertrat weiterhin ihre Meinung und setzte sich weiterhin für die Frauenrechte ein. Ihren Werken ist es zu verdanken, dass Finnland im Jahre 1907 als erstes europäisches Land das Frauenwahlrecht einführte.

Quellen:

https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/minna-canth/

Laitinen, Kai 1991: Suomen kirjallisuuden historia. Otava, Helsinki. 218-222.

Bild: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7826155

Text: Caroline Sophie Heimrich, OHG Göttingen, Praktikantin

Ferenc Erkel – der Komponist der ungarischen Nationalhymne

Am 22. Januar wird in Ungarn der Tag der ungarischen Kultur gefeiert. Der Dichter und Politiker Ferenc Kölcsey schrieb am 22. Januar 1823 sein Gedicht zu Ende, das später die ungarische Nationalhymne wurde. Über das Gedicht und den Dichter haben wir hier schon berichtet. Aber wer war der Komponist, der die Hymne vertonte?

Die Melodie der ungarischen Nationalhymne stammt von Ferenc Erkel (1810-1893). Erkel, im südungarischen Gyula geboren, wuchs als Spross einer donauschwäbischen Musikerfamilie auf. Von 1822 bis 1825 besuchte er das Gymnasium des Benediktinerordens in Pressburg. Sein Musiklehrer dort war der angesehene Musikpädagoge Heinrich Klein, ein Vertrauter Beethovens. In Pressburg besuchter Erkel Opernvorstellungen und Konzerte von Franz Liszt und dem Violinisten János Bihari. Mit 18 Jahren wurde er Klavierlehrer in Klausenburg.

Seinen ersten Auftritt als Klaviervirtuose hatte Erkel im Jahre 1834. Ein Jahr später zog er nach Pest und übernahm den Posten des Kapellmeisters am Deutschen Theater und am Budaer Ungarischen Theater. In sehr jungen Jahren dirigierte er bereits berühmte Opern. 

Von 1838 an war er als Dirigent am Pester Ungarischen Theater (Pesti Magyar Színház) tätig: dort baute er das Orchester und den Chor auf und gründete später die Philharmonische Gesellschaft. Im Theater traten berühmte Persönlichkeiten der Zeit auf: die Opernsängerin Róza Déryné Széppataki und der Schauspieler, Komponist und Librettist Béni Egressy. Egressy vertonte das Gedicht des ungarischen Dichters Mihály Vörösmarty Szózat, Mahnruf, das später die inoffizielle zweite Nationalhymne Ungarns wurde.

Aber zurück zu Erkel. Am 8. August 1840 wurde seine erste Oper Báthori Mária im neugegründeten Nationaltehater uraufgeführt – die ungarische Nationaloper war geboren. Später wurde Erkel erster Dirigent des Nationaltheaters und blieb hier 30 Jahre. Er war Mitbegründer, Direktor und Klaivierlehrer der Musikakademie und später übernahm er den Posten des Obermusikdirektors am 1884 gegründeten Opernhaus.

Die ungarische Nationalhymne

Um Kölcseys Hymnus zu vertonen, ließ 1844 der Direktor des Nationaltheaters einen Wettbewerb durchführen. Preisgekrönt wurde die Musik von Erkel. Die Hymne, wie sie heute gesungen wird, ist jedoch mit dem Original nicht ganz identisch, denn die ursprüngliche Version wurde in einem etwas schnelleren Tempo gespielt. Die Melodie wurde erst nach dem Friedensvertrag von Trianon (4. Juni 1920), bei dem Ungarn ein Drittel seines Gebiets verlor, langsamer und tragischer.

Im 19. Jahrhundert wurden die beiden Nationallieder Hymne und Mahnruf abwechselnd gesungen, aber in den 1850-ern Jahren gewann die Hymne allmählich an Bedeutung.

