Geister in Helsinki

Finnlands Hauptstadt Helsinki hat eine lange und vielseitige Geschichte, die Einige in den Bootstouren und Stadtführungen, die besonders in der sommerlichen Touristensaison zahlreich angeboten werden, vielleicht schon kennengelernt haben. In der dunklen Hälfte des Jahres zeigt sich die Stadt aber von einer anderen Seite: bei dem „Kummituskävely“ erfährt man von den Gespenstern, die in den historischen Gebäuden und Plätzen Helsinkis ihr Unwesen treiben. Diese Führungen sind trotz der kalten Herbstnächte sehr beliebt, weshalb es nicht einfach ist, einen Platz zu bekommen. Wer aber mutig genug ist, kann sich mit dem Stadtführer Helsingin henget. Opas aaveiden pääkaupunkiin selbstständig auf Geisterjagd begeben. Darin finden sich Ortsbeschreibungen und historisches Hintergrundwissen, aber auch die Geistergeschichten selbst.

Im Piperin puisto auf der Festungsinsel Suomenlinna zum Beispiel gibt es einen Teich, der auch „Lemmenlampi“ genannt wird, also „Teich der Liebe“. Der romantische Klang trügt: Ende der 1700er versuchte ein Pärchen, das aufgrund von Standesunterschieden nicht zusammenbleiben durfte, sich darin zu ertränken. Der weite Rock der Frau allerdings schwamm auf der Teichoberfläche und alarmierte einen Spaziergänger, der die Frau daran aus dem Teich zog – sie überlebte allein. Aus Schuldgefühlen soll sie noch immer um den Teich wandern, und in der Dämmerung schimmert ihr Fußknöchel über der Wasseroberfläche.

Mysteriöser ist die Gestalt der weißen Dame, die hin und wieder beim Verlassen des 1952 gegründeten Restaurants Walhalla – ebenfalls auf Suomenlinna – gesichtet wird. Sie schwebt zur Vorderseite hinaus und löst sich in Luft auf. Man vermutet, dass sie etwas sucht, doch ihre Identität und Geschichte kennt niemand.

Auch im beliebten Café Kappeli in den Esplanaden nahe dem Markt soll es spuken, allerdings mit weniger Mysterium: der Besitzer und Gastwirt Josef Wolontis hat sich nach seinem Tod nicht von seinem ehemaligen Betrieb trennen können, und sorgt seit 1980 regelmäßig für seltsame Begebenheiten. Mal verschwindet nach Schließzeiten ein Stuhl und taucht am nächsten Tag aus dem Nichts wieder auf, mal fallen im Keller Gegenstände aus den Regalen. Wer, um ihn zu treffen, als Gast dort regelmäßig einkehren möchte, sollte allerdings im Vorhinein etwas Geld sparen: es ist dort sehr teuer.

Interessanter sind die Geschichten, die sich um die „Grauen Frauen“ ranken, weibliche Geisterscheinungen, die meist aus dem viktorianischen Zeitalter stammen. Oft handelt es sich dabei um Frauen, die mit den gesellschaftlichen Erwartungen ihrer Zeit in Konflikt gerieten und auch nach ihrem Tod noch nach ihrem eigentlichen Platz suchen. Eine von ihnen, kopflos, soll im Rathaus gesichtet worden sein – dort bewegen sich seitdem die Fahrstühle immer mal von selbst, ohne dass jemand ein- oder ausgestiegen wäre.

Text: Eva Kraushaar

Quellen:
Kairulahti, Vanessa und Karolina Kouvola. Helsingin Henget. Opas aaveiden pääkaupunkiin. Suomalaisen Kirjallisuuden Seura 2018
Kruununhaan kummitustarinat -kummituskävely | Event | City of Helsinki
Titelbild: Joakim Honkasalo auf Unsplash

Die Sámi-Frage in Finnland. Hintergründe.

In Finnland wird die Zugehörigkeit zu den Sámi im §3 des Gesetzes zum Sámi-Parlament bestimmt. Dies besagt, dass mit Sámi eine Person gemeint ist, die sich als Sámi identifiziert, und eins der Kriterien erfüllt: 1) sie muss entweder selbst Samisch sein oder als erste Sprache sprechen oder ihr Elternteil oder Großelternteil muss Samisch als Muttersprache gehabt haben, 2) sie muss von einer Person abstammen, die im Melde- oder Steuerregister als Lappe eingetragen war, oder 3) wenigstens ein Elternteil muss bei der Sámi-Parlamentswahl im Wählerverzeichnis eingetragen sein oder hätte eingetragen sein können.

Problematisch ist das zweite Kriterium, denn es wird nicht bestimmt, wie weit weg in der Vergangenheit die Eintragung als Lappe liegen kann. Fast jeder Einwohner des finnischen Lapplands hat einen Vorfahren, der im Register als Lappe eingetragen ist, denn ab dem 17. Jahrhundert wurden Personen, die nomadenhaft und aus der Natur lebten, als Lappen bezeichnet. Es handelt sich also nicht nur um Sámi.

Das Sámi-Parlament und das oberste Verwaltungsgericht Finnlands sind sich in den letzten Jahren nicht immer einig darüber gewesen, wer zu den Sámi zählt und wer nicht. Deshalb müsste das Gesetz dringend erneuert und die ILO-Konvention 169 ratifiziert werden. Die Ratifizierung wird allerdings auch Gegner im finnischen Parlament haben, denn sie setzt voraus, dass Finnland aktiv die kulturelle, sprachliche, soziale und finanzielle Lage der Sámi sicherstellt und das Recht der Sámi auf das Land und die Gewässer in ihrem Heimatgebiet anerkennt.

