Von Turku und Zweiwortsätzen

Ob ich nicht doch lieber ein Zimmer in der anderen Wohnung wolle, hat mein Vermieter mich gefragt. Die läge näher an der Natur. Ich habe abgelehnt, und jetzt dauert es geschlagene vier Minuten zu Fuß, bis ich den Kiesweg erreiche, der sich am Fluss entlang durch die Waldstücke und Felder am Rand von Turku nach Osten schlängelt und vergessen lässt, dass er nur einen Kilometer vom Zentrum der Stadt entfernt beginnt, die eigentlich gar nicht mal so klein ist.

Dass der nahe Wald ja gar nicht so groß sein kann, denkt man, bis man sich darin verläuft. Dann stößt man auf interessante Felsformationen uns ist sehr froh, dass in Finnland der Empfang überall gut ist.

Die freundliche Atmosphäre der Stadt selbst liegt in den unzähligen Cafés und Bars, die sich am Flussufer entlangreihen, in der gemütlichen Ausstrahlung der alten Holzhäuser, die noch zu finden sind, und in den altehrwürdigen Gebäuden wie der Stadtbibliothek oder der Tuomiokirkko.

Die Architektur zeigt, dass die Stadt alt ist, Läden, Kultur und Menschen zeigen, dass sie jung ist: wer an Kunst interessiert ist, findet ein romantisches Gässchen mit Handwerksläden und Workshop-Möglichkeiten, bevor sie vor dem Museum für Archäologie und Moderne Kunst wieder auf die Straße tritt. Wer an Literatur und günstigem Kaffee interessiert ist, findet im benachbarten Innenhof das Kirjakahvila. Wer gern feiert, findet Bars auch in den Booten, die im Fluss vor Anker liegen.

Wer seit vielleicht zwei Jahren Finnisch lernt, hat erstmal ein Problem. Der Turkuer Dialekt nämlich ist gar nicht leicht zu verstehen, und während ich in Helsinki und Jyväskylä schonmal Straßengespräche aufschnappe, fühle ich mich an einer Turkuer Supermarktkasse, als wäre ich versehentlich ins falsche Land gezogen. „Ich würde es ja feiern, wenn du am Ende des Studienjahres mit einem Turkuer Finnisch nach Hause gehst“, lacht meine Tutorin, die mich am ersten Tag durch die Stadt begleitet. Die Uni Turku ordnet allen Erasmus-Studierenden Tutor*innen zu, sodass man sich nicht allein zurechtfinden muss. Im Allgemeinen wird sich sehr gut um uns gekümmert: zu allem gibt es E-Mails, in denen genaue Erklärungen und Anweisungen stehen (Corona-Situation, Pop-Up Impfmöglichkeiten ohne Termin, Impfmöglichkeiten mit Termin, Vorsichtsmaßnahmen, Einführungsveranstaltungen, Kursregistrierungen, Bibliotheksnutzung etc), und dann gibt es die Einführungswoche mit Orientierungsveranstaltungen, in denen alles, was in den E-Mails stand, noch einmal erklärt wird. Untergehen kann man hier nicht.

Nicht einmal in den finnischsprachigen Seminaren, die auf Nicht-Muttersprachler*innen ausgelegt sind. Seit den Schrecken eines abgebrochenen Lateinstudiums begegne ich universitären Sprachkursen immer mit anfänglicher Vorsicht, aber meine Besorgnis stellt sich hier in Turku, wie auch schon in Göttingen, als unbegründet heraus. Als die einzige andere Bachelor-Austauschstudentin und ich das erste Mal unsere Dozentin treffen, ist die schon darauf vorbereitet, dass wir, aufgeregt und ein bisschen eingeschüchtert, noch nicht so viel sagen. Sie leitet das Gespräch, stellt Fragen, auf die man mit nur ein oder zwei Worten antworten kann. Scherzt, sodass wir und die etwa zwanzig anderen Kursteilnehmenden uns entspannen. Die Atmosphäre ist locker, wer nicht so viel sagen möchte oder kann, wird in Ruhe gelassen, Fragen auch nach gerade erklärten Dingen werden geduldig und freundlich beantwortet. Im Vorlesungssaal wird mit einer Hybridkamera dafür gesorgt, dass Präsenz- und Fernlehre gleichzeitig stattfinden. Bei Krankheit kann man dadurch einige Veranstaltungen bequem von Zuhause aus verfolgen.