Der Opernkomponist

Erkel komponierte insgesamt neun Opern, die den Stil Rossinis mit der im 18. Jahrhunder entstandenen ungarischen Verbunkos-Musik vereinen. Das Wort Verbunkos geht auf das deutsche Wort werben zurück: diese Tanzmusik wurde nämlich ursprünglich bei der Anwerbung von Soldaten gespielt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam der Verbunkos auch in den Operhäusern an: die bekanntesten Opern Erkels, Hunyadi László und Bánk bán, waren stark von ihm beeinflusst.

Der Schachspieler

Erkel gehörte lange Zeit zu den stärksten Schachspielern Ungarns und war 28 Jahre lang Vorsitzender des Pester Schachklubs.

Die Hymne kann man hier anhören: https://www.youtube.com/watch?v=M_1XePK1DAk

Link zum Palotás aus der Oper Hunyadi László: https://www.youtube.com/watch?v=R9S-06wV0VM

Quellen:

https://www.musiklexikon.ac.at/ml/musik_E/Erkel_Familie.xml
http://www.fszek.hu/konyvtaraink/kozponti_konyvtar/zenei_gyujtemeny/erkel_ferenc_elete_es_muvei/?article_hid=3332
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Was ist das Besondere an den Liven?

Sprachen sind alle einzigartig, das ist klar. Aber manche sind durch die aktuelle Situation, Geschichte oder Sprachstruktur einfach ein bisschen interessanter. Seitdem ich 2016 in Kurland bei der livischen Sommer­schule war, hat mich die Sprache irgendwie gepackt. Nach der einen Woche an der schönen und kalten kurländischen Küste habe ich mir Vokabel­karten geschrieben, sie sogar gelernt (!) und meinen Freunden nur noch „Gute Nacht“ auf Livisch gewünscht. „Jõvvõ īedõ!“

Aber warum? Was ist so besonders am Livischen? Vielleicht, dass die Sprache ausgestorben, aber trotzdem nicht tot ist. Dass es keine Muttersprachler mehr gibt, ist kein Hindernis für all die begeisterten Livisch-Lernenden. In Tartu gibt es livische Sprachkurse und jeden Sommer gibt es Schulen für Kinder, die Livisch lernen wollen. Man möchte die Sprache wiederbeleben. Ob diese Maß­nahmen so viel bringen, weiß man nicht. Vielleicht sollte man doch lieber seine eigenen Kinder mit Livisch als Muttersprache großziehen. (Das ist ja immernoch heimlich mein Ziel – mir fehlt nur ein Livisch sprechender Mann dazu.)

Doch wie ist es überhaupt dazu gekommen, dass das Livische ausgestorben ist? Vor dem 13. Jahrhundert waren die Liven noch ziemlich groß. Größer als die Letten. Die Liven lebten um den Rigaer Meerbusen und hatten durch das Meer und die Flüsse wichtige Handelswege gesichert. Aber die Liven waren kein riesiges Imperium, was mit einem starken Anführer die umliegenden Völker abge­schlachtet hat. (Vielleicht hätten sie genau das tun müssen, um jetzt noch aktiv zu sein, wer weiß…) Es gab fünf livische Stämme mit lokalen Anführern und ohne gemeinsames Zentrum. Anfang des 13. Jahrhunderts kamen die Deu­tschen und Riga wurde gegründet. Dadurch waren Livland und Kurland und somit das livische Siedlungsgebiet getrennt. In den folgenden Jahrhunderten starben die Liven durch Krieg und Krankheiten und ihre Identität durch die Assi­milierung mit den Letten. Als das Schrifttum in diesem Gebiet gefördert wurde, wurde das Livische von den einheimischen Sprachen dort am wenigsten geför­dert. Das Bürgertum war deutsch und für die Bauernbevölkerung musste wohl eine Sprache in Kirchen und Schulen genügen: das Lettische. Und das galt bis heute.

Dabei ist das Livische doch so interessant! Und sehr zeitsparend. In Bezug auf die Kürze ist das Livische nämlich unschlagbar – sogar im Vergleich zum Estnischen, was man an folgenden Wörtern ganz gut sehen kann: kūvaʼl (est. kuuvalgus ‘Mondlicht’), īʼž (est. isegi ‘sogar’), jūs (est. juures ‘bei’), pand (est. pannud ‘gestellt’).

