Szabó Magda – zwischen Unterdrückung, Unverständnis und Unachtsamkeit

Ein Beitrag von Kristina Dabernig

Mit ihrem Roman Az ajtó (Hinter der Tür) erlangte die bekannte ungarische Autorin Szabó Magda im deutschsprachigen Raum Berühmtheit. Bereits mit 10 Jahren verfasste sie ihren ersten Roman. In diesem spielten die Motive des Todes und der Trauer bereits eine entscheidende Rolle. Szabós Werke sind von echten Lebensgeschichten geprägt, so auch das Werk Az ajtó. Die zwei Protagonistinnen, die Schriftstellerin Magda Sza-bó und deren Haushälterin Szeredás Emerenc, basieren auf Szabó selbst und ihrer Haushälterin Juliska. Mit ihrem Roman Az ajtó schildert Szabó nicht nur autobiografisch ihr Leben, sondern schafft den „selbstklagenden Frauentypus“ in der Literatur. Männer spielen für die Handlung nur eine untergeordnete Rolle.

So wie die Schriftstellerin im Roman, schreibt auch Szabó selbst „sehr viel für die Schublade“. Szabó promovierte mit 22 Jahren, war viele Jahre als Lehrerin tätig und kurze Zeit arbeitete sie im Ministerium für Religion und Bildung. Sie vertrat nicht den politischen Kurs in Ungarn und so wurde sie aus dem Ministerium entlassen. Wegen ihrer Einstellung dem politischen Regime gegenüber erhielt sie bis einschließlich 1958 Publikationsverbot, sodass ihre Texte vorerst in der Schublade blieben. Diese Tatsache hielt Szabó allerdings nicht davon ab zu schreiben. Sie schrieb, um ihre Erfahrungen zu verarbeiten. In Az ajtó könnte man sogar von einer Rechtfertigung und Verteidigung ihrer Entscheidungen sprechen. Darin beschreibt Szabó das Verhältnis zwischen der beiden Frauen Emerenc und Magda als einfühlsam und mitfühlend, aber gleichzeitig als zurückweisend. Es entsteht ein Mutter-Tochter-Verhältnis, das seinen Höhepunkt erreicht, als Emerenc Magda Magduska nennt. Emerenc versucht, Magda ihre Liebe und Zuneigung so gut wie möglich zu zeigen, doch Magda interpretiert die Gesten falsch. Der Roman endet mit dem Verrat Magdas an Emerenc, als Magda die Tür zu Emerenc Wohnung aufbrechen lässt. Diese Tat kann durch Worte nicht gut gemacht werden, weil es im Leben auf Taten ankommt und nicht auf Worte. Erst nach dem Tod Emerenc‘ erkennt Magda, wie sehr Emerenc sie geliebt hat.

Wie bereits der Titel sagt, ist die Tür ein wichtiges Motiv des Romans. Niemand außer Magda darf durch die Tür in Emerenc‘ Wohnung eindringen. Die Tür wird zur symbolischen Grenze der persönlichen Selbstbestimmung. Die Türschwelle ist das Bindeglied. Indem man die Tür öffnet, dringt man in Emerenc‘ Welt ein. Emerenc‘ höchster Wunsch ist es, ihre Welt zu schützen. Szabó stellt die Verletzlichkeit der Gefühle Emerenc‘ bzw. des Menschen dar, wenn die Tür, die den Eingang zu unseren Erinnerungen und Erlebnissen symbolisiert, unerlaubt aufgestoßen und in den nur uns gehörenden Raum eingedrungen wird.

Kölcsönös kötődésünk olyan, majdnem meghatározhatatlan eredők eredménye volt, mint a szerelem, holott rengeteg engedményt kellett vállalnunk ahhoz, hogy elfogadjuk egymást. Emerenc szemében minden nem kézzel, testi erővel végzett munka naplopás volt, majdnem szemfényvesztés, én mindig elismertem a test teljesítményét, de nem éreztem a szelleminél rangosabbnak, erről a személyi kultusz esztendei akkor is leszoktattak volna, ha életem folyamán bármikor is túl nagy hatással lett volna rám a gionói sugárzás. Világom talapzatát könyvek alkották, az én mértékegységem a betű volt, de nem éreztem egyedül üdvözítőnek, mint az öregasszony a maga mércéjét[1]

Quellen

Primärliteratur:

Szabó, Magda (2016) Az ajtó. Jaffa Kiadó. (eKönyv)

Szabó, Magda (20195) Hinter der Tür. Aus dem Ungarischen von Hans-Henning Paetzke. Frankfurt am Main und Leipzig: Suhrkamp.

Sekundärliteratur:

Istvanits, Kerstin (2010) Titel der Diplomarbeit: „Die Jugendromane von Szabó Magda – Álarcosbál (Maskenball) & Abigél (Abigail)“. Wien: Universität Wien.

Leibermann, Doris (2017) Vor 100 Jahren geboren – Die ungarische Schriftstellerin Magda Szabó. Köln und Berlin: Deutschlandrundfunk. (Zugegriffen am 20.05.2020: https://www.deutschlandfunk.de/vor-100-jahren-geboren-die-ungarische-schriftstellerin.871.de.html?dram:article_id=397399.)