In den Vorlesungen und Seminaren merke ich, wie wenig zwei Jahre Sprachstudium eigentlich sind. Wie schwer mir das Sprechen fällt im Vergleich zum Verstehen. Nach eineinhalb Stunden Veranstaltung bin ich froh, fast alles mitbekommen zu haben, und so erschlagen wie nach einer fünfstündigen Klausur. Wenn ich es bei einer Frage geschafft habe, die Hand zu heben und mit stockigen zwei, drei Worten zu antworten, fühlt sich das an, als hätte ich eben jene Klausur bestanden. Die heimischen Maßstäbe gelten hier nicht. Trotzdem, oder vielleicht deswegen, gehe ich gern zur Uni mit ihren freundlichen gelben Seminargebäuden und kühlen hohen Zimmern.

Es fühlt sich gut an, nach den isolierten eineinhalb Jahren digitalen Studiums wieder unter Menschen zu sein, mit den anderen Kursteilnehmenden in ungeschicktem Finnisch zu kommunizieren – wann fängt der Kurs an, wer macht die Tür auf, funktioniert der elektronische Schlüssel, es brennt? Achso, nur eine Lampe kaputt gegangen. Stinkt ziemlich. Und immerhin gab uns der Studienberater am Ende der Orientierungsveranstaltung auch nur einen Zweiwortsatz mit auf den Weg:

„Seid neugierig!“

Text und Bilder: Franziska Kraushaar

Wie sieht eine Sauna aus?

An unserem Institut gibt es nicht nur sprachwissenschaftliche Kurse. Die Studierenden befassen sich auch mit der Kultur und Folklore der finnougrischen Völker und den wesentlichen Themen der materiellen und immateriellen Kultur. In der nächsten Zeit wollen wir euch Einblicke in dieses Themengebiet geben und bringen euch daher das wohl bekannteste Kulturgut der Finnougrier näher: die Sauna.

Ursprünglich handelte es sich bei der Sauna um ein freistehendes kleines Gebäude, das etwas abseits des viereckig konstruierten Hofes lag. Es befand sich in Wassernähe. Beides dient dem Brandschutz, letzteres hat jedoch auch den praktischen Hintergrund der einfacheren Versorgung mit Waschwasser. Diese Konstellation findet sich unter anderem in Setomaa. Das Saunahaus kann jedoch auch in das Viereck des Hofes integriert sein (weiterhin freistehend) oder eine Scheune wurde zusätzlich als Sauna genutzt. Für Setomaa liegen beispielsweise genaue Beschreibungen zum Aufbau des Saunahauses vor. Es besteht aus einem Vorraum zur Ablage von Kleidung und Handtüchern, der zusätzlich als Wärmespeicher dient, und dem eigentlichen Saunaraum. Dieser ist mit einem 30 auf 50 Zentimeter großen Glasfenster ausgestattet, kleinen Luken zum Ablassen des Rauches, dem 20 Zentimeter von der Wand abgerückten Steinofen, den Pritschen oder Bänken (fin./est. lava) sowie Waschbottichen.

Innenraum einer finnischen Sauna (Foto: privat)

Grundsätzlich werden zwei Typen der Sauna unterschieden. Erstens die Sauna mit Schornstein (est. korstnaga saun), durch den der Rauch kontinuierlich entweichen kann, und deren Ofen vom Vorraum aus erreichbar ist, sodass ein kontinuierliches Nachheizen leicht und gefahrlos möglich ist. Der zweite Typus ist die Rauchsauna (fin. savusauna/est. suitsusaun/võru savvusann) ohne Schornstein. Dabei handelt es sich um den ursprünglichen Typus. Der Ofen ist aus Stein, manchmal nur ein Steinhaufen, der beheizt wird, bis die Sauna die erwünschte Nutzungstemperatur erreicht hat. Dann wird der Rauch aus dem Gebäude abgelassen. Danach kann die Sauna genutzt, aber nicht mehr nachgeheizt werden. Bis um zweiten Weltkrieg war dies die am mesiten verbreitete Sauna. Im estnischen Regierungsbezirk Võrumaa wird sie noch heute genutzt und zählt zum immateriellen Weltkulturerbe der UNESCO. Beide Saunatypen können als eigenständiges Holzhaus, als Anbau, oder als Erdhügelsauna (est. maasaun) vorliegen.

Die Lage des Ofens im Saunaraum unterscheidet sich je nach Region. Am häufigsten befindet sich der Ofen in der Türecke mit der Öffnung zur Tür gewandt, diese Bauweise ist unter anderem bei den Kareliern, Esten, Wepsen und Woten belegt. Die archaische Position ist jene in der Hinterecke mit der Öffnung in Richtung Tür, die sich bei Mordwinen, Mari und Komi findet.