Ein paar Fakten zur Sprache:

  • Lange Vokale werden wie im Lettischen durch einen Längenstrich markiert, z. B. sūr (est. suur ‘groß’), (est. luu ‘Knochen’); sogar über schon markierten Vokalen: lǟlam (‘schwer’)
  • Es gibt wie im Estnischen den reduzierten Vokal õ, z. B. als Infinitivendung (vȯtšõ ‘suchen’, irgõ ‘anfangen’, kītõ ‘fragen’). Auch schön ist das Wort für Abend: ȭdõg
  • Es gibt palatalisierte (weiche) Konsonanten, die durch eine Cedille, das kleine “Komma” hier unter rr und tt, markiert werden, z. B. kuoŗŗõ ‘sammeln’, kuoțțõ, Partitiv von ‘Tasche’.
  • Es gibt einen Stoßton (= Knacklaut), den heute im Livischen wahrscheinlich keiner mehr richtig aussprechen kann, der aber trotzdem bedeutungsunterscheidend sein kann: mit Stoßton bedeutet tu‘ļ ‘Feuer’ und ohne tuļ ‘er kam’. Dieser glottale Verschlusslaut wird phonetisch als ʔ transkribiert und es gibt ihn auch im Dänischen. Gut beschrieben wird er für das Dänische auch hier.
  • Im Wort können Vokal- und Konsonantwechsel auftreten, die es schwierig machen, zusammengehörige Formen zu erkennen: lǟ’dõ : ligīd (Imperativ 2. Pers. Pl.) ‘gehen’, ǭla : allõ (Part.) ‘Nachtfrost’, tei : tēd̜i Part.Pl. ‘Laus’, sǭdõ : sai (Prät. 3. Pers. Sg.) ‘bekommen’
  • Unterschiedliche grammatische Formen (z.B. Verbformen oder Kasus) sind zusammengefallen, d.h. der Kontext ist nicht gerade unwichtig. Z. B. sind die Formen der 1. und 3. Person Singular im Präsens gleich, deswegen braucht man das Personalpronomen: ma tulāb : ta tulāb ‘ich komme; er kommt’. Kruțk ‘Stelze’ hat im Partitiv, Dativ, Instrumental und im Illativ Singular die selbe Form: kruțkõ.

Zum Abschluss noch ein paar Links, die ihr euch unbedingt anschauen solltet:

Livisch-estnisches Wörterbuch:
sonad.oahpa.no/livM/est/

Viel mehr zu den Liven:
www.livones.net/en
fennougria.ee/rahvad/laanemeresoome-rahvad/liivlased/

Facebookseiten:
www.facebook.com/livonianlanguage/
www.facebook.com/livuval/
www.facebook.com/livones.net/

Bildquelle: pixabay
Text: Karin Fichtner

Die estnischen Liederfeste

Im Juli 2019 haben sich zigtausende Esten auf dem Tallinner Liederfestplatz getroffen, um das 150-jährige Jubiläum der estnischen Liederfeste zu feiern.

Zum ersten allgemeinen Liederfest 1869 in Tartu trafen sich 51 Männerchöre und Orchester mit insgesamt 845 Teilnehmern. Der Anlass war das 50-jährige Jubiläum der Entlassung aus der Leibeigenschaft in der mittleren Ostseeprovinz Livland. Dieses große Ereignis bot in der Zeit des nationalen Erwachens eine gute Möglichkeit, Einheit zu demonstrieren. Auf dem Fest waren drei estnische Originallieder vertreten – zwei Gedichte von Lydia Koidula und das Gedicht ihres Vaters Voldemar Janssen Mu isamaa, mu õnn ja rõõm (‘Mein Vaterland, mein Glück und meine Freude‘), das sich im Laufe der Zeit zur estnischen Nationalhymne entwickelte.

