Der Saunageist

An unserem Institut gibt es nicht nur sprachwissenschaftliche Kurse. Die Studierenden befassen sich auch mit der Kultur und Folklore der finnougrischen Völker und den wesentlichen Themen der materiellen und immateriellen Kultur. In der nächsten Zeit wollen wir euch Einblicke in dieses Themengebiet geben und bringen euch daher das wohl bekannteste Kulturgut der Finnougrier näher: die Sauna.

Der Saunageist kann unter zwei Aspekten betrachtet werden: als abstrakte Seele, die im Saunadampf sichtbar wird, eine Energie, und als konkreter haltia.

Der Saunadampf hat im Volksglauben besondere Kräfte, die gut oder böse sein können. Das finnisch-ugrische Urwort für Saunageist und Saunadampf ist lyöly, das mit dem ungarischen Wort für Dampf, lélek, dem estnischen Wort leil und dem chantischen lil in Verbindung steht. Heute gibt es wissenschaftliche Erklärungen für die guten (Stärkung des Immunsystems, porentiefe Reinigung) und bösen (Kohlenmonoxidvergiftung, Überhitzung, Dehydratation) Eigenschaften des abstrakten Saunageistes.                       

In diesem Zusammenhang kann auch das tulen väki, die Energie des Feuers, Erwähnung finden. Damit steht beispielsweise in Zusammenhang, dass Frauen nicht zu nah am Saunaofen sitzen sollten, da sie sonst unfruchtbar werden könnten, oder dass dem vihta, den schwangere Frauen oder Frauen kurz nach der Entbindung benutzt haben, magische Kräfte zugeschrieben werden.

Der konkretere haltia kann der Hausgeist (tonttu) sein, der sich einfach gerne in der Sauna aufhält, oder ein eigener Saunageist, der saunatonttu. Dieser wacht über das Feuer der Sauna und es gibt zahlreiche Sagen, in denen er den Hausherren nachts weckt, kurz bevor die Sauna in Flammen aufgeht.

Für einen tonttu (und andere haltia) wird die Sauna an bestimmten Tagen speziell geheizt, ihm steht jedoch auch stets der letzte, bzw. dritte Saunagang zu. Das bedeutet, dass die Menschen in der Regel zwei Saunagänge machen, und dann ausreichend Hitze, Wasser, Seife und einen vihta für den Geist zurücklassen, der nach Sonnenuntergang in die Sauna geht. Die Vorstellung, dass der Geist nach den Menschen sauniert, ist bei Esten, Karelieren, und Finnen (Ostbottnien) bekannt. Bei den Mari und Udmurten wird er eher als ein böser Geist angesehen, was auf den christlichen Einfluss zurückzuführen ist. Es liegen genaue Vorschriften vor, etwa, dass man die Sauna auf keinen Fall nach Sonnenuntergang betreten darf und vor 18 Uhr mit dem Baden fertig sein muss.

Im Russischen ist der bánnik/bájennik bekannt, der erst in die Sauna geht, wenn die Menschen fertig sind, es noch warm genug ist und bereits dunkel. Dies wurde von den Ingriern und Woten übernommen. Auch der russische Saunageist ist eher ein böser Geist, mit dem man sich gut stellen muss.

Unabhängig von der genauen Vorstellung des Geistes muss er beim Betreten der Sauna immer begrüßt werden und, wie bereits beschrieben, lässt man ihm Wasser, einen Birkenquast und Seife liegen.

Text: Marina Loch

Quellen:
Sarmela, Matti. 2009: Finnisch Folklore Atlas. Helsinki.
Vahros, Igor. 1966: Zur Geschichte und Folklore der Grossrussischen Sauna. Helsinki.
https://journal.fi/elore/article/view/78212/39111, zuletzt aufgerufen am 12.07.2020
Titelbild von cottonbro von Pexels

Allgemeine Saunariten

An unserem Institut gibt es nicht nur sprachwissenschaftliche Kurse. Die Studierenden befassen sich auch mit der Kultur und Folklore der finnougrischen Völker und den wesentlichen Themen der materiellen und immateriellen Kultur. In der nächsten Zeit wollen wir euch Einblicke in dieses Themengebiet geben und bringen euch daher das wohl bekannteste Kulturgut der Finnougrier näher: die Sauna.

Ursprünglich ging man nach Geschlechtern getrennt in die Sauna, was einen praktischen Hintergrund hatte: erst waren der Bauer und seine Knechte nach der Arbeit dran, später (nach dem Melken) die Bäuerin und die Mägde.

Die Sauna dauerte den ganzen Tag, da man sie reinigen musste, Holz hacken und Wasser herantragen, den Ofen bzw. die Sauna langsam aufheizte. Dann wurde der Rauch abgelassen und anschließend machte man mehrere Saunagänge. Zur Vorbereitung der Sauna gehörte auch das Binden der Birkenquaste (vihta). Zu den Quasten sind verschiedene Aberglauben überliefert, beispielsweise, dass die Birkenzweige am besten vor Mittsommer gesammelt werden müssen, um gut zu werden, und dass man keine Sumpfbirken verwenden sollte.

Die Sauna fand in der Regel samstags statt, bei Krankheit oder staubigen Arbeiten (wie Heumahd) auch an Werktagen, und die Vorbereitung der Sauna und die Durchführung der Riten ist traditionell Aufgabe der Frauen.
In der Sauna wird anständiges Benehmen gefordert: „Saunassa ollaan kuin kirkossa“, wie ein finnisches Sprichwort besagt. Das bedeutet, man soll sich benehmen wie in einer Kirche, beipielsweise nicht laut reden, nicht fluchen, lästern oder furzen.

Bis zum 2. Weltkrieg war der Saunaraum der Ort der Geburt, da Hitze und Rauch dort regelmäßig Keime abtöten und es sich somit um den hygienischsten Raum eines Hofes handelte, auch wenn der wissenschaftliche Hintergrund noch nicht klar war.

Aus der Zeit der Schwendbauern ist die Initiationssauna, ikäkylpy, bekannt. Dabei handelt es sich um die symbolische Waschung von Mädchen beim Eintritt ins heiratsfähige Alter: danach dürfen Männer ihnen den Hof machen.

Von mehreren finnougrischen Völkern ist der symbolische Saunabesuch vor der Bärenjagd bekannt, um Kräfte zu sammeln.

Weitere Aberglauben sind beispielsweise, dass man immer barfuß zur Sauna gehen sollte, solange noch kein Schnee liegt, damit man Winter nicht so friert, oder dass es Unglück bringt, wenn einem auf dem Weg zur Sauna ein Mann entgegen kommt, aber Glück, wenn einem eine Frau entgegenkommt.

Text: Marina Loch

Quellen:
Helamaa, Erkki; Pentikäinen, Juha: FInfo-Broschüre Sauna – eine finnische Nationalinstitution. Helsinki.
Sarmela, Matti. 2009: Finnisch Folklore Atlas. Helsinki.