Die Gründe und Hintergründe sowohl für die Anträge als auch für die Ablehnungen sind kompliziert und hängen zusammen mit eingebildeten Sonderrechten der Sámi, Machtfragen und vor allem der traumatisierenden Assimilationspolitik des letzten Jahrhunderts.

Quellen:

Die Eisenbahn zum Nordpolarmeer

Schon seit über 150 Jahren träumen die Finn:innen von einer Bahnverbindung zum Nordpolarmeer, meistens aus wirtschaftlichen Gründen. Die Bahn sollte den Bergbau, die Forstwirtschaft und den Tourismus fördern und den Zugang zum Atlantik versichern. Mehrere Male wurde der Bau der Nordpolarmeerbahn im Parlament verabschiedet und immer wieder als nicht rentabel zu den Akten gelegt. Während des zweiten Weltkriegs sollte die Bahn auf Anweisung von Adolf Hitler von 10 000–12 000 Kriegsgefangenen gebaut werden, um Mannschaften und Kriegsmaschinerie zu befördern. In den 1960er, 1970er, 1980er und 1990er Jahren brachten finnische Politiker:innen mehrfach Gesetzesanträge ein, um die Bahn entlang verschiedener Trassen zum Eismeer zu bauen. Alle geplanten Trassen durchquerten das Land der Sámi, die Meinung der Sámi wurde bei diesen Vorhaben aber nie eingeholt.

2017 hat die finnische Ministerin für Verkehr und Kommunikation Anne Berner den Bau einer Eisenbahnstrecke zum Nordpolarmeer initiiert. Auch diesmal sind die Beweggründe wirtschaftliche. Mit der Eisenbahnverbindung zum Polarmeer würde Finnland zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt für Europa werden, wenn durch den Klimawandel die Nordostpassage immer häufiger auch im Winter befahrbar bleibt und so der wesentlich kürzere Seeweg nach China benutzt werden kann. Wieder wurden die Sámi nicht gefragt, obwohl der §9 des finnischen Gesetzes zum Sámi-Parlament dazu verpflichtet, von Anfang an mit den Vertretern der Sámi zu verhandelt, wenn es um Projekte geht, die das Land der Sámi betreffen. 2019 stellte das finnische Ministerium fest, dass das Bahnprojekt wegen Unrentabilität vorerst nicht vorangetrieben wird.

Kurze Zeit später stellte der finnische Angry-Birds-Millionär Peter Vesterbacka sein Vorhaben vor, einen Eisenbahntunnel von Tallinn nach Helsinki sowie die Eismeerbahn von Rovaniemi zum nördlichen Polarmeer mit ausländischer Finanzierung zu bauen, und begründete dies mit wachsendem Tourismus, der Zunahme der Fischzucht in Norwegen und der Benutzung der Nordostpassage nach China. Die gesetzmäßigen Verhandlungen mit den Sámi hat es nicht gegeben.

Die Sámi sind gegen das Eismeerbahnprojekt, und nicht nur, weil ihr Recht, über das eigene Land zu bestimmen, verletzt worden ist, sondern weil ihr traditioneller Erwerb, die Rentierzucht, dadurch gefährdet wäre. Die Weidegebiete der Rentiere würden durch die Gleise durchschnitten und Kollisionen mit der Bahn würden Rentiere töten. Besonders im Sommer suchen Rentiere offene Plätze, Straßen und Bahngleise, um sich vor der Mückenplage zu schützen. 2021 wurden fast 500 Rentiere von der Bahn überfahren, wobei es momentan nur im südlicheren Rentierzuchtgebiet Bahngleise und sehr wenig Verkehr gibt. Die Bahn als Transportmöglichkeit würde die Abholzung der Wälder verstärken, die den Rentieren Flechten als ihre wichtigste Winternahrung anbieten. Durch die Gefährdung der Lebensgrundlage und der Natur wäre die gesamte samische Kultur bedroht.

2021 wurde die Eismeerbahn aus dem Regionalplan Nord-Finnlands gestrichen, was im Land der Sámi erst einmal auf Erleichterung stößt. Aber wie überall sind Regionalpläne auch in Finnland nicht in Stein gemeißelt.

Quellen:
Kukka Ranta / Jaana Kanninen (2019): Vastatuuleen. Saamen kansan pakkosuomalaistamisesta. Helsinki, S & S. S. 224–239.
https://www.greenpeace.org/finland/tiedotteet/1558/saamelaispaliskunnat-vastustavat-jaameren-rataa/ Stand: 08.09.2022
https://yle.fi/uutiset/3-11934660 Stand: 08.09.2022
https://www.finlex.fi/fi/laki/ajantasa/1995/19950974 Stand: 09.09.2022
https://yle.fi/uutiset/3-6747210
https://www.lapinkansa.fi/suurpedot-tappoivat-2020-ennatysmaaran-poroja-mika/4618496

Titelbild: Tauralbus auf Flickr (CC BY 2.0)
Bildquellen:
Lapin ratahankkeet: RicHard-59 (CC BY-SA 3.0)
Nordostseepassage: Collin Knopp-Schwyn and Turkish Flame (CC BY 4.0)

Mit einer Räuberfamilie unterwegs, oder: was passiert, wenn die Sommerferien zu langweilig sind.

