Mit einer Räuberfamilie unterwegs, oder: was passiert, wenn die Sommerferien zu langweilig sind.

Die finnougrische Schönliteratur hat nicht nur für Erwachsene etwas zu bieten. Auch die Kinder- und Jugendliteratur stellt seit langer Zeit einen wichtigen Teilbereich des literarischen Lebens dar und wird in größerem Umfang publiziert. Insbesondere aus Finnland haben auch bereits viele Titel ihren Weg nach Deutschland gefunden, nicht zuletzt, seit Finnland 2014 Partnerland der Frankfurter Buchmesse war.

Siri Kolu

Eine der Autorinnen, die man in deutscher Übersetzung lesen kann, ist Siri Kolu (*1972). Sie studierte Literatur- und Theaterwissenschaften in Helsinki und ist neben ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin auch als Dozentin, Regisseurin und Dramaturgin tätig. Ihr Debüt, Metsänpimeä (z.Dt. Waldesdunkel), erschien bereits 2008. Größere Bekanntheit erlangte Kolu auch hierzulande mit der Vilja-Reihe, für deren ersten Band namens Vilja und die Räuber (orig. Me Rosvolat) sie 2010 sogar den Junior-Finlandia-Preis bekam. Über sich selbst sagt sie, dass sie Flohmärkte und Windhunde, Katastrophenfilme und Steampunk mag. Kolus jüngster Roman erschien im Mai 2022 unter dem Titel Yön salaisuus (z.Dt. Das Geheimnis der Nacht).

Aber wer ist eigentlich Vilja?

Vilja ist zu Beginn der Romanreihe 11 Jahre alt und wird von einer Räuberfamilie gekidnappt. Klingt furchtbar? Von wegen! Vilja ist von ihrer großen Schwester, den Eltern und den ziemlich langweiligen Sommerferien genervt und da kommt ein bisschen Abwechslung und Abenteuer gerade recht. Anstatt sich vor den Räubern zu fürchten, wird sie freundlich aufgenommen und findet in den Räuberkindern Hele und Kalle neue Freunde. Doch nicht nur das – auch in Vilja steckt das Zeug zu einer richtigen Räuberin und gemeinsam mit Familie Räuberberg erlebt sie ein großes Räubersommerabenteuer, das in den nachfolgenden Romanen fortgesetzt wird.

In Finnland sind mittlerweile acht Titel der Vilja-Reihe erschienen, in deutscher Übersetzung kann man immerhin schon drei verschiedene Räuberabenteuer lesen und auch eine Verfilmung gibt es bereits.

Quellen:
Kolu, Siri. 2012. Vilja und die Räuber. München (Heyne).
https://www.penguinrandomhouse.de/Autor/Siri-Kolu/p425273.rhd#
https://fi.wikipedia.org/wiki/Siri_Kolu
https://otava.fi/kirjailijat/siri-kolu/
https://otava.fi/kirjat/yon-salaisuus/
http://merosvolatelokuva.fi/
Bildquelle: Eliott Reyna auf Unsplash

Die Deutsche Bibliothek in Helsinki

Kennt ihr schon die Deutsche Bibliothek in Helsinki? Sie wurde 1881 gegründet und beherbergt eine große Sammlung deutschsprachiger Literatur. Aber auch für Studierende der Finnougristik und Fennistik ist die Bibliothek mit dem gemütlichen Lesesaal ein perfekter Lektüreort.

Der Lesesaal in der Deutschen Bibliothek

Dieser Lesesaal nämlich befindet sich im Bereich der Fennica-Sammlung. Die wurde in den 1920ern gegründet, mit dem Ziel, alle deutschen Übersetzungen finnischer und finnlandschwedischer Literatur und deutschsprachige Sachbücher über Finnland zusammenzustellen. Zwar ist die Sammlung mit ca. 4000 Titeln bis heute nicht ganz vollständig, der Anspruch auf Lückenlosigkeit wird aber weiterhin verfolgt. Zudem werden alte Übersetzungen nicht ausgesondert, wenn eine Modernere hinzukommt. Dadurch könnt ihr hier beispielsweise alle deutschprachigen Versionen des Kalevala, von Alexis Kivis Die Sieben Brüder, und Väinö Linnas Kreuze in Karelien/Der unbekannte Soldat ausleihen.

Historische Bücher in der Deutschen Bibliothek

Auch für Interessierte an finnougristischer Forschungsgeschichte gibt es ein paar Schätze. In der Glasvitrine finden sich einige alte Titel aus dem 17. sowie dem mittleren 18. Jahrhundert, bei denen es sich um frühe Beschreibungen Lapplands und saamischer Sprachen und Kulturen handelt. Zum Beispiel Johannes Schefferus‘ Lappland. Neue und wahrhafftige Beschreibung von Lappland und dessen Einwohnern. (Heute selbstverständlich inhaltlich veraltet).[1]

Wer sich lieber mit Themen aus Neuzeit und Gegenwart auseinandersetzt, kann auf das Jahrbuch für finnisch-deutsche Literaturbeziehungen zurückgreifen, das von der Deutschen Bibliothek herausgegeben wird. Das erschien zunächst als Rundschreiben unter dem Titel Mitteilungen aus der Deutschen Bibliothek; mit der Zeit kamen deutschsprachige Übersetzungen und literaturwissenschaftliche Texte hinzu.

Heutzutage wählt das Redaktionsteam ein jährliches Schwerpunkthema aus, zu dem dann Textausschnitte aus der finnischen Literatur sowie kultur- und literaturwissenschaftliche Beiträge zusammengestellt werden. Außerdem werden Neuerscheinungen rezensiert, sowohl deutschsprachige Übersetzungen finnischer, finnlandschwedischer und saamischer Literatur als auch deutschsprachige Belletristik und Sachbücher mit Finnlandbezug.