Bildquelle: Lassi auf Unsplash

Die Sauna – Nutzung und Riten

An unserem Institut gibt es nicht nur sprachwissenschaftliche Kurse. Die Studierenden befassen sich auch mit der Kultur und Folklore der finnougrischen Völker und den wesentlichen Themen der materiellen und immateriellen Kultur. In der nächsten Zeit wollen wir euch Einblicke in dieses Themengebiet geben und bringen euch daher das wohl bekannteste Kulturgut der Finnougrier näher: die Sauna.

Die Nutzung der Sauna

Die Sauna hat die Hauptfunktion der (porentiefen) Körperreinigung sowie zahlreiche soziale, praktische und spirituelle Nebenfunktionen. Dazu zählen die rituelle Reinigung, die Unterstützung der Gesundheit – sowohl durch die Stärkung des Immunsystems als auch heilend bei Erkrankungen z. B. des Bewegungsapparates – und soziale Funktionen. In privaten wie öffentlichen Saunen kann man sich über Klassengrenzen hinweg unterhalten, persönliche und politische Gespräche führen und Abmachungen treffen.

Die Reinigung findet durch das Schwitzen und anschließende Abwaschen mit klarem Wasser statt, die Durchblutung der Haut wird durch das (gegenseitige) Massieren mit dem vihta angeregt.

Traditionell wurde die Sauna auch zum Trocknen von Malz benutzt sowie (in Võrumaa bis heute) zum Räuchern von Schinken. Diese Arbeiten können zu Zusammenkünften der Dorfjugend führen und soziale Aktionen sein.

Saunariten

Riten, also Traditionen, die nicht primär der Reinigung dienen, sondern auch spirituelle Bedeutung haben, sind bei den meisten finnougrischen Völkern bekannt. Die Überlieferungslage ist vor allem bei den Ostseefinnen sehr gut.

Man findet Saunariten namentlich erwähnt bei den Finnen, Esten (und Setu), Kareliern, Wepsen, Liven, Woten und Ingriern. Bei den Völkern auf russischem Boden ist meist unklar, ob die Traditionen finnougrischer oder russischer Herkunft sind, da sie sich stark ähneln. Dies wird dann häufig als „großrussische Saunakultur“ bezeichnet. Quellen gibt es zu Komi, Mordwinen und Mansen. Bei den Mari und Udmurten handelt es sich um eine relativ junge Kultur mit starkem russischem und christlichem Einfluss. Die Ungarn haben keine eigene Saunakultur, sondern Thermalbäder, die zuerst im 2. Jahrhundert nach Vorbild der Römer gebaut wurden und unter türkischem Einfluss im 16. Jahrhundert neu auflebten. Diese noch heute sehr beliebten Thermen haben eine soziale und eine Hygienefunktion, jedoch keine spirituelle. Ebenso sind diese Anlagen immer öffentlich, nie privat.

Zu den Sami liegen keine spezifischen Quellen vor, die werden meist in einem Atemzug mit den Finnen erwähnt.

Text: Marina Loch

Quellen:
Sarmela, Matti. 2009. Finnisch Folklore Atlas. Helsinki.
Vahros, Igor. 1966. Zur Geschichte und Folklore der Grossrussischen Sauna. Helsinki.
https://web.archive.org/web/20100608113726/http://cyberbohemia.com/Pages/russianbaniahistory.htm, zuletzt aufgerufen am 12.07.2020

Bildquelle: Santtu Perkiö auf Unsplash

Wie sieht eine Sauna aus?

An unserem Institut gibt es nicht nur sprachwissenschaftliche Kurse. Die Studierenden befassen sich auch mit der Kultur und Folklore der finnougrischen Völker und den wesentlichen Themen der materiellen und immateriellen Kultur. In der nächsten Zeit wollen wir euch Einblicke in dieses Themengebiet geben und bringen euch daher das wohl bekannteste Kulturgut der Finnougrier näher: die Sauna.

Ursprünglich handelte es sich bei der Sauna um ein freistehendes kleines Gebäude, das etwas abseits des viereckig konstruierten Hofes lag. Es befand sich in Wassernähe. Beides dient dem Brandschutz, letzteres hat jedoch auch den praktischen Hintergrund der einfacheren Versorgung mit Waschwasser. Diese Konstellation findet sich unter anderem in Setomaa. Das Saunahaus kann jedoch auch in das Viereck des Hofes integriert sein (weiterhin freistehend) oder eine Scheune wurde zusätzlich als Sauna genutzt. Für Setomaa liegen beispielsweise genaue Beschreibungen zum Aufbau des Saunahauses vor. Es besteht aus einem Vorraum zur Ablage von Kleidung und Handtüchern, der zusätzlich als Wärmespeicher dient, und dem eigentlichen Saunaraum. Dieser ist mit einem 30 auf 50 Zentimeter großen Glasfenster ausgestattet, kleinen Luken zum Ablassen des Rauches, dem 20 Zentimeter von der Wand abgerückten Steinofen, den Pritschen oder Bänken (fin./est. lava) sowie Waschbottichen.

Innenraum einer finnischen Sauna (Foto: privat)

Grundsätzlich werden zwei Typen der Sauna unterschieden. Erstens die Sauna mit Schornstein (est. korstnaga saun), durch den der Rauch kontinuierlich entweichen kann, und deren Ofen vom Vorraum aus erreichbar ist, sodass ein kontinuierliches Nachheizen leicht und gefahrlos möglich ist. Der zweite Typus ist die Rauchsauna (fin. savusauna/est. suitsusaun/võru savvusann) ohne Schornstein. Dabei handelt es sich um den ursprünglichen Typus. Der Ofen ist aus Stein, manchmal nur ein Steinhaufen, der beheizt wird, bis die Sauna die erwünschte Nutzungstemperatur erreicht hat. Dann wird der Rauch aus dem Gebäude abgelassen. Danach kann die Sauna genutzt, aber nicht mehr nachgeheizt werden. Bis um zweiten Weltkrieg war dies die am mesiten verbreitete Sauna. Im estnischen Regierungsbezirk Võrumaa wird sie noch heute genutzt und zählt zum immateriellen Weltkulturerbe der UNESCO. Beide Saunatypen können als eigenständiges Holzhaus, als Anbau, oder als Erdhügelsauna (est. maasaun) vorliegen.

Die Lage des Ofens im Saunaraum unterscheidet sich je nach Region. Am häufigsten befindet sich der Ofen in der Türecke mit der Öffnung zur Tür gewandt, diese Bauweise ist unter anderem bei den Kareliern, Esten, Wepsen und Woten belegt. Die archaische Position ist jene in der Hinterecke mit der Öffnung in Richtung Tür, die sich bei Mordwinen, Mari und Komi findet.

