Die finnische Minderheit in Schweden

Vielen ist bekannt, dass das Schwedische in Finnland die zweite Amtssprache ist. Dass es jedoch in Schweden eine finnische Minorität gibt, wissen außerhalb von Schweden und Finnland die wenigsten Menschen.

Das Finnische hat seit dem Jahr 2000 den Status einer offiziell anerkannten Minderheitensprache in Schweden, auch wenn sich die Statistiken im Hinblick darauf unterscheiden, wie viele Menschen dieser Minderheit wirklich angehören. Die Zahlen variieren zwischen 70 000 und 450 000 Menschen, je nachdem wie eng die Kriterien gefasst werden. Geschätzt wird, dass es in ganz Schweden etwa 200 000 Menschen gibt, deren Muttersprache Finnisch ist. Auch hier variieren die Annahmen.

Im Laufe der Zeit gab es verschiedene Einwanderungswellen von Finnland nach Schweden. Bereits zu Zeiten Gustav Vasas wurden finnische Arbeitskräfte in Schweden gebraucht; es gab die Kriegskinder, die von ihren Eltern während des zweiten Weltkriegs nach Schweden geschickt wurden, aber auch die Einwanderungswelle, die in den 1960ern begann und lange Zeit nicht abriss. Schätzungsweise rund 40 000 Menschen wanderten Ende der 1960er und Anfang der 1970er jährlich aus Finnland nach Schweden aus, um dort Arbeit zu finden und nur ein Teil kehrte irgendwann wieder in seine Heimat zurück. Für die in Schweden gebliebenen Finnen war das Leben nicht immer leicht. Repression und Diskriminierung waren an der Tagesordnung, die Frage nach der eigenen Identität nur schwer zu beantworten. Dies galt für die Elterngeneration wie die Generation ihrer Kinder gleichermaßen.

Die Situation hat sich in der heutigen Zeit gebessert: es gibt besonders geförderte Unterrichtsstunden für Kinder in ihrer Muttersprache, die Diskriminierung hat nachgelassen und Autoren, Musiker und Filmschaffende beschäftigen sich intensiver mit der Frage nach der schwedenfinnischen Identität. Doch wie sieht die Situation für die Finnen in Schweden heute wirklich aus? Welche Erfahrungen machen Angehörige dieser Minderheit und wie gehen sie damit um? Antworten auf diese und viele weitere Fragen sollen im Rahmen der Lesung mit Kristian Borg am kommenden Donnerstag, den 16.11.2017, um 18.15 Uhr im Kulturwissenschaftlichen Zentrum, Raum 1.601, gegeben werden. Borg wird aus der Artikelsammlung Finnjävlar ‘Scheißfinnen’ lesen und über seine persönlichen Erfahrungen als Schwedenfinne sprechen. Borg ist Chefredakteur der Zeitung Stockholms fria Tidning und Verleger beim Verbal förlag. Er lebt in Stockholm, wo er 1975 geboren ist. Seine Eltern haben sich auf der Finnlandfähre getroffen und haben u. a. in der Reinigungs- und Restaurantbranche gearbeitet.

Alle Interessierten sind herzlich eingeladen.
Tervetuloa & välkomna!

Quellen:
Borg, Kristian (Hrsg.). 2016. Finnjävlar. Verbal förlaget. Stockholm.
Parkvall, Mikael. 2009. Sveriges språk – vem talar vad och var? Rapporter från Institutionen för lingvistik vid Stockholms Universitet. Stockholm.
Bild: pixabay.de

Aleksis Kivi und der Tag der finnischen Literatur

Am 10. Oktober werden überall in Finnland die Fahnen hochgehisst. Es ist der Geburtstag von Aleksis Kivi.