Das Jahrbuch für finnisch-deutsche Literaturbeziehungen hat einige Abonnenten und ihr findet es auch im Bestand der Göttinger SUB – reinschauen lohnt sich!

Mit großem herzlichen Dank an Gabriele Schrey-Vasara und Robert Seitovirta für die ausführlichen Auskünfte!

Text & Bilder: Franziska Kraushaar

Quellen:
Schriftliches Interview mit Gabriele Schrey-Vasara vom 01.06.2022
Schriftliches Interview mit Robert Seitovirta vom 14.06.2022
Website der Deutschen Bibliothek: https://www.deutsche-bibliothek.org/fi/kirjasto.html
Artikel über Schefferus: Die Nordlichroute – Johannes Schefferus (uit.no)


[1] Obwohl Schefferus Ansinnen zu seiner Zeit eine sachliche Darstellung der saamischen Bevölkerung war, setzen sich die Kapitel aus Berichten schwedischer Pfarrer in saamischen Gebieten zusammen und sind dementsprechend von einer christlicher Perspektive des 17. Jahrhunderts gefärbt; dazu kommt eine Rezeptionsgeschichte, die den ursprünglichen Inhalt des Buches in verschiedenen Ausgaben und Übersetzungen weiter veränderte und ein mystifizierendes, verfälschendes Bild der Saamen schuf. Siehe: Die Nordlichroute – Johannes Schefferus (uit.no)

Das Licht in deinen Augen

Turku ist eine Stadt voller Kultur und Literatur, und auch der Schriftsteller und Lehrer Tommi Kinnunen wohnt hier. Zwei seiner vier erschienen Werke wurden bereits ins Deutsche übersetzt. Während der Debutroman Wege, die sich kreuzen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielt, folgt der zweite Roman der begonnenen Familiengeschichte weiter bis in die späten 80er, frühen 90er Jahre, und kann auch alleinstehend gelesen werden.

Das Licht in deinen Augen (finnisch Lopotti) erzählt die Geschichte zweier Menschen, denen ein Leben im gesellschaftlichen Abseits vorherbestimmt scheint: Helena wächst in den vierziger Jahren heran. Als Säugling erblindet, muss sie als Kind ihre Familie in Nordfinnland verlassen, um in Helsinki auf eine spezielle Schule zu gehen. Dort erkämpft sie sich ein eigenständiges Leben. Fast vierzig Jahre später lässt ihr Neffe Tuomas das gleiche Dorf zurück, in dem er sich ebenfalls nicht willkommen fühlt, denn er ist homosexuell. Episodenhaft werden Kindheit, Erwachsenwerden und Leben der beiden Figuren miteinander verwoben, ihre Perspektiven aufeinander, auf ihre Familie und die Welt zu einem komplexen Gefüge zusammengesetzt, in dem es keine einfachen Antworten gibt.

Beeindruckend ist die sanfte, poetische Sprache, mit der Kinnunen vom Schmerz seiner Figuren erzählt. Die neunjährige Helena lässt sich von ihrem Drachen in einen Sturm fortziehen, als ihr Vater ihr sagt, dass sie auf die Blindenschule fortgeschickt wird, fast 800 Kilometer in den Süden: „Der Wind riecht nach Tannennadeln und Moor. Unten streckt die Kälte ihre Fangarme aus und versucht, mich zu packen, schafft es aber nicht. Ich bin so hoch oben, dass der Winter mich nicht erreicht. (…) Der Sturm zieht mich nicht mehr höher, sondern trägt mich nach Norden, wo die Zeit stillsteht und der Frühling nie kommt und keiner jemals weggehen muss.“ (S. 106) Der jugendliche Tuomas wiederum kann sich zumindest auf den bevorstehenden Abschied vorbereiten, als er in Alles, was Sie schon immer über Sex wissen wollten über Homosexualität liest, sie sei „ein Makel, den man durchs Leben tragen muss“ (S. 107): „Es scheint noch kälter zu werden. Tuomas wickelt sich den Schal vor den Mund und versucht, durch ihn hindurch zu atmen. Er hat vor, alle Wege und Wohngebiete des Dorfes zu durchstreifen. Sich die Routen und jedes Gebäude einzuprägen, die hohen, gebogenen Kiefern in den Wäldern und die unter dem Schnee begrabenen Büsche. Er nimmt schon jetzt Abschied von diesen Orten, obwohl er noch nicht wegzieht. Doch dieser Moment rückt mit jedem Tag näher.“ (S. 113)

„Jeder Mensch muss entscheiden, ob er sich vor der Welt fürchten will oder nicht.“ (S. 45) Das ist der Leitsatz von Helenas Mutter, Tuomas‘ Oma, die wenig Verständnis aufbringt für Andere. Die nicht zugeben will, dass ihre Familie aus „Lopotti“ stammt, dem Dorf der verrufenen Frauen. Deren schlimmstes Urteil ist: „Er ist anders als die anderen.“ Die damit die Einsamkeit, in der sie selbst gefangen ist (denn sie ist das uneheliche Kind der verrufenen Frau aus Lopotti), an ihre Nachkommen weitergibt.