In Städten gab es statt privaten Saunen meist öffentliche, die von (männlichen) Saunameistern geleitet wurden.

Text: Marina Loch

Quellen:
Külvik, Helen. 2014. Setomaa Traditsioonilise arhitektuuri põhijooni. SA Seto Instituut. 41-45.
Vahros, Igor. 1966. Zur Geschichte und Folklore der Grossrussischen Sauna. Helsinki.
https://monistemuuseum.ee/saunalugu/saunade-ajaloost/, zuletzt aufgerufen am 12.07.2020
https://ich.unesco.org/en/RL/smoke-sauna-tradition-in-voromaa-00951, zuletzt aufgerufen am 14.07.2020

Bildquelle (Titelbild): Anne Nygård auf Unsplash

Woher kommt eigentlich die Sauna?

An unserem Institut gibt es nicht nur sprachwissenschaftliche Kurse. Die Studierenden befassen sich auch mit der Kultur und Folklore der finnougrischen Völker und den wesentlichen Themen der materiellen und immateriellen Kultur. In der nächsten Zeit wollen wir euch Einblicke in dieses Themengebiet geben und bringen euch daher das wohl bekannteste Kulturgut der Finnougrier näher: die Sauna.

Die Sauna ist in der finnougrischen Welt allgegenwärtig und global bekannt und beliebt. Die finnische Sauna und der finnische Begriff dazu sind in aller Munde.
Doch für die Finnougrier ist die Sauna nicht einfach ein Raum im Hotel oder Schwimmbad, in den man geht, um sich schwitzend und schweigend zu entspannen. Es ist ein Ort des Austauschs, kulturell und auch spirituell bedeutend. Man kennt das Bild eines Saunahäuschens am See, es wirkt gemütlich und gesellig.

In der kommenden Serie soll die folkloristische Bedeutung der Sauna bei den finnougrischen Völkern herausgestellt werden, das Vorhandensein und die Durchführung von Riten bei den einzelnen Völkern werden analysiert, Glauben und Aberglauben werden zusammengetragen sowie die Bauweise und Herkunft der Sauna erläutert.

Herkunft

Es ist davon auszugehen dass die Finnen der Sauna, wie wir sie heute kennen, zum weltweiten Siegeszug verholfen haben. Sowohl Finnen als auch Esten beanspruchen die Erfindung dieser Schwitzkultur für sich. Doch woher stammt die Sauna wirklich?

Bereits Herodot (ca. 490-420 v. Chr.) beschreibt eine Sauna bei den Skythen. Unter deren Einfluss entstand offenbar die russische banya, die namentlich 1113 erwähnt wird. Dabei handelt es sich um einen Raum oder eine Hütte mit Ofen und Bänken auf mehreren Ebenen, in der man schwitzt, sich mit Birkenquasten (russ. venik, веник, fin, vihta/vasta, est. viht) massiert und sich wäscht. Man trägt dabei häufig spezielle Kopfbedeckungen aus Filz, die der Thermoregulation dienen, wie sie auch bei den Finnougriern bekannt sind. In der banya werden ebenfalls Gespräche mit Freunden, Familie oder Politikern bzw. Geschäftsleuten geführt.

Insgesamt vermutet man aufgrund der Ähnlichkeiten die Herkunft der russischen bzw. finnougrischen Sauna am Ural. Ähnliche Institutionen finden sich jedoch auch in den römischen und türkischen Thermalbädern sowie Schwitzhütten in Japan und bei indigenen Völkern Südamerikas.

Etymologisch wurde lange Zeit eine germanische Entlehnung angenommen, da die semantische Entwicklung von stakna („Holzstapel“, „Holzhütte“) zu „Badehaus“ jedoch fraglich ist, ist man davon heute bereits abgekommen.

Text: Marina Loch

Quellen:
Häkkinen, Kaisa. 2004. Nykysuomen etymologinen sanakirja. Helsinki. 1131–1132.
Kulonen, Ulla-Maija. 2000. Suomen Sanojen Alkuperä III. Helsinki.
Vahros, Igor. 1966. Zur Geschichte und Folklore der Grossrussischen Sauna. Helsinki.
https://web.archive.org/web/20100608113726/http://cyberbohemia.com/Pages/russianbaniahistory.htm, zuletzt aufgerufen am 12.07.2020
https://monistemuuseum.ee/saunalugu/saunade-ajaloost/, zuletzt aufgerufen am 12.07.2020

Bildquelle: Estonian Saunas auf Unsplash

Als Praktikantin die Arbeit in der Finnougristik kennenlernen – ein Erfahrungsbericht

Chiara Stephan, Schülerin am HG Göttingen, war im Februar 2020 während der Semesterferien für ein zweiwöchiges Schnupperpraktikum an unserem Seminar. In ihrem Bericht schreibt sie über ihre Erfahrungen als Praktikantin.

Mein Arbeitstag

Mein Arbeitstag am finnisch-ugrischen Seminar bestand immer aus sieben Arbeitsstunden und einer Stunde Pause. Der Beginn war nur ein wenig später als der in der Schule, denn ich konnte im Zeitraum von 8 Uhr bis 8:30 Uhr anfangen. Feierabend war bei mir allerdings erst um 16 Uhr, also später als in meinem normalen Schulalltag. Trotzdem war der Wechsel nicht schwierig, da ich zwar länger arbeiten musste, allerdings danach nicht mehr so viel für die Schule tun musste als sonst. In meiner Abteilung hatte ich größtenteils mit zwei Mitarbeiterinnen Kontakt, eine wissenschaftliche Mitarbeiterin und eine Lektorin, die gleichzeitig beide meine Praktikumsbetreuerinnen waren. Da ich zusammen mit einer anderen Praktikantin im der gleichen Abteilung war, war die Umstellung nochmal ein wenig leichter, da wir oft zusammenarbeiten konnten und auch sollten.

Die Aufgaben

Neben den eher kleineren Aufgaben wie das Signieren von Büchern für die Bibliothek oder die Auswertung von Tagesnachrichten aus Ungarn, Finnland und Estland, war eine meiner Tätigkeiten im Betrieb die Recherche für relevante Themen für den Unterricht, beispielsweise Recherche für ungarische Literatur, welche geeignet für den Kurs und auch schon übersetzt ist. Eine andere war die Recherche und das Erstellen von Präsentationen. Ich habe zum Beispiel eine Präsentation mit dem Titel „Ungarische Minderheiten in den Nachbarländern Ungarns“ erstellt. Entgegen meiner Erwartungen habe ich aufgrund der Semesterferien eher weniger an der Unterrichtsvorbereitung mitgeholfen, dafür aber mehr Einblicke in das Aufgabenfeld einer Lektorin außerhalb des Unterrichts mitbekommen. Dieses umfasst, ähnlich wie bei meinen eigenen Aufgaben, viel Recherche aber auch das Korrigieren von Arbeiten und die Organisation von Veranstaltungen. Am meisten recherchieren musste ich dann aber für die Blogeinträge des Studierendenblogs, die ich verfassen durfte. Ich habe vier Artikel zu Themen im kulturellen Bereich betreffend Finnland, Ungarn und Estland geschrieben, die Quellen geprüft und auch im Blog online gestellt. Aber auch außerhalb des fachlichen Themenbereiches des Seminars habe ich Aufgaben erhalten. So habe ich mitgeholfen, den Stand der Finnougristik bei den Informationstagen der Universität zu organisieren und auch Präsentation und Vorstellung dieses Faches anschaulicher und einprägsamer zu gestalten, um möglichst viel Interesse zu wecken.