In Städten gab es statt privaten Saunen meist öffentliche, die von (männlichen) Saunameistern geleitet wurden.

Text: Marina Loch

Quellen:
Külvik, Helen. 2014. Setomaa Traditsioonilise arhitektuuri põhijooni. SA Seto Instituut. 41-45.
Vahros, Igor. 1966. Zur Geschichte und Folklore der Grossrussischen Sauna. Helsinki.
https://monistemuuseum.ee/saunalugu/saunade-ajaloost/, zuletzt aufgerufen am 12.07.2020
https://ich.unesco.org/en/RL/smoke-sauna-tradition-in-voromaa-00951, zuletzt aufgerufen am 14.07.2020

Bildquelle (Titelbild): Anne Nygård auf Unsplash

Woher kommt eigentlich die Sauna?

An unserem Institut gibt es nicht nur sprachwissenschaftliche Kurse. Die Studierenden befassen sich auch mit der Kultur und Folklore der finnougrischen Völker und den wesentlichen Themen der materiellen und immateriellen Kultur. In der nächsten Zeit wollen wir euch Einblicke in dieses Themengebiet geben und bringen euch daher das wohl bekannteste Kulturgut der Finnougrier näher: die Sauna.

Die Sauna ist in der finnougrischen Welt allgegenwärtig und global bekannt und beliebt. Die finnische Sauna und der finnische Begriff dazu sind in aller Munde.
Doch für die Finnougrier ist die Sauna nicht einfach ein Raum im Hotel oder Schwimmbad, in den man geht, um sich schwitzend und schweigend zu entspannen. Es ist ein Ort des Austauschs, kulturell und auch spirituell bedeutend. Man kennt das Bild eines Saunahäuschens am See, es wirkt gemütlich und gesellig.

In der kommenden Serie soll die folkloristische Bedeutung der Sauna bei den finnougrischen Völkern herausgestellt werden, das Vorhandensein und die Durchführung von Riten bei den einzelnen Völkern werden analysiert, Glauben und Aberglauben werden zusammengetragen sowie die Bauweise und Herkunft der Sauna erläutert.

Herkunft

Es ist davon auszugehen dass die Finnen der Sauna, wie wir sie heute kennen, zum weltweiten Siegeszug verholfen haben. Sowohl Finnen als auch Esten beanspruchen die Erfindung dieser Schwitzkultur für sich. Doch woher stammt die Sauna wirklich?

Bereits Herodot (ca. 490-420 v. Chr.) beschreibt eine Sauna bei den Skythen. Unter deren Einfluss entstand offenbar die russische banya, die namentlich 1113 erwähnt wird. Dabei handelt es sich um einen Raum oder eine Hütte mit Ofen und Bänken auf mehreren Ebenen, in der man schwitzt, sich mit Birkenquasten (russ. venik, веник, fin, vihta/vasta, est. viht) massiert und sich wäscht. Man trägt dabei häufig spezielle Kopfbedeckungen aus Filz, die der Thermoregulation dienen, wie sie auch bei den Finnougriern bekannt sind. In der banya werden ebenfalls Gespräche mit Freunden, Familie oder Politikern bzw. Geschäftsleuten geführt.

Insgesamt vermutet man aufgrund der Ähnlichkeiten die Herkunft der russischen bzw. finnougrischen Sauna am Ural. Ähnliche Institutionen finden sich jedoch auch in den römischen und türkischen Thermalbädern sowie Schwitzhütten in Japan und bei indigenen Völkern Südamerikas.

Etymologisch wurde lange Zeit eine germanische Entlehnung angenommen, da die semantische Entwicklung von stakna („Holzstapel“, „Holzhütte“) zu „Badehaus“ jedoch fraglich ist, ist man davon heute bereits abgekommen.

Text: Marina Loch

Quellen:
Häkkinen, Kaisa. 2004. Nykysuomen etymologinen sanakirja. Helsinki. 1131–1132.
Kulonen, Ulla-Maija. 2000. Suomen Sanojen Alkuperä III. Helsinki.
Vahros, Igor. 1966. Zur Geschichte und Folklore der Grossrussischen Sauna. Helsinki.
https://web.archive.org/web/20100608113726/http://cyberbohemia.com/Pages/russianbaniahistory.htm, zuletzt aufgerufen am 12.07.2020
https://monistemuuseum.ee/saunalugu/saunade-ajaloost/, zuletzt aufgerufen am 12.07.2020