So bewahrt die Erzählung die Balance im Aufzeigen der äußeren und inneren Faktoren, die besonders die beiden Hauptfiguren zu Beginn ihres Lebens zum Außenseitertum bestimmen. Überschattet wird alles vom Selbstmord des Vaters/Großvaters, dessen Homosexualität noch gesetzlich kriminalisiert wurde. Trotzdem finden Helena und Tuomas nach und nach den Mut, ihr Leben so selbstbestimmt und mutig zu gestalten, wie es eben geht. Helena lässt ihren Vater und damit auch seine Haltung des Sich-Aufgebens zurück. Als Tuomas sich ihr schließlich als erste in der Familie offenbart, gibt sie ihm den unausgesprochenen Rat, der wohl der Kern des Buches ist: „Du hast deine schwache Stelle freigelegt wie ein Hund seine Kehle und hast Angst, dass ich meine Zähne hineinschlage. (…) Verwandle dich nie, weil ein anderer es will. Man muss nur sich selbst genügen, nicht den anderen. Und auch wenn nicht alle Geschichten Liebesgeschichten sind, sind sie nicht misslungen, vergiss das nicht.“ (S. 275 ff.)

Das alte Tolstoi‘sche Zitat kehrt sich im Verlauf ihrer beider Leben um – zwar sind alle auf ihre eigene Art unglücklich, aber in ihrem Unglück treten ihre Unterschiede in den Hintergrund. „In meinem Leben gibt es nichts, was nur einer verstehen könnte, der anders ist als die anderen“, resümiert Helena vor Tuomas, „In deinem wohl auch nicht.“ (S. 277) Während sich Tuomas und sein Partner nach einem Kind sehnen, treibt Helena immer wieder ab, aus Angst, der Mutterrolle nicht gerecht zu werden. „Du begreifst doch sicher, dass der Raum in dieser Wohnung, der das Kinderzimmer werden sollte, immer noch hallig und leer ist? Ich habe ihn mit meinen eigenen Entscheidungen möbliert und fühle mich dort wohl. Es geht im Leben nicht darum, glücklich zu sein.“ (S. 291f.) Aber auch ihr „normaler“ Exmann, der sich den Vaterwunsch schließlich mit einer anderen, sehenden Frau erfüllt, findet keine goldene Erfüllung darin: „Du erzählst den anderen, du wärst endlich ein richtiger Mann. Sie nicken und trinken bereitwillig das Bier, das du ihnen ausgibst. Du bist die Hilfsbedürftige los und bist nun ein ernst zu nehmender Vater, bildest eine neue Kernfamilie in der Gesellschaft. Vermehrst dich und füllst die Erde. Wenn du nach Hause gehst, kotzt du alles in den Rinnstein, alles außer deiner Verbitterung.“ (S. 290)

Das ist es vielleicht, was diesen Roman so besonders macht – es gibt kein Happy End, keine einfachen Lösungen oder endgültig zufriedenstellende Antworten. Gesellschaftliche Umstände wie gesetzliche und soziale Diskriminierung sind gut recherchiert und werden nicht beschönigt, dienen aber nicht zur Dramatisierung. Sie sind nur Teil des Hintergrunds der Figuren, deren Lebensgeschichten immer weiter gehen, immer wieder zeigen, dass die Wirklichkeit in ihren fröhlichen und grausamen Momenten doch nicht so trüb bleibt wie die Befürchtungen der Menschen, die ihr ausgesetzt sind. Die aus ihrer Einsamkeit nie ganz herausfinden und sich doch immer wieder begegnen können, im Dialog, in Gedanken oder nicht zuletzt in der Geschichte vom Gutshof Pieselfall.

Text: Franziska Kraushaar

Kinnunen, Tommi. Das Licht in deinen Augen. Penguin Verlag 2019, übersetzt von Gabriele Schrey-Vasara
Kinnunen, Tommi. Lopotti. WSOY 2016
Tommi Kinnunen – WSOY: https://www.wsoy.fi/kirjailija/tommi-kinnunen
Hakutulos – Suomen kirjallisuuden käännökset – SKS (finlit.fi): http://dbgw.finlit.fi/kaannokset/lista.php?order=author&asc=1&lang=FIN

Titelbild: Frans Leivo auf Unsplash

Hytti nro 6: Eine (ärgerlich) freie Adaption

Am 29. Oktober ist die Filmadaption des Romans „Abteil Nr.6“ (Finnisch: Hytti nro 6) von Rosa Liksom in die finnischen Kinos gekommen. Die finnisch-russische Produktion des Regisseurs Juho Kuosmanen besticht durch eindringliche Bilder von rauer Schönheit und begabte Schauspieler*innen. Wer die Buchvorlage kennt und schätzt, wird allerdings enttäuscht.

Der Film erzählt von Laura, einer jungen finnischen Frau, die allein mit der transsibirischen Eisenbahn nach Murmansk reist. Eigentlich hätte ihre Lebensgefährtin, die ältere Literaturprofessorin Irina, sie begleiten sollen. Die hat aber mit der Arbeit zu tun, und so landet die angehende Archäologiestudentin in einem Abteil mit dem jungen russischen Arbeiter Ljoha. Zwischen den grundverschiedenen Reisenden entspinnt sich eine ungewöhnliche Beziehung.