Die finnougrische Schönliteratur hat nicht nur für Erwachsene etwas zu bieten. Auch die Kinder- und Jugendliteratur stellt seit langer Zeit einen wichtigen Teilbereich des literarischen Lebens dar und wird in größerem Umfang publiziert. Insbesondere aus Finnland haben auch bereits viele Titel ihren Weg nach Deutschland gefunden, nicht zuletzt, seit Finnland 2014 Partnerland der Frankfurter Buchmesse war.

Siri Kolu

Eine der Autorinnen, die man in deutscher Übersetzung lesen kann, ist Siri Kolu (*1972). Sie studierte Literatur- und Theaterwissenschaften in Helsinki und ist neben ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin auch als Dozentin, Regisseurin und Dramaturgin tätig. Ihr Debüt, Metsänpimeä (z.Dt. Waldesdunkel), erschien bereits 2008. Größere Bekanntheit erlangte Kolu auch hierzulande mit der Vilja-Reihe, für deren ersten Band namens Vilja und die Räuber (orig. Me Rosvolat) sie 2010 sogar den Junior-Finlandia-Preis bekam. Über sich selbst sagt sie, dass sie Flohmärkte und Windhunde, Katastrophenfilme und Steampunk mag. Kolus jüngster Roman erschien im Mai 2022 unter dem Titel Yön salaisuus (z.Dt. Das Geheimnis der Nacht).

Aber wer ist eigentlich Vilja?

Vilja ist zu Beginn der Romanreihe 11 Jahre alt und wird von einer Räuberfamilie gekidnappt. Klingt furchtbar? Von wegen! Vilja ist von ihrer großen Schwester, den Eltern und den ziemlich langweiligen Sommerferien genervt und da kommt ein bisschen Abwechslung und Abenteuer gerade recht. Anstatt sich vor den Räubern zu fürchten, wird sie freundlich aufgenommen und findet in den Räuberkindern Hele und Kalle neue Freunde. Doch nicht nur das – auch in Vilja steckt das Zeug zu einer richtigen Räuberin und gemeinsam mit Familie Räuberberg erlebt sie ein großes Räubersommerabenteuer, das in den nachfolgenden Romanen fortgesetzt wird.

In Finnland sind mittlerweile acht Titel der Vilja-Reihe erschienen, in deutscher Übersetzung kann man immerhin schon drei verschiedene Räuberabenteuer lesen und auch eine Verfilmung gibt es bereits.

Quellen:
Kolu, Siri. 2012. Vilja und die Räuber. München (Heyne).
https://www.penguinrandomhouse.de/Autor/Siri-Kolu/p425273.rhd#
https://fi.wikipedia.org/wiki/Siri_Kolu
https://otava.fi/kirjailijat/siri-kolu/
https://otava.fi/kirjat/yon-salaisuus/
http://merosvolatelokuva.fi/
Bildquelle: Eliott Reyna auf Unsplash

Die Deutsche Bibliothek in Helsinki

Kennt ihr schon die Deutsche Bibliothek in Helsinki? Sie wurde 1881 gegründet und beherbergt eine große Sammlung deutschsprachiger Literatur. Aber auch für Studierende der Finnougristik und Fennistik ist die Bibliothek mit dem gemütlichen Lesesaal ein perfekter Lektüreort.

Der Lesesaal in der Deutschen Bibliothek

Dieser Lesesaal nämlich befindet sich im Bereich der Fennica-Sammlung. Die wurde in den 1920ern gegründet, mit dem Ziel, alle deutschen Übersetzungen finnischer und finnlandschwedischer Literatur und deutschsprachige Sachbücher über Finnland zusammenzustellen. Zwar ist die Sammlung mit ca. 4000 Titeln bis heute nicht ganz vollständig, der Anspruch auf Lückenlosigkeit wird aber weiterhin verfolgt. Zudem werden alte Übersetzungen nicht ausgesondert, wenn eine Modernere hinzukommt. Dadurch könnt ihr hier beispielsweise alle deutschprachigen Versionen des Kalevala, von Alexis Kivis Die Sieben Brüder, und Väinö Linnas Kreuze in Karelien/Der unbekannte Soldat ausleihen.

Historische Bücher in der Deutschen Bibliothek

Auch für Interessierte an finnougristischer Forschungsgeschichte gibt es ein paar Schätze. In der Glasvitrine finden sich einige alte Titel aus dem 17. sowie dem mittleren 18. Jahrhundert, bei denen es sich um frühe Beschreibungen Lapplands und saamischer Sprachen und Kulturen handelt. Zum Beispiel Johannes Schefferus‘ Lappland. Neue und wahrhafftige Beschreibung von Lappland und dessen Einwohnern. (Heute selbstverständlich inhaltlich veraltet).[1]

Wer sich lieber mit Themen aus Neuzeit und Gegenwart auseinandersetzt, kann auf das Jahrbuch für finnisch-deutsche Literaturbeziehungen zurückgreifen, das von der Deutschen Bibliothek herausgegeben wird. Das erschien zunächst als Rundschreiben unter dem Titel Mitteilungen aus der Deutschen Bibliothek; mit der Zeit kamen deutschsprachige Übersetzungen und literaturwissenschaftliche Texte hinzu.

Heutzutage wählt das Redaktionsteam ein jährliches Schwerpunkthema aus, zu dem dann Textausschnitte aus der finnischen Literatur sowie kultur- und literaturwissenschaftliche Beiträge zusammengestellt werden. Außerdem werden Neuerscheinungen rezensiert, sowohl deutschsprachige Übersetzungen finnischer, finnlandschwedischer und saamischer Literatur als auch deutschsprachige Belletristik und Sachbücher mit Finnlandbezug.