Aleksis Kivi war der Schriftstellername von Alexis Stenvall, der 1834 als Sohn eines Dorfschneiders in Nurmijärvi geboren wurde. Die Familie war finnischsprachig und arm, aber Alexis schaffte seinen Weg durch das damals schwedischsprachige Bildungssystem und machte das Abitur mit 23 Jahren. Danach beschloss er, finnischsprachiger Schriftsteller zu werden und war also der Erste, der das Schreiben von Literatur auf Finnisch zum Beruf machte. Reich wurde er mit seiner Berufswahl allerdings nicht; er lebte in erster Linie von der Unterstützung guter Freunde. Die Bücher verkauften sich nicht, weil die gebildete Bevölkerung schwedischsprachig war. Das Finnisch sprechende, einfache Volk las keine Bücher.

Seine Schaffensphase dauerte etwa 10 Jahre an. In der Zeit schrieb er unter anderem 15 Dramen, von denen nur eins, Lea, zu seinen Lebzeiten die Premiere hatte, und den ersten finnischsprachigen Roman, Die sieben Brüder, der 1870 veröffentlicht und gleich derart vernichtend von dem damaligen Professor für Finnisch August Ahlqvist kritisiert wurde, dass der Verlag ihn wieder aus dem Markt zog. Kivis Sprache und Ausdruck wurden aber auch gelobt und er erhielt mehrere Literaturpreise für seine Texte.

Aleksis Kivis Leben war geprägt von Geldmangel, Schulden, Krankheiten und Alkoholismus. 1871 verschlechterte sich sein Zustand und er wurde in die Psychiatrie eingeliefert. Dort wurde ihm „chronische Melancholie“ diagnostiziert, die unerfolgreich mit u.a. Chinin und Morphin behandelt wurde. Er wurde entlassen und lebte seine letzten Monate bei seinem Bruder, der dafür ein paar Säcke Getreide bekam. Er starb mit 38 Jahren an Silvester 1872. Über die Todesursache wird heute noch spekuliert.

Auf Grund seiner Pionierarbeit, der Dramen, die heute noch aufgeführt werden, und des ersten auf Finnisch geschriebenen Romans wird Aleksis Kivi als Nationalschriftsteller Finnlands betrachtet. Die sieben Brüder gilt heute als ein Grundstein der finnischen Literatur, der in über 30 Sprachen übersetzt worden ist. In den Charakteren der Brüder finden auch die modernen Finnen sich und ihre Wurzeln wieder. Er verband Realismus mit Humor und entwickelte so einen Stil, der auch heute noch in der finnischen Literatur sehr beliebt ist.

Deshalb wird sein Geburtstag als Tag der finnischen Literatur gefeiert.

 

Quelle: Kansallisbiografia.fi

Sommeruniversität in Estland

Jedes Jahr gibt es an den estnischen Universitäten in Tallinn und Tartu die Möglichkeit, einen Estnischkurs zu absolvieren. Um einen Teil der Kosten abzudecken, kann man sich auf verschiedene Stipendien bewerben.

Als ich im Sprachkurs an der Universität Göttingen von dieser Möglichkeit hörte, habe ich mich beworben und einen Platz für den zweiwöchigen Sprachkurs in Tartu erhalten.

Das Rathaus in Tartu

Insgesamt waren wir 52 Kursteilnehmer aus 17 verschiedenen Ländern. Darunter waren nicht nur europäische Länder (z. B. Italien, Irland, Großbritannien, Schweden, Frankreich, Lettland), sondern auch weiter entfernte Länder (z. B. Kanada und Neuseeland) vertreten. Die Altersspanne reichte von 17 Jahren bis über 60 Jahre. Aufgeteilt wurden wir auf fünf unterschiedliche Kurse, an denen ca. 10 Personen teilnahmen – eine gute Gruppengröße zum Lernen. Während die höheren Kurse nur auf Estnisch stattfanden, war die Vermittlungssprache in den anderen Kursen Englisch.

