Was haben Elektroautos mit den Sámi zu tun?

Elektroautos werden häufig als Technologie der Zukunft und als ein wichtiges Instrument im Kampf gegen den Klimawandel beworben. Für ihre Produktion werden Metalle benötigt: zum Beispiel sogenannte Seltene Erden. In Schweden, Norwegen und Finnland gibt es große Rohstoffvorkommen, die teilweise erst in den letzten Jahren entdeckt wurden. Diese Funde erhielten internationale Aufmerksamkeit, da die gefundenen Metalle begehrt sind. Sie werden nicht nur für die Herstellung von Elektroautos benötigt, sondern allgemein für die Produktion elektronischer Geräte.

Der Haken: viele der entdeckten Vorkommen liegen in Sápmi, dem Gebiet, in dem Sámi leben und Rentiere züchten. Die Rentierzucht ist eine wichtige Grundlage für die Kultur der Sámi. Die Rentiere weiden je nach Jahreszeit in anderen Gebieten. Wo das Gebiet genau liegt, hängt neben der Jahreszeit von den Witterungsbedingungen und der Verfügbarkeit der Weideplätze ab. Beim Wechseln der Weideplätze legen die Rentiere lange Strecken von bis zu 250 Kilometern zurück, an denen Ruheweiden liegen.

Bergbauminen in diesen Gebieten hätten und haben negative Folgen für die Rentierzucht. Weideplätze würden wegfallen und die natürlichen Wanderrouten der Tiere könnten beeinflusst werden. Dabei sind für die Rentierhaltung die Vielzahl der Weideflächen und die Möglichkeit, diese zu wechseln, essentiell, da nur so das Überleben der Rentiere in der nordischen Landschaft gesichert werden kann. Möglicherweise müssten die Sámi ihre Rentiere zufüttern, was jedoch kosten- und zeitintensiv wäre.

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Der Fall Nussir

Eine recht bekannter Fall ist die Kupfermine Nussir im Norden Norwegens. Trotz Bedenken der Sámi wurde das Projekt genehmigt. In der Nähe der Stadt Hammerfest soll in großem Umfang Kupfer abgebaut werden. Die Abfälle sollen in den nahegelegenen Riehpovuotna, norwegisch Repparfjord, entsorgt werden, in dem es unter anderem sehr viel wilden Lachs gibt. Auch für die Rentierzucht ist die Mine besorgniserregend. Eine Analyse der Stiftung „protect sápmi“ im Auftrag des Sámiparlaments aus dem Jahr 2020 ergab, dass der Abbau bereits zu diesem Zeitpunkt über die Hälfte der Weideflächen im Bezirk Fiettar beeinträchtigt waren. Die Autoren der Analyse gehen davon aus, dass die Zahl der Rentiere langfristig halbiert werden muss, da unter anderem Abkalb- und Weidegebiete im Abbaugebiet liegen und die Weideflächen in mehreren Gebieten des Bezirks wegfallen.

Gleichzeitig verletzt dieses Vorgehen die Rechte der Sámi. Norwegen hat im Gegensatz zu Finnland und Schweden die „Konvention über indigene und in Stämmen lebende Völker von 1989 (Nr. 169)“ (auch: ILO 169) unterzeichnet. Die Unterzeichnerstaaten verpflichten sich zum Schutz der indigenen Völker, zur Bewahrung ihrer Identität, Sprache, Kultur und Religion sowie zur selbstständigen Kontrolle über ihre Lebensweise und wirtschaftliche Entwicklung. Das Vorgehen Norwegens widerspricht der Konvention in einigen Fällen bezüglich des Bergbaus in Sápmi. Finnland und Schweden haben die Konvention zwar nicht unterzeichnet, aber erkennen die Sámi als indigenes Volk an und sichern ihnen in den jeweiligen Grundgesetzen den Schutz ihrer Sprache und Kultur zu. Sámivertreter beklagen dennoch, in Entscheidungsprozesse nicht ausreichend eingebunden zu werden.