Das Jahrbuch für finnisch-deutsche Literaturbeziehungen hat einige Abonnenten und ihr findet es auch im Bestand der Göttinger SUB – reinschauen lohnt sich!

Mit großem herzlichen Dank an Gabriele Schrey-Vasara und Robert Seitovirta für die ausführlichen Auskünfte!

Text & Bilder: Franziska Kraushaar

Quellen:
Schriftliches Interview mit Gabriele Schrey-Vasara vom 01.06.2022
Schriftliches Interview mit Robert Seitovirta vom 14.06.2022
Website der Deutschen Bibliothek: https://www.deutsche-bibliothek.org/fi/kirjasto.html
Artikel über Schefferus: Die Nordlichroute – Johannes Schefferus (uit.no)


[1] Obwohl Schefferus Ansinnen zu seiner Zeit eine sachliche Darstellung der saamischen Bevölkerung war, setzen sich die Kapitel aus Berichten schwedischer Pfarrer in saamischen Gebieten zusammen und sind dementsprechend von einer christlicher Perspektive des 17. Jahrhunderts gefärbt; dazu kommt eine Rezeptionsgeschichte, die den ursprünglichen Inhalt des Buches in verschiedenen Ausgaben und Übersetzungen weiter veränderte und ein mystifizierendes, verfälschendes Bild der Saamen schuf. Siehe: Die Nordlichroute – Johannes Schefferus (uit.no)

Das Licht in deinen Augen

Turku ist eine Stadt voller Kultur und Literatur, und auch der Schriftsteller und Lehrer Tommi Kinnunen wohnt hier. Zwei seiner vier erschienen Werke wurden bereits ins Deutsche übersetzt. Während der Debutroman Wege, die sich kreuzen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielt, folgt der zweite Roman der begonnenen Familiengeschichte weiter bis in die späten 80er, frühen 90er Jahre, und kann auch alleinstehend gelesen werden.

Das Licht in deinen Augen (finnisch Lopotti) erzählt die Geschichte zweier Menschen, denen ein Leben im gesellschaftlichen Abseits vorherbestimmt scheint: Helena wächst in den vierziger Jahren heran. Als Säugling erblindet, muss sie als Kind ihre Familie in Nordfinnland verlassen, um in Helsinki auf eine spezielle Schule zu gehen. Dort erkämpft sie sich ein eigenständiges Leben. Fast vierzig Jahre später lässt ihr Neffe Tuomas das gleiche Dorf zurück, in dem er sich ebenfalls nicht willkommen fühlt, denn er ist homosexuell. Episodenhaft werden Kindheit, Erwachsenwerden und Leben der beiden Figuren miteinander verwoben, ihre Perspektiven aufeinander, auf ihre Familie und die Welt zu einem komplexen Gefüge zusammengesetzt, in dem es keine einfachen Antworten gibt.

Beeindruckend ist die sanfte, poetische Sprache, mit der Kinnunen vom Schmerz seiner Figuren erzählt. Die neunjährige Helena lässt sich von ihrem Drachen in einen Sturm fortziehen, als ihr Vater ihr sagt, dass sie auf die Blindenschule fortgeschickt wird, fast 800 Kilometer in den Süden: „Der Wind riecht nach Tannennadeln und Moor. Unten streckt die Kälte ihre Fangarme aus und versucht, mich zu packen, schafft es aber nicht. Ich bin so hoch oben, dass der Winter mich nicht erreicht. (…) Der Sturm zieht mich nicht mehr höher, sondern trägt mich nach Norden, wo die Zeit stillsteht und der Frühling nie kommt und keiner jemals weggehen muss.“ (S. 106) Der jugendliche Tuomas wiederum kann sich zumindest auf den bevorstehenden Abschied vorbereiten, als er in Alles, was Sie schon immer über Sex wissen wollten über Homosexualität liest, sie sei „ein Makel, den man durchs Leben tragen muss“ (S. 107): „Es scheint noch kälter zu werden. Tuomas wickelt sich den Schal vor den Mund und versucht, durch ihn hindurch zu atmen. Er hat vor, alle Wege und Wohngebiete des Dorfes zu durchstreifen. Sich die Routen und jedes Gebäude einzuprägen, die hohen, gebogenen Kiefern in den Wäldern und die unter dem Schnee begrabenen Büsche. Er nimmt schon jetzt Abschied von diesen Orten, obwohl er noch nicht wegzieht. Doch dieser Moment rückt mit jedem Tag näher.“ (S. 113)

„Jeder Mensch muss entscheiden, ob er sich vor der Welt fürchten will oder nicht.“ (S. 45) Das ist der Leitsatz von Helenas Mutter, Tuomas‘ Oma, die wenig Verständnis aufbringt für Andere. Die nicht zugeben will, dass ihre Familie aus „Lopotti“ stammt, dem Dorf der verrufenen Frauen. Deren schlimmstes Urteil ist: „Er ist anders als die anderen.“ Die damit die Einsamkeit, in der sie selbst gefangen ist (denn sie ist das uneheliche Kind der verrufenen Frau aus Lopotti), an ihre Nachkommen weitergibt.