Künstlerisch beeindruckt Hytti nro 6. Die Kameraführung bleibt oft nah an den Charakteren, so nah, dass man Wodka, Gurkenglas und Körpergeruch in der engen Zugkabine beinahe riechen kann. Durch abwechslungsreiche Einstellungen und Lauras Videorekorder wird die Schönheit der russischen Winterlandschaft gezeigt, die hinter den von Schnee besprenkelten Zugfenstern vorbeizieht. Die Schauspieler*innen überzeugen in ihren Rollen. Besonders Yuri Borisov verkörpert den zunächst stumpf-aggressiven Ljoha, der sich im Verlauf der Reise immer verletzlicher zeigt, äußerst glaubhaft. Dass er, anders als im Buch, kein grobgliedriger Mann mittleren Alters ist, sondern ein etwas tollpatschiger dünner Typ Anfang dreißig, stört wenig – der stereotype hartgesottene Russe wird so mit Laura (Seidi Haarla) auf eine Ebene geholt, wirkt ihr körperlich nicht überlegen. Auch dass der Film konsequent in russischer Sprache (mit finnischen Untertiteln) ist, fühlt sich stimmig an. Der finnische Akzent und das leichte Stocken in Lauras Sprechen passen sich gut ins Gesamtbild ein.

Inhaltlich aber enttäuscht die Verfilmung. Denn statt der emotionalen Komplexität des Romans, die mutig, stellenweise auch zumutend ist, finden sich im Film nur auf einfache Konzepte reduzierte Figuren: die promiskuitive lesbische Intellektuelle, die ihre junge Liebhaberin bei erster Gelegenheit fallen lässt. Die junge Frau, die auf einer Reise nach sich selbst sucht und sich unerwartet verliebt. Der halbkriminelle Arbeiter, unter dessen harter Schale sich ein wollweicher Kern verbirgt.

Während im Roman Landschafts- und Milieubeschreibungen und die schier endlosen, von Gewalt und Obszönitäten beladenen Monologe des Mannes Stimmung und Inhalt färben, wird der Film mit ein paar gewollt tiefsinnigen Sätzen gewürzt, die aber nur ins Leere führen. Denn richtige Probleme gibt es eigentlich nicht. Laura ist nicht wirklich in Irina verliebt, während der Reise wird sie das erkennen. Ljohas aggressive Übergriffigkeit verliert sich nach der ersten Filmhälfte ins Nichts. Die Trauer um den Verlust des Videorekorders, auf dem nicht nur die Reise, sondern auch die schönen Momente mit Irina festgehalten sind, hält etwa drei Sekunden. Die Leichtigkeit, die daraus resultiert, passt vielleicht in den Film, nicht aber zu den Erwartungen, die man nach der Romanlektüre an ihn heranträgt.

Die Verfilmung widmet sich der Geschichte einer jungen Frau, die noch nicht weiß, wonach sie eigentlich sucht. Es folgt eine sich zart entwickelnde Romanze, die an den unterschiedlichen Welten der Protagonist*innen scheitert. Eingebettet wird alles in die wirklich beeindruckenden Weiten und Lebenswelten des winterlichen Russlands. Wären die nicht gewesen, hätte ich gesagt: den Film habe ich sicher schon zwanzig Mal gesehen. Und vielleicht ist es das, was mich ärgert: das verschenkte Potential.

Text: Franziska Kraushaar
Bild: Julia Kadel auf Unsplash

Von Turku und Zweiwortsätzen

Ob ich nicht doch lieber ein Zimmer in der anderen Wohnung wolle, hat mein Vermieter mich gefragt. Die läge näher an der Natur. Ich habe abgelehnt, und jetzt dauert es geschlagene vier Minuten zu Fuß, bis ich den Kiesweg erreiche, der sich am Fluss entlang durch die Waldstücke und Felder am Rand von Turku nach Osten schlängelt und vergessen lässt, dass er nur einen Kilometer vom Zentrum der Stadt entfernt beginnt, die eigentlich gar nicht mal so klein ist.

Dass der nahe Wald ja gar nicht so groß sein kann, denkt man, bis man sich darin verläuft. Dann stößt man auf interessante Felsformationen uns ist sehr froh, dass in Finnland der Empfang überall gut ist.

Die freundliche Atmosphäre der Stadt selbst liegt in den unzähligen Cafés und Bars, die sich am Flussufer entlangreihen, in der gemütlichen Ausstrahlung der alten Holzhäuser, die noch zu finden sind, und in den altehrwürdigen Gebäuden wie der Stadtbibliothek oder der Tuomiokirkko.

Die Architektur zeigt, dass die Stadt alt ist, Läden, Kultur und Menschen zeigen, dass sie jung ist: wer an Kunst interessiert ist, findet ein romantisches Gässchen mit Handwerksläden und Workshop-Möglichkeiten, bevor sie vor dem Museum für Archäologie und Moderne Kunst wieder auf die Straße tritt. Wer an Literatur und günstigem Kaffee interessiert ist, findet im benachbarten Innenhof das Kirjakahvila. Wer gern feiert, findet Bars auch in den Booten, die im Fluss vor Anker liegen.

Wer seit vielleicht zwei Jahren Finnisch lernt, hat erstmal ein Problem. Der Turkuer Dialekt nämlich ist gar nicht leicht zu verstehen, und während ich in Helsinki und Jyväskylä schonmal Straßengespräche aufschnappe, fühle ich mich an einer Turkuer Supermarktkasse, als wäre ich versehentlich ins falsche Land gezogen. „Ich würde es ja feiern, wenn du am Ende des Studienjahres mit einem Turkuer Finnisch nach Hause gehst“, lacht meine Tutorin, die mich am ersten Tag durch die Stadt begleitet. Die Uni Turku ordnet allen Erasmus-Studierenden Tutor*innen zu, sodass man sich nicht allein zurechtfinden muss. Im Allgemeinen wird sich sehr gut um uns gekümmert: zu allem gibt es E-Mails, in denen genaue Erklärungen und Anweisungen stehen (Corona-Situation, Pop-Up Impfmöglichkeiten ohne Termin, Impfmöglichkeiten mit Termin, Vorsichtsmaßnahmen, Einführungsveranstaltungen, Kursregistrierungen, Bibliotheksnutzung etc), und dann gibt es die Einführungswoche mit Orientierungsveranstaltungen, in denen alles, was in den E-Mails stand, noch einmal erklärt wird. Untergehen kann man hier nicht.