Und dennoch: in allen drei Ländern gibt es in Sápmi Minen, geplant oder in Betrieb.

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Und was noch?

Minen sind bei Weitem nicht der einzige Faktor, der die Rentierzucht gefährdet: Windparks, eine übermäßige Forstwirtschaft und Infrastrukturprojekte haben ähnliche Auswirkungen. Zudem ist die Rentierzucht übermäßig stark von den Folgen des Klimawandels betroffen, da die Arktis sich deutlich schneller als andere Gebiete der Erde erwärmt. Längere Vegetationszeiten und eine damit zusammenhängende Zunahme der Weideflächen können die Schwierigkeiten im Winter nicht ausgleichen: das schwedische Sámiparlament befürchtet, dass die Rentiere im Winter ihre Nahrung unter gefrorenem Schnee und Eiskrusten nicht erreichen können. Es ist zudem zu befürchten, dass Rentiere häufiger von Parasiten befallen werden und sich invasive Arten durch den Temperaturanstieg ausbreiten.

Die Nordic Sámi Youth Conference bezog 2021 zu diesen Themen Stellung und forderte die Einstellung geplanter und laufender Projekte, Renaturierungen sowie strengere Auflagen für Firmen. Sie betonte, dass das traditionelle Wissen der Sámi im Klimawandel anerkannt werden sollte, da die Sámi im Einklang mit der Natur leben und ihr nur entnehmen, was sie zum Leben benötigen.

Um auf den Anfang zurückzukommen: Elektroautos haben mehr mit den Sámi zu tun, als man auf den ersten Blick denkt. Obwohl die Sámi den Klimawandel nicht verursacht oderweiter befeuert haben und stark von den Folgen der Erderwärmung betroffen sind, sollen die für nachhaltigere Technologien notwendigen Rohstoffe in ihren Gebieten abgebaut werden und so ihr leben und ihre Traditionen für immer verändern. Die Sámi Youth Conference fasste diese Problematik sinngemäß wie folgt zusammen: ein Verlust des Lands ist ein Verlust für immer.

Quellen:

https://blog.stud.uni-goettingen.de/finnougristik/category/sami-sapmi/ (19.01.2024)
https://www.amnesty.de/informieren/amnesty-journal/schweden-indigenenrechte-sami-aktivist-politiker-henrik-blind-interview-klimakrise-landrechte (17.01.2024)
https://gfbvblog.com/2023/02/06/gruener-kolonialismus-die-entdeckung-riesiger-rohstoffvorkommen-in-nordskandinavien-trifft-die-indigenen-sami-der-arktis/ (18.01.2024)
https://www.deutschlandfunkkultur.de/goldrausch-in-lappland-rentierzuechter-verteidigen-100.html (18.01.2024)
https://www.sametinget.se/162623 (18.01.2024)
https://www.sametinget.se/10181 (18.01.2024)
https://gallok.se/de/ (18.01.2024)
https://sametinget.no/aktuelt/oppstart-av-nussir-gruven-bryter-norsk-lov.8070.aspx (18.01.2024)
https://www.sapmi.se/vart-arbete/renskotsel/ (18.01.2024)
https://samer.se/renskotselaret (18.01.2024)
https://www.samediggi.fi/sami-info/?lang=en (18.01.2024)
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S026483771931419X#abs0005 (18.01.2024)
https://www.nu.no/stop-the-nussir-mine-save-repparfjord/ (18.01.2024)

Titelbild: Foto von Nikola Johnny Mirkovic auf Unsplash

Text: Mareike Nannen, Praktikantin, Auguste-Viktoria-Gymnasium Trier

Samische Geschichte – Ein Überblick

Ca. 98 v. Chr. – Erste Erwähnung der Sámi als sog. Fenni in Tacitus’ Germania

14. Jahrhundert – Die Birkarlar, Händler aus Norr- und Västerbotten in Schweden, bekommen die Erlaubnis durch die Krone, mit den Sámi zu handeln und Steuern einzutreiben. Die samischen Gebiete werden unterteilt und als Lappmark bezeichnet.