Bildquelle: Pixabay und Kristina Dabernig


[1] Unsere wechselseitige Zuneigung war fast so etwas wie Liebe, obwohl wir enorm viele Zugeständnisse machen mußten, um uns gegenseitig zu akzeptieren. Jede Arbeit, die nicht mit den Händen und dem Einsatz körperlicher Kraft verbunden war, kam Emerenc wie Nichtstun vor, ja sogar wie ein Schwindel. Ich meinerseits habe die Leistung körperlicher Arbeit immer anerkannt, konnte sie aber gegenüber geistiger Tätigkeit nie als höherwertig begreifen. Selbst wenn ich im Verlauf meines Lebens gar zu sehr unter den Einfluß vorhandener Rotlichtbestrahlung geraten wäre, hätten mich die Jahre des Personenkults eines Besseren belehrt. Bücher waren das Fundament meiner Welt, Buchstaben waren meine Maßeinheit, doch empfand ich sie keineswegs als alleinseligmachend, wie für die alte Frau die eigene Vorstellung vom Leben das Maß aller Dinge war. (S. 125)

Einsames Erasmus

Ich bin hier nach Szeged gekommen, um Ungarisch sprechen zu lernen. Um mit Freunden durchs Land zu reisen, um Kurse auf Ungarisch zu besuchen, um in Budapest in den berühmten Romkocsmas[1] zu feiern und in den Restaurants das leckere und günstige Essen zu genießen.

Doch dann kam die Corona-Krise.

Am Anfang meines Semesters hier lief alles noch normal. Der ESN[2] hat jede Woche zwei oder drei Veranstaltungen organisiert (meistens Abende in Bars), die Uni fing langsam an und ich war einmal für ein Wochenende in Budapest und einmal bei meinen Verwandten in Südungarn. Da die Uni gerade erst losgegangen war, hatte ich auch noch nicht so viel Kontakt zu den ungarischen Studenten, doch „es ist ja erst paar Wochen her, das kommt später noch“, meinten meine deutschen Freunde.

Doch daraus wurde leider nichts. Heute vor genau drei Wochen fing es an. Am Mittwochabend war ich noch mit einer anderen Erasmus-Studentin in einem gut besuchten Restaurant und als ich nach Hause kam, hatte ich Nachrichten auf meinem Handy, die das Leben ab da komplett veränderten. Die Quarantäne in Ungarn sollte beginnen. Ab dem nächsten Morgen durfte man nicht mehr in die Uni, die Bibliotheken wurden geschlossen, alle Veranstaltungen mit mehr als 50 Leuten wurden abgesagt (natürlich auch die des ESN) und in Deutschland fingen die Leute an, wie verrückt Klopapier zu kaufen[3]. Die Osterferien der Uni wurden auf die kommende Woche vorverlegt. Es wurde mit der Zeit auch nicht besser: Die ungarischen Grenzen wurden geschlossen, die Restaurants, Cafés und Geschäfte hatten eingeschränkte Öffnungszeiten, man durfte nur noch alleine oder mit den Leuten seines Haushaltes zusammen rausgehen. Aber da ich die einzige in meinem Haushalt bin, fing eine einsame Zeit für mich an.

Am Anfang denkt man vielleicht noch: „Toll, jetzt habe ich endlich Zeit für die Dinge, die ich sonst nicht schaffe!“. Aber ganz ehrlich, wenn man nur mit dem Nötigsten in ein fremdes Land geht, hat man nicht viele Dinge dort, mit denen man sich beschäftigen kann. Irgendwann hat man dann auch alle guten Serien bei Netflix durch und zum Lernen kann man sich auch nicht motivieren. Denn in der Einsamkeit kann man ganz schnell von „ich habe Zeit“ in einen verwahrlosten Zustand ohne Zeitgefühl reinrutschen. Und in diesem fast schon depressiven Zustand fällt es einem sehr schwer, sich selbst für die Dinge zu motivieren, die man machen müsste.

Aber was ist eigentlich mit der Uni nach dieser Woche „Ferien“ passiert? Es läuft natürlich alles online. Danke Internet. Trotz langsamem Laptop inklusive langsamer Internetverbindung freut man sich auf die Sprachkurse über Zoom[4], denn das sind die einzigen, in denen man noch Kontakt zu seinen Kommilitonen hat. Die Dozenten oder Dozentinnen der Vorlesungen nehmen ihre Sitzungen auf, also hört man ihre Erklärungen während die PowerPoint-Präsentation läuft. Zusätzlich gibt es noch jede Woche Extraaufgaben und Tests, damit man irgendwie kontrollieren kann, ob die Studenten auch „anwesend“ waren. Für mich als Nicht-Muttersprachlerin ist das Ganze natürlich etwas ungünstig, da die Audio-Aufnahmen nicht immer die beste Qualität haben und ich für alles natürlich doppelt so lange brauche, um es zu verstehen.

Und was macht man so in seiner „Freizeit“ in der Quarantäne? Tatsächlich habe ich gezwungenermaßen angefangen, mir das Kochen anzueignen (wovor ich mich schon immer gedrückt habe) und habe mir eine Mundharmonika zugelegt, damit ich wenigstens ansatzweise Musik machen kann (es ist schwerer, als man denkt). Außerdem gibt es ja auch noch Skype, damit man nicht komplett vereinsamt und vielleicht gönne ich mir auch noch ein Puzzle und Blumen für meinen Balkon. Denn obwohl diese Lage gerade nicht die beste ist, bleibe ich hier in Szeged, wie geplant. Ich hoffe nur, dass dieser Zustand endet, bevor mein Erasmus-Semester endet, denn ich würde wirklich gerne etwas mehr von Ungarn sehen als meine Wohnung von innen.


[1] dt. ‚Ruinenkneipe‘, eine Bar in einem alten, ruinenhaften Gebäude
[2] Erasmus Student Network. Sie organisieren verschiedene Aktivitäten für die Erasmus-Studierenden.
[3] Was ich bis heute nicht verstehe. Hier in Ungarn hat das niemand gemacht.
[4] Zoom ist wie Skype.