So bewahrt die Erzählung die Balance im Aufzeigen der äußeren und inneren Faktoren, die besonders die beiden Hauptfiguren zu Beginn ihres Lebens zum Außenseitertum bestimmen. Überschattet wird alles vom Selbstmord des Vaters/Großvaters, dessen Homosexualität noch gesetzlich kriminalisiert wurde. Trotzdem finden Helena und Tuomas nach und nach den Mut, ihr Leben so selbstbestimmt und mutig zu gestalten, wie es eben geht. Helena lässt ihren Vater und damit auch seine Haltung des Sich-Aufgebens zurück. Als Tuomas sich ihr schließlich als erste in der Familie offenbart, gibt sie ihm den unausgesprochenen Rat, der wohl der Kern des Buches ist: „Du hast deine schwache Stelle freigelegt wie ein Hund seine Kehle und hast Angst, dass ich meine Zähne hineinschlage. (…) Verwandle dich nie, weil ein anderer es will. Man muss nur sich selbst genügen, nicht den anderen. Und auch wenn nicht alle Geschichten Liebesgeschichten sind, sind sie nicht misslungen, vergiss das nicht.“ (S. 275 ff.)

Das alte Tolstoi‘sche Zitat kehrt sich im Verlauf ihrer beider Leben um – zwar sind alle auf ihre eigene Art unglücklich, aber in ihrem Unglück treten ihre Unterschiede in den Hintergrund. „In meinem Leben gibt es nichts, was nur einer verstehen könnte, der anders ist als die anderen“, resümiert Helena vor Tuomas, „In deinem wohl auch nicht.“ (S. 277) Während sich Tuomas und sein Partner nach einem Kind sehnen, treibt Helena immer wieder ab, aus Angst, der Mutterrolle nicht gerecht zu werden. „Du begreifst doch sicher, dass der Raum in dieser Wohnung, der das Kinderzimmer werden sollte, immer noch hallig und leer ist? Ich habe ihn mit meinen eigenen Entscheidungen möbliert und fühle mich dort wohl. Es geht im Leben nicht darum, glücklich zu sein.“ (S. 291f.) Aber auch ihr „normaler“ Exmann, der sich den Vaterwunsch schließlich mit einer anderen, sehenden Frau erfüllt, findet keine goldene Erfüllung darin: „Du erzählst den anderen, du wärst endlich ein richtiger Mann. Sie nicken und trinken bereitwillig das Bier, das du ihnen ausgibst. Du bist die Hilfsbedürftige los und bist nun ein ernst zu nehmender Vater, bildest eine neue Kernfamilie in der Gesellschaft. Vermehrst dich und füllst die Erde. Wenn du nach Hause gehst, kotzt du alles in den Rinnstein, alles außer deiner Verbitterung.“ (S. 290)

Das ist es vielleicht, was diesen Roman so besonders macht – es gibt kein Happy End, keine einfachen Lösungen oder endgültig zufriedenstellende Antworten. Gesellschaftliche Umstände wie gesetzliche und soziale Diskriminierung sind gut recherchiert und werden nicht beschönigt, dienen aber nicht zur Dramatisierung. Sie sind nur Teil des Hintergrunds der Figuren, deren Lebensgeschichten immer weiter gehen, immer wieder zeigen, dass die Wirklichkeit in ihren fröhlichen und grausamen Momenten doch nicht so trüb bleibt wie die Befürchtungen der Menschen, die ihr ausgesetzt sind. Die aus ihrer Einsamkeit nie ganz herausfinden und sich doch immer wieder begegnen können, im Dialog, in Gedanken oder nicht zuletzt in der Geschichte vom Gutshof Pieselfall.

Text: Franziska Kraushaar

Kinnunen, Tommi. Das Licht in deinen Augen. Penguin Verlag 2019, übersetzt von Gabriele Schrey-Vasara
Kinnunen, Tommi. Lopotti. WSOY 2016
Tommi Kinnunen – WSOY: https://www.wsoy.fi/kirjailija/tommi-kinnunen
Hakutulos – Suomen kirjallisuuden käännökset – SKS (finlit.fi): http://dbgw.finlit.fi/kaannokset/lista.php?order=author&asc=1&lang=FIN

Titelbild: Frans Leivo auf Unsplash

Hytti nro 6: Eine (ärgerlich) freie Adaption

Am 29. Oktober ist die Filmadaption des Romans „Abteil Nr.6“ (Finnisch: Hytti nro 6) von Rosa Liksom in die finnischen Kinos gekommen. Die finnisch-russische Produktion des Regisseurs Juho Kuosmanen besticht durch eindringliche Bilder von rauer Schönheit und begabte Schauspieler*innen. Wer die Buchvorlage kennt und schätzt, wird allerdings enttäuscht.

Der Film erzählt von Laura, einer jungen finnischen Frau, die allein mit der transsibirischen Eisenbahn nach Murmansk reist. Eigentlich hätte ihre Lebensgefährtin, die ältere Literaturprofessorin Irina, sie begleiten sollen. Die hat aber mit der Arbeit zu tun, und so landet die angehende Archäologiestudentin in einem Abteil mit dem jungen russischen Arbeiter Ljoha. Zwischen den grundverschiedenen Reisenden entspinnt sich eine ungewöhnliche Beziehung.

Künstlerisch beeindruckt Hytti nro 6. Die Kameraführung bleibt oft nah an den Charakteren, so nah, dass man Wodka, Gurkenglas und Körpergeruch in der engen Zugkabine beinahe riechen kann. Durch abwechslungsreiche Einstellungen und Lauras Videorekorder wird die Schönheit der russischen Winterlandschaft gezeigt, die hinter den von Schnee besprenkelten Zugfenstern vorbeizieht. Die Schauspieler*innen überzeugen in ihren Rollen. Besonders Yuri Borisov verkörpert den zunächst stumpf-aggressiven Ljoha, der sich im Verlauf der Reise immer verletzlicher zeigt, äußerst glaubhaft. Dass er, anders als im Buch, kein grobgliedriger Mann mittleren Alters ist, sondern ein etwas tollpatschiger dünner Typ Anfang dreißig, stört wenig – der stereotype hartgesottene Russe wird so mit Laura (Seidi Haarla) auf eine Ebene geholt, wirkt ihr körperlich nicht überlegen. Auch dass der Film konsequent in russischer Sprache (mit finnischen Untertiteln) ist, fühlt sich stimmig an. Der finnische Akzent und das leichte Stocken in Lauras Sprechen passen sich gut ins Gesamtbild ein.