Mir haben die Arbeiten, wie die Recherche und das Artikelschreiben sehr viel Freude bereitet, allerdings brauchte es bei manchen Themen ein großes Maß an Ausdauer, passende und auch auf Englisch oder Deutsch übersetzte Quellen zu finden, da viele Bereiche der Kultur und auch der Sprache aus den Minderheitsvölkern der finnisch-ugrischen Sprachfamilie nicht digitalisiert beziehungsweise übersetzt sind. Aber auch das Übersetzten von Nachrichtentexten aus dem Englischen ins Deutsche hat mir sehr viel Spaß gemacht, da ich an meine Vorliebe für die englische Sprache hier anknüpfen konnte, obwohl es keine zentrale Sprache im Themenbereich des finnisch-ugrischen Seminars ist. Ich habe viel über das professionelle Übersetzen gelernt, was das Finden von passenden Fachbegriffen und zum Beispiel auch die Lokalisierung eines Textes angeht. Obwohl es sehr viel Konzentration über einen längeren Zeitraum erfordert hat, habe ich sehr viel Gefallen am Übersetzen und auch am generellen Arbeiten mit Sprachen gefunden. Meine Fragen, die ich mir vor dem Praktikum hinsichtlich des Arbeitsklimas gestellt hatte, konnte ich mir auch beantworten. Die Mitarbeiter des Seminars arbeiten sehr eng zusammen in ganz verschiedenen Bereichen und alle waren sehr rücksichtsvoll und freundlich.

Was ich aus dem Praktikum mitnehme

Da ich jetzt in der Finnougristik tätig war und nicht am Seminar für romanische Sprachen, konnte ich eher weniger mit den Sprachen an sich arbeiten, was mir einen noch besseren Einblick verschafft hätte. Aber auch so konnte ich von diesem Praktikum viel mitnehmen und habe etwas über meine berufliche Zukunft gelernt. Ich hatte in meinen Betrieb die Möglichkeit einen Einblick in zwei Berufe zu bekommen, denn wie gesagt wurde ich von einer Lektorin und einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin betreut und habe so von beiden viel Hilfe und Anregungen bekommen. Die Tätigkeiten, die ich in meinem Betrieb hatte, haben mir gefallen. Allerdings ist der Beruf einer Lektorin keiner, den ich mir in meinem späteren Leben vorstellen könnte, da ich mich selbst nicht vor größeren Mengen an Menschen sprechen oder unterrichten sehe. Der Beruf der wissenschaftlichen Mitarbeiterin entspricht eher meiner Vorstellung von einem zu mir passenden Job, aber auch ob das Zukunft hat, müsste ich mir nochmal in einem Betrieb/Seminar anschauen, das auch sprachlich zu mir passt. Auch wenn die einzelnen Berufe, die ich mir angeguckt habe, nicht ganz meiner eigenen Vorstellung entsprechen, konnte ich auf jeden Fall etwas für meine berufliche Zukunft lernen, denn egal wo ich im sprachlichen Bereich arbeiten möchte ist das Übersetzen, Schreiben und Wissen über gute Recherche und Quellen hilfreich. Außerdem konnte ich aus dem Praktikum mitnehmen, wo ich meine Stärken und Schwächen oder auch Vorlieben für meine Zukunft habe.

Text: Chiara Stephan, HG Göttingen

Bist auch du an einem Praktikum bei uns interessiert? Du kannst dich jederzeit dafür bewerben. Eine Ausschreibung mit den wichtigsten Informationen findest du auf unserer Homepage.

Chiaras Beiträge aus dem Praktikum findest du auf unserem Blog:
Hyvää ystävänpäivää! – Guten Freundetag
Finnland – das glücklichste Land der Welt?
Zum ersten Mal übersetzen – am Beispiel von Orbáns Berlinbesuch
Tag der Muttersprache
Karkauspäivä – eine Tradition für etwas andere Heiratsanträge

Quelle des Titelbildes: You X Ventures auf Unsplash

Von Anne Vabarna und meiner ersten Hausarbeit

Alles ist neu, ungewohnt, aufregend. Und groß, die Uni ist so groß. Das sind die Eindrücke, die ich als Ersti in Göttingen habe. Jetzt, ein halbes Jahr später, ist nicht mehr alles ganz so fremd und überwältigend, aber ganz souverän laufe ich immer noch nicht auf dem Campus herum…

Und dann ist plötzlich wieder alles ungewohnt und anders, denn es ist 2020 und alle Vorlesungen finden online statt.

Zwei Dinge gefallen mir an diesem Studium besonders: dass ich mir meine Kurse größtenteils selbst aussuchen kann, weshalb ich mich direkt für Kultur der Finnougrier: Setumaa angemeldet habe, und dass wir in der Finnougristik so wenige Leute sind, sodass man schnell alle Namen kennt. In diesem Kurs sind wir zu dritt, eine Dozentin und zwei Studentinnen. Uns verbindet die Liebe zu dem kleinen baltischen Staat namens Estland und natürlich die Tatsache, dass außerhalb des Gebäudes quasi niemand unser Studienfach aussprechen kann, geschweige denn weiß, was sich dahinter verbirgt. Und ein paar Wochen später stehe ich in der größten Bibliothek, in der ich je war, der SUB, und hoffe, dass das mit dem Bestellen der Zeitschrift geklappt hat. Ich gebe zu, mein Herz pocht aufgeregt, als ich eintrete und nach der richtigen Nummer im Abholregal suche. Ja, da ist sie, die estnische Literaturzeitschrift aus dem Jahre 1928. Und ja, um den Artikel zu lesen, um den es mir geht, muss mein Wörterbuch ganze Arbeit leisten. Ich bereite die erste Hausarbeit meines Lebens vor, und es geht um Anne Vabarna, die “Nationaldichterin” der Setu (oder Setukesen), die auf estnischem und russischem Boden leben und eine ganz eigene Kultur haben.