Text und Bilder: Karin Fichtner

István Örkény – von der Front auf das Papier

István Örkény gilt im Ausland als einer der wohl bekanntesten und bedeutendsten ungarischen Dramatiker. Der Schriftsteller wurde 1912 in Budapest geboren und studierte Chemie und Pharmazie, ehe er 1942 zum Arbeitsdienst an der russischen Front eingezogen wurde. Nachdem das ungarische Armeekorps geschlagen wurde, kam er in Kriegsgefangenschaft, wo er auch begann, Erlebnisse und Begegnungen mit Mitgefangenen aufzuschreiben. Sie erschienen ab 1947 als Fortsetzungsroman in der Zeitung Neues Ungarn, im gleichen Jahr auch als Buch.
Örkénys schriftstellerisches Debüt war die Erzählung Ringelreihen (1938), sein erster Roman, Eheleute, erschien 1953. Nur drei Jahre später erlegte man ihm ein mehrjähriges Publikationsverbot auf, weil er sich an einer Bewegung kritischer Intelektueller beteiligt hatte. Große Bekanntheit erlangte der Autor erst in den 1960ern als Dramatiker. Örkény starb 1979 in Budapest.

Sein wohl erfolgreichstes Werk sind die Minutennovellen (ung. Egyperces novellák), die 2002 in Übersetzung von Terézia Mora auch auf Deutsch erschienen. Mit diesem Werk schuf er sich eine eigene, neue literarische Gattung – kurze Geschichten, deren Lektüre nicht mehr als eine Minute dauern sollte. Oft wirken diese kleinen Episoden unfertig oder nicht abgeschlossen, aber genau das war Örkénys Intention. Er wollte ein Schlaglicht auf einen Augenblick, einen kurzen Moment werfen und den Leser dazu anregen, die Novelle weiterzudenken, auch wenn er es ihm nicht immer einfach macht: Besonders hervorzuheben ist an den Arbeiten Örkénys, dass er das Absurde liebt und seine Leser mit der grotesken Sichtweise auf das, was er in seinen Texten beschreibt, fordert. Dieses Merkmal zeichnet insbesondere seine Minutennovellen aus, in denen er die Groteske perfektioniert hat.

Aki valamit nem ért, olvassa el újra a kérdéses írást. Ha így sem érti, akkor a novellában a hiba.
Nincsenek buta emberek, csak rossz Egypercesek!

Wenn Sie etwas nicht verstehen, lesen Sie den betreffenden Text erneut. Wenn Sie ihn dann immer noch nicht verstehen, liegt der Fehler in der Novelle.
Es gibt keine dummen Menschen, nur schlechte Minutennovellen.

Használati utasítás (részlet) – In: Válogatott egyperces novellák, Budapest, Palatinus, 2004.

Quellen:
Örkény, István. 2010. Das Lagervolk. Berlin.
Schlosser, Christine. 2009. Zwei Jahrzehnte ungarische Literatur in deutscher Übersetzung. Budapest.
https://www.deutschlandfunk.de/minutennovellen.700.de.html?dram:article_id=80688
http://www.literatur.ungarisches-institut.de/?p=1910
http://orkenyistvan.hu/bekoszono
http://www.mek.oszk.hu/06300/06345/06345.htm#1

Bild: Photo by Pierre Bamin on Unsplash

Busójárás in Mohács – Karneval in Südungarn

Wie ist denn Karneval so in Ungarn? Das durfte ich letztes Wochenende endlich mal am eigenen Leib erfahren. Und diese Erfahrung möchte ich natürlich mit euch teilen. Busójárás heißt der Karneval in der knapp 20.000-Seelen-Stadt Mohács nahe der kroatischen Grenze. Zu den Einwohnern kamen noch etwa 30.000 Gäste (inkl. uns etwa 100 Erasmus-Studenten aus Szeged), die die Straßen der kleinen Stadt an der Donau füllten. Busójárás dauert insgesamt sechs Tage und endet am Tag vor Aschermittwoch. Am letzten Tag wird das große Karnevalsfeuer angezündet. Der große Holzhaufen für das Feuer steht aber schon während der Feierlichkeiten davor. Busójárás steht auf der Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO.

Auf den Feierlichkeiten sind etwa 1000 Busós unterwegs, das sind mit volkstümlichen Masken und Fellkostümen gekleidete Männer. Oft haben sie ein Schokatz*-Mädchen an der Hand; ansonsten begegnet man immer wieder einem Jankele**. In der Stadt sind überall Stände aufgestellt, an denen Essen, Getränke oder Souvenirs verkauft werden und es gibt mehrere Bühnen, auf denen Volksmusik- oder –tanzgruppen ihre Künste präsentieren. Durch die Straßen ziehen Szekér (Wagen) mit Busóleuten drauf, die Lärm machen. Auch die Busós sind darauf aus, möglichst viel Lärm zu machen, zum Beispiel mit Kuhglocken an ihren Kostümen. Mit ihren Masken und dem Lärm wollen sie den Winter vertreiben, um Platz für den Frühling zu machen.

Die Busós sind immer auf der Suche nach Mädchen, die sie umarmen oder jagen können. Das Fest hat eine nicht so schöne Komponente, die man als Frau besonders spürt. Von den verkleideten Frauen bekommt man mit der Fliegenklatsche eins auf den Hintern und von den Männern mit dem Stock zwischen die Beine. Ab und zu bekommt man auch eine Hand voll Mehl oder Federn ab.

Als wir vormittags in Mohács ankamen, war noch nicht so viel los. Doch ab Mittag kamen immer mehr Leute, immer mehr Busós und immer mehr Bühnenprogramm. Die Stimmung war heiter, was vor allem an der ungarischen und kroatischen Volksmusik lag. Und am Alkohol, der hier und dort mal für umsonst ausgeschenkt wurde. Das Essen, das angeboten wurde, waren vor allem Fleischgerichte oder Backwaren, unter anderem der für die Festlichkeiten typische Kürtőskalács (ein aus Hefeteig über offenem Feuer gebackenes, rundes längliches Gebäck) in allen Variationen. Der Spaziergang zur Donau wurde jedes Mal zum Abenteuer, wenn ein Szekér vorbeifuhr oder eine Gruppe Hexen die Menge aufmischte. Überall wurden Fotos und Videos gemacht, denn der Samstag war der Tag, an dem die meisten Touristen kamen. Am Nachmittag konnte man auf dem Széchenyi-Platz noch ein bisschen ungarischen Volkstanz lernen: den Csárdás mit etwa 100 Leuten im Kreis zu tanzen ist schon beeindruckend.