Bildquelle: Estonian Saunas auf Unsplash

Master Cheng in Pohjanjoki

Der Meisterkoch Cheng (Chu Pak Hong) aus Shanghai steigt mit seinem kleinen Sohn Nunjo (Lucas Hsuan) in dem finnischen Kleindorf Pohjanjoki im dünnbesiedelten Lappland aus dem Bus. Er geht in das lokale Gasthaus – viel Anderes gibt es in dem Ort auch nicht – und fragt höflich nach Fongtron. Aber niemand scheint Fongtron zu kennen. Abends, als die Wirtin Sirkka (Anna-Maija Tuokko) ihr Gasthaus schließen will, sitzt der Chinese mit seinem Sohn immer noch vor seiner Teetasse und hofft, Fongtron zu finden. Sirkka bietet Cheng und Nunjo eine Unterkunft an und versucht zusammen mit weiteren Dorfbewohnern das Fongtron-Rätsel zu lösen. Cheng landet in Sirkkas Gasthausküche und begeistert mit seinen Köstlichkeiten nicht nur die chinesischen Touristen, sondern nach Überwindung der Vorurteile auch das ganze Dorf, das bisher nur Sirkkas Kartoffelbrei und Würstchen gewohnt war. Bald spricht es sich herum, dass sein Essen nicht nur köstlich ist, sondern sogar heilsame Kräfte hat.

Der finnische Regisseur Mika Kaurismäki wollte einen positiven Film über die Begegnung der Kulturen machen. In einer Welt voller Hassrede und Populisten wollte er einen Feelgood-Film drehen, der Menschen verbindet. Das ist Mika Kaurismäki mit der Dramakomödie Master Cheng in Pohjanjoki sehr gut gelungen. Es ist ein warmherziger und ruhiger Film ohne Gewalt und überflüssige Wendungen oder Schnickschnack im Plot. Er ist langsam und baut auf die Präsenz der Schauspieler, auf Stimmung und Landschaft und auf kleine Details. Die schönen, nordfinnischen Landschaften kombiniert mit den nicht weniger schönen Köstlichkeiten der chinesischen Küche bieten einen ästhetisch perfekten Ausgangspunkt für Völkerverständigung.

Chu Pak Hong, Kari Väänänen und Mika Kaurismäki

Meister Cheng wurde 2018 in Raattama, einem kleinen Dorf in Kittilä, Lappland gedreht. Die Dreharbeiten dauerten ca. sechs Wochen, was etwa eine Woche länger ist als normalerweise. Die Filmcrew integrierte sich in die Dorfgemeinschaft, wie Cheng im Film, so dass bei den Arbeiten mehr oder weniger die gesamte Dorfbevölkerung, 120 Menschen, beteiligt war. Das Budget betrug 2,9 Millionen Euro, was etwa doppelt so viel ist, wie bei einem finnischen Durchschnittsfilm.

Mit dabei sind natürlich Kaurismäkis Vertrauensschauspieler Vesa-Matti Loiri und Kari Väänänen als alte Stammkunden. Zu hören gibt es auch Loiris Interpretation des Gedichts Lapin kesä (Sommer in Lappland) von Eino Leino, das seit den 1960ern zu den beliebtesten Liedern in Finnland gehört. Sonst ist die sehr gut zu der ruhigen Stimmung passende Filmmusik von Anssi Tikanmäki komponiert, der bereits in den 1980ern für die Musik bei Kaurismäkis frühen Werken zuständig war.

Die finnisch-chinesische Gemeinschaftsproduktion hatte ihre Premiere im September 2019 in Finnland. Auf den 61. Nordischen Filmtagen in Lübeck wurde Master Cheng mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Der deutsche Verteiler MFA+ Filmdistribution hat den Kinostart in Deutschland für den 30. Juli 2020 festgelegt.

Das Fongtron-Rätsel wird im Übrigen gelöst.

Quellen:

https://yle.fi/uutiset/3-10989464

https://yle.fi/uutiset/3-10980545

http://www.film-o-holic.com/haastattelut/mika-kaurismaki-mestari-cheng/

https://www.mfa-film.de/kino/id/master-cheng-in-pohjanjoki/

Bilder: Marianna Films Oy 2019

Von unglücklichen Männern, Typenhäusern und davon, wie “Der Pate” nach Finnland kam

All diese Dinge finden sich in Kari Hotakainens Werken. Der Schriftsteller wurde 1957 in Pori geboren und ist einer der erfolgreichsten finnischen Autoren auf dem Gebiet der Männerliteratur. Neben Romanen schreibt er Kinder- und Jugendliteratur, Biographien, Gedichte und Theaterstücke. Seine Werke wurden mitunter sogar verfilmt. Hotakainens bisher größte Erfolge waren wohl der Finlandia-Preis im Jahr 2002 und der Literaturpreis des Nordischen Rates im Jahr 2004, die er beide für den Roman Aus dem Leben eines unglücklichen Mannes (Original: Juoksuhaudantie, z. Dt. Schützengrabenstraße) bekam.