Inhaltlich aber enttäuscht die Verfilmung. Denn statt der emotionalen Komplexität des Romans, die mutig, stellenweise auch zumutend ist, finden sich im Film nur auf einfache Konzepte reduzierte Figuren: die promiskuitive lesbische Intellektuelle, die ihre junge Liebhaberin bei erster Gelegenheit fallen lässt. Die junge Frau, die auf einer Reise nach sich selbst sucht und sich unerwartet verliebt. Der halbkriminelle Arbeiter, unter dessen harter Schale sich ein wollweicher Kern verbirgt.

Während im Roman Landschafts- und Milieubeschreibungen und die schier endlosen, von Gewalt und Obszönitäten beladenen Monologe des Mannes Stimmung und Inhalt färben, wird der Film mit ein paar gewollt tiefsinnigen Sätzen gewürzt, die aber nur ins Leere führen. Denn richtige Probleme gibt es eigentlich nicht. Laura ist nicht wirklich in Irina verliebt, während der Reise wird sie das erkennen. Ljohas aggressive Übergriffigkeit verliert sich nach der ersten Filmhälfte ins Nichts. Die Trauer um den Verlust des Videorekorders, auf dem nicht nur die Reise, sondern auch die schönen Momente mit Irina festgehalten sind, hält etwa drei Sekunden. Die Leichtigkeit, die daraus resultiert, passt vielleicht in den Film, nicht aber zu den Erwartungen, die man nach der Romanlektüre an ihn heranträgt.

Die Verfilmung widmet sich der Geschichte einer jungen Frau, die noch nicht weiß, wonach sie eigentlich sucht. Es folgt eine sich zart entwickelnde Romanze, die an den unterschiedlichen Welten der Protagonist*innen scheitert. Eingebettet wird alles in die wirklich beeindruckenden Weiten und Lebenswelten des winterlichen Russlands. Wären die nicht gewesen, hätte ich gesagt: den Film habe ich sicher schon zwanzig Mal gesehen. Und vielleicht ist es das, was mich ärgert: das verschenkte Potential.

Text: Franziska Kraushaar
Bild: Julia Kadel auf Unsplash

Von Turku und Zweiwortsätzen

Ob ich nicht doch lieber ein Zimmer in der anderen Wohnung wolle, hat mein Vermieter mich gefragt. Die läge näher an der Natur. Ich habe abgelehnt, und jetzt dauert es geschlagene vier Minuten zu Fuß, bis ich den Kiesweg erreiche, der sich am Fluss entlang durch die Waldstücke und Felder am Rand von Turku nach Osten schlängelt und vergessen lässt, dass er nur einen Kilometer vom Zentrum der Stadt entfernt beginnt, die eigentlich gar nicht mal so klein ist.

Dass der nahe Wald ja gar nicht so groß sein kann, denkt man, bis man sich darin verläuft. Dann stößt man auf interessante Felsformationen uns ist sehr froh, dass in Finnland der Empfang überall gut ist.

Die freundliche Atmosphäre der Stadt selbst liegt in den unzähligen Cafés und Bars, die sich am Flussufer entlangreihen, in der gemütlichen Ausstrahlung der alten Holzhäuser, die noch zu finden sind, und in den altehrwürdigen Gebäuden wie der Stadtbibliothek oder der Tuomiokirkko.

Die Architektur zeigt, dass die Stadt alt ist, Läden, Kultur und Menschen zeigen, dass sie jung ist: wer an Kunst interessiert ist, findet ein romantisches Gässchen mit Handwerksläden und Workshop-Möglichkeiten, bevor sie vor dem Museum für Archäologie und Moderne Kunst wieder auf die Straße tritt. Wer an Literatur und günstigem Kaffee interessiert ist, findet im benachbarten Innenhof das Kirjakahvila. Wer gern feiert, findet Bars auch in den Booten, die im Fluss vor Anker liegen.

Wer seit vielleicht zwei Jahren Finnisch lernt, hat erstmal ein Problem. Der Turkuer Dialekt nämlich ist gar nicht leicht zu verstehen, und während ich in Helsinki und Jyväskylä schonmal Straßengespräche aufschnappe, fühle ich mich an einer Turkuer Supermarktkasse, als wäre ich versehentlich ins falsche Land gezogen. „Ich würde es ja feiern, wenn du am Ende des Studienjahres mit einem Turkuer Finnisch nach Hause gehst“, lacht meine Tutorin, die mich am ersten Tag durch die Stadt begleitet. Die Uni Turku ordnet allen Erasmus-Studierenden Tutor*innen zu, sodass man sich nicht allein zurechtfinden muss. Im Allgemeinen wird sich sehr gut um uns gekümmert: zu allem gibt es E-Mails, in denen genaue Erklärungen und Anweisungen stehen (Corona-Situation, Pop-Up Impfmöglichkeiten ohne Termin, Impfmöglichkeiten mit Termin, Vorsichtsmaßnahmen, Einführungsveranstaltungen, Kursregistrierungen, Bibliotheksnutzung etc), und dann gibt es die Einführungswoche mit Orientierungsveranstaltungen, in denen alles, was in den E-Mails stand, noch einmal erklärt wird. Untergehen kann man hier nicht.