Insgesamt war dieser Samstag ein aufregender Tag und alle, die zum ersten Mal beim Busójárás waren, schwärmen heute noch davon.

*Die Schokatzen (ung. sokácok, kroatisch šokci) sind eine kroatische Bevölkerungsgruppe, die in Kroatien, Serbien, Rumänien und im Süden Ungarns beheimatet ist.

**Die Jankele sind ebenfalls maskierte, in Lumpen gekleidete Menschen, deren Aufgabe es ist, Spaziergänger – insbesondere Kinder – von den Busós fernzuhalten. Sie haben einen Sack voller Lumpen, Mehl, Sägemehl, Asche oder Ruß dabei, womit sie auf Menschen – früher bevorzugt auf die eigenen Feinde – einprügeln.

Text: Karin Fichtner

Bild von Benjamin Sz-J. auf Pixabay

Sind die Ungarn eigentlich religiös?

Im Rahmen meines Praktikums habe ich die Aufgabe bekommen, mich mit den verschiedenen Religionen Ungarns auseinanderzusetzen. Ich habe die Informationen so zusammengetragen, dass man aus diesen Folien erstellen kann und dass sie anschließend für den Unterricht genutzt werden können.

Aufgrund der zahlreichen Informationen ist mir der Gedanke gekommen, dass dieses Thema dem Blog nicht vorenthalten bleiben soll, weswegen ich mich letztlich dazu entschieden habe, einige meiner Ergebnisse hier zu veröffentlichen.

Im Rahmen der Volkszählungen 2001 und 2011 wurde auch nach der Religionszugehörigkeit gefragt. Sowohl im Jahr 2001 als auch 2011 war der Anteil der Katholiken am größten. Die Reformierten (Kalvinisten) bilden die zweitgrößte Religionsgemeinschaft des Landes. Doch während die Mitgliederzahlen der beiden größten Religionsgemeinschaften in innerhalb von zehn Jahren deutlich abgenommen haben, steigt die Anzahl der Konfessionslosen und der Befragten, welche die Frage nach ihrer Religionszugehörigkeit unbeantwortet ließen. Auch die Zahl der Anhänger der evangelisch-lutherischen Kirche ist gesunken die Zahl der Mitglieder kleinerer christlicher Kirchen und anderer Weltreligionen, die in Ungarn vertreten sind, stieg dagegen leicht an.

Religion: 2001 (%): 2011 (%):
Katholiken 54,5 39
Reformierte
(Kalvinisten)
15,9 11,6
Lutheraner 3 2,2
Kleinere
christliche
Kirchen
1 1,5
Andere
Weltreligionen
0,3 0,5
Konfessionslos 14,5 18,2
Keine Antwort 10,8 27,2

Quelle: Máté Olga: Egyházak, vallásosság Magyarországon – Képviselői Információs Szolgálat, 2019/3. Infotabló.

Allgemein lässt sich feststellen, dass die Zahl der Mitglieder der großen Religionsgemeinschaften rückläufig ist, während an kleineren Religionen immer mehr Interesse gezeigt wird. Sowohl Einwanderung, als auch Auswanderung spielen dabei eine große Rolle, genauso wie Übertritte von einer Religion zu einer anderen.

Prognose bis 2050: Anzahl der Mitglieder von Glaubensgemeinschaften sinkt

Laut Prognosen werden christliche Glaubensgemeinschaften weiter Mitglieder verlieren, während die Zahl der Konfessionslosen wächst und das Interesse an Kirche und Religion deutlich abnimmt.

2010 20302050
Christliche
Glaubensge-
meinschaften
8 090 0007 250 000 6 500 000
Konfessionslos 1 860 0002 040 0001 990 000

Quelle: https://de.statista.com

Kirchenfinanzierung durch Mandatssteuer Was ist das?

In Ungarn gibt es statt einer Kirchensteuer eine Mandatssteuer. Die Mandatssteuer dient sozialen, kulturellen und humanitären Zwecken und wird von allen Steuerzahlern gezahlt. Der Steuerzahler kann selbst entscheiden, wer seinen Steuerbeitrag erhalten soll: so geht 1% der Einkommenssteuer an eine vom Steuerzahler selbst gewählte Organisation oder Institution. Die Mandatssteuer ist auch eine gute Alternative zur Kirchensteuer und kommt vielen kirchlichen und religiösen Einrichtungen zugute.

Die katholische und die reformierte Kirche profitieren am meisten von den Mandatssteuern, da diese auch die größten Religionsgemeinschaften Ungarns sind. Die evangelisch-lutherische Kirche, die Gesellschaft für Krishna-Bewusstsein, sowie die Baptistenkirche folgen mit erheblichem Abstand, da diese Religionen auch deutlich weniger Mitglieder haben. Ein kleiner Anteil geht an andere Kirchen, das sind meist die kleineren christliche Kirchen oder Einrichtungen anderer Glaubensgemeinschaften.

Kirchliche Bildungseinrichtungen

In Ungarn waren 2019 insgesamt 10,6 % der Bildungseinrichtungen, wie zum Beispiel Schulen oder Kindergärten, in kirchlicher Trägerschaft. Die Kirche spielt in diesen Einrichtungen eine sehr große Rolle, indem sie beispielsweise vorgibt, wie die Lehrer unterrichten und welche Themenbereiche sie behandeln sollen.