1553 – Der schwedische König Gustav Vasa beschließt, dass die Krone selbst die Steuern von den Sámi eintreiben sollte und setzte dazu die sog. Lappfogdar ein.

1557 – Erste samische Wörter werden vom Seefahrer Stephen Borrough auf der Kolahalbinsel zusammengestellt und in einer tersamischen Wortliste mit 95 Wörtern notiert.

17. Jahrhundert – Bau von Kirchen und der Beginn der Missionierung von Sápmi.

1619 – Ein erstes Buch auf Samisch wird publiziert: ABC bok på lapskt tungomål (z.Dt. ABC-Buch auf samischem Dialekt). Die Sprachkenntnisse des Verfassers, Nicolaus Andreae, gelten als derart schlecht, dass der Dialekt des Samischen nicht genauer definiert werden kann.

1635 – Bau einer Silbererzgrube im Nasafjäll nahe Arjeplog. Die Sámi werden in schlechte Arbeitsverhältnisse gezwungen und mussten das Erz zur Küste transportieren.

1673 – Schefferus’ Lapponia wird veröffentlicht.

1673 – Lappmarksplakatet, eine Bekanntmachung zur Förderung der Besiedlung Lapplands, die Neusiedler in das samische Gebiet locken soll und bis zu 30 Jahre Steuerfreiheit und die Befreiung vom Militärdienst verspricht.

1751 – Festlegung der Grenze von Schweden und Dänemark-Norwegen. Als Konsequenz wird die Lappkodicille geschrieben, welche regelt, dass die Sámi sich zur Rentierzucht über die Landesgrenzen hinwegbewegen dürfen.

1852 – Kautokeino-Aufstand, in dem eine Gruppe von Sámi gegen die nicht-samische Bevölkerung Kautokeinos rebellierte. Der Aufstand endete blutig.

1886 – Einführung des ersten Rentierweidegesetzes in Schweden, in dessen Folge die Rentierzucht kollektiviert wird.

20. Jahrhundert – Politische Einstellung, dass „ein Lappe ein Lappe bleiben“ solle, d.h. dass die Sámi als rentierzüchtende Nomad:innen leben müssen.

1904 – Elsa Laula gründet die erste samische politische Organisation, Lapska centralförbundet (Lappischer Zentralverbund), und schreibt ein Pamflet Inför lif eller död? Sanningsord i de lappska förhålladena (Leben oder Tod? Wahre Worte über die lappischen Verhältnisse).

1910 – Das erste Buch eines samischen Autors wird herausgegeben: Johan Turis Erzählungen vom Leben der Lappen.

1917 – Elsa Laula beruft das erste samische Landestreffen in Trondheim, Norwegen, ein.

1919 – Die erste Rentierweidekonvention wird geschlossen. Sie reguliert die Sommerweidung der Rentiere der schwedischen Sámi in Norwegen. Die Folge sind Zwangsumsiedlungen.

1921 – Gründung des staatlichen Instituts für Rassenbiologie in Schweden.

1928 – Einführung des neuen Rentierweidegesetzes in Schweden, das die Sámi in Rentierzüchter und Neusiedler teilt.

1956 – Gründung des Sámiráđđi (Sámi-Rat), der für die Zusammenarbeit der Sámi in Finnland, Norwegen, Russland und Schweden in kulturellen und politischen Fragen zuständig ist.

1968-1982 – Die norwegische Regierung plant einen Ausbau von Wasserkraft im Altaelva mit verheerenden Folgen für die Sámi. Nach großem Widerstand wird der Ausbau in geringerem Maße durchgeführt.