Anne Vabarna

Über Anne zu schreiben, ist gar nicht so leicht. Abgesehen davon, dass die meisten Quellen auf Finnisch oder Estnisch sind und ihre eigenen Texte natürlich im Setu-Dialekt, fängt es schon damit an, dass man sich bei ihrem Geburtsdatum nicht ganz einig ist.

Berühmt ist Anne für ihr Epos “Peko”. Anne ist eine tolle Improvisationssängerin und Dichterin. Als der finnische Musikforscher Armas Otto Väisänen beschließt, dass die Setu ein Nationalepos haben sollten, fällt seine Wahl auf Vabarna als Autorin. Sie verarbeitet Väisänens Vorschläge, alte Setu-Sagen und biblische Themen, singt ihrem Sohn vor (da sie selbst nicht schreiben kann) und Väisänen veröffentlicht das Ergebnis in Finnland.

Das Epos

Peko ist von Geburt an sehr groß und stark und besiegt die Feinde im Krieg dank seiner magischen Gegenstände (ein besonderes Schwert, ein magischer Eichenknüppel und schützende Kleidung) problemlos. Jesus macht ihn daraufhin zum König. Gemeinsam mit seiner Frau regiert er gut und weise über sein Volk. Und auch nach seinem Tod steht er seinem Volk zur Seite und hilft, wenn es in Not ist – man muss nur seinen Namen rufen.

Fazit

Der Peko als Gott des Getreides ist zwar bei den Setu bekannt und am jährlichen Königreichstag wird auch ein stellvertretender König und Sprecher Pekos auf Erden gewählt – doch mir scheint, dass Anne Vabarna als Gesangmutter bekannter ist als ihre epische Figur.

Während der Recherchen bin ich immer tiefer in die Welt der Setu eingetaucht und konnte kaum damit aufhören, alte Texte von und über Anne Vabarna zu lesen. Klar, meine erste Hausarbeit ist nicht perfekt, aber wie sich herausstellt, war es gar nicht so schlimm wie erwartet und mit der Note bin ich auch zufrieden. Hoffen wir mal, dass dieses digitale Semester ebenfalls ein gutes Ende gibt. Und wenn ich Sorge habe, versuche ich es mal damit, Pekos Namen zu rufen, vielleicht taucht er ja wie im Epos auf und hilft mir.

Text: Marina Loch

Quellen:
Hagu, Paul und Suhonen, Seppo, Helsinki, 1995: Peko: Setu rahvuseepos. Snellman-Instituutti A-Sarja, 18/1995
Hasselblatt, Cornelius, Berlin, 2006: Geschichte der estnischen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart, (Seiten 75-89)
Kalkun, Andreas, 2008: A woman’s Voice in an Epic: Tracing Gendered Motifs in Anne Vabarna’s Peko, Journal of Ethnology and Folkloristics, Volume 2 2008, number 2, S. 25-45
Viidalepp, Richard Voldemar: Anne Vabarna 1877-1964, Keel ja kirjandus, Ausgabe 2, 1965 (Seiten 122-124)
Voolaine, Paulopriit: Seto lauluema Vabarna Anne „Peko (Pekolanõ)”, Eesti kirjandus, Ausgabe 1, 1928 (Seiten 6-21)
Voolaine, Paulopriit: Setu lauluema Anne Vabarna „Peko laulu“ II osa. Eesti kirjandus, Ausgabe 8, 1930 (Seiten 378-389)

Internetquellen:
Hagu, Paul: Setu lauluema Anne Vabarna, auf http://www.folklore.ee/rl/pubte/ee/setu/anne/anne.html, zuletzt aufgerufen am 16.02.2020
Vesik, Liisa, Hagu, Paul, Tartu, 2002: “Peko laul” II auf http://www.folklore.ee/rl/pubte/ee/setu/anne/peko2/, zuletzt aufgerufen am 18.02.2020
Vesik, Liisa, und Hagu, Paul, Tartu, 2002: Comment to the Seto epic: second part of the “Peko song” (4318 verses) auf http://www.folklore.ee/rl/pubte/ee/setu/anne/peko2/peko_0_en.html, zuletzt aufgerufen am 18.02.2020
http://www.unesco.org/archives/multimedia/document-369, zuletzt aufgerufen am 18.02.2020 https://visitsetomaa.ee/et/seto-kuningriik,  zuletzt aufgerufen am 18.02.2020

Titelbild: chuttersnap auf Unsplash

Göttingen – pieni ja ihana vaihtokohde

(Deutsche Version s. u.)

Keskeinen sijainti, ymmärrettävä murre ja mielenkiintoiset kurssit. Nämä ovat vain muutamia syistä, miksi me, Maisa ja Sanni, päädyimme vaihtoon Göttingeniin. Nykyisen tilanteen takia vaihtomme ei mennyt aivan suunnitelmien mukaan, mutta keskitymme tässä tekstissä positiiviseen. 

Me olemme kaksi saksanopiskelijaa Turun yliopistosta, jotka alkavat tänä vuonna kirjoittaa kandejaan. Opiskelimme lukuvuoden 2019/2020 Göttingenin yliopistossa saksaa ja sivussa pyörimme myös suomen kursseilla. Sanni kävi suomen Sprachpraxis-kurssilla puhumassa suomea opiskelijoille ja Maisa avusti alkeiskurssilla. Kesälukukaudella suoritimme myös yhden käännöskurssin fennougristiikan laitokselta. Opintojemme ohessa istuimme tuntikausia junissa, ihastelimme saksalaista joulumarkkinakulttuuria ja tutustuimme Göttingeniin. 

Saavuttuamme Göttingeniin kaikki tuntui hieman vieraalta ja kaupunki oli odotettua pienempi. Totuimme uusiin olosuhteisiin kuitenkin muutamassa viikossa. Asuimme molemmat opiskelija-asuntolassa parin kilometrin päässä pääkampuksesta. Asumismuoto oli meille kummallekin uusi ja eteen tuli muutamia haasteita, kuten suihkujonot ja yhteistilojen sotkuisuus. Vuosi asuntolassa toi uusia kokemuksia, joita emme ikinä tule unohtamaan. Hyviä puolia asuntola-asumisessa oli halpa vuokra, suuri opiskelijoiden yhteisö ja asuntolan omat tuutorit, jotka auttoivat arkipäiväisissä ongelmissa. Elinkustannukset olivat Saksassa huomattavasti halvemmat kuin mihin olimme Suomessa tottuneet, mikä oli positiivinen yllätys opiskelijabudjettiin.