Nationalgefühl wollte man auch 1988 während der Jahre der singenden Revolution demonstrieren, als sich in Tallinn über 300.000 Menschen aus dem ganzen Baltikum versammelten und die in der Sowjetzeit verbotene Nationalhymne sangen. Die Melodie war den Esten, trotz Verbotes, nicht in Vergessenheit geraten, denn die finnische Nationalhymne, die zur selben Melodie gesungen wird, wurde
vom finnischen Rundfunk jeden Abend zum Sendeschluss über die Ostsee ausgestrahlt.

Die Tradition des Liederfestes gehört heute zum wichtigen Bestandteil der estnischen Identität und ist seit 2003 von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt. Das Thema des Liederfestes im Sommer 2019 war mit Lydia Koidulas Worten Minu arm „Mein Vaterland ist meine Liebe“.

Quellen:
Hasselblatt, Cornelius (2006): Geschichte der estnischen Literatur. Berlin/New York.
https://et.wikipedia.org/wiki/Laulupidu
http://2019.laulupidu.ee

Bildquelle:
https://et.m.wikipedia.org/wiki/Fail:Laulupidu_07072019.jpg

Busójárás in Mohács

Jedes Jahr in der Faschingszeit findet in der südungarischen Stadt Mohács nahe der kroatischen Grenze das größte Faschingsfest Ungarns, der Umzug der Busó (ung. busójárás), statt. Seine Tradition geht auf die südslawische Bevölkerungsgruppe der Schokatzen (kroatisch šokci, ung. sokácok) zurück, die in Kroatien, Serbien, Rumänien und Ungarn beheimatet ist. Das Spektakel dauert sechs Tage und gehört seit 2009 zum immateriellen Weltkulturerbe der UNESCO.

Das Wort Busó ist südslawischer Herkunft. Die Busó sind furchterregende Männer, die zottelige Schafspelze, mit Stroh ausgestopfte Hosen und gehörnte Holzmasken tragen. Während des Festes dürfen sie tun und lassen, was sie wollen. Alles ist erlaubt. Ihre Identität decken sie niemals auf.


“Am Schweif des Faschings” (von Faschingssonntag bis Dienstag) ziehen die Busó umher, um mit Viehglocken, Knarren und Gestampfe den Winter zu vertreiben. Sie versammeln sich in Kismohács auf der anderen Seite der Donau und setzen dann mit Booten ans Festland über. Dort angekommen, ziehen sie zu Fuß und mit Pferdekutschen weiter. Begleitet werden sie von in Lumpen verkleideten Männern und Kindern (Jankele) und von Schaulustigen, die in diesen Tagen zu tausenden in die Stadt strömen. Die Busó machen Lärm, erschrecken die Menschen.

Eine Gesandtschaft aus 100 Busó zieht vor das Rathaus, wo sie vom Bürgermeister mit Schnaps und Wein bewirtet werden. Es beginnt die Herrschaft der Busó: Sie tanzen, umarmen die Frauen und scherzen mit ihnen. In der Stadt ist es laut: überall wird musiziert, Kanonen werden angezündet. Die tapfersten Busó werden von einem Pferd auf dem Teufelsrad sitzend oder stehend durch die Straßen der Stadt gezogen: das Teufelsrad ist ein Holzrad, das auf einer langen Stange waagerecht fixiert ist und während der Fahrt auf der Straße kippelt.

Abends wird ein riesiger Scheiterhaufen entzündet und von den Busó umtanzt. Ein Sarg, der den Winter symbolisiert, wird auf den Scheiterhaufen geworfen und verbrannt.

Woher kommt dieses Fest?


Es gibt zwei Theorien zur Entstehung der Busójárás. Der Legende zufolge sollen die Busó die Türken in Angst und Schrecken versetzt und vertrieben haben. Nach der Schlacht bei Mohács (1526) besetzten die Türken große Gebiete Ungarns, vertrieben oder versklavten die Einwohner. Immer mehr Ungarn versteckten sich im Sumpfgebiet an der Donau. Die Türken trauten sich nicht, dieses Gebiet zu betreten. Viele ihrer Soldaten kamen hier ums Leben. Die hier lebenden Ungarn wurden aber immer mutiger: sie konnten sich hier tagsüber frei bewegen, abends haben sie sich am Feuer gewärmt.