1973 – In Finnland entsteht eine Delegation für samische Fragen, die 1996 zum Sámi-Parlament umgewandelt wird.

1986 – Kirste Paltto wird für den wichtigsten finnischen Buchpreis, den Finlandia-Preis, nominiert.

1987 – Der erste gänzlich samischsprachige Kinofilm Ofelaš (dt. Titel Pathfinder) kommt in die Kinos und wird ein Jahr später für den Oscar in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film nominiert.

1989 – Gründung des norwegischen Sametings nach Veränderungen in der norwegischen Politik.

1991 – Nils-Aslak Valkeapää erhält den Literaturpreis des Nordischen Rates.

1993 – Gründung des schwedischen Sametings; Jagd auf Kleinwild wird freigegeben und somit kommunal verwaltet, was zu einem schwindenden Einfluss der Samebyar führt.

2000er – Die Ausbeutung Sápmis wird fortgesetzt: Durchführung von Untersuchungen für neue Gruben, Bau von Windparks und neuen Tourismusanlagen ungeachtet der Rentierweideplätze.

2000 – In Schweden tritt das erste samische Sprachgesetz in Kraft.

2010 – Das Sprachgesetz in Schweden wird ausgeweitet: Sámi haben nun die Möglichkeit, u.a. auch Behördengänge auf Samisch zu erledigen.

2010er – Ein größeres Interesse an samischer Kunst und Kultur entwickelt sich.

2016 – Der Film Sameblod kommt in die Kinos und gewinnt eine Vielzahl an Preisen.

2018 & 2020 – Linnéa Axelsson und Elin Anna Labba gewinnen den wichtigsten schwedischen Buchpreis, Augustpriset.

2020 – Der oberste Gerichtshof in Schweden fällt das Urteil, dass die Gemeinde Girjas die Jagd- und Fischereirechte ihrer Gebiete fortan selbst verwalten darf.

2013 bis heute –Beowulf Mining will eine Eisenerz-Grube errichten und Probebohrungen in Gállok, Schweden durchführen. Der Widerstand aus der samischen Bevölkerung und von Naturschützern ist groß. Die schwedische Regierung stimmt dem Vorhaben im März 2022 zu. Naturschützer klagen im Juni 2022 gegen das Urteil.

Quellen:
Bartens, Raija und Hans-Hermann. 1994. Lappische Anthologien – Lappisches in Anthologien. In: Gulya, J. & Lossau, N. 1994. Anthologie und interkulturelle Rezeption. Opuscula Fenno-Ugrica Gottingensia VI. 41-65.
Fjellgren, Patricia & Nord, Malin. 2021. Två tusen år av kulturmöten, undanträngning, motstånd och organisering. In: Fjellgren, Patricia & Nord, Malin. 2021. Inifrån Sápmi. Stockholm. 21-34.
Gaski, Harald. 1998. Die samische Literatur. In: Jens, Walter (Hrsg.). 1998. Kindlers Neues Literaturlexikon. Band 20. Essays & Register. München. 348-351.
Hirvonen, Vuokko. 2006. Saamische Literatur. In: Glauser, Jürg (Hrsg.). 2006. Skandinavische Literaturgeschichte. Stuttgart/Weimar.
Larsson, Lars-Gunnar. 2021. Johan Öhrling und das Lexicon Lapponicum. In: Bartens, Hans-Hermann; Larsson, Lars-Gunnar; Mattsson, Katja; Molnár, Judit; Savolainen, Tiina. 2021 [2020]. Kīel joug om šīld. Festschrift zum 65. Geburtstag von Eberhard Winkler. Wiesbaden. 209-228.
Winkler E., Haarmann H. 2002: Samisch. Okuka M. (Hg.): Lexikon der Sprachen des europäischen Ostens. Klagenfurt, 693–707. https://eeo.aau.at/wwwg.uni-klu.ac.at/eeo/Samisch.pdf
https://www.naturskyddsforeningen.se/artiklar/gallok-gruvan-kritiken-och-konsekvenserna-for-naturen/
http://www.laits.utexas.edu/sami/dieda/hist/kautokeino.htm
https://www.saamicouncil.net/se/hem/
https://de.wikipedia.org/wiki/Pathfinder_(Film)
https://www.augustpriset.se
https://fi.wikipedia.org/wiki/Finlandia-palkinto



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Die Sámi-Frage in Finnland. Hintergründe.