In den kleineren Gruppen hatten wir montags bis freitags immer von halb zehn bis halb vier Unterricht. Anschließend wurde ein Kulturprogramm angeboten, bei dem wir noch mehr über die estnische Geschichte, das Leben in Estland und über die Filmgeschichte Estlands lernen konnten. Die Nachmittagsprogramme waren dann für alle fünf Gruppen zusammen, sodass man sich über die unterschiedlichen Kurse und Themen austauschen konnte (meistens auf Estnisch).

Nach dem Programm der Sommeruniversität ließ sich das Gelernte dann auch direkt in Läden, Cafés und ähnlichem ausprobieren und man konnte sofort feststellen, wieviel man doch in so kurzer Zeit lernen kann.

Die Sicht auf Tallinn von einer Aussichtsplattform

Am Wochenende wurde ein Ausflug in die Hauptstadt Tallinn angeboten, bei dem wir neben der Altstadt von Tallinn auch ein Freilichtmuseum besucht haben, bei dem uns erklärt und gezeigt wurde, wie sich das bäuerliche Leben innerhalb von 200 Jahren verändert hat.

 

Insgesamt waren es zwei sehr lehrreiche Wochen, die sehr gut organisiert wurden.

Für alle, die die estnische Sprache erlernen möchte und nicht unbedingt die Möglichkeit haben, einen längeren Kurs zu machen, bietet es sich an, einen Kurs an der Sommeruniversität in Tartu oder Tallinn zu machen.

Das meistgeküsste Mädchen der Welt

In Göttingen gibt es viel zu sehen: Verwinkelte Straßen, Fachwerkhäuser, Statuen und Gedenktafeln prägen das Bild der Innenstadt. Vor dem Rathaus gibt es jedoch etwas, das ein besonders beliebtes Motiv für Touristenfotos ist.

Eine ganz besondere Sehenswürdigkeit, die gleichzeitig ein Wahrzeichen der Stadt ist, ist das Gänseliesel auf dem Rathausplatz. Es ziert Postkarten und Souvenirs und ist ein allgegenwärtiges Symbol. Liesel gilt auch als das meistgeküsste Mädchen der Welt. Warum? Das liegt an einer berühmten Tradition, die eng mit der Universität verknüpft ist.

Das Gänseliesel steht bereits seit Juni 1901 auf einem Brunnen auf dem Marktplatz vor dem alten Rathaus der Stadt. Es hatte eine Ausschreibung für einen Brunnenentwurf gegeben und obwohl das Gänseliesel nur den zweiten Platz erlangte, entschied sich die Bevölkerung trotzdem gegen den Sieger, einen großen Löwenbrunnen.
Die Statue erfreute sich großer Beliebtheit und es entwickelte sich der Brauch, dass die frisch eingeschriebenen Studierenden den Brunnen erklimmen und das Gänseliesel küssen mussten. Da diese Tradition mit Anstieg der Studierendenzahlen nach dem ersten Weltkrieg irgendwann Überhand nahm, erließ die Polizei ein sogenanntes Kussverbot, dessen Missachtung sogar mit zehn Reichsmark Strafe geahndet wurde. Doch niemand wollte sich daran halten. Das Verbot hatte bis 2001 Bestand und wurde erst zum 100-jährigen Geburtstag der Statue aufgehoben. Seit 1990 steht auf dem Brunnen nur noch eine Kopie des Gänseliesels. Das Original kann man im Museum der Stadt Göttingen bestaunen.

Im Laufe der Zeit hat sich die Tradition übrigens ein wenig verändert: Frisch promovierte Doktoranden und Doktorandinnen erklimmen nun den Brunnen, schenken dem Gänseliesel einen Blumenstrauß und geben ihm – ganz wie es der Brauch verlangt – einen Kuss.

Quellen: Göttinger Tageblatt und Uni Göttingen.

Gastvortrag von Dr. Laura Hirvi am 28. März 2017

Einladung
zu dem Vortrag
100 Jahre Finnland –
Heimat gestern, heute und morgen

von

Dr. Laura Hirvi
Finnland-Institut in Deutschland, Berlin

am Dienstag, den 28. März 2017 um 18 Uhr
im Raum 1.731, KWZ, Heinrich-Düker-Weg 14.