Nicht einmal in den finnischsprachigen Seminaren, die auf Nicht-Muttersprachler*innen ausgelegt sind. Seit den Schrecken eines abgebrochenen Lateinstudiums begegne ich universitären Sprachkursen immer mit anfänglicher Vorsicht, aber meine Besorgnis stellt sich hier in Turku, wie auch schon in Göttingen, als unbegründet heraus. Als die einzige andere Bachelor-Austauschstudentin und ich das erste Mal unsere Dozentin treffen, ist die schon darauf vorbereitet, dass wir, aufgeregt und ein bisschen eingeschüchtert, noch nicht so viel sagen. Sie leitet das Gespräch, stellt Fragen, auf die man mit nur ein oder zwei Worten antworten kann. Scherzt, sodass wir und die etwa zwanzig anderen Kursteilnehmenden uns entspannen. Die Atmosphäre ist locker, wer nicht so viel sagen möchte oder kann, wird in Ruhe gelassen, Fragen auch nach gerade erklärten Dingen werden geduldig und freundlich beantwortet. Im Vorlesungssaal wird mit einer Hybridkamera dafür gesorgt, dass Präsenz- und Fernlehre gleichzeitig stattfinden. Bei Krankheit kann man dadurch einige Veranstaltungen bequem von Zuhause aus verfolgen.

In den Vorlesungen und Seminaren merke ich, wie wenig zwei Jahre Sprachstudium eigentlich sind. Wie schwer mir das Sprechen fällt im Vergleich zum Verstehen. Nach eineinhalb Stunden Veranstaltung bin ich froh, fast alles mitbekommen zu haben, und so erschlagen wie nach einer fünfstündigen Klausur. Wenn ich es bei einer Frage geschafft habe, die Hand zu heben und mit stockigen zwei, drei Worten zu antworten, fühlt sich das an, als hätte ich eben jene Klausur bestanden. Die heimischen Maßstäbe gelten hier nicht. Trotzdem, oder vielleicht deswegen, gehe ich gern zur Uni mit ihren freundlichen gelben Seminargebäuden und kühlen hohen Zimmern.

Es fühlt sich gut an, nach den isolierten eineinhalb Jahren digitalen Studiums wieder unter Menschen zu sein, mit den anderen Kursteilnehmenden in ungeschicktem Finnisch zu kommunizieren – wann fängt der Kurs an, wer macht die Tür auf, funktioniert der elektronische Schlüssel, es brennt? Achso, nur eine Lampe kaputt gegangen. Stinkt ziemlich. Und immerhin gab uns der Studienberater am Ende der Orientierungsveranstaltung auch nur einen Zweiwortsatz mit auf den Weg:

„Seid neugierig!“

Text und Bilder: Franziska Kraushaar

Hochzeits- und Totenriten und die Sauna

An unserem Institut gibt es nicht nur sprachwissenschaftliche Kurse. Die Studierenden befassen sich auch mit der Kultur und Folklore der finnougrischen Völker und den wesentlichen Themen der materiellen und immateriellen Kultur. In der nächsten Zeit wollen wir euch Einblicke in dieses Themengebiet geben und bringen euch daher das wohl bekannteste Kulturgut der Finnougrier näher: die Sauna.

Hochzeitsriten

Die Sauna spielt bei den Finnougriern eine wichtige Rolle bei den langwierigen und aufwändigen Hochzeiten. Es gibt drei Arten der Sauna im Zusammenhang mit der Hochzeit: die Sauna des Bräutigams, die Sauna der Braut und die Sauna der Frischvermählten.

Die Sauna des Bräutigams findet am Abend vor der Hochzeit statt, es gibt Bier und Schnaps, ihm wird von seinen Freunden der Kopf gewaschen und oft singen die Mädchen des Dorfes im Vorraum Badelieder. Es ist also ein fröhliches Fest. Zugleich ist es eine Abschiedszeremonie vom Elternhaus. Beispielsweise sind Lieder überliefert, die einen Dialog mit der Mutter darstellen: Das Badelied, kylpyvirsi, in dem der Bräutigam darum bittet, dass sein Bruder Holz holt und die Mutter die Sauna anheizt und ihn wäscht. Die erwidert, dass ihr Sohn nun Verantwortung übernehmen müsse. Darauf folgt das Ankleidelied, pukeutumisvirsi, in dem der Sohn seine Mutter um die festliche Kleidung für die Hochzeit bittet.

Die Sauna der Braut ist vor allem bei den Südesten, Mordwinen, und Syrjänen bekannt und eine traurige Abschiedszeremonie. Zwei Tage vor der Hochzeit wird die Sauna von der Braut selbst gereinigt und geschmückt, gemeinsam mit ihren weiblichen Verwandten und Freundinnen besucht sie den Bräutigam, der der Braut Seife und einen Birkenquast schenkt. Dies kann am Abend vor oder am Morgen des Saunatags stattfinden. Bei den Wepsen sind Klagelieder zur Einladung in die Sauna für Mutter, Schwestern und Freundinnen überliefert. Am Abend vor der Hochzeit findet die letzte Sauna der Braut als Mädchen statt, es ist ihr Abschied vom Elternhaus. Dabei trägt sie Zöpfe mit hübschen Bändern, die am Ende abgenommen und an unverheiratete Mädchen weitergegeben werden. Die mordwinische Braut bittet in einem Klagelied ihre Mutter um ein weißes Hemd für die Jungfräulichkeit und ein Kleid für die Freiheit.
In einem syrjänischen Lied beklagt die Braut, dass ihre Anmut als Rauch durch den Schornstein entweiche, und die Freundinnen antworten ermutigend darauf.