Allerdings werden 89,4 % der Bildungseinrichtungen nicht von der Kirche finanziert und stehen dementsprechend nicht in einer engen Verbindung mit einer Religion.

Im Gegensatz zu Ungarn, gibt es in Deutschland deutlich mehr Bildungseinrichtungen in kirchlicher Trägerschaft. Es gibt alleine 904 katholische Schulen in Deutschland (Stand 2016), welche von Kirchensteuereinnahmen finanziert werden.

Quellen:

https://fowid.de/meldung/konfessionsfreie-ungarn

Máté Olga: Egyházak, vallásosság Magyarországon – Képviselői Információs Szolgálat, 2019/3. Infotabló.

https://religion.orf.at

https://de.statista.com

https://de.wikipedia.org/wiki/Mandatssteuer

Bild: Daniel Olah on Unsplash

Text: Caroline Sophie Heimrich, OHG Göttingen, Praktikantin

Zum ersten Mal übersetzen – am Beispiel von Orbáns Berlinbesuch

Ich habe in der ersten Woche in meinem Schülerpraktikum zum ersten Mal richtig übersetzt. Obwohl ich die englische Sprache gut beherrsche, sind mir ein paar Schwierigkeiten aufgefallen. Zum Beispiel das Übersetzen von englischen Fremdwörtern ins Deutsche. Bei vielen Wörtern macht die Wort-für-Wort-Übersetzung keinen Sinn und wirkt nur verwirrend. Bei manchen Begriffen reicht auch einfach kein Wörterbuch, sondern man muss viele Artikel lesen und recherchieren, um zu verstehen, welcher Begriff der richtige ist. Eine weitere Schwierigkeit, da ich sehr nah am Text übersetzt habe, war die Lokalisierung des Textes. Ich wusste nämlich vorher nicht, dass man auch bei Übersetzungen den Text an die Leser anpassen muss. Ansonsten ist mir das Übersetzen, teilweise mit Hilfe, relativ leicht gefallen.

Übersetzungsprobe (verkürzt)

Nach einem Treffen mit dem europäischen Ratspräsidenten Charles Michel am 03. Februar in Brüssel sagt der ungarische Ministerpräsident, der nächste Sieben-Jahre-Haushalt der EU müsse eine faire Grundlage bekommen, denn die Grundidee des EU-Haushaltsentwurfs 2021-2027 sei ungerecht und enthalte Änderungen, die darauf abzielen, Geld von ärmeren Mitgliedstaaten in reichere zu verlagern. 

Nach einem Treffen in Portugal mit den Leitern der Staatengruppe der Freunde der Kohäsion, die aus Staaten aus dem Osten und dem Süden Europas besteht und die Verringerung des Kohäsionsfonds der EU verhindern will, kam Orbán am Wochenende nach Brüssel und sagte, die Mitgliedstaaten müssen sich darauf einigen, dass die Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit von vorrangiger Bedeutung ist und einen Haushalt erfordert, der den Mitgliedstaaten ein Höchstmaß an Flexibilität versichert. Darüber hinaus müssten Länder, die bereit sind, Steuern zu senken, gefördert werden.

Der ungarische Ministerpräsident sagte, die europäische Wirtschaftspolitik sei in den letzten Jahren in Brüssel “ruiniert” worden, und die Folgen werden sich bald zeigen.

Die Staats- und Regierungschefs der EU werden am 20. Februar zusammenkommen, um sich über den nächsten Haushalt für die EU-27 zu beraten.



Original: https://www.intellinews.com/hungarian-pm-viktor-orban-on-diplomatic-offensive-calls-for-fair-eu-budget-175861/

Bildquelle: https://pixabay.com/de/photos/reichstagsgeb%C3%A4ude-reichstag-berlin-2838571/

Chiara Stephan, HG Göttingen, Praktikantin

Ferenc Erkel – der Komponist der ungarischen Nationalhymne

Am 22. Januar wird in Ungarn der Tag der ungarischen Kultur gefeiert. Der Dichter und Politiker Ferenc Kölcsey schrieb am 22. Januar 1823 sein Gedicht zu Ende, das später die ungarische Nationalhymne wurde. Über das Gedicht und den Dichter haben wir hier schon berichtet. Aber wer war der Komponist, der die Hymne vertonte?

Die Melodie der ungarischen Nationalhymne stammt von Ferenc Erkel (1810-1893). Erkel, im südungarischen Gyula geboren, wuchs als Spross einer donauschwäbischen Musikerfamilie auf. Von 1822 bis 1825 besuchte er das Gymnasium des Benediktinerordens in Pressburg. Sein Musiklehrer dort war der angesehene Musikpädagoge Heinrich Klein, ein Vertrauter Beethovens. In Pressburg besuchter Erkel Opernvorstellungen und Konzerte von Franz Liszt und dem Violinisten János Bihari. Mit 18 Jahren wurde er Klavierlehrer in Klausenburg.

Seinen ersten Auftritt als Klaviervirtuose hatte Erkel im Jahre 1834. Ein Jahr später zog er nach Pest und übernahm den Posten des Kapellmeisters am Deutschen Theater und am Budaer Ungarischen Theater. In sehr jungen Jahren dirigierte er bereits berühmte Opern. 

Von 1838 an war er als Dirigent am Pester Ungarischen Theater (Pesti Magyar Színház) tätig: dort baute er das Orchester und den Chor auf und gründete später die Philharmonische Gesellschaft. Im Theater traten berühmte Persönlichkeiten der Zeit auf: die Opernsängerin Róza Déryné Széppataki und der Schauspieler, Komponist und Librettist Béni Egressy. Egressy vertonte das Gedicht des ungarischen Dichters Mihály Vörösmarty Szózat, Mahnruf, das später die inoffizielle zweite Nationalhymne Ungarns wurde.