Opintoihin Saksassa kuuluu enemmän massaluentoja ja niille valmistautumista sekä enemmän materiaalia seminaari-istunnoille. Alun kielishokin jälkeen seminaareilla ja luennoilla pystyi seuraamaan opetusta ilman suurempia ongelmia ja nopeatempoiseen opetustyyliin sopeutui hyvin. Annetut tehtävät tukivat oppimista kivasti, ja kurssit Turussa tuntuvat tämän jälkeen varmasti helpommilta. Opetushenkilökunta kuunteli hyvin vaihto-opiskelijoiden tarpeita ja auttoi tarpeen tullen. Kurssimateriaalit löytyivät pääsääntöisesti yliopiston kirjastoista, joiden käyttö vaati hieman totuttautumista. Isoin muutos Suomen kirjastoihin verrattuna oli opiskelijakortilla tai kolikolla toimivat säilytyslokerot, joihin takit ja reput oli pakko jättää.

Saksan korkeampi lukukausimaksu maksoi itsensä hyvin nopeasti takaisin, koska suurin osa vapaa-ajasta kului Ala-Saksia kierrellen ja loppuvuonna tulikin kierrettyä kymmenet joulumarkkinat. Osa matkoista oli paikallisen ESN:n järjestämiä ja loput teimme kaveriporukalla. Suosikeiksemme nousivat pieni ja hyvin saksalainen Hameln, Goslarin upeat joulumarkkinat sekä monipuolinen Hannover.  Göttingenistä oli myös loistavat kulkuyhteydet  muihin isompiin kaupunkeihin sekä Saksan naapurimaihin.

Vaikka Göttingen on kooltaan pieni, löytyi sieltä yllättävän paljon viihdettä vapaa-ajalle. Vaihtokaupunkiamme kierrellessä löytyi aina uusia ihania kahviloita, herkullisia jäätelöitä ja upeita maisemia. Varsinkin näköala Jacobi-kirkon tornista Göttingenin ylle oli mahtava. Talvilukukaudella otimme myös osaa Typisch Deutsch -workshoppiin, jossa saimme harjoittaa kielitaitoa, tutustua uuteen ympäristöömme ja tavata muita vaihto-opiskelijoita.

Koronakeväästä huolimatta meidän vaihtomme oli kokonaisuutena erittäin onnistunut ja voimme suositella Göttingeniä vaihto-tai opiskelukohteeksi kenelle tahansa. Kaupungista löytyi kaikki tarvittava, kampus oli sopivan kompakti ja opiskelijaelämä oli selvästi osa Göttingenin arkea. Kaupungista tuli hetkessä jo kuin toinen kotimme ja odotamme innolla mahdollisuutta palata.

Kiitos Göttingen ihanasta vaihtovuodesta!

Maisa ja Sanni

Göttingen – die kleine und wunderbare Stadt für einen Austausch

Die zentrale Lage, ein verstehbarer Dialekt und interessante Kurse. Diese sind nur einige der Gründe, warum wir, Maisa und Sanni, uns für einen Austausch in Göttingen entschieden haben. Aufgrund der derzeitigen Situation ist unserer Austausch allerdings nicht komplett nach dem Plan gelaufen.

Wir sind zwei Deutschstudierende aus der Universität Turku, die nächstes Semester ihre Bachelorarbeiten schreiben werden. Im Studienjahr 2019/2020 haben wir Germanistik an der Universität Göttingen studiert und daneben auch einige Finnischkurse besucht. Sanni war Sprachassistentin beim Sprachpraxiskurs, Maisa ihrerseits hat beim Anfängerkurs geholfen. Im Sommersemester haben wir auch an einem Übersetzungskurs am Finnisch-Ugrischen Seminar teilgenommen. Neben unserem Studium haben wir stundenlang in Zügen gesessen, die deutsche Weihnachtsmarktkultur bewundert und Göttingen kennengelernt.

Nach unserer Ankunft in Göttingen war alles ein bisschen fremd und die Stadt war kleiner als gedacht. An die neue Umgebung haben wir uns in nur ein paar Wochen gewöhnt. Wir haben beide in einem Studentenwohnheim nur ein paar Kilometer vom Zentralcampus gewohnt. Die Wohnform war neu für uns beide und wir haben einige kleine Schwierigkeiten getroffen, zum Beispiel die Warteschlange zum Duschen und die unordentlichen Gemeinschaftsräume. Das Jahr in dem Studentenwohnheim hat viele Erlebnisse mit sich gebracht, die wir nie vergessen werden. Die Vorteile des Wohnheimlebens waren die billige Miete, die große Gemeinschaft von Studierenden und die Tutoren des Wohnheims, die den Einwohnern bei alltäglichen Problemen geholfen haben. Die Lebenshaltungskosten in Deutschland waren beträchtlich niedriger als in Finnland, was eine positive Überraschung für unseren Studentenhaushalt war.

Zum Studium in Deutschland gehören häufiger Vorlesungen als Seminare, mehr Vorbereitung dafür und mehr Material zu den Seminaren als in Finnland. Am Anfang war es schwierig, das schnelle Sprechtempo des Lehrpersonals und die vielen wissenschaftlichen Artikel zu verstehen, aber wir haben den “Schock” schnell überstanden. Die Aufgaben, die wir bekommen haben, waren sehr hilfreich, um das theoretische Wissen zu verstehen, und wir glauben, dass uns nach unserem Austausch die Kurse in Turku leichter fallen werden. Die Dozenten haben sich unsere Sorgen gut angehört und uns Austauschstudierenden immer gut geholfen. Die Kursmaterialien fand man meistens in den Bereichsbibliotheken, deren Nutzung am Anfang für uns ein bisschen verwirrend war. Der größte Unterschied im Vergleich zu den finnischen Universitätsbibliotheken war, dass man die Jacken und Rucksäcke in die Schließfächer entweder mithilfe des Studentenausweises oder einer Münze einschließen musste.

Das Bezahlen des höheren Semesterbeitrags in Göttingen hat sich auf jeden Fall gelohnt, da wir den größten Teil unserer Freizeit mit den Zügen quer durch Niedersachsen unterwegs waren. Gegen Weihnachten haben wir sogar zehn Weihnachtsmärkte nah und fern besucht. Einige der Reisen haben wir mit dem lokalen ESN und die restlichen Ausflüge mit unserem Freundeskreis von Austauschstudierenden gemacht. Zu unseren Spitzenreitern sind das kleine und sehr stereotypisch deutsche Hameln, der wunderschöne Weihnachtsmarkt in Goslar und das vielseitige Hannover geworden. Die Reisemöglichkeiten von Göttingen aus zu den größeren Städten und zu den Nachbarländern Deutschlands waren wunderbar.

Obwohl Göttingen klein ist, hat es viele Freizeitmöglichkeiten angeboten. Als wir durch die Stadt spazieren gegangen sind, haben wir immer neue tolle Cafés, leckere Eissorten und herrliche Aussichten gefunden. Besonders der Blick aus dem Turm der Jacobikirche über die Stadt war beeindruckend. Im Wintersemester haben wir an dem Workshop “Typisch Deutsch” teilgenommen. Dort haben wir unsere Sprachkenntnisse verbessert, die neue Umgebung besser kennengelernt und einige andere Austauschstudierende aus aller Welt getroffen.