In Finnland wird die Zugehörigkeit zu den Sámi im §3 des Gesetzes zum Sámi-Parlament bestimmt. Dies besagt, dass mit Sámi eine Person gemeint ist, die sich als Sámi identifiziert, und eins der Kriterien erfüllt: 1) sie muss entweder selbst Samisch sein oder als erste Sprache sprechen oder ihr Elternteil oder Großelternteil muss Samisch als Muttersprache gehabt haben, 2) sie muss von einer Person abstammen, die im Melde- oder Steuerregister als Lappe eingetragen war, oder 3) wenigstens ein Elternteil muss bei der Sámi-Parlamentswahl im Wählerverzeichnis eingetragen sein oder hätte eingetragen sein können.

Problematisch ist das zweite Kriterium, denn es wird nicht bestimmt, wie weit weg in der Vergangenheit die Eintragung als Lappe liegen kann. Fast jeder Einwohner des finnischen Lapplands hat einen Vorfahren, der im Register als Lappe eingetragen ist, denn ab dem 17. Jahrhundert wurden Personen, die nomadenhaft und aus der Natur lebten, als Lappen bezeichnet. Es handelt sich also nicht nur um Sámi.

Das Sámi-Parlament und das oberste Verwaltungsgericht Finnlands sind sich in den letzten Jahren nicht immer einig darüber gewesen, wer zu den Sámi zählt und wer nicht. Deshalb müsste das Gesetz dringend erneuert und die ILO-Konvention 169 ratifiziert werden. Die Ratifizierung wird allerdings auch Gegner im finnischen Parlament haben, denn sie setzt voraus, dass Finnland aktiv die kulturelle, sprachliche, soziale und finanzielle Lage der Sámi sicherstellt und das Recht der Sámi auf das Land und die Gewässer in ihrem Heimatgebiet anerkennt.

Die Gründe und Hintergründe sowohl für die Anträge als auch für die Ablehnungen sind kompliziert und hängen zusammen mit eingebildeten Sonderrechten der Sámi, Machtfragen und vor allem der traumatisierenden Assimilationspolitik des letzten Jahrhunderts.

Quellen:

Die Sámi in Russland

Die indigene Bevölkerung Nordeuropas, die Sámi waren bereits im 7. Jahrhundert n. Chr. über die ganze Kola-Halbinsel verstreut und lebten als Rentiernomaden und Fischer im Rhythmus der arktischen Natur. Sie mussten erst den Kareliern, dann dem Nowgorod, den Norwegern und Moskowitern Tribut leisten. Die erste russische Kolonisierung erfolgte durch christlich orthodoxe Missionare. Die Bevölkerung wurde getauft und Kloster wurden gegründet mit dem Ziel, neues Territorium zu erobern. Ab dem 18. Jahrhundert wurden die Sámi zusätzlich zu der Kirche noch vom Staat ausgebeutet, der sich u.a. für Pelze, Fisch, Robben, Walrosse, Lebertran und Stoßzähne interessierte. Nach der Abschaffung der Leibeigenschaft Mitte des 19. Jahrhunderts brauchten die Sámi, die bisher nur Tauschhandel kannten, Geld für die Steuern. Sie wurden häufig von Händlern betrogen und vor allem mit Hilfe von Alkohol zu schlechten Geschäften überredet. Zur selben Zeit wollte die russische Regierung die Halbinsel mit anderen Bevölkerungsgruppen besiedeln, mit Finnen, die damals zu Russland gehörten, und Russen aber auch mit Komi. Die Weideländer der Rentiere wurden als Ackerland benutzt und die traditionelle halbnomadische Lebensweise begann zu verschwinden. 