Alle Interessierten sind herzlich willkommen!

Was ist Finnougristik?

Üblicherweise teilt man die Sprachen der Welt in Sprachfamilien ein, das heißt, man fasst sie aufgrund von Verwandtschaft zusammen. In Europa ist die größte Sprachfamilie die indogermanische, zu der die germanischen, romanischen, slawischen, baltischen und keltischen Sprachen sowie das Griechische und das Albanische gehören. Mit deutlichem Abstand dazu steht die zweitgrößte Sprachfamilie, die finnisch-ugrische, die sich aus dem Ungarischen, Finnischen und Estnischen sowie zwölf kleineren Sprachen zusammensetzt, die vor allem in Russland gesprochen werden. Diese Sprachen sind neben den mit ihnen verknüpften Kulturen der Gegenstand der finnisch-ugrischen Philologie (oder Finnougristik).
Was ist das Besondere an diesen Sprachen? Und warum sich mit diesen Sprachen und Völkern beschäftigen?
Das Besondere an diesen Sprachen ist ihr Aufbau, der agglutinierend, d.h. anklebend, genannt wird. Dies besagt, dass diese Sprachen für jede Kategorie (bzw. Funktion) ein eigenes Suffix haben – im Gegensatz zum Deutschen, wo im Falle von ‘der Häuser’ der Genitiv durch den Artikel ‘der’ und der Plural durch die Endung -er (plus Umlaut) ausgedrückt wird; im Finnischen wäre das talojen, wobei -j- den Plural und -en den Genitiv ausdrückt. Solche Sprachen können Wörter mit einer Menge von Endungen bilden, die im Deutschen mit mehreren Wörtern, manchmal auch mit einem ganzen Satz wiedergegeben werden müssen. Ein Beispiel: talo-i-ssa-ni-ko-s (die Bindestriche trennen die einzelnen Endungen), auf Deutsch ‘in meinen Häusern?’.
Natürlich unterscheiden sich die finnisch-ugrischen Sprachen auch deutlich im Wortschatz vom Deutschen und den Schulsprachen, was die Sprachen sehr exotisch wirken lässt. Ist dies für den Erlerner eher eine Schwierigkeit, so lassen sich aber auch einige Vorteile benennen wie z.B., dass immer gesprochen wird, wie es geschrieben ist (man vergleiche dagegen das Englische, z.B. house) oder dass die Sprachen in aller Regel sehr regelmäßig sind, also nicht so viele Unregelmäßigkeiten aufweisen wie die uns bekannten Sprachen (z.B. gehen, ging, gegangen oder Vater, Väter).
Die finnisch-ugrischen Sprachen haben in Europa aufgrund ihrer Sprecherzahl (ca. 20 Mill. Sprecher) auch eine Sonderstellung: Sie sind immer von indoeuropäischen Sprachen umgeben, sie sind immer in der Minderheit (z.B. in der EU), die meisten finnisch-ugrischen Völker haben kein eigenes Staatsgebiet (z.B. das Samische) und sie leben zumeist in der Peripherie Europas – ausgenommen Ungarn. Dies geht einher mit deutlichen Unterschieden in der Kultur, der Literatur, der Mentalität und in den Gebräuchen.
Die Finnougristik beschäftigt sich nicht nur mit diesen Fragen, sondern auch mit der Geschichte dieser Völker: Woher stammen die Finnougrier? Wie kommt es dazu, dass die Finnen in Skandinavien und die Ungarn in Mitteleuropa leben? Auch die Frage, wie man die oftmals nicht offen sichtbare Verwandtschaft (z.B. zwischen Finnisch und Ungarisch) ermittelt, ist Gegenstand des Faches. Diese besondere Mischung der Forschungsfelder, verknüpft mit der Exotik der Sprachen, macht den Reiz des Studiums der Finnougristik aus.

Prof. Dr. Dr. h. c. Eberhard Winkler