Die Sauna der Frischvermählten findet gelegentlich am Tag der Hochzeit noch vor dem Essen statt (mansikkasauna = Erdbeersauna; Ingermanland und Livland) oder am zweiten Tag nach der Hochzeit (Karelien). Diese Sauna ist bei allen Ostseefinnen bekannt und laut Vahros vermutlich eine von den Russen übernommene Tradition. Gemeinsam ist bei den verschiedenen Völkern, dass das Paar das Wasser gemeinsam zur Sauna trägt, die Braut sie vorbereitet und dann sowohl das Hochzeitspaar als auch die Gäste saunieren.

Totenriten

Nicht nur als Erkrankter ging man in die Sauna, sondern auch als Sterbender.
Die rituelle Reinigung eines Verstorbenen konnte im Haus oder in der Sauna stattfinden.

Wichtig wurde die Sauna für die Verstorbenen an Erinnerungstagen, die Teil des umfassenden Toten- bzw. Ahnenkults der Finnougrier sind. Es gab Erinnerungstage für bestimmte Verstorbene, z. B. vier bzw. vierzig Tage nach dem Tod, sowie Erinnerungstage für alle Ahnen, die je nach Glaubensrichtung als haltia auftreten konnten oder symbolisch vom Friedhof abgeholt wurden. An den Erinnerungstagen bereitete man den Toten oftmals ein eigenes Zimmer oder zumindest ein frisches Bett, bot ihnen einen Platz am Tisch an, gab ihnen zu essen und zu trinken und heizte die Sauna speziell für sie an. In diese Totensauna kamen die Lebenden in der Regel nicht mit. Teilweise wurden Essen und Trinken für die Ahnen auch direkt in der Sauna bereitgestellt.

Text: Marina Loch

Quellen:
Sarmela, Matti. 2009: Finnisch Folklore Atlas. Helsinki.
Vahros, Igor. 1966: Zur Geschichte und Folklore der Grossrussischen Sauna. Helsinki.
Titelbild: Andrea Piacquadio von Pexels

Allgemeine Saunariten

An unserem Institut gibt es nicht nur sprachwissenschaftliche Kurse. Die Studierenden befassen sich auch mit der Kultur und Folklore der finnougrischen Völker und den wesentlichen Themen der materiellen und immateriellen Kultur. In der nächsten Zeit wollen wir euch Einblicke in dieses Themengebiet geben und bringen euch daher das wohl bekannteste Kulturgut der Finnougrier näher: die Sauna.

Ursprünglich ging man nach Geschlechtern getrennt in die Sauna, was einen praktischen Hintergrund hatte: erst waren der Bauer und seine Knechte nach der Arbeit dran, später (nach dem Melken) die Bäuerin und die Mägde.

Die Sauna dauerte den ganzen Tag, da man sie reinigen musste, Holz hacken und Wasser herantragen, den Ofen bzw. die Sauna langsam aufheizte. Dann wurde der Rauch abgelassen und anschließend machte man mehrere Saunagänge. Zur Vorbereitung der Sauna gehörte auch das Binden der Birkenquaste (vihta). Zu den Quasten sind verschiedene Aberglauben überliefert, beispielsweise, dass die Birkenzweige am besten vor Mittsommer gesammelt werden müssen, um gut zu werden, und dass man keine Sumpfbirken verwenden sollte.

Die Sauna fand in der Regel samstags statt, bei Krankheit oder staubigen Arbeiten (wie Heumahd) auch an Werktagen, und die Vorbereitung der Sauna und die Durchführung der Riten ist traditionell Aufgabe der Frauen.
In der Sauna wird anständiges Benehmen gefordert: „Saunassa ollaan kuin kirkossa“, wie ein finnisches Sprichwort besagt. Das bedeutet, man soll sich benehmen wie in einer Kirche, beipielsweise nicht laut reden, nicht fluchen, lästern oder furzen.

Bis zum 2. Weltkrieg war der Saunaraum der Ort der Geburt, da Hitze und Rauch dort regelmäßig Keime abtöten und es sich somit um den hygienischsten Raum eines Hofes handelte, auch wenn der wissenschaftliche Hintergrund noch nicht klar war.

Aus der Zeit der Schwendbauern ist die Initiationssauna, ikäkylpy, bekannt. Dabei handelt es sich um die symbolische Waschung von Mädchen beim Eintritt ins heiratsfähige Alter: danach dürfen Männer ihnen den Hof machen.

Von mehreren finnougrischen Völkern ist der symbolische Saunabesuch vor der Bärenjagd bekannt, um Kräfte zu sammeln.

Weitere Aberglauben sind beispielsweise, dass man immer barfuß zur Sauna gehen sollte, solange noch kein Schnee liegt, damit man Winter nicht so friert, oder dass es Unglück bringt, wenn einem auf dem Weg zur Sauna ein Mann entgegen kommt, aber Glück, wenn einem eine Frau entgegenkommt.

Text: Marina Loch

Quellen:
Helamaa, Erkki; Pentikäinen, Juha: FInfo-Broschüre Sauna – eine finnische Nationalinstitution. Helsinki.
Sarmela, Matti. 2009: Finnisch Folklore Atlas. Helsinki.

Bildquelle: Lassi auf Unsplash