Trotz der Corona-Krise war unser Austausch an sich richtig schön gelungen und wir können Göttingen allen als Austausch- oder Studienstadt nur herzlich empfehlen. Alles, was man braucht, kann man leicht in der Stadt finden, der Campus ist schön kompakt und das Studentenleben ist ein sichtbarer Teil des Alltages. Göttingen wurde in einigen Wochen unser zweites Zuhause und wir freuen uns schon auf ein Wiedersehen.

Danke Göttingen für das wunderschöne Austauschjahr! 

Maisa ja Sanni

Schnupperpraktikum in der Finnougristik – ein Erfahrungsbericht

Caroline Sophie Heimrich, Schülerin am OHG Göttingen, war im Februar 2020 während der Semesterferien für ein zweiwöchiges Schnupperpraktikum an unserem Seminar. In ihrem Bericht schreibt sie über ihre Erfahrungen als Praktikantin.

Finnougristik! Aber was ist das denn überhaupt?

Unter dem Begriff Finnougristik können sich wohl die wenigsten etwas vorstellen, genauso wie ich es anfangs nicht wirklich konnte. Aber gerade das hat mein Interesse geweckt, was man denn da genau studieren kann. Am Finnisch-Ugrischen Seminar der Universität Göttingen setzen sich die Studierenden nicht nur mit einfachen Informationen über die finnisch-ugrischen Völker und deren Sprachen auseinander, sondern beschäftigen sich intensiv mit der Geschichte einzelner Völker, mit dem Hintergrund der Sprachen und mit verschiedensten Traditionen und Bräuchen.

Da ich sehr gerne Neues über verschiedene Länder, Sprachen und deren Kulturen lerne, hat mich diese Praktikumsstelle sehr angesprochen, weil ich mich zuvor noch nicht mit dem Bereich der Finnougristik auseinandergesetzt habe. Meine Erwartungen lagen darin, dass ich die Arbeit in einem wissenschaftlichen Betrieb näher kennenlernen konnte, also wie man Lehrveranstaltungen vorbereitet, selbstständig zu geisteswissenschaftlichen Themen recherchiert, den Studierendenblog pflegt oder gar selbstständig einen professionellen Blogeintrag verfasst.

Meine Tätigkeiten im Praktikum

Während meines Praktikums habe ich mich hauptsächlich dem Recherchieren zu geisteswissenschaftlichen Themen sowie dem professionellen Schreiben von Blogeinträgen gewidmet. Außerdem war das Vorbereiten von Folien für Seminare ein Teil meiner täglichen Aufgaben. Bei allen Aufgaben war es wichtig, konzentriert und aufmerksam zu arbeiten, denn sowohl die Blogeinträge, als auch die vorbereiteten Folien waren für die Öffentlichkeit bestimmt. Aus diesem Grund war es wichtig, gründlich zu recherchieren und viele verschiedenen Methoden zu nutzen. Denn damit es sich schließlich um professionelle Einträge und Folien handelt, müssen die Informationen mehrfach auf ihre Richtigkeit geprüft werden. Dabei ist ein Gang in die Bibliothek kaum vermeidbar. Das alleinige Recherchieren im Internet reicht an dieser Stelle nicht. Viel Recherchieren und das Verfassen von verschiedenen Texten strengt an, vor allem wenn dies zu den täglichen Aufgaben gehört. Genau deshalb musste man häufig sehr geduldig sein.

Was ich gelernt habe

Dadurch, dass ich mich intensiv mit der finnisch-ugrischen Philologie auseinandergesetzt habe, habe ich viele verschiedene Kenntnisse über Finnland, Estland und Ungarn erlangen können. Ich habe aktuelle Informationen über die verschiedenen Länder erhalten und habe mich wie erwartet mit der Geschichte der einzelnen Völker sowie mit der Sprache und vielen weiteren Dingen auseinandergesetzt. Da ich mich zuvor noch nicht mit diesen Ländern beschäftigt habe, empfand ich es als besonders interessant, diese Kulturen besser kennenzulernen.

Außerdem habe ich allgemeine Lebenserfahrungen gemacht, indem ich gelernt habe, dass es wichtig ist, nicht direkt aufzugeben, wenn nicht alles einwandfrei verläuft. Bei der Recherche, sowohl als auch bei dem Schreiben der Blogeinträge musste man mit Kritik umgehen, denn die hundertprozentige Richtigkeit von Informationen steht an erster Stelle, um keine falschen Daten an die Öffentlichkeit zu übertragen. [Anm. des Seminars: Konstruktive Kritik gehört zum Prozess des wissenschaftlichen Arbeitens und die Prüfung der Quellen ist unabdingbar.] Ich habe gelernt, dass es ausschlaggebend ist, von welchen Quellen man die Informationen erhält und wie professionell diese sind. Dies ist auch der Grund, weshalb Bücher eine wichtige Quelle sind. Gerade dies ist auch in der Schule und im späteren Berufsleben notwendig, denn auch da ist es wichtig, gründlich zu arbeiten.

Haben sich meine Erwartungen erfüllt?

Grundlegend lagen meine Erwartungen darin, die Kulturen der finnisch-ugrischen Länder besser kennenzulernen. Diese wurden erfüllt, da ich mich durch das intensive Beschäftigen mit diesen Ländern nun deutlich besser auskenne als zuvor. Zudem habe ich mir erhofft, selbstständig professionelle Blogeinträge verfassen zu können und diese zu veröffentlichen. Gerade hier wurden meine Erwartungen sowie die Erwartungen der Mitarbeiter deutlich übertroffen, da weder ich, noch sie damit gerechnet haben, dass ich insgesamt sogar vier Beiträge über verschiedenste Themen veröffentliche. Ich bin sehr froh darüber, dass ich diese Möglichkeit hatte, denn hierbei habe ich wirklich viel gelernt. Auch für die Zukunft kann so etwas sehr wichtig werden, gerade wenn man in einem Unternehmen arbeitet, bei dem es wichtig ist, möglichst viele Menschen dafür zu begeistern. Allerdings hätte ich es noch als sinnvoll empfunden, wenn ich die Möglichkeit gehabt hätte, bei einem Seminar zuzuschauen. [Anm. des Seminars: Eine Seminarteilnahme ist nur möglich, wenn das Praktikum zur Vorlesungszeit stattfindet.]
Das Arbeitsklima habe ich als sehr angenehm wahrgenommen, da einem bei auftretenen Problemen beim Recherchieren immer weitergeholfen wurde und man nie alles alleine bewältigen musste, was die Arbeit deutlich erleichtert hat. Zudem haben mir die Mitarbeiterinnen gute und nützliche Tipps gegeben, indem sie mir professionelle Seiten genannt haben. Außerdem haben sie mir Texte von finnisch-ugrischen Internetseiten ins Deutsche übersetzt, damit ich diese für meine Arbeit verwenden konnte. Insgesamt haben sich meine Erwartungen erfüllt. Wenn man also am Kennenlernen von verschiedenen Ländern sowie an dem Verfassen von Einträgen für die Öffentlichkeit und am Recherchieren interessiert ist, empfinde ich das Praktikum als nützlich und sinnvoll.