Nicht einmal in den finnischsprachigen Seminaren, die auf Nicht-Muttersprachler*innen ausgelegt sind. Seit den Schrecken eines abgebrochenen Lateinstudiums begegne ich universitären Sprachkursen immer mit anfänglicher Vorsicht, aber meine Besorgnis stellt sich hier in Turku, wie auch schon in Göttingen, als unbegründet heraus. Als die einzige andere Bachelor-Austauschstudentin und ich das erste Mal unsere Dozentin treffen, ist die schon darauf vorbereitet, dass wir, aufgeregt und ein bisschen eingeschüchtert, noch nicht so viel sagen. Sie leitet das Gespräch, stellt Fragen, auf die man mit nur ein oder zwei Worten antworten kann. Scherzt, sodass wir und die etwa zwanzig anderen Kursteilnehmenden uns entspannen. Die Atmosphäre ist locker, wer nicht so viel sagen möchte oder kann, wird in Ruhe gelassen, Fragen auch nach gerade erklärten Dingen werden geduldig und freundlich beantwortet. Im Vorlesungssaal wird mit einer Hybridkamera dafür gesorgt, dass Präsenz- und Fernlehre gleichzeitig stattfinden. Bei Krankheit kann man dadurch einige Veranstaltungen bequem von Zuhause aus verfolgen.

In den Vorlesungen und Seminaren merke ich, wie wenig zwei Jahre Sprachstudium eigentlich sind. Wie schwer mir das Sprechen fällt im Vergleich zum Verstehen. Nach eineinhalb Stunden Veranstaltung bin ich froh, fast alles mitbekommen zu haben, und so erschlagen wie nach einer fünfstündigen Klausur. Wenn ich es bei einer Frage geschafft habe, die Hand zu heben und mit stockigen zwei, drei Worten zu antworten, fühlt sich das an, als hätte ich eben jene Klausur bestanden. Die heimischen Maßstäbe gelten hier nicht. Trotzdem, oder vielleicht deswegen, gehe ich gern zur Uni mit ihren freundlichen gelben Seminargebäuden und kühlen hohen Zimmern.

Es fühlt sich gut an, nach den isolierten eineinhalb Jahren digitalen Studiums wieder unter Menschen zu sein, mit den anderen Kursteilnehmenden in ungeschicktem Finnisch zu kommunizieren – wann fängt der Kurs an, wer macht die Tür auf, funktioniert der elektronische Schlüssel, es brennt? Achso, nur eine Lampe kaputt gegangen. Stinkt ziemlich. Und immerhin gab uns der Studienberater am Ende der Orientierungsveranstaltung auch nur einen Zweiwortsatz mit auf den Weg:

„Seid neugierig!“

Text und Bilder: Franziska Kraushaar

Wie sieht eine Sauna aus?

An unserem Institut gibt es nicht nur sprachwissenschaftliche Kurse. Die Studierenden befassen sich auch mit der Kultur und Folklore der finnougrischen Völker und den wesentlichen Themen der materiellen und immateriellen Kultur. In der nächsten Zeit wollen wir euch Einblicke in dieses Themengebiet geben und bringen euch daher das wohl bekannteste Kulturgut der Finnougrier näher: die Sauna.

Ursprünglich handelte es sich bei der Sauna um ein freistehendes kleines Gebäude, das etwas abseits des viereckig konstruierten Hofes lag. Es befand sich in Wassernähe. Beides dient dem Brandschutz, letzteres hat jedoch auch den praktischen Hintergrund der einfacheren Versorgung mit Waschwasser. Diese Konstellation findet sich unter anderem in Setomaa. Das Saunahaus kann jedoch auch in das Viereck des Hofes integriert sein (weiterhin freistehend) oder eine Scheune wurde zusätzlich als Sauna genutzt. Für Setomaa liegen beispielsweise genaue Beschreibungen zum Aufbau des Saunahauses vor. Es besteht aus einem Vorraum zur Ablage von Kleidung und Handtüchern, der zusätzlich als Wärmespeicher dient, und dem eigentlichen Saunaraum. Dieser ist mit einem 30 auf 50 Zentimeter großen Glasfenster ausgestattet, kleinen Luken zum Ablassen des Rauches, dem 20 Zentimeter von der Wand abgerückten Steinofen, den Pritschen oder Bänken (fin./est. lava) sowie Waschbottichen.

Innenraum einer finnischen Sauna (Foto: privat)

Grundsätzlich werden zwei Typen der Sauna unterschieden. Erstens die Sauna mit Schornstein (est. korstnaga saun), durch den der Rauch kontinuierlich entweichen kann, und deren Ofen vom Vorraum aus erreichbar ist, sodass ein kontinuierliches Nachheizen leicht und gefahrlos möglich ist. Der zweite Typus ist die Rauchsauna (fin. savusauna/est. suitsusaun/võru savvusann) ohne Schornstein. Dabei handelt es sich um den ursprünglichen Typus. Der Ofen ist aus Stein, manchmal nur ein Steinhaufen, der beheizt wird, bis die Sauna die erwünschte Nutzungstemperatur erreicht hat. Dann wird der Rauch aus dem Gebäude abgelassen. Danach kann die Sauna genutzt, aber nicht mehr nachgeheizt werden. Bis um zweiten Weltkrieg war dies die am mesiten verbreitete Sauna. Im estnischen Regierungsbezirk Võrumaa wird sie noch heute genutzt und zählt zum immateriellen Weltkulturerbe der UNESCO. Beide Saunatypen können als eigenständiges Holzhaus, als Anbau, oder als Erdhügelsauna (est. maasaun) vorliegen.