In Helsinki, wo Hotakainen seit 1986 lebt, studierte er finnische Literatur. Die Hauptstadt ist zudem meist der Spielort seiner Romane, kommen seine Figuren doch immer aus dem städtischen Millieu. Hotakainens Protagonisten sind meist männlich, ihr Leben verändert sich nach einem schicksalhaften Wendepunkt stark. Sie sind gescheiterte Existenzen, die ihren Platz in der Welt suchen, aber dabei häufig an ihre Grenzen stoßen.

In Hotakainens wohl erfolgreichstem Roman Juoksuhaudantie wird der Hauptcharakter Matti Virtanen nach einem Ausraster von seiner Frau verlassen. Er setzt sich in den Kopf, sie und die gemeinsame Tochter zurückzugewinnen, indem er ihr das Haus besorgt, das sie sich immer gewünscht hat: ein Typenhaus.* Die Suche nach dem perfekten Heim wird jedoch zur Besessenheit und Matti selbst merkt nicht, wie sehr er sich immer mehr von der Wirklichkeit und dem richtigen Leben entfremdet. Für ihn zählt nur noch das perfekte Haus, weil es ein Symbol für die heile Welt ist, in der die Familie wieder zusammenkommt.

Etwa 20 Jahre früher spielt Hotakainens Roman Sydänkohtauksia, eli, Kuinka tehtiin kummisetä (Lieblingsszenen) von 1999. Dieser Roman erzählt die Geschichte des arbeitslosen Familienvaters Raimo, einem begeisternten Fernsehzuschauer mit einer Vorliebe für Filme, in denen Waffengewalt an der Tagesordnung ist und nicht viel geredet wird. Er will die Gelegenheit am Schopf packen, den großen Filmgrößen ganz nah zu kommen, als der Film Der Pate plötzlich in Finnland gedreht wird. Raimo ernennt sich selbst ungefragt zum Berater der Filmcrew und stürzt damit nicht nur das Set, sondern auch sein eigenes Lebens ins Chaos.

Finden Hotakainens Romane ein versöhnliches Ende und die Protagonisten ihr Glück? Diese Beurteilung bleibt dem Leser selbst überlassen. Nur so viel sei gesagt: Der Pate wird gedreht und Matti findet das perfekte Haus. Aber zu welchem Preis?

*Typenhäuser (fi. tyyppitalo) sind Häuser, die gleich aussehen und nach einem bestimmten Muster gebaut sind. Im konkreten Fall des Charakters Matti geht es dabei um das sog. Rintamamiestalo – ein Frontkämpferhaus. Die Baupläne für diese Häuser wurden Kriegveteranen nach dem 2. Weltkrieg geschenkt. Sie waren für eine Familie ausgelegt.

Quellen:
https://www.kirjasampo.fi/fi/kulsa/kauno%253Aperson_123175927844363
https://fi.wikipedia.org/wiki/Tyyppitalo#Rintamamiestalo
https://www.kirjasampo.fi/fi/kulsa/kauno%253Aateos_29882
https://www.perlentaucher.de/buch/kari-hotakainen/lieblingsszenen.html

Bildquelle: Photo by Timothy Eberly on Unsplash

Schrill, bunt, auffällig – Rosa Liksom

Die finnische Künstlerin Rosa Liksom wurde am 07.01.1958 in Ylitornio im Norden Finnlands unter dem Namen Anni Ylävaara geboren. Sie ist nicht nur als Autorin tätig, sondern auch als Regisseurin, Malerin oder Fotografin. Liksoms Repertoire ist vielseitig – genauso wie ihre Literatur: Sie schreibt Kurzgeschichten und Dramen, Kinderbücher, Comics und Romane. 1985 debütierte sie mit Kurzgeschichten. Ihr erster Roman, Crazeland (Original: Kreisland), erschien in Finnland 1996, auf Deutsch nur drei Jahre später. Ihre Werke sind in eine Vielzahl von Sprachen übersetzt worden und werden in ihrem Heimatland regelmäßig zu Bestsellern. Für ihren Roman Abteil Nr. 6 (Original: Hytti nro 6) wurde sie 2011 mit Finnlands wichtigstem Buchpreis ausgezeichnet – dem Finlandia-Preis.