In der Sowjetzeit wurden viele Sámi in Kolchosen gezwungen und das Land wurde zu großen Teilen für Industrie, Bergbau und Militär genutzt. Um die Sámi im Sinne der neuen Ideologie zu erziehen, wurden Schulen und Internate gegründet, in denen der Kontakt zu den Eltern und somit zu der Lebensart und den Traditionen unterbunden wurde. Als Folge dieser Politik bildeten die Sámi am Ende der Sowjetzeit die unterste Schicht der Bevölkerung, über ihnen waren die Komi und ganz oben die Russen. Die absolute Anzahl der Sámi war seit dem 19. Jahrhundert ungefähr gleichgeblieben und betrug 1890 Personen, prozentuell bildeten sie jetzt aber nur 0,2% der Bevölkerung. Sie waren zwangsurbanisiert, ohne Verbindung zur Natur und Rentierzucht, häufig arbeitslos und alkoholsüchtig, weitgehend vom Staat abhängig. Die samische Sprache wurde von ihnen selbst als lästig und schädlich betrachtet, ein Drittel der Sámi war ausschließlich russischsprachig.

Schadstoffe aus der Industrie gefährdeten das Leben auf der Halbinsel, sie verursachten sauren Regen und verschmutzten die Tundra mit Schwermetallen. In den 1980ern wurde ein provisorisches Atommülllager eingerichtet, in dem bis heute ausgebrannte Brennstäbe von Reaktoren sowjetischer U-Boote in baufälligen Hallen lagern. Mehr als 30 Reaktoren stehen in einem weiteren Lager.

1989 wurde die Organisation der Kola-Sámi in Murmansk gegründet, zehn Jahre später eine zweite in Lowosero, wo heute die meisten Sámi wohnen. Beide Organisationen haben einige hundert Mitglieder und die Aufgabe, die Interessen der Sámi zu vertreten. Aus dem Westen erhalten sie humanitäre Hilfe, mit der sie die hilfsbedürftigsten samischen Familien unterstützen. Im Jahr 2001 wurde in Murmansk ein lokales Gesetz erlassen, das die Sámi als indigene Bevölkerung nennt und ihre traditionelle Lebensweise wenigstens theoretisch schützt. Von der Gründung eines Sámi-Parlaments war schon die Rede, es ist aber noch lange nicht in Sicht, denn es fehlt sowohl das Geld auch als die Zustimmung der russischen Autoritäten. Einige Sámi glauben aber noch an eine bessere Zukunft, andere haben die Hoffnung wegen Korruption und Willkür der Behörden längst aufgegeben.

Quellen:

Die Eisenbahn zum Nordpolarmeer

Schon seit über 150 Jahren träumen die Finn:innen von einer Bahnverbindung zum Nordpolarmeer, meistens aus wirtschaftlichen Gründen. Die Bahn sollte den Bergbau, die Forstwirtschaft und den Tourismus fördern und den Zugang zum Atlantik versichern. Mehrere Male wurde der Bau der Nordpolarmeerbahn im Parlament verabschiedet und immer wieder als nicht rentabel zu den Akten gelegt. Während des zweiten Weltkriegs sollte die Bahn auf Anweisung von Adolf Hitler von 10 000–12 000 Kriegsgefangenen gebaut werden, um Mannschaften und Kriegsmaschinerie zu befördern. In den 1960er, 1970er, 1980er und 1990er Jahren brachten finnische Politiker:innen mehrfach Gesetzesanträge ein, um die Bahn entlang verschiedener Trassen zum Eismeer zu bauen. Alle geplanten Trassen durchquerten das Land der Sámi, die Meinung der Sámi wurde bei diesen Vorhaben aber nie eingeholt.