Aber zurück zu Erkel. Am 8. August 1840 wurde seine erste Oper Báthori Mária im neugegründeten Nationaltehater uraufgeführt – die ungarische Nationaloper war geboren. Später wurde Erkel erster Dirigent des Nationaltheaters und blieb hier 30 Jahre. Er war Mitbegründer, Direktor und Klaivierlehrer der Musikakademie und später übernahm er den Posten des Obermusikdirektors am 1884 gegründeten Opernhaus.

Die ungarische Nationalhymne

Um Kölcseys Hymnus zu vertonen, ließ 1844 der Direktor des Nationaltheaters einen Wettbewerb durchführen. Preisgekrönt wurde die Musik von Erkel. Die Hymne, wie sie heute gesungen wird, ist jedoch mit dem Original nicht ganz identisch, denn die ursprüngliche Version wurde in einem etwas schnelleren Tempo gespielt. Die Melodie wurde erst nach dem Friedensvertrag von Trianon (4. Juni 1920), bei dem Ungarn ein Drittel seines Gebiets verlor, langsamer und tragischer.

Im 19. Jahrhundert wurden die beiden Nationallieder Hymne und Mahnruf abwechselnd gesungen, aber in den 1850-ern Jahren gewann die Hymne allmählich an Bedeutung.

Der Opernkomponist

Erkel komponierte insgesamt neun Opern, die den Stil Rossinis mit der im 18. Jahrhunder entstandenen ungarischen Verbunkos-Musik vereinen. Das Wort Verbunkos geht auf das deutsche Wort werben zurück: diese Tanzmusik wurde nämlich ursprünglich bei der Anwerbung von Soldaten gespielt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam der Verbunkos auch in den Operhäusern an: die bekanntesten Opern Erkels, Hunyadi László und Bánk bán, waren stark von ihm beeinflusst.

Der Schachspieler

Erkel gehörte lange Zeit zu den stärksten Schachspielern Ungarns und war 28 Jahre lang Vorsitzender des Pester Schachklubs.

Die Hymne kann man hier anhören: https://www.youtube.com/watch?v=M_1XePK1DAk

Link zum Palotás aus der Oper Hunyadi László: https://www.youtube.com/watch?v=R9S-06wV0VM

Quellen:

https://www.musiklexikon.ac.at/ml/musik_E/Erkel_Familie.xml
http://www.fszek.hu/konyvtaraink/kozponti_konyvtar/zenei_gyujtemeny/erkel_ferenc_elete_es_muvei/?article_hid=3332
Bildquelle: pixabay

Ostern in Ungarn

Fleisch nehmen, Frauen begießen, Ostereier verteilen

Húsvét ‚Fleisch nehmen‘ heißt in Ungarn das Fest zu Auferstehung Christi. Am Ostersonntag gehen die Gläubigen mit Körben voller Lammfleisch, Schinken, Osterbrot, Eier und Wein in die Kirche, um die Speisen dort vom Priester segnen zu lassen. Die gesegneten Speisen werden anschließend im Familienkreis verspeist. Nach der vierzigtägigen Fastenzeit bereiten auch die Nichtkatholiken ein großes Frühstücksbuffet mit Schinken, Osterbrot, Paprika, Radieschen, Tomaten, Frühlingszwiebeln, Kuchen und Eiern vor. Der Schnaps darf natürlich auch nicht fehlen.

Vorher werden die Eier gefärbt und mit schönen Mustern versehen. Es wird z. B. flüssiges Wachs mit einem Gänsefederkiel auf das Ei aufgetragen, so dass es an dieser Stelle beim Färben keine Farbe annimmt.

Am Ostermontag findet das größte und spannendste weltliche Ereignis des Osterfests, das „Ostergießen“ (ung. húsvéti locsolkodás), statt. Die Frauen bleiben an diesem Tag zu Hause und warten auf die Männer, die in Gruppen von Haus zu Haus ziehen und nach den Frauen suchen, um sie dann mit einem Eimer Wasser – heutzutage eher mit Kölnischwasser oder Sodawasser – zu begießen, damit sie nicht „verwelken“. Vorher aber müssen sie ein kleines Gedicht aufsagen und die Frauen um Erlaubnis bitten.

Zöld erdőben jártam,
Kék ibolyát láttam,
El akart hervadni.
Szabad-e locsolni?

Ich ging in den grünen Wald,
Ich sah ein blaues Veilchen,
Es wollte verwelken.
Darf ich es gießen?

Zum Dank werden die Männer von den Frauen mit Schinken, Osterbrot, gekochten Eiern, Kuchen und Schnaps bewirtet und bekommen ein gefärbtes Ei geschenkt. Für Kinder gibt es Schokoladeneier oder -hasen und von den Verwandten auch etwas Geld.

Der Ursprung dieses Osterbrauchs ist nicht ganz klar. Einerseits wird er auf ein heidnisches Fruchtbarkeitsritual zurückgeführt. Das Begießen mit frischem Wasser war eine symbolische Reinigung zum Frühlingsbeginn. Anderseits war es auch ein Spiel der Geschlechter: das Mädchen, das trocken blieb, würde in diesem Jahr nicht mehr heiraten. Andere Deutungen dieser Tradition stehen mit der christlichen Taufe in Verbindung.

Osterschinken-Rezept

Den rohen Schinken gut abwaschen und für einige Stunden in reichlich kaltes Wasser legen. Dann mit viel kaltem Wasser aufsetzen, langsam zum Kochen bringen und solange köcheln lassen, bis man mit einem Messer leicht in die Schwarte stechen kann. Es empfiehlt sich, das Kochwasser mindestens einmal zu tauschen. Anschließend den Schinken im Kochwasser abkühlen lassen. Dazu Weissbrot, Meerrettich und in der Schinkenbrühe gekochte Eier servien.