Liksom studierte unter anderem Anthropologie in Helsinki, Kopenhagen und Moskau, lebte auch in Amerika. Ihre Texte schreibt sie auf Finnisch und Meänkieli und die Themen variieren. Mal schreibt sie über das Leben in der Stadt oder die Einsamkeit auf dem Land, mal über die Suche nach sich selbst. So auch in ihrem Roman Abteil Nr. 6, in dem eine junge finnische Frau eine Reise mit dem Zug durch ganz Russland bis in die Mongolei unternimmt und hofft, dort Abstand von ihrem jetzigen Leben zu gewinnen. Dabei lernt sie nicht nur ihren Reisegefährten, einen russischen Mann mittleren Alters, kennen, sondern erfährt auch, wie vielschichtig die russische Seele ist.

In der Rede zur Preisverleihung des Finlandie-Preises heißt es:

Hytti nro 6 on äärettömin tiivis, runollinen ja monikerroksinen kuvaus junamatkasta läpi Venäjän. […] Tytön sisäinen kaaos rinnastuu hajoavaan maisemaan, hajoavaan kulttuuriin, hajoavaan Neuvostoliittoon.

Abteil Nr. 6 ist eine grenzenlos dichte, lyrische und vielschichtige Beschreibung einer Zugreise durch Russland. […] Das innere Chaos des Mädchens wird gleichgesetzt mit der sich auflösenden Landschaft, der zerbrechenden Kultur, der zerfallenden Sowjetunion.

Pekka Milonoff, Theaterregisseur
https://kirjasaatio.fi/files/output/5965/kaunokirjallisuuden-finlandia-vanhat-puheet-ja-perustelut.pdf

Im Februar 2020 gewann Liksom den Nordic Prize der Schwedischen Akademie. Liksoms aktueller Roman, Die Frau des Obersts (Original: Everstinna) von 2017, thematisiert Liebe und Ideologie zur Zeit des zweiten Weltkriegs in Nordfinnland.

Quellen:
https://www.kirjasampo.fi/fi/kulsa/kauno%253Aperson_123272667043852
http://www.rosaliksom.com/
https://www.svenskaakademien.se/en/press/the-swedish-academys-nordic-prize-for-2020
https://finnland-institut.de/events/rosa-liksom-felleshus
Liksom, Rosa. 2013. Abteil Nr. 6. München. Deutsche Verlags-Anstalt.

Bildquelle: Photo by Alexander Popov on Unsplash

Minna Canth

Minna Canth ist die wichtigste Autorin des finnischen Realismus. Sie wurde am 19. März 1844 in Tampere unter dem Namen Ulrika Wilhelmina Johnsson geboren. Sie war eine finnische Schriftstellerin und Frauenrechtlerin und setze sich stets für die Rechte der Frau und gegen die sozialen Ungleichheiten ein. Aufgrund ihres sozialen Engagements wird ihr zu Ehren jedes Jahr an ihrem Geburtstag in ganz Finnland die finnische Flagge gehisst und somit war sie die erste Frau in Finnland mit einem eigenen Flaggentag.

Minna Canth kam aus einem einfachen Elternhaus. Sowohl ihr Vater Gustav William, als auch ihre Mutter Lovisa Ulrika Johnsson waren Finnlandschweden. Sie sprach also Finnisch und Schwedisch und lernte auch Französisch.

Minna Canth hatte das Glück, eine gute schulische Ausbildung genießen zu können und besuchte ab dem Jahre 1863 das Lehrerseminar in Jyväskylä. Selbstverständlich war dieses Studium nicht, denn das Seminar war das erste, welches auch Frauen zum Studium zuließ.

Ihr Studium gab Canth ein paar Jahre später auf, da sie eine Familie mit ihrem acht Jahre älteren Naturkundelehrer Johan Ferdinand Canth gründete. Das Paar bekam sieben Kinder.

Sie war eine von wenigen Frauen, welche Selbstvertrauen entwickelten und ihre Meinung frei äußerten und vertraten. Ihr Mann war bei der Zeitung Keski-Suomi angestellt und konnte dort die Artikel seiner Frau veröffentlichen, welche zu Beginn vor allem Alkoholmissbrauch thematisierten.

So wurde sie die erste finnische Journalistin, die immer mehr Kurzgeschichten verfasste und Artikel in verschiedenen Zeitungen veröffentlichte.