Eines Abends, als die Ungarn beim Feuer saßen, erschien ein alter Schokatze und sagte den Ungarn, dass sie die Hoffnung nicht verlieren sollen, denn die Befreiung werde bald kommen. Sie sollten Waffen und furchteinflößende Masken aus Holz schnitzen und solange warten, bis eine stürmische Nacht komme und mit ihr ein goldbekleideter, maskierter Reiter, um sie dann in den Kampf gegen die Osmanen zu führen.


Am nächsten Tag fingen die Menschen mit den Vorbereitungen an: sie fertigten Gewehre, Masken, Kleidung und warteten auf den Reiter.

Einmal während eines Gewitters erschien tatsächlich ein stolzer, junger Reiter und winkte, ohne ein Wort zu sagen, den Männern zu. Die Mohácser standen auf, um dem Reiter zu folgen. Die Türken, die in ihren Häusern schliefen, wurden von einem fürchterlichen Lärm geweckt und als sie zum Fenster hinausschauten, sahen sie viele maskierte Männer, die sie für Dämonen hielten. Die Osmanen ergriffen die Flucht und verließen Mohács Hals über Kopf.


Das ist zwar eine sehr interessante Geschichte, aber die zweite Theorie ist wahrscheinlicher. Der Maskenkarneval dient der Vertreibung des Winters und die Busójárás gilt als ein altes Fruchtbarkeitsritual südslawischen Ursprungs. Kroatische Siedler, die nach der Vertreibung der Türken ins Land gezogen sind, sollen die Tradition mitgebracht haben. Zum ersten Mal wurde das Fest im 18. Jh. erwähnt, seinen endgültigen Charakter entfaltete es im Lauf der Jahrhunderte im Zusammenleben von Ungarn und Südslawen. Die Gestaltung der Kostüme und Masken ist seit Jahrhunderten unverändert erhalten geblieben.


Quellen:

www.mohacs.hu/info/buschofest

www.mohacsibusojaras.hu



Der Nationalfeiertag der Samen

Der 6. Februar ist der Nationalfeiertag der Samen. An diesem Tag im Jahre 1917 kamen die Samen aus Norwegen und Schweden das erste Mal zusammen, um Lösungen für gemeinsame Probleme zu finden. Bei der 15. samischen Konferenz 1992 wurde der 6. Februar zum Nationalfeiertag bestimmt.

Die Samen (Sámi) sind das einzige indigene Volk der EU. Sie wohnen im nördlichen Fennoskandien und in Russland, in Sápmi, dem Kulturraum der Samen. Traditionell waren die Samen Nomaden und lebten von Rentierzucht, Robbenjagd und Fischerei. Die Anzahl der Samen kann nur geschätzt werden und beträgt etwa 50 000–100 000 Menschen. Die große Variation kommt dadurch zustande, dass die Definition eines Samen auf Merkmalen wie z. B. Sprache, nationale und kulturelle Identifizierung oder Ausübung der traditionellen Berufe basiert.

Bild: Ningyou/Drieakko

Samisch wird von etwa 24 000 Menschen gesprochen. Es handelt sich nicht um eine Sprache, sondern eine Gruppe von samischen Sprachen. Sie zählen zu den finnisch-ugrischen Sprachen und ihre nächsten Sprachverwandten sind die ostseefinnischen Sprachen. Die größte samische Sprache ist Nordsamisch (5), das von etwa 70%–80% der Sprecher des Samischen gesprochen wird. Weitere samische Sprachen mit bis zu 800 Sprechern sind Südsamisch (1), Lulesamisch (4), Skoltsamisch (6), Inarisamisch (7) und Kildinsamisch (8). Fast ausgestorben sind Umesamisch (2), Pitesamisch (3) und Tersamisch (9), als ausgestorben gelten Akkalasamisch und Kemisamisch.

