Themenabend “Familie und Erziehung”

Am gestrigen Abend (Mo 16. Nov) haben wir uns im Rahmen unserer Themenabende “Let’s talk about…” dem Thema Familie und Erziehung gewidmet. In einem angeregtem Austausch ging es dabei direkt zu Beginn, nachdem wir den ersten Abschnitt zu Gott als Erzieher gelesen hatten, um grundlegende Fragen wie dem Verständnis des Gottes- und des Offenbarungsbegriffs. Beide Punkte konnten wir nicht abschließend klären bekamen jedoch ein Bild wie die Teilnehmenden darauf blicken, was im weiteren Verlauf durchaus sinnvoll war. Wir nehmen die Anregung mit diese Begrifflichkeiten im kommenden Semester in einem Themenabend zu vertiefen. Der thematische Aufbau des Abends führte uns erst zu einigen Konzepten die die Bedeutung Gottes als Erzieher der Menschheit und des Menschen im einzelnen erörterten über die Bedeutung der Kindererziehung und ihrer Rolle in den Bahá’í Lehren hin zu der Rolle der Familie. Wobei hier auf die Menschheitsfamilie und die Familie im engeren Sinne eingegangen wurde.

“Jedes Kind hat die Möglichkeit in sich, das Licht der Welt zu sein – und genauso ihre Dunkelheit. Deshalb muss der Frage der Erziehung höchste Bedeutung beigemessen werden. Vom Säuglingsalter an muss das Kind an der Brust der Liebe Gottes genährt und in den Armen Seiner Erkenntnis gehegt werden damit es Licht verströme, in der Geistigkeit wachse, erüllt sei von Weisheit und Bildung und die Eigenschaften der Engelsschar annehme.” – ‘Abdu’l-Bahá, Briefe und Botschaften, 103:5

Im Rahmen des Themenbereichs Gott als Erzieher haben wir die Aufgabe der Offenbarungen und ihre Rolle für die Kommunikation von Gott mit den Menschen angeschnitten, sowie die Bedeutung und Kraft der Religionen Gottes in Bezug auf die Erziehung der Menschheit. Klar wurde dabei auch, dass es unterschiedliche Entwicklungsstadien einer Religion gibt. Womit indirekt auch der Anspruch der Bahá’í Religion begründet wurde, die alternden Religionen durch eine neue Botschaft Gottes zu erneuern. Klar wurde dabei die Rolle der Offenbarung deren Worte Quell und Orientierung für die Selbsterziehung darstellen. Wie diese zu verstehen ist und welches Bild in diesem Bezug von Bahá’u’lláh gezeichnet wurde konnten wir uns über einen moralischen Appell an die Gläubigen erschließen. Unter anderem wurde das Konzept der Tugenden in diesem Zusammenhang erörtert. Die wohlwollende Perspektive in Bezug auf die Erziehung, die zu oft als Machtausübung und -missbrauch fehlinterpretiert wird, konnten wir uns in einem Zitat verdeutlichen, in dem der Mensch mit einem Bergwerk das reich an Edelsteinen ist verglichen wird. In diesem Zitat wird die Erziehung als Schlüssel zur Entfaltung vieler guter Eigenschaften, die jeder Mensch in sich trägt, begründet. Die Bedeutung der Gleichberechtigung der Geschlechter und die Wirkung des eigenen Handelns kam dabei auch mehrfach zu Sprache, auch wenn wir die im Zusammenhang stehenden Zitate aus Zeitgründen übersprangen.