Quellen:
https://www.arcanum.hu/en/online-kiadvanyok/Lexikonok-magyar-neprajzi-lexikon-71DCC/h-7297A/husveti-locsolas-72BC2/
http://debrecen.imami.hu/husvet/mi-husvet-szokasok-hagyomanyok-es-eredetuk
http://mek.oszk.hu/02100/02115/html/2-1455.html


Busójárás in Mohács

Jedes Jahr in der Faschingszeit findet in der südungarischen Stadt Mohács nahe der kroatischen Grenze das größte Faschingsfest Ungarns, der Umzug der Busó (ung. busójárás), statt. Seine Tradition geht auf die südslawische Bevölkerungsgruppe der Schokatzen (kroatisch šokci, ung. sokácok) zurück, die in Kroatien, Serbien, Rumänien und Ungarn beheimatet ist. Das Spektakel dauert sechs Tage und gehört seit 2009 zum immateriellen Weltkulturerbe der UNESCO.

Das Wort Busó ist südslawischer Herkunft. Die Busó sind furchterregende Männer, die zottelige Schafspelze, mit Stroh ausgestopfte Hosen und gehörnte Holzmasken tragen. Während des Festes dürfen sie tun und lassen, was sie wollen. Alles ist erlaubt. Ihre Identität decken sie niemals auf.


“Am Schweif des Faschings” (von Faschingssonntag bis Dienstag) ziehen die Busó umher, um mit Viehglocken, Knarren und Gestampfe den Winter zu vertreiben. Sie versammeln sich in Kismohács auf der anderen Seite der Donau und setzen dann mit Booten ans Festland über. Dort angekommen, ziehen sie zu Fuß und mit Pferdekutschen weiter. Begleitet werden sie von in Lumpen verkleideten Männern und Kindern (Jankele) und von Schaulustigen, die in diesen Tagen zu tausenden in die Stadt strömen. Die Busó machen Lärm, erschrecken die Menschen.

Eine Gesandtschaft aus 100 Busó zieht vor das Rathaus, wo sie vom Bürgermeister mit Schnaps und Wein bewirtet werden. Es beginnt die Herrschaft der Busó: Sie tanzen, umarmen die Frauen und scherzen mit ihnen. In der Stadt ist es laut: überall wird musiziert, Kanonen werden angezündet. Die tapfersten Busó werden von einem Pferd auf dem Teufelsrad sitzend oder stehend durch die Straßen der Stadt gezogen: das Teufelsrad ist ein Holzrad, das auf einer langen Stange waagerecht fixiert ist und während der Fahrt auf der Straße kippelt.

Abends wird ein riesiger Scheiterhaufen entzündet und von den Busó umtanzt. Ein Sarg, der den Winter symbolisiert, wird auf den Scheiterhaufen geworfen und verbrannt.

Woher kommt dieses Fest?


Es gibt zwei Theorien zur Entstehung der Busójárás. Der Legende zufolge sollen die Busó die Türken in Angst und Schrecken versetzt und vertrieben haben. Nach der Schlacht bei Mohács (1526) besetzten die Türken große Gebiete Ungarns, vertrieben oder versklavten die Einwohner. Immer mehr Ungarn versteckten sich im Sumpfgebiet an der Donau. Die Türken trauten sich nicht, dieses Gebiet zu betreten. Viele ihrer Soldaten kamen hier ums Leben. Die hier lebenden Ungarn wurden aber immer mutiger: sie konnten sich hier tagsüber frei bewegen, abends haben sie sich am Feuer gewärmt.

Eines Abends, als die Ungarn beim Feuer saßen, erschien ein alter Schokatze und sagte den Ungarn, dass sie die Hoffnung nicht verlieren sollen, denn die Befreiung werde bald kommen. Sie sollten Waffen und furchteinflößende Masken aus Holz schnitzen und solange warten, bis eine stürmische Nacht komme und mit ihr ein goldbekleideter, maskierter Reiter, um sie dann in den Kampf gegen die Osmanen zu führen.


Am nächsten Tag fingen die Menschen mit den Vorbereitungen an: sie fertigten Gewehre, Masken, Kleidung und warteten auf den Reiter.

Einmal während eines Gewitters erschien tatsächlich ein stolzer, junger Reiter und winkte, ohne ein Wort zu sagen, den Männern zu. Die Mohácser standen auf, um dem Reiter zu folgen. Die Türken, die in ihren Häusern schliefen, wurden von einem fürchterlichen Lärm geweckt und als sie zum Fenster hinausschauten, sahen sie viele maskierte Männer, die sie für Dämonen hielten. Die Osmanen ergriffen die Flucht und verließen Mohács Hals über Kopf.


Das ist zwar eine sehr interessante Geschichte, aber die zweite Theorie ist wahrscheinlicher. Der Maskenkarneval dient der Vertreibung des Winters und die Busójárás gilt als ein altes Fruchtbarkeitsritual südslawischen Ursprungs. Kroatische Siedler, die nach der Vertreibung der Türken ins Land gezogen sind, sollen die Tradition mitgebracht haben. Zum ersten Mal wurde das Fest im 18. Jh. erwähnt, seinen endgültigen Charakter entfaltete es im Lauf der Jahrhunderte im Zusammenleben von Ungarn und Südslawen. Die Gestaltung der Kostüme und Masken ist seit Jahrhunderten unverändert erhalten geblieben.