Bild: Juanjo Marin

Zur samischen Kultur gehören eng die samischen Trachten, auf die die Samen sehr stolz sind. Häufig sind sie von Familienmitgliedern, Verwandten oder Bekannten gemacht worden und einzigartig nicht nur wegen des dekorativen Äußeren, sondern auch wegen der beinhalteten Informationen: Aus dem Anzug und seinen Teilen kann man sowohl das Geschlecht als auch die Heimat, die Familie und den Familienstand seines Trägers lesen. Die Trachten sind von großer Bedeutung und werden immer noch aktiv getragen.

Die samische Volksmusik nennt man Joik. Es handelt sich um relativ eintönigen Gesang, bei dem die Musik wichtiger ist als der Text. Traditionell hatte der Joik mehrere Funktionen im Alltag: Der Joik des Rentierhirten hat die Raubtiere von den Rentieren ferngehalten, gleichzeitig war er eine gute Erinnerungshilfe beim Denken an die Freunde oder an Ereignisse mit ihnen. In der Zeit vor der Christianisierung hat sich der Schamane mit Hilfe des Joiks und der Zaubertrommel in Ekstase versetzt. Da, wo die Joiktradition heute noch lebhaft ist, bejoiken die Menschen Orte, Plätze und Tiere aber als eine Art Guten-Tag-Gruß auch sich gegenseitig.

Wie viele Minderheiten, haben auch die Samen stark unter der Staatsgewalt der Mehrheiten leiden müssen: Bis zu den 1970ern wurde strenge Assimilationspolitik mit Internatsschulen und Wohnheimen ausgeübt, das ILO-Übereinkommen Nr. 169 der indigenen Völker wurde beispielsweise in Finnland immer noch nicht ratifiziert und die Besonderheiten der samischen Kultur, vor allem die Trachten, wurden zu Werbezwecken missbraucht.

Heute am 6. Februar empfehlen die Behörden in Norwegen, Schweden und Finnland, überall die offizielle samische Flagge mit den Farben aus den Saamitrachen und dem Bild einer Sonnen- und Mondscheibe hochzuhissen und den Nationalfeiertag der Samen zu feiern.

Quellen:

https://fi.wikipedia.org/wiki/Saamelaiskielet

https://fi.wikipedia.org/wiki/Saamelaiset

http://sanosesaameksi.yle.fi

https://www.suomenkielet100.fi/

Die Finnenbrücke

Die Finnenbrücke symbolisiert die Verbindung zwischen Estland und Finnland. Sie stammt ursprünglich aus dem estnischen Nationalepos Kalevipoeg, in dem eine riesige gefällte Eiche von Finnland nach Estland
reicht:

Mis sest tammest tehtanessa?
Tüvist tehti tugev silda,
Painutati kena parve
Kahel aarul üle mere.
Üks viis saarelt Viru randa,
Teine aaru Soome randa,
Seep se kuulus Soomesilda.

Kreutzwald 1862, VI laul.

Was denn ward nun aus der Eiche?
Aus dem Stamm entstand ’ne Brücke,
War ein starker Steg gezimmert
Übers Meer in zweien Zweigen.
Ein Arm dringt nach Wierlands Küste,
Bis nach Finnland führt der andre
Weltberühmte Finnenbrücke.

Deutsch von Ferdinand Löwe

Die estnische Dichterin, später Nationaldichterin, Lydia Koidula träumte von der Wiedervereinigung der beiden Nationen mit gemeinsamen Wurzeln und griff das Thema in ihrem Gedichtzyklus 1881 auf:

Das Symbol wurde später vielfach benutzt und besonders in den frühen
Jahren der Unabhängigkeit wollte man damit die Idee eines estnischfinnischen Staatenbundes vorantreiben. Die Finnenbrücke wurde für den Weg der finnischen Freiwilligen in den estnischen Unabhängigkeitskampf gegen die Bolschewiken benutzt und später für den der estnischen Freiwilligen in den Winterkrieg und Fortsetzungskrieg zwischen Finnland und der Sowjetunion. Eine Art Finnenbrücke bildeten auch die Tausenden von Spirituskanistern, die während der finnischen Prohibitionszeit von Estland nach Finnland geschmuggelt wurden.