Nicht nur der Journalismus und das Verfassen von Geschichten und Artikeln lagen ihr, sondern auch das Schreiben von Theaterstücken. Auch in diesem Bereich hatte sie viel Erfolg und wurde 1882 für ihr erstes Stück Murtovarkaus (Der Einbruch, 1878) mit dem Preis der Finnischen Literaturgesellschaft (Suomalainen Kirjallisuuden Seura) belohnt. Im Stück Työmiehen vaimo (Die Frau des Arbeiters, 1885) schildert sie, wie eine Frau ihr gesamtes Vermögen verliert, weil der alkoholabhängige Ehemann es binnen kurzem vertrinkt.

Mehrere ihrer Werke waren zeitweise verboten. Mit der Kritik der Gesellschaft lernte sie aber umzugehen und vertrat weiterhin ihre Meinung und setzte sich weiterhin für die Frauenrechte ein. Ihren Werken ist es zu verdanken, dass Finnland im Jahre 1907 als erstes europäisches Land das Frauenwahlrecht einführte.

Quellen:

https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/minna-canth/

Laitinen, Kai 1991: Suomen kirjallisuuden historia. Otava, Helsinki. 218-222.

Bild: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7826155

Text: Caroline Sophie Heimrich, OHG Göttingen, Praktikantin

Karkauspäivä – eine Tradition für etwas andere Heiratsanträge

Am 29. Februar findet der Schalttag statt. Die eigentliche Funktion dieses Tages besteht nur daraus, den Kalender mit der Erdrotation um die Sonne, und somit auch den Jahreszeiten, im Gleichgewicht zu halten. Aber in Finnland gibt es eine eher ungewöhnliche Tradition. Denn in Finnland wird es gefeiert, dass am 29. Februar die Frauen den Männern Heiratsanträge machen und nicht umgekehrt.

Nach dem früheren Kalender war der Schalttag am 24. Februar, aber seit der Kalenderreform liegt er auf dem 29.02. In Finnland blieb der Tag dieser Tradition allerdings bis 1998 trotzdem der 24.02. Zum ersten Mal am 29.02. gefeiert wurde der Tag also im Jahr 2000 und danach natürlich alle vier Jahre.

Obwohl es früher eher ungewöhnlich war, dass die Frau den Heiratsantrag machte, gibt es diese Tradition schon seit Ende des 19. Jahrhunderts. Laut dieser Tradition muss der Mann, wenn er den Heiratsantrag nicht annimmt, der Frau Stoff für einen Rock oder ein Kleid kaufen. Diese Tradition ist aber keineswegs veraltet, in Finnland gibt es sogar Veranstaltungen, bei denen Anträge gemacht werden können und man kann dafür sogar Preise gewinnen. So zum Beispiel auch in der finnischen Gemeinde Lapinjärvi. Dort bekommt man zum Beispiel wenn man einen Heiratsantrag macht und ein Jahr später verheiratet ist, ein Grundstück zum halben Preis.

Quelle:

https://yle.fi/uutiset/osasto/news/finnish_winter_runs_away_on_leap_day/5298929

https://yle.fi/aihe/artikkeli/2012/02/28/karkauspaivana-nainenkin-saa-kosia

Bildquelle:

https://pixabay.com/de/photos/bl%C3%BCte-blumenstrau%C3%9F-braut-zeremonie-1836315/

Chiara Stephan, HG Göttingen, Praktikantin

Finnland- das glücklichste Land der Welt?

Laut dem „World Happiness Report“ ist Finnland jetzt schon zum zweiten Jahr in Folge das glücklichste Land der Welt. Aber warum eigentlich? Am Wetter kann es laut einigen Bewohnern von Finnland ja nicht liegen. Laut ihnen sind die Tage im März immer noch kalt und dunkel und an Regenschauern fehlt es ihnen wohl auch nicht. Aber woran liegt es dann? An der riesigen Auswahl an Salmiak – einer lakritzähnlichen Süßigkeit, die die Finnen ja so lieben sollen? Oder doch an Finnlands schöner Natur?

Viele Menschen behaupten, es liegt an dem guten Bildungssystem. Denn laut den Finnen sind Kinder und Jugendliche hier viel selbstständiger als beispielsweise in Deutschland. Die Kinder sollen hier viel mehr aufgefordert werden, Dinge selbst zu probieren und bekommen nicht alles gleich vorgeschrieben. Das führe dazu, dass viele Finnen einfach selbständiger sind und das mache einen glücklich.