Die Lage des Ofens im Saunaraum unterscheidet sich je nach Region. Am häufigsten befindet sich der Ofen in der Türecke mit der Öffnung zur Tür gewandt, diese Bauweise ist unter anderem bei den Kareliern, Esten, Wepsen und Woten belegt. Die archaische Position ist jene in der Hinterecke mit der Öffnung in Richtung Tür, die sich bei Mordwinen, Mari und Komi findet.

In Städten gab es statt privaten Saunen meist öffentliche, die von (männlichen) Saunameistern geleitet wurden.

Text: Marina Loch

Quellen:
Külvik, Helen. 2014. Setomaa Traditsioonilise arhitektuuri põhijooni. SA Seto Instituut. 41-45.
Vahros, Igor. 1966. Zur Geschichte und Folklore der Grossrussischen Sauna. Helsinki.
https://monistemuuseum.ee/saunalugu/saunade-ajaloost/, zuletzt aufgerufen am 12.07.2020
https://ich.unesco.org/en/RL/smoke-sauna-tradition-in-voromaa-00951, zuletzt aufgerufen am 14.07.2020

Bildquelle (Titelbild): Anne Nygård auf Unsplash

Woher kommt eigentlich die Sauna?

An unserem Institut gibt es nicht nur sprachwissenschaftliche Kurse. Die Studierenden befassen sich auch mit der Kultur und Folklore der finnougrischen Völker und den wesentlichen Themen der materiellen und immateriellen Kultur. In der nächsten Zeit wollen wir euch Einblicke in dieses Themengebiet geben und bringen euch daher das wohl bekannteste Kulturgut der Finnougrier näher: die Sauna.

Die Sauna ist in der finnougrischen Welt allgegenwärtig und global bekannt und beliebt. Die finnische Sauna und der finnische Begriff dazu sind in aller Munde.
Doch für die Finnougrier ist die Sauna nicht einfach ein Raum im Hotel oder Schwimmbad, in den man geht, um sich schwitzend und schweigend zu entspannen. Es ist ein Ort des Austauschs, kulturell und auch spirituell bedeutend. Man kennt das Bild eines Saunahäuschens am See, es wirkt gemütlich und gesellig.

In der kommenden Serie soll die folkloristische Bedeutung der Sauna bei den finnougrischen Völkern herausgestellt werden, das Vorhandensein und die Durchführung von Riten bei den einzelnen Völkern werden analysiert, Glauben und Aberglauben werden zusammengetragen sowie die Bauweise und Herkunft der Sauna erläutert.

Herkunft

Es ist davon auszugehen dass die Finnen der Sauna, wie wir sie heute kennen, zum weltweiten Siegeszug verholfen haben. Sowohl Finnen als auch Esten beanspruchen die Erfindung dieser Schwitzkultur für sich. Doch woher stammt die Sauna wirklich?

Bereits Herodot (ca. 490-420 v. Chr.) beschreibt eine Sauna bei den Skythen. Unter deren Einfluss entstand offenbar die russische banya, die namentlich 1113 erwähnt wird. Dabei handelt es sich um einen Raum oder eine Hütte mit Ofen und Bänken auf mehreren Ebenen, in der man schwitzt, sich mit Birkenquasten (russ. venik, веник, fin, vihta/vasta, est. viht) massiert und sich wäscht. Man trägt dabei häufig spezielle Kopfbedeckungen aus Filz, die der Thermoregulation dienen, wie sie auch bei den Finnougriern bekannt sind. In der banya werden ebenfalls Gespräche mit Freunden, Familie oder Politikern bzw. Geschäftsleuten geführt.

Insgesamt vermutet man aufgrund der Ähnlichkeiten die Herkunft der russischen bzw. finnougrischen Sauna am Ural. Ähnliche Institutionen finden sich jedoch auch in den römischen und türkischen Thermalbädern sowie Schwitzhütten in Japan und bei indigenen Völkern Südamerikas.

Etymologisch wurde lange Zeit eine germanische Entlehnung angenommen, da die semantische Entwicklung von stakna („Holzstapel“, „Holzhütte“) zu „Badehaus“ jedoch fraglich ist, ist man davon heute bereits abgekommen.

Text: Marina Loch

Quellen:
Häkkinen, Kaisa. 2004. Nykysuomen etymologinen sanakirja. Helsinki. 1131–1132.
Kulonen, Ulla-Maija. 2000. Suomen Sanojen Alkuperä III. Helsinki.
Vahros, Igor. 1966. Zur Geschichte und Folklore der Grossrussischen Sauna. Helsinki.
https://web.archive.org/web/20100608113726/http://cyberbohemia.com/Pages/russianbaniahistory.htm, zuletzt aufgerufen am 12.07.2020
https://monistemuuseum.ee/saunalugu/saunade-ajaloost/, zuletzt aufgerufen am 12.07.2020