2017 hat die finnische Ministerin für Verkehr und Kommunikation Anne Berner den Bau einer Eisenbahnstrecke zum Nordpolarmeer initiiert. Auch diesmal sind die Beweggründe wirtschaftliche. Mit der Eisenbahnverbindung zum Polarmeer würde Finnland zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt für Europa werden, wenn durch den Klimawandel die Nordostpassage immer häufiger auch im Winter befahrbar bleibt und so der wesentlich kürzere Seeweg nach China benutzt werden kann. Wieder wurden die Sámi nicht gefragt, obwohl der §9 des finnischen Gesetzes zum Sámi-Parlament dazu verpflichtet, von Anfang an mit den Vertretern der Sámi zu verhandelt, wenn es um Projekte geht, die das Land der Sámi betreffen. 2019 stellte das finnische Ministerium fest, dass das Bahnprojekt wegen Unrentabilität vorerst nicht vorangetrieben wird.

Kurze Zeit später stellte der finnische Angry-Birds-Millionär Peter Vesterbacka sein Vorhaben vor, einen Eisenbahntunnel von Tallinn nach Helsinki sowie die Eismeerbahn von Rovaniemi zum nördlichen Polarmeer mit ausländischer Finanzierung zu bauen, und begründete dies mit wachsendem Tourismus, der Zunahme der Fischzucht in Norwegen und der Benutzung der Nordostpassage nach China. Die gesetzmäßigen Verhandlungen mit den Sámi hat es nicht gegeben.

Die Sámi sind gegen das Eismeerbahnprojekt, und nicht nur, weil ihr Recht, über das eigene Land zu bestimmen, verletzt worden ist, sondern weil ihr traditioneller Erwerb, die Rentierzucht, dadurch gefährdet wäre. Die Weidegebiete der Rentiere würden durch die Gleise durchschnitten und Kollisionen mit der Bahn würden Rentiere töten. Besonders im Sommer suchen Rentiere offene Plätze, Straßen und Bahngleise, um sich vor der Mückenplage zu schützen. 2021 wurden fast 500 Rentiere von der Bahn überfahren, wobei es momentan nur im südlicheren Rentierzuchtgebiet Bahngleise und sehr wenig Verkehr gibt. Die Bahn als Transportmöglichkeit würde die Abholzung der Wälder verstärken, die den Rentieren Flechten als ihre wichtigste Winternahrung anbieten. Durch die Gefährdung der Lebensgrundlage und der Natur wäre die gesamte samische Kultur bedroht.

2021 wurde die Eismeerbahn aus dem Regionalplan Nord-Finnlands gestrichen, was im Land der Sámi erst einmal auf Erleichterung stößt. Aber wie überall sind Regionalpläne auch in Finnland nicht in Stein gemeißelt.

Quellen:
Kukka Ranta / Jaana Kanninen (2019): Vastatuuleen. Saamen kansan pakkosuomalaistamisesta. Helsinki, S & S. S. 224–239.
https://www.greenpeace.org/finland/tiedotteet/1558/saamelaispaliskunnat-vastustavat-jaameren-rataa/ Stand: 08.09.2022
https://yle.fi/uutiset/3-11934660 Stand: 08.09.2022
https://www.finlex.fi/fi/laki/ajantasa/1995/19950974 Stand: 09.09.2022
https://yle.fi/uutiset/3-6747210
https://www.lapinkansa.fi/suurpedot-tappoivat-2020-ennatysmaaran-poroja-mika/4618496

Titelbild: Tauralbus auf Flickr (CC BY 2.0)
Bildquellen:
Lapin ratahankkeet: RicHard-59 (CC BY-SA 3.0)
Nordostseepassage: Collin Knopp-Schwyn and Turkish Flame (CC BY 4.0)