Neben dem Bildungssystem funktioniert, laut vielen Reiseblogs und Statistiken, auch die Infrastruktur sehr gut. Ob man mit dem Zug, mit der Bahn oder mit dem Bus reisen möchte – alles läuft nach Fahrplan. So sieht es auch in vielen anderen Bereichen aus, wie zum Beispiel in der Bildung oder im Gesundheitssystem. Denn die Finnen akzeptieren hohe Steuern für soziale Sicherheit, kostenlose Bildung und ein Gesundheitswesen auf einem hohen Niveau. Das Land ist sozial fortschrittlich, hat eine funktionierende Regierung und ist stabil und sicher. Und das nimmt den Finnen anscheinend viele Sorgen ab.

Ein großer Teil, der die Finnen so glücklich macht, soll aber dann doch die Natur sein. Neben Saunabesuchen und mit Freunden und Bekannten quatschen sollen Waldspaziergänge und Eisbaden sehr beliebt sein. Deswegen gibt es unter anderem in Finnland auch das

„Jedermannsrecht“. Diese Regelung erlaubt es den Leuten, die Natur für ihr Freizeitvergnügen zu nutzen, also dürfen sie sie nicht nur betreten, sondern beispielsweise auch zum Zelten, Baden oder Beerenpflücken nutzen. In Finnland gibt es übrigens auch sehr viele Nationalparks und natürlich sehr viele Wälder und Seen, genaugenommen nehmen die Seen und Wälder c.a. 80% der gesamten Landesfläche ein. Das bedeutet, keiner in Finnland muss weit reisen, um sich in die Natur zu begeben und diese Verbundenheit zur Natur ist auch ein Grund für das viele Glück der Finnen.

Einen Begriff, den man bestimmt mal hört, wenn man nach Finnland reist, ist „Sisu“. Dieser Begriff beschreibt eine mentale Eigenschaft, die angeblich nur die Finnen haben sollen. Während das Wort im 19. Jahrhundert noch kein ganz positiver Begriff war und für „Inhalt“ bzw. auch „Gemütseigenschaft“ stand, aber auch die negativen Dinge wie Boshaftigkeit und Hass miteingefasst hat, so bedeutet er heutzutage viel mehr sowas wie „Kampfgeist“ oder „Durchhaltevermögen“. Dieser Begriff ist in Finnland ein kulturelles Konzept geworden, wird für z.B. Sportveranstaltungen, in der Geschichte Finnlands oder sogar als finnischer Vorname genutzt und ist ein großer Part der Identitätsfindung vieler Finnen.

Also eine konkrete Antwort auf die Frage warum die Finnen so glücklich sind, gibt es nicht wirklich. Für manche wird es der naturverbundene Alltag oder die Saunabesuche sein, die sie glücklich machen, für andere könnte es einfach der Kampfgeist, der sie durch das schlechte Wetter bringt, sein – oder vielleicht doch einfach die tolle Auswahl an Salmiak.

Quellen:

https://www.welt.de/reise/nah/article198844481/Helsinki-Was-die-Menschen-in-Finnland-so-gluecklich-macht.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Sisu

https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/sauna-seen-und-fika-warum-finnland-das-gluecklichste-land-der-welt-ist/24167780.html

https://worldhappiness.report/

Bildquellen:

https://pixabay.com/de/photos/blond-br%C3%BCcke-spa%C3%9F-m%C3%A4dchen-1868815/
https://unsplash.com/photos/zJCRuCJV5Is

Chiara Stephan, HG Göttingen, Praktikantin

Hyvää ystävänpäivää! – Guten Freundetag

Am 14. Februar wird auch in Finnland der Valentinstag gefeiert- aber nicht so wie wir ihn kennen. Während fast überall auf der Welt die Geliebten beschenkt und verwöhnt werden, beschenken und wertschätzen die Finnen ihre Freundschaften. Es werden Karten und kleine Geschenke verschickt und auch in den Schulen werden diese gebastelt und untereinander verteilt. Es gibt sogar eine offizielle Blume für den „Freundetag“, der seit den 1980ern gefeiert wird, und zwar die rosarote Rose.

Wenn du also am Valentinstag deinen Freunden eine kleine Freude machen willst, verschenke einfach eine Rose, Karte oder ein kleines Geschenk und wünsche ihnen einen Hyvää ystävänpäivää.

Quellen:
https://www.nordisch.info/finnland/valentinstag-ist-ein-freundschaftstag/

https://tarjasblog.de/Finnland/tag-der-freundschaft/

Bildquelle: https://unsplash.com/photos/98Elr-LIvD8

Text: Chiara Stephan, HG Göttingen, Praktikantin