Bildquelle: Estonian Saunas auf Unsplash

Master Cheng in Pohjanjoki

Der Meisterkoch Cheng (Chu Pak Hong) aus Shanghai steigt mit seinem kleinen Sohn Nunjo (Lucas Hsuan) in dem finnischen Kleindorf Pohjanjoki im dünnbesiedelten Lappland aus dem Bus. Er geht in das lokale Gasthaus – viel Anderes gibt es in dem Ort auch nicht – und fragt höflich nach Fongtron. Aber niemand scheint Fongtron zu kennen. Abends, als die Wirtin Sirkka (Anna-Maija Tuokko) ihr Gasthaus schließen will, sitzt der Chinese mit seinem Sohn immer noch vor seiner Teetasse und hofft, Fongtron zu finden. Sirkka bietet Cheng und Nunjo eine Unterkunft an und versucht zusammen mit weiteren Dorfbewohnern das Fongtron-Rätsel zu lösen. Cheng landet in Sirkkas Gasthausküche und begeistert mit seinen Köstlichkeiten nicht nur die chinesischen Touristen, sondern nach Überwindung der Vorurteile auch das ganze Dorf, das bisher nur Sirkkas Kartoffelbrei und Würstchen gewohnt war. Bald spricht es sich herum, dass sein Essen nicht nur köstlich ist, sondern sogar heilsame Kräfte hat.

Der finnische Regisseur Mika Kaurismäki wollte einen positiven Film über die Begegnung der Kulturen machen. In einer Welt voller Hassrede und Populisten wollte er einen Feelgood-Film drehen, der Menschen verbindet. Das ist Mika Kaurismäki mit der Dramakomödie Master Cheng in Pohjanjoki sehr gut gelungen. Es ist ein warmherziger und ruhiger Film ohne Gewalt und überflüssige Wendungen oder Schnickschnack im Plot. Er ist langsam und baut auf die Präsenz der Schauspieler, auf Stimmung und Landschaft und auf kleine Details. Die schönen, nordfinnischen Landschaften kombiniert mit den nicht weniger schönen Köstlichkeiten der chinesischen Küche bieten einen ästhetisch perfekten Ausgangspunkt für Völkerverständigung.

Chu Pak Hong, Kari Väänänen und Mika Kaurismäki

Meister Cheng wurde 2018 in Raattama, einem kleinen Dorf in Kittilä, Lappland gedreht. Die Dreharbeiten dauerten ca. sechs Wochen, was etwa eine Woche länger ist als normalerweise. Die Filmcrew integrierte sich in die Dorfgemeinschaft, wie Cheng im Film, so dass bei den Arbeiten mehr oder weniger die gesamte Dorfbevölkerung, 120 Menschen, beteiligt war. Das Budget betrug 2,9 Millionen Euro, was etwa doppelt so viel ist, wie bei einem finnischen Durchschnittsfilm.

Mit dabei sind natürlich Kaurismäkis Vertrauensschauspieler Vesa-Matti Loiri und Kari Väänänen als alte Stammkunden. Zu hören gibt es auch Loiris Interpretation des Gedichts Lapin kesä (Sommer in Lappland) von Eino Leino, das seit den 1960ern zu den beliebtesten Liedern in Finnland gehört. Sonst ist die sehr gut zu der ruhigen Stimmung passende Filmmusik von Anssi Tikanmäki komponiert, der bereits in den 1980ern für die Musik bei Kaurismäkis frühen Werken zuständig war.

Die finnisch-chinesische Gemeinschaftsproduktion hatte ihre Premiere im September 2019 in Finnland. Auf den 61. Nordischen Filmtagen in Lübeck wurde Master Cheng mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Der deutsche Verteiler MFA+ Filmdistribution hat den Kinostart in Deutschland für den 30. Juli 2020 festgelegt.

Das Fongtron-Rätsel wird im Übrigen gelöst.

Quellen:

https://yle.fi/uutiset/3-10989464

https://yle.fi/uutiset/3-10980545

http://www.film-o-holic.com/haastattelut/mika-kaurismaki-mestari-cheng/

https://www.mfa-film.de/kino/id/master-cheng-in-pohjanjoki/

Bilder: Marianna Films Oy 2019

Von unglücklichen Männern, Typenhäusern und davon, wie “Der Pate” nach Finnland kam

All diese Dinge finden sich in Kari Hotakainens Werken. Der Schriftsteller wurde 1957 in Pori geboren und ist einer der erfolgreichsten finnischen Autoren auf dem Gebiet der Männerliteratur. Neben Romanen schreibt er Kinder- und Jugendliteratur, Biographien, Gedichte und Theaterstücke. Seine Werke wurden mitunter sogar verfilmt. Hotakainens bisher größte Erfolge waren wohl der Finlandia-Preis im Jahr 2002 und der Literaturpreis des Nordischen Rates im Jahr 2004, die er beide für den Roman Aus dem Leben eines unglücklichen Mannes (Original: Juoksuhaudantie, z. Dt. Schützengrabenstraße) bekam.

In Helsinki, wo Hotakainen seit 1986 lebt, studierte er finnische Literatur. Die Hauptstadt ist zudem meist der Spielort seiner Romane, kommen seine Figuren doch immer aus dem städtischen Millieu. Hotakainens Protagonisten sind meist männlich, ihr Leben verändert sich nach einem schicksalhaften Wendepunkt stark. Sie sind gescheiterte Existenzen, die ihren Platz in der Welt suchen, aber dabei häufig an ihre Grenzen stoßen.

In Hotakainens wohl erfolgreichstem Roman Juoksuhaudantie wird der Hauptcharakter Matti Virtanen nach einem Ausraster von seiner Frau verlassen. Er setzt sich in den Kopf, sie und die gemeinsame Tochter zurückzugewinnen, indem er ihr das Haus besorgt, das sie sich immer gewünscht hat: ein Typenhaus.* Die Suche nach dem perfekten Heim wird jedoch zur Besessenheit und Matti selbst merkt nicht, wie sehr er sich immer mehr von der Wirklichkeit und dem richtigen Leben entfremdet. Für ihn zählt nur noch das perfekte Haus, weil es ein Symbol für die heile Welt ist, in der die Familie wieder zusammenkommt.