In der Sowjetzeit wurde der Kontakt abgebrochen, bis in den 1960ern die Schiffsverbindung zwischen Helsinki und Tallinn eingerichtet wurde und die Finnen wieder nach Tallinn reisen konnten. Für die Esten war die Verbindung virtuell: Sie konnten das Programm des finnischen Fernsehens empfangen.

Als Estland 1990 die Unabhängigkeit wiedererlangte, druckte man auf die neuen 100-Kronen-Geldscheine das Bild von Lydia Koidula sowie einige handschriftliche Zeilen ihres Gedichts:

Nach dem EU-Beitritt beider Länder ist das Traumbild des Staatenbundes wahr geworden. Auch die Finnenbrücke wird vermutlich in der nächsten Zukunft in Form eines Eisenbahntunnels zwischen Tallinn und Helsinki realisiert.

Quellen:
Esko Ollila: Suomen silta. http://www.lyska.net/seniorit/ollila.html
Seppo Zetterberg: Suomen silta monikasvoinen symboli. http://www.finland.ee/public/default.aspx?contentid=147459&nodeid=40600&contentlan=1&culture=fi-FI

Suomi 101

Zwei Jahreszahlen prägten die Geschichte Finnlands entscheidend: 1809 und 1917.

Nach einer fast 700-jährigen Zugehörigkeit zum Schwedischen Königreich (ca. 1154-1809) fiel Finnland 1809 als autonomes Großfürstentum kriegsbedingt an Russland. Der politische Status „Staat im Staat“ dauert fast 100 Jahre. In dieser Zeit führte Finnland (1906) als erstes Land in Europa das Frauenwahlrecht ein und wählte bei der Parlamentswahl (1907) die ersten weiblichen Abgeordneten der Welt.
Am 6. Dezember 1917 erklärte Finnland seine Unabhängigkeit von Russland und konstituierte sich als unabhängige Republik mit einem Präsidenten (später auch einer Präsidentin) als Staatsoberhaupt.Die sozialen Missstände waren zu Beginn der Unabhängigkeit so groß geworden, dass im Januar 1918 der Bürgerkrieg zwischen den sozialistischen „Roten“ und den bürgerlichen „Weißen“ ausbrach. Nach vier Monaten Krieg siegten die Weißen, die junge Nation war aber gespalten und die Wunden des Krieges waren nur schwer heilbar. Während des zweiten Weltkrieges verteidigte Finnland seine Unabhängigkeit gegen die Sowjetunion. Als Bedingung für den Waffenstillstand im Herbst 1944 musste der Kontakt zu den Deutschen abgebrochen werden, die an der Seite der Finnen in Lappland gekämpft hatten, was zum Lapplandkrieg zwischen Deutschland und Finnland geführt hat. Als Folge des Pariser Friedensvertrages verlor Finnland etwa 10% seines Gebietes und die Bevölkerung aus den abgetretenen Gebieten musste evakuiert werden. Eine Besatzung durch die Sowjetunion blieb den Finnen aber erspart und Finnland konnte seine Unabhängigkeit bewahren. Heute ist Finnland Mitglied der Vereinten Nationen und des Nordischen Rates (seit 1955), Mitglied der Europäischen Union (seit 1995), Mitglied der europäischen Währungsunion (seit 1999) und der Eurozone (seit 2002). 2017 feierte Finnland das einhundertjährige Jubiläum seiner Unabhängigkeit unter dem Motto „Yhdessä“ [Gemeinsam]. Das Festjahr wurde überall in Finnland sowie auch außerhalb der Landesgrenzen mit zahlreichen Veranstaltungen begangen. Die Feierlichkeiten begannen am 1.1.2017 und endeten am 6. Dezember 2017, dem Unabhängigkeitstag und zugleich Nationalfeiertag Finnlands.

 

Text: Christine Bethge, Bilder: Tiina Savolainen