Quellen:

www.mohacs.hu/info/buschofest

www.mohacsibusojaras.hu



Die Donauschwaben

Ungarn war schon immer ein Land, in dem auch andere Völker wohnten. Eine große Minderheit sind die Ungarndeutschen, auch Donauschwaben genannt. Sie kamen im 18. Jahrhundert in drei Wellen, die ersten unter Kaiser Karl VI. (1722-1726), die zweiten unter Maria Theresia (1763-1773) und die dritten unter Joseph II. (1782-1787). Sie stammten aus mehreren Gebieten Deutschlands, u.a. aus Schwaben, Bayern, Hessen und dem Rheinland. Als Siedlungsgebiete dienten das Ungarische Mittelgebirge, die Schwäbische Türkei, Batschka, Banat, Slawonien und Syrmien (heutiges Kroatien und Serbien) und das Gebiet um Sathmar im heutigen Rumänien. Man siedelte die Deutschen an, um das vom Krieg zerstörte Land wieder aufzubereiten und durch Fachkräfte die Orte aufzubauen. Sie brachten neue Techniken im Acker- und Hausbau mit und führten dort u.a. den heutigen Weinbau ein. Es entwickelten sich ganze ungarndeutsche Dörfer, oft auch nach den Ansiedlungswellen unterteilt, um nicht zwei Konfessionen in einem Dorf zu haben. Es gab aber auch Dörfer, in denen Ungarndeutsche und Ungarn friedlich nebeneinander lebten.

Von den Ungarn unterschied sie nicht nur ihre Sprache, auch in den Charakterzügen und Verhaltensweisen gab es Unterschiede. Die Deutschen arbeiteten hart, und das mussten sie auch, denn der Wiederaufbau und die Aufbereitung der Gebiete kostete viel Arbeit und trug erst nach der dritten Generation Früchte. Man sagt auch: Dem ersten der Tod, dem zweiten die Not, dem dritten das Brot. Die Donauschwaben betrieben hauptsächlich Ackerbau, weswegen ihr Leben durch die Pflichten des Hofes geregelt war. Sie hielten – im Gegensatz zu den Ungarn – ihre Tiere in Ställen, schickten ihre Kinder in die Schule, die aber trotzdem schon früh am Hof mitarbeiten mussten. Die Arbeit wurde nicht wie bei den Ungarn scharf nach Geschlecht aufgeteilt, sondern jeder half dort mit, wo er konnte. In den Dörfern entwickelte sich ein großes Gemeinschaftsgefühl, wozu auch die gemeinsame, sich gegen die Ungarn abgrenzende Muttersprache beitrug. Musik und Tanz auf gemeinsamen Festen schafften einen guten Ausgleich zu der harten Arbeit.

Donauschwäbische Dörfer

Die Dörfer, die sich bildeten, haben einen planmäßigen Aufbau. Im Zentrum steht die Kirche, die im Nachbarock, auch „Siedlerbarock“ genannt, errichtet wurde. Auch bei den Häusern gab es einen Haupttyp. Aus dem Urtyp, dem Ansiedlerhaus, entwickelten sich das Kleinhaus und das Langhaus. Das Kleinhaus hat einen ähnlichen Aufbau wie das ursprüngliche Ansiedlerhaus, es umfasst ebenso ein Zimmer, Küche, eine Kammer, einen Stall und hatte die Schmalseite zur Gasse. Zudem war es mehrere Stufen höher, unterkellert, hatte mehr Fenster und großzügig gestaltete Türen. Das um 1800 entstandene Langhaus ist aus einem verlängerten Ansiedlerhaus entstanden. Es war ebenfalls ein paar Stufen höher und hatte an der Seite einen Säulengang. Vorne war der Wohnhof und hinten ein abgezäunter Wirtschaftshof mit Garten.

Die Trachten

Auch eine eigene Tracht brachten die Donauschwaben aus ihrer Heimat mit. Jedes Dorf hatte seine eigenen Trachten und Varianten, da die Siedler ja aus mehreren Gebieten Deutschlands stammten. Man unterschied die dörfische Tracht, das „schwowische Gwand“ von der „herrischen“ Kleidung der Stadtbevölkerung. Das wichtigste Material der dörfischen Werkstracht war Hanfleinen. Die Männer trugen ein langärmliges weißes Hemd, darüber eine schwarze Weste und ggf. auch eine Jacke. Dazu ein schwarzer Hut mit Krempe. Die Frauen trugen breite Hüftröcke, darunter viele schwere Unterröcke, damit sie von der Hüfte ab schön breit aussahen. Obenrum trugen sie eine weiße Bluse, darüber ein besticktes Jäckchen oder ein großes umgebundenes, besticktes Tuch. Auf dem Kopf trugen sie ein besticktes Häubchen und darüber ein Kopftuch. Je jünger die Frauen, desto bunter die Tracht, bis hin zur alten Frau mit schwarzer Tracht. An den Füßen trug man Lederschlappen oder Patschker, gestrickte Schuhe mit Verzierungen. Im Winter trug man auch höhere Schnürschuhe, die Bakantschen. Heutzutage tragen nur noch wenige ältere Frauen die Tracht im Alltag, die jüngeren nur bei donauschwäbischen Festen und Tanzveranstaltungen der Volkstanzgruppen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte man die in Ungarn lebenden Deutschen möglichst nicht mehr im Land haben. Es wurde etwa die Hälfte der Ungarndeutschen vertrieben, etwa 250 000; die im Land verbliebenen wurden enteignet.

Quellen:

Fichtner, Christoph (1995): Deutsche Siedlung in Südosteuropa. Ein Überblick. Bederkesa.

Gehl, Hans (2003): Donauschwäbische Lebensformen an der mittleren Donau. Interethnisches Zusammenleben und Perspektiven. Marburg.

https://tudasbazis.sulinet.hu/hu/tarsadalomtudomanyok/tortenelem/az-ujkor-1492-1914/magyarorszag-a-18-szazadban/magyarorszag-talpra-all-osszegzes

https://vemend.hu/cikkek/

Text: Karin Fichtner

Bild: Privat