Etwa 20 Jahre früher spielt Hotakainens Roman Sydänkohtauksia, eli, Kuinka tehtiin kummisetä (Lieblingsszenen) von 1999. Dieser Roman erzählt die Geschichte des arbeitslosen Familienvaters Raimo, einem begeisternten Fernsehzuschauer mit einer Vorliebe für Filme, in denen Waffengewalt an der Tagesordnung ist und nicht viel geredet wird. Er will die Gelegenheit am Schopf packen, den großen Filmgrößen ganz nah zu kommen, als der Film Der Pate plötzlich in Finnland gedreht wird. Raimo ernennt sich selbst ungefragt zum Berater der Filmcrew und stürzt damit nicht nur das Set, sondern auch sein eigenes Lebens ins Chaos.

Finden Hotakainens Romane ein versöhnliches Ende und die Protagonisten ihr Glück? Diese Beurteilung bleibt dem Leser selbst überlassen. Nur so viel sei gesagt: Der Pate wird gedreht und Matti findet das perfekte Haus. Aber zu welchem Preis?

*Typenhäuser (fi. tyyppitalo) sind Häuser, die gleich aussehen und nach einem bestimmten Muster gebaut sind. Im konkreten Fall des Charakters Matti geht es dabei um das sog. Rintamamiestalo – ein Frontkämpferhaus. Die Baupläne für diese Häuser wurden Kriegveteranen nach dem 2. Weltkrieg geschenkt. Sie waren für eine Familie ausgelegt.

Quellen:
https://www.kirjasampo.fi/fi/kulsa/kauno%253Aperson_123175927844363
https://fi.wikipedia.org/wiki/Tyyppitalo#Rintamamiestalo
https://www.kirjasampo.fi/fi/kulsa/kauno%253Aateos_29882
https://www.perlentaucher.de/buch/kari-hotakainen/lieblingsszenen.html

Bildquelle: Photo by Timothy Eberly on Unsplash

Schrill, bunt, auffällig – Rosa Liksom

Die finnische Künstlerin Rosa Liksom wurde am 07.01.1958 in Ylitornio im Norden Finnlands unter dem Namen Anni Ylävaara geboren. Sie ist nicht nur als Autorin tätig, sondern auch als Regisseurin, Malerin oder Fotografin. Liksoms Repertoire ist vielseitig – genauso wie ihre Literatur: Sie schreibt Kurzgeschichten und Dramen, Kinderbücher, Comics und Romane. 1985 debütierte sie mit Kurzgeschichten. Ihr erster Roman, Crazeland (Original: Kreisland), erschien in Finnland 1996, auf Deutsch nur drei Jahre später. Ihre Werke sind in eine Vielzahl von Sprachen übersetzt worden und werden in ihrem Heimatland regelmäßig zu Bestsellern. Für ihren Roman Abteil Nr. 6 (Original: Hytti nro 6) wurde sie 2011 mit Finnlands wichtigstem Buchpreis ausgezeichnet – dem Finlandia-Preis.

Liksom studierte unter anderem Anthropologie in Helsinki, Kopenhagen und Moskau, lebte auch in Amerika. Ihre Texte schreibt sie auf Finnisch und Meänkieli und die Themen variieren. Mal schreibt sie über das Leben in der Stadt oder die Einsamkeit auf dem Land, mal über die Suche nach sich selbst. So auch in ihrem Roman Abteil Nr. 6, in dem eine junge finnische Frau eine Reise mit dem Zug durch ganz Russland bis in die Mongolei unternimmt und hofft, dort Abstand von ihrem jetzigen Leben zu gewinnen. Dabei lernt sie nicht nur ihren Reisegefährten, einen russischen Mann mittleren Alters, kennen, sondern erfährt auch, wie vielschichtig die russische Seele ist.

In der Rede zur Preisverleihung des Finlandie-Preises heißt es:

Hytti nro 6 on äärettömin tiivis, runollinen ja monikerroksinen kuvaus junamatkasta läpi Venäjän. […] Tytön sisäinen kaaos rinnastuu hajoavaan maisemaan, hajoavaan kulttuuriin, hajoavaan Neuvostoliittoon.

Abteil Nr. 6 ist eine grenzenlos dichte, lyrische und vielschichtige Beschreibung einer Zugreise durch Russland. […] Das innere Chaos des Mädchens wird gleichgesetzt mit der sich auflösenden Landschaft, der zerbrechenden Kultur, der zerfallenden Sowjetunion.

Pekka Milonoff, Theaterregisseur
https://kirjasaatio.fi/files/output/5965/kaunokirjallisuuden-finlandia-vanhat-puheet-ja-perustelut.pdf

Im Februar 2020 gewann Liksom den Nordic Prize der Schwedischen Akademie. Liksoms aktueller Roman, Die Frau des Obersts (Original: Everstinna) von 2017, thematisiert Liebe und Ideologie zur Zeit des zweiten Weltkriegs in Nordfinnland.

Quellen:
https://www.kirjasampo.fi/fi/kulsa/kauno%253Aperson_123272667043852
http://www.rosaliksom.com/
https://www.svenskaakademien.se/en/press/the-swedish-academys-nordic-prize-for-2020
https://finnland-institut.de/events/rosa-liksom-felleshus
Liksom, Rosa. 2013. Abteil Nr. 6. München. Deutsche Verlags-Anstalt.

Bildquelle: Photo by Alexander Popov on Unsplash