Text: Caroline Sophie Heimrich, OHG Göttingen

Bist auch du an einem Praktikum bei uns interessiert? Du kannst dich jederzeit dafür bewerben. Eine Ausschreibung mit den wichtigsten Informationen findest du auf unserer Homepage.

Carolines Beiträge aus dem Praktikum findest du auf unserem Blog:
Finnland weiß, wie man die Obdachlosigkeit beendet
Warum erhöhen E-Visa das Interesse Estlands an Reisen nach Russland
Sind die Ungarn eigentlich religiös?
Minna Canth

Quelle des Titelbildes: Photo by Brooke Cagle on Unsplash

Das Kind im besetzten Land: die Sowjetzeit in der estnischen Literatur

Die Esten haben ein kompliziertes Verhältnis zu Russland. Noch heute ist man irgendwo zwischen Sowjetnostalgie und Angst vor einem neuen russischen Einmarsch. Jahrhundertelang war Estland von Russland besetzt und erst 1991 konnte sich die kleine Nation endgültig befreien. So wundert es nicht, dass Romane, die sich mit der Zeit der Besetzung auseinandersetzen, immer noch sehr beliebt sind, und auch noch geschrieben werden.
Wiederkehrende Motive: die Unterdrückung und die Bespitzelung, das ständige Misstrauen (s. auch Blogartikel zu Jaan Kross), die Anzahl der deportierten Menschen…

Wer die Zeit als Kind erlebt hat, hat zum Teil ganz andere Eindrücke. „In den Achtzigern hatten alle Arbeit und eine Wohnung. Jetzt gab es plötzlich neues Geld und fast alle waren arm“, sagt Riho Meister, der die Wiedererlangung der Unabhängigkeit als Sechsjähriger erlebte. Andere erinnern sich mehr an bunte Plastiktüten, seltsame Zeichentrickfilme wie von dem Igel, der sich im Nebel verläuft (siil udus), oder dem hüpfenden Ei mit Händen und Füßen (klaabu) und Kaugummipapier-Sammlungen, als an die Grausamkeiten der Sowjetzeit. Selbst der häufig genutzte Begriff „nõukogude aeg“ klingt irgendwie gar nicht so schlimm.

In Film und Literatur ist der kindliche Blickwinkel ein gern genutztes Mittel, um die Bedrücktheit ein Stück weit zu nehmen, andererseits die Brutalität noch deutlicher zu machen.
Ein Beispiel ist der Film Vehkleja (Der Fechter, 2015), der die Beziehung eines in den Fünfzigern verfolgten Lehrers zu seinen Schülern zeigt – er ist eine Vaterfigur für die Kinder, von denen die meisten bereits ihre Väter verloren haben, sei es durch den Krieg oder durch Stalins Deportationen.

Ein anderes Beispiel ist die Verfilmung von Leelo Tungals Autobiographie Seltsimees Laps (Die kleine Genossin, 2018), in der auch die Kamera so geführt wird, dass der Zuschauer alles aus Sicht eines Kindes erlebt. Die Mutter der sechsjährigen Leelo wurde nach Sibirien gebracht und nun beobachtet der Staat auch noch Leelos Vater. Eine der einprägsamsten Stellen des Films: Als Leelos Tante ruft, jetzt kämen sie noch alle ins Gefängnis, erwidert Leelo: „Wein doch nicht, in Sibirien triffst du Onkel Eino wieder!“

In der Literatur ist Ilmar Taskas Pobeda 1946 das wahrscheinlich eindrücklichste Beispiel. Der Roman erzählt die Geschichte eines namenlosen Jungen, dessen (ebenso namenloser) Vater zu Beginn aus dem Versteck im Hinterzimmer heraus verhaftet wird. Ist der Junge Schuld dran? Es geschah schließlich kurz nachdem er dem netten Onkel mit dem Pobeda von seinem Vater erzählt hat. Er vertraut dem Mann mit dem Auto, spielt Detektiv mit ihm und stellt ihn seiner Mutter vor. Dann verschwindet auch sie, und der Junge „darf“ nach Russland, ganz alleine mit dem Zug, um dort unter anderem Marschlieder zu lernen. Für ihn ist alles aufregend, und die Hoffnung, seine Eltern wiederzusehen, verschwindet nie. Zur Not sucht er sie eben selbst in Russland.

Die Namenlosigkeit vieler Charaktere zeigt die Austauschbarkeit ihrer Schicksale. Der Vater, der sich im Hinterzimmer versteckt, die Mutter, die versucht, das Kind zum Stillsein zu überreden, die deportierten Eltern – das kennt fast jede estnische Familie. Doch man darf nicht vergessen, dass auch zahlreiche Kinder deportiert wurden – nicht, weil sie „Volksfeinde“ waren, sondern damit sie es gar nicht erst würden.

Das Kind ist naiv, vorurteilsfrei. Es hat keine Angst, etwas Falsches zu sagen, hat keine Angst vor dem russischen Auto. Es sieht auch nicht, in welche Gefahr er hineinläuft, als es in das Auto des fremden Mannes, den es einfach nur Onkel nennt, einsteigt.
Doch das Urvertrauen des Kindes wird zwangsläufig irgendwann ruiniert. Ist der Pobeda-Onkel etwa gar kein guter Mensch?

Und während für den Jungen alles weniger bedrückend, eher aufregend ist, wird das Leseerlebnis umso bedrückender. Denn die Leserin weiß, in welche Gefahr das Kind sich begibt, was der Mann im Pobeda und das Verschwinden der Eltern bedeutet. Und auch, dass der Roman das Schicksal unzähliger Kinder in einem besetzten Land schildert.

Quellen
Literatur:
Martinez, Francisco. 2008. Remains of the Soviet Past in Estonia. London.
Taska, Ilmar. 2017. Pobeda 1946. Kommode Verlag. Zürich.
Film:
Klaabu (1978, Avo Paistik)
Seltsimees Laps (2018, Amrion; Regie: Moonika Siimets)
Siil udus (1975, Juri Borissowitsch Norstein (Original: Joschik w tumane))
Vehkleja (2015, Allfilm OÜ, Regie: Klaus Härö)

Sowie Gespräche mit Riho Meister (ERM) und Madis Hindre (ERR Vikerraadio).

Text & Bilder: Marina Loch

Die Bilder entstanden auf dem Sängerfest und am Maarjamäe kommunismiohvrite mälestusmärk, der Gedenkstätte für die Opfer des Kommunismus in Maarjamäe.