“Lasst sie die volle Bedeutung ihrer Bemühungen erkennen, jungen Menschen zu helfen, in den frühen Jahren ihres heranwachsens eine starke moralische Identität aufzubauen und sie zu ermächtigen, zum Wohlergehen ihrer Gemeinden beizutragen.” – Das Universale Haus der Gerechtigkeit, Botschaft vom 20.10.2008

Bei der Kindererziehung waren wir uns einig, dass das Mühen der Eltern wichtig ist und auch der von Bahá’u’lláh festgesetzte Vorzug der Frauen sinnvoll ist, wobei diese im gesellschaftlichen Kontext eine unterschiedliche Bedeutung haben. So werden die Erziehungsgrundsteine der Eltern beim Kontakt mit anderen Kindern insbesondere in Kindergarten und Schule schnell auf die Probe gestellt und die vermeintlich bedeutsame Rolle der Frau bei der Kindererziehung die in mancher “Musterfamilie” durch den Hausmann ersetzt ist, ist in anderen Regionen deutlich reell. Klar wurde uns daraus die Bedeutung eines voranschreitenden Wandels in unserer Gesellschaft. Wobei der Fokus bei der Erziehung auf “brauchbares Wissen” und “Erziehung zum Glauben” liegen sollte. Das Wissen zum Nutzen der Menschheit und die geistige Erziehung für das Wohlgefallen und die gegenseitige Umsicht. In diesem Zusammenhang tauschten wir uns intensiver über unser Verständnis hinsichtlich der Erziehung zum Glauben aus und was in diesem Zusammenhang das Wort Glauben bedeutet. Aus Bahá’í Sicht war dies für uns das streben nach einem tugendhaften Leben, da Tugenden göttliche Eigenschaften sind und uns wenn wir sie leben Gott näher bringen, ein Verständnis bzw. die Kenntnis von Gott, einen selbstreflektierten und bedachten Lebensstil zu führen und das erlernen eines Umgangs mit den göttlichen Lehren.

“…eine Kultur zu entwickeln, die einen Weg des Denkens, Studierens und Handelns fördert, bei dem alles sich auf einem gemeinsamen Pfad des Dienstes sehen – einander unterstützend und gemeinsam fortschreitend, voll Respekt vor dem Wissen, das jemand zu irgendeinem Zeitpunkt besitzt, …ist eine enorme Errungenschaft.” – Das Universale Haus der Gerechtigkeit, Ridván-Botschaft 2010

Die Betrachtung der Familie viel insgesamt eher kurz aus, da wir im Vorfeld schon viel Zeit gebraucht hatten. Zusammenhängende Ideen wurden teilweise auch schon in Bezug auf die Erziehung angeschnitten. Als wir die Vision der “Einheit der Menschenwelt” im Zusammenhang mit der Menschheitsfamilie lasen, war die Reaktion eines Teilnehmenden, dass er es verstehe jedoch nicht glauben könne. Woraufhin wir über die Entwicklung von Religionen und die Dauer hin zu einem prächtig starken und früchtetragenden Baum erörterten. Uns wurde die Entwicklung einer Religion als nebeneinander geschehender dynamischer Prozess deutlich, der seine Zeit braucht, wie historische Prozesse zeigen, bis er häufig zu einer Blütezeit führt, welche im Zerfallsprozess jedoch auch starken schaden verursachen kann wie ein Baum der auseinander bricht. Dass jedoch auch die gesellschaftlichen Entwicklungsstufen von gemeinschaftlichem Zusammenhalt ein Prozess ist, der quasi mit den Offenbarungen der Religionen parallel ging konnten wir aus Zeitmangel nicht mehr erörtern.
Dem Eingangszitat zur Familie im engeren Sinne folgte die Erkenntnis, dass dieses Verständnis bereits im Judentum eine Rolle spielte. Es schloss sich eine Abschlussdiskussion über die Familie als Schutzraum und die Herausforderung beim betreten von fremden Räumen wie der Wohnung eines Freundes an. Uns wurde ersichtlich, dass in Familien vielfach eine Binnensprache besteht die für Gäste eine große Herausforderung bedeuten kann. Außerdem scheint es für traditionell deutsche Kinder leichter zu sein bei Familien mit einer offenen Gastkultur zu Besuch zu sein als umgekehrt. Ein Zustand der im Allgemeinen die eher distanzierte und isolierte Lebensweise in Deutschland widerspiegelt. Wir waren uns einig in unserem Wunsch nach mehr Offenheit und Gastfreundschaft in unserer Gesellschaft.

Gerne könnt ihr die Zitate nachlesen und für eure Gesprächsrunden verwenden.

Beitragsfoto: